Kein Vernissage-Sekt mehr in Berlin?

Klimawechsel in der Berliner Galerienszene

Eine typische VernissageEine typische Vernissage: mit dem Sekt in der Hand posieren für die Kamera (via)

Den Mythos des Künstlers umgibt die heilige Aura eines eigenbrötlerischen Freigeistes, der sich nimmt, was ihm gefällt, und gibt, was ihm gerade gut genug dünkt, um für das Publikum herhalten zu können. So oder so ähnlich wird der Pathos des Künstlers jedenfalls gern dargestellt. Dieses Bild dürfte jetzt wohl wieder einigen Berliner Galeriegängern in den Geist kommen, wenn sie von den neusten Begehren der Berliner Künstler hören. Diese ließen nämlich von gewerkschaftlicher Seite eine Forderung an den Berliner Galerienbund ausrichten und berichten folgendermaßen:

[…] daher treten wir an alle Berliner Galerien, staatliche wie private, organisiert im Berliner Galerienbund, heran und fordern, dass die Kunst wieder im Mittelpunkt steht. Wir sind es leid, dass Ausstellungseröffnungen mehr von der Vorstellung eines neuen Geschäftsmodells als von einer Kunstveranstaltung haben. Wir sind es leid, dass wir Künstler auf den Vernissagen als bloße Handelsware angesehen werden, und wir sind es leid, dass Kunst zum reinen Konsumobjekt verkommt.
[…] Daher fordern wir, dass fortan Sektempfänge und kalte Buffets nicht mehr integraler Bestandteil einer Berliner Vernissage sein dürfen, dass die Besucher nicht mehr dazu angehalten werden, von Eröffnung zu Eröffnung zu tingeln um hier und da Prosecco zu genießen. Wir missbilligen diese Alles-kostenlos-Mentalität, die sich in manchen Teilen des Berliner Publikums breit gemacht hat, […]

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Was gut ist, kommt wieder

Alte Werke in neuem Gewand

Dorothee Golz: Der Perlenohrring„Der Perlenohrring“, © Dorothee Golz

Noch sind Semesterferien und so bleibt für mich viel Zeit, mich eingehend mit Kunst und auch Kunstgeschichte zu beschäftigen. Vor allen Dingen letzteres hat es mir in den letzten Wochen angetan, viele große Meister haben einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Neben Corregio, Carravagio, Frans Hals und William Turner war dies insbesondere auch Jan Vermeer, dessen Werke durch eine wundervolle Stille und Schönheit des Schlichten bestechen.

Auch wenn diese Bilder den Alltag des 17. Jahrhunderts einfingen, wirken sie 350 Jahre später unweigerlich wie Zeugnisse aus einer längst vergangenen Zeit, die uns zwar auf wundervolle Weise ausgebreitet wird, aber doch mit unserer nicht mehr viel gemein hat.

Umso überraschender war es kürzlich für mich, auf eine Künstlerin zu stoßen, die allseits bekannte Motive der Kunstgeschichte aufgreift und in unsere Zeit transferiert, den Brückenschlag zwischen Vergangenheit und Gegenwart schafft und dadurch auch verblüffende Effekte erzielt.

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StreetArt-Stelldichein im Bierpinsel

Die Ausstellung "Turmkunst" zieht es an prominenten Ort

Turmkunst(via)

Ein Gerücht macht in den letzten Wochen und Monaten die Runde. Da wolle jemand den alten Bierpinsel für eine StreetArt-Ausstellung nutzen, also jenes inoffizielles Wahrzeichen des Berliner Stadtteils Steglitz und der Westberliner Architektur der 70er Jahre. Einst beherbergte das ungewöhnliche Gebäude die Gastronomie, später die Retro-Lounge. Und nun steht er leer und soll als Ausstellungsort für „die spektakulärste Galerie Europas“ genutzt werden. So heißt es jedenfalls von Seiten der Veranstalter.

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Neues vom Hotel Marienbad

Was in den nächsten Wochen kommt

Flyer für "Haus der Mahre"Flyer für „Haus der Mahre“

Dass mit dem KW Institute for Contemporary Arts immer gerechnet werden muss, dürfte unter Berliner Kunstfreunden bereits angekommen sein. Schrieb ich vor kaum mehr als einer Woche über das kommende Projekt „Cold Turkey“, bei dem nach bisherigen Informationen Künstler einen Drogenentzug unternehmen sollten, ist nun mehr bekannt. Auf der Webseite der Galerie heißt es dazu:

Der Konsum von Drogen findet in einer gesellschaftlichen Grauzone statt, der in der Kunstwelt traditionell eine besondere Bewertung zwischen rauschhafter Entgrenzung und künstlerischer Enttabuisierung erfährt. Gestützt durch eine Ikonografie des Rausches und gerahmt vom Mythos rauschhafter Feste, wird das Zerstörerische des Drogenkonsums dabei schnell ausgeblendet.
Mit der Einladung besteht das reale Angebot an einem geschützten Ort einen Drogenentzug unter medizinischer Betreuung durchzuführen.

Das Gesuch nach Teilnehmern war also ernst gemeint. Soll hier der Mythos des Künstlers dekonstruiert werden? Soll mit Klischees aufgeräumt, sollen Vorurteile beseitigt werden?

Diese Fragen werden wohl erst im April geklärt werden können. Bis dahin können sich Neugierige aber über eine andere Veranstaltung des KW Institutes freuen. Am Donnerstag nämlich wird der Däne Jacob Kirkegaard sein Klangkunstwerk „Haus der Mahre“ vorstellen.

Hierzu lud der Künstler in 16 aufeinander folgenden Nächten 16 Personen in die Suite des Hotel Marienbads ein und nahm die nächtlichen Geräuschkulissen aus Schnarchen, Schlafreden u.Ä. auf und arrangierte sie zu einer „mehrschichtige[n] Komposition, die den BesucherInnen zugleich ein akustisches Traumprotokoll des Hotelzimmers erfahrbar macht“.

Los geht’s am
Donnerstag, den 18. März
um 18.00 Uhr
im Hotel Marienbad/KW Institute for Contemporary Arts
Auguststraße 69, 10117 Berlin

Ich werde mir das jedenfalls nicht entgehen lassen! Wir sehen uns!

Vom Beobachter zum Beobachteten

Rollentausch im medialen Umfeld

Bill Viola: Reverse Television - Portraits of viewers„Reverse Television – Portraits of viewers“, © Bill Viola

Als ich Mitte Februar in der Temporären Kunsthalle war, die anlässlich der Berlinale die Ausstellung „Autokino“ zeigte (und noch zeigt), war Teil der Vorstellung ein Kurzfilm, in dem nichts weiter als eine junge Asiatin vor steril-weißer Studioleinwand gezeigt wurde, wie sie auf den weißen Boden einen Haufen machte. Anfänglich vom schonungslosen Film irritiert, schaute ich mich in der Halle umher und beobachtete die anderen Gäste in den Autos und ihre Reaktionen. Manche schauten gespannt, andere wendeten sich voller Ekel ab, wieder andere rangen dem Film einen gewissen Humor ab. Man konnte ihre Gedanken förmlich hören. Bis ich dann den Blicken einer jungen Frau begegnete.

Was dort stattfand, war ein Rollentausch: Diejenigen, die kamen, um sich die Filme anzusehen, wurden kurzum zu den Hauptdarstellern einer ganz eigenen Szenerie. Andere Menschen beim Beobachten zu beobachten übte wenigstens auf mich und die junge Frau wohl einen größeren Reiz aus als das eigentliche Filmprogramm.

Diese Wendung ist jedoch nichts Neues, jedenfalls nicht in der Kunstwelt. Tatsächlich nähern sich verschiedene Künstler diesem Thema bewusst und erarbeiten dabei unterschiedliche Positionen. Über Fernando Sanchez‘ Videocollage „Me and my girlfriend“ hatte ich ja bereits meine Gedanken geäußert und dabei auch über die besondere Situation des Beobachterwechsels geschrieben. Auch andere Künstler widmeten sich diesem Thema, sodass insbesondere in Bezug auf unseren Fernsehkonsum sehenswerte und auch manchmal überraschende Interventionen entstanden.

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Cold Turkey

Geheimnisvolle Aktion des KW Institutes

Flyer für Flyer für „Cold turkey“

E-Mail-Vorabmeldungen gehören zum Tagesgeschäft in der Galerienszene. Oftmals sind die Nachrichten nicht der Rede wert, doch soeben erhielt ich eine geheimnisvoll anmutende Mail des KW Institute for Contemporary Arts, aus der ich partout nichts entnehmen kann:

Weiter geht’s nach dem Klick.

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Marotten

Von wortkargen Kunstblogs

Der WurstkofferDer Wurstkoffer. (titanic)

Ich kann es nicht ausstehen. Ich rede von der Unart – die offenbar vielen Autoren von Kunstblogs zu eigen ist –, hübsche Fotos von verschiedenen Werken zu zeigen ohne ein paar sinnvolle Worte zu verlieren. „Schau her, was ich gefunden habe. Sieht toll aus.“ Mehr drücken diese Artikel nicht aus und sind damit für all diejenigen, die mehr Gedanken über die Arbeiten verlieren wollen als „Sieht toll aus“, eine reine Zeitverschwendung.

Meiner Meinung nach – und man darf durchaus anderer Ansicht sein – kann man Kunst erst so richtig erleben, wenn man ein wenig über Hintergründe, Künstler, Entstehensgeschichte, Motivationen o.Ä. Bescheid weiß oder einfach nur fremde Gedanken dazu zu hören. Daher war ich auch noch nie ein Freund jener Galerien, die ihren Besuchern keine Informationen liefern.

Ähnlich verhält es sich auch mit Zeitschriften, Online-Magazinen und Blogs. Wenn dem Leser weder Fakten über Künstler oder Werk, noch eigene Gedanken an die Hand gegeben werden, kann der nur selten etwas aus dem Artikel ziehen. Ersteres ist eine Sache der Recherche, letzteres eine der Fantasie und des Grübelns. Leider dominieren die Blogs dieser Sorte; zumindest ist das der Eindruck, den ich anhand meines Feedreaders gewinne.

„Aber bei Ganymed steht doch auch kaum Text!“ könnte man jetzt einwenden. Das ist auch richtig. Und mit gutem Grund so gewählt. Bei Ganymed geht es um Assoziationen – häufig zwischen Literatur und Kunst –, zudem bemühe ich mich, brauchbare Drittquellen anzugeben. An dieser Stelle jedoch schreibe ich von meinen eigenen Gedanken über einzelne Werke, über Dinge, die mich faszinieren und inspirieren, und versuche dadurch, einen (inneren) Diskurs anzuregen.

Und daher wird die Blogroll jetzt entsprechend umgestaltet: Alt gegen neu, maulfaul gegen informativ.
Ich bitte um Stellungnahmen und Meinungen. Bin ich der einzige, der das so sieht?

Pornos im Mittelpunkt der Kunst

Über unseren Pornokonsum

Fernando Sanchez: Ausschnitt aus "Me and my girlfriend"Ausschnitt aus „Me and my girlfriend“, © Fernando Sanchez

Die Frage, was Pornografie von Kunst unterscheidet, ist wahrscheinlich so alt wie die Pornografie selbst. Und kann vermutlich nicht einmal annähernd geklärt werden – vorausgesetzt, eine Unterscheidung ist heute überhaupt noch von Belang. Ob Pornos eine eigene Kunstgattung darstellen, will ich gar nicht näher auseinandersetzen, viel interessanter scheint es mir, wie Künstler in ihren Arbeiten mit Pornos umgehen, sie bewusst einsetzen und zum zentralen Thema ihrer Werke machen.

Einer von diesen Künstlern ist der ohnehin beachtenswerte Fernando Sanchez, der sich der Pornographie in „Me and my girlfriend“ auf eine gelungene Art und Weise genähert hat.

(Ach – und wer hätte es gedacht –, nach dem Klick wird’s noch freizügiger.)

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Das archaische Vermächtnis

Zurück zu den Wurzeln der Menschheit

Christian Jankowski: Die Jagd„Die Jagd“, © Christian Jankowski

Wo die biologische Evolution aufhört, fängt die kulturelle Entwicklung mit rasanter Geschwindigkeit erst an. Längst sind die Zeiten vorbei, da der Mensch noch seinem Genom entsprechend ganz auf Jagd und Überleben gesinnt die Wälder und Ebenen der alten Welt durchstreifte, durch Ressourcenknappheit getrieben immer weiterzog und schließlich selbst entlegenste Winkel der Erde erreichte. Das moderne Leben dagegen spielt sich ganz im Zeichen der Urbanisierung ab: Die Beute wird im Supermarkt um die Ecke erlegt, der Kampf ums Überleben wird längst nicht mehr ausgefochten, die so freigewordene Zeit wird für alle Spielarten des Amüsements genutzt – Expansion und Exploration finden nur noch auf einer kulturellen Ebene statt.

Man mag in diesen Punkten nicht übereinstimmen, Fakt ist jedoch, dass das Leben in der westlichen Welt nichts mehr mit den „archaischen“ Formen des tagtäglichen Auskommens zu tun hat. Es lässt sich in der Geschichte der Menschheit gut verfolgen, dass ein ausreichendes Angebot an Ressourcen oder gar der Überfluss stets ein stärkeres Maß an Sesshaftigkeit nach sich zog. Das fängt mit dem Ackerbau an und hört mit modernem Städtebau rund um Einkaufs– und Vergnügungszentren auf.

Ein energiegeladenes Thema, wie ich finde, zudem eines, das auch in der zeitgenössischen Kunst zu interessanten Auseinandersetzungen führt. Mal gipfelt es in pointierter Konsumkritik, mal steht eine gewisse Wehmut und Abbitte im Vordergrund. In jedem Fall aber treffen moderne Lebensvorstellungen auf längst verdrängte Lebensaufgaben.

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