Kampf um Koons

22. Juni 2013 von Matthias Planitzer
Es war einer jener raren Momente, in denen die westliche Kunsthemisphäre in ihrem geschäftigen Treiben innehielt, um wenig später unisono das gemeinsame Erstaunen auszudrücken: Als die New Yorker Galerie David Zwirner vor einigen Wochen ihre Ausstellung mit Jeff Koons ankündigte, war das eine kleine Sensation. Ausgerechnet Koons, der Prinz der rivalisierenden Gagosian Gallery, war – so schien es – zum Deutschen übergewandert.

Jeff Koons: "Gazing Ball" (Hercules)

Für Lar­ry Gagos­i­an scheint es nicht gut zu lau­fen: Nach­dem Dami­en Hirst im Janu­ar das Impe­ri­um ver­ließ, wäre Koons‹ Lieb­äu­geln mit der Gale­ris­ten­kon­kur­renz der zwei­te Fort­gang eines hoch­ka­rä­ti­gen Künst­lers gewe­sen. Noch bleibt Koons der Gale­rie jedoch erhal­ten, die Schau »Gazing Balls« vor­erst ein Gast­spiel beim Kon­kur­ren­ten. Gagos­i­an reagier­te indes prompt. Nach­dem Zwir­ners Aus­stel­lungs­an­kün­di­gung die Pres­se erreich­te, leg­te der inter­na­tio­nal ope­rie­ren­de Gale­rist nach: Nur einen Tag nach sei­nem Kol­le­gen wür­de er nur wenig ent­fernt eben­falls eine Koons-Schau eröff­nen.

Jeff Koons: "Gazing Ball" (Venus)

Jeff Koons: »Gazing Ball« (Venus)

Bei­de Gale­ris­ten bewe­gen sich zwar laut der aktu­el­len »The Power 100«-List der Art Review in den olym­pi­schen Sphä­ren der Top 5 der inter­na­tio­na­len Kunst­sze­ne, beteu­ern aber immer wie­der, daß sie gut mit­ein­an­der aus­kä­men. Die kurz­fris­tig anbe­raum­te Dop­pel­aus­stel­lung hin­ter­lässt aller­dings einen ande­ren Ein­druck. Gut für Koons, denn der dürf­te als Gewin­ner vom Feld gehen.

Über Gagos­i­ans has­ti­ge Reflex­hi­bi­ti­on braucht man nicht vie­le Wor­te ver­lie­ren. Die man­geln­de Vor­be­rei­tung war deut­lich spür­bar. Sowohl Kura­ti­on als auch Werk­prä­sen­ta­ti­on waren dürf­tig, größ­ten­teils älte­re Arbei­ten wur­den aus den Archi­ven zusam­men­ge­klaubt und in die Gale­rie­räu­me in der West 24th Street gestopft. Bekann­te und oft gese­hen Wer­ke aus den Seri­en »Anti­qui­ties« (»L’origine du mon­de« über der Sta­tu­en­grup­pe Pans, Aphro­di­tes und Eros‹), »Bal­lon Venus« (eine bon­bon­bun­te Venus von Wil­len­dorf), einer der »Hulks«, eini­ge Bal­lon­fi­gu­ren – kurz: das übli­che Koons’sche Aller­lei war hier ver­sam­melt und wirk­te so deplat­ziert, wie eine wahl­los erstell­te Koons-Samm­lung eben nur deplat­ziert wir­ken kann. Der Gale­rist wäre bes­ser bera­ten gewe­sen, all die­se domi­nan­ten Arbei­ten nicht über ein­an­der her­fal­len zu las­sen, son­dern jeder ihren gebüh­ren­den Platz ein­zu­räu­men.

Schließ­lich war ein ande­rer Grund als das Kräf­te­mes­sen mit Nach­bar David Zwir­ner nicht zu erken­nen. Die Gagos­i­an Gal­le­ry beteu­ert zwar, daß es sich um »New pain­tings and sculp­tures« hand­le, wenigs­tens die Hälf­te der aus­ge­stell­ten Arbei­ten wur­den aber nach­weis­lich zuvor schon gezeigt, dar­un­ter eini­ge auch in der hier­zu­lan­de bekannt gewor­de­nen Dop­pel­aus­stel­lung Koons‹ in der Frank­fur­ter Schirn sowie im Lie­big­haus. Scha­de eigent­lich, schließ­lich hät­te man aus Koons‹ reich­hal­ti­gen Werk­kor­pus alle­mal eine sehens­wer­te Über­sichts­aus­stel­lung schus­tern kön­nen.

Jeff Koons: "Gazing Ball" (Ariadne)

Jeff Koons: »Gazing Ball« (Ari­ad­ne)

Doch mit die­sen Pro­ble­men brauch­te sich David Zwir­ner nicht her­um­schla­gen. Der hat­te Koons‹ Offer­te dan­kend ange­nom­men und dar­aus ein eigen­stän­di­ges Aus­stel­lungs­kon­zept ent­wi­ckelt. Die nur weni­ge Meter ent­fernt gezeig­ten Skulp­tu­ren waren nicht nur alle­samt neu, sie form­ten sogar eine eigen­stän­di­ge Werks­se­rie. Da waren auch die Unan­nehm­lich­kei­ten um die abge­sag­te Pres­se­kon­fe­renz und die mit reich­lich Ver­spä­tung begon­ne­ne Eröff­nung (wie so oft war noch nicht alles auf­ge­baut) bald ent­schul­digt und ver­ges­sen. Die in der West 19th Street gedul­dig war­ten­de Men­schen­men­ge nahm es jeden­falls gelas­sen, die Stim­mung war von ein­hel­li­ger Begeis­te­rung geprägt.

Jeff Koons: "Gazing Ball" (Hercules)

Jeff Koons: »Gazing Ball« (Her­cu­les)

Jeff Koons zeigt hier sei­ne »Gazing Balls«, hoch­glanz­po­lier­te Glas­ku­geln tief royalb­lau­er Fär­bung, die auf diver­sen Gips­skulp­tu­ren tän­zelnd deren Umris­se sowie die Umge­bung nahe­zu per­fekt spie­geln. Da balan­ciert eine über­le­bens­gro­ße Her­cu­les-Figur einen der Spie­gel­bäl­le auf sei­ner Schul­ter, trägt Dio­ny­sos einen sol­chen jon­gleurs­gleich auf dem Hin­ter­haupt, wäh­rend die Kugeln andern­orts auf Schnee­män­nern und Brief­käs­ten thro­nen. Sie fan­gen ein ver­zerr­tes Pan­ora­ma­bild der Skulp­tu­ren, der umlie­gen­den Wän­de, Lich­ter und auch der Besu­cher ein, metal­lisch blau und auch ein wenig unheim­lich.

Die Ame­ri­ka­ner, ins­be­son­de­re die Bewoh­ner von Penn­syl­va­nia ken­nen eben­so wie ihr Lands­mann Koons die­se Gazing Balls von den Gär­ten und Veran­das der Dör­fer und Vor­or­te, wo sie nicht nur als deko­ra­ti­ve Alter­na­ti­ve zum Kugel­spie­gel das Grund­stück über­bli­cken, son­dern auch als belieb­tes Anschau­ungs­ob­jekt zur medi­ta­ti­ven Kon­tem­pla­ti­on ein­la­den. So heißt es jeden­falls. Koons begrün­det näm­lich sei­ne Fas­zi­na­ti­on zu den Glas­ku­geln mit ihrem tran­szen­den­ten Poten­ti­al, »die Wahr­neh­mung der eige­nen Sterb­lich­keit« zu ermög­li­chen, aber auch »die Beja­hung, die Groß­zü­gig­keit, den Sinn für den Ort und die sinn­li­chen Freu­de« dar­zu­stel­len. Man muss viel­leicht in Penn­syl­va­nia auf­ge­wach­sen sein, um die Bedeu­tung die­ser Wor­te ver­ste­hen zu kön­nen; für den Kunst­ge­nuss kommt man aller­dings glück­li­cher­wei­se auch ohne die­se spe­zi­el­len Kennt­nis­se loka­ler Folk­lo­re aus.

Schließ­lich haben die »Gazing Balls« als wie­der­erkenn­ba­re Koons-Skulp­tu­ren genug zu bie­ten. Die quietsch­bun­ten Hoch­glanz­ober­flä­chen fin­den sich hier eben­so wie­der wie die viel­fäl­ti­gen Rück­grif­fe auf die klas­si­sche Bild­haue­rei, für die der Ame­ri­ka­ner als bele­se­ner Ken­ner gilt. Vor­bei scheint jedoch die Zeit, in der eine Venus oder ein Dio­ny­sos mit einer dicken Lack­schicht über­zo­gen war. Hier bleibt nur ein ein­fa­cher Kör­per aus pro­fa­nem Gips zurück, des­sen metal­li­sche Haut abge­zo­gen und zu einer Kugel ver­dich­tet wur­de. So erscheint die größ­te der Arbei­ten, der Far­ne­si­sche Her­cu­les, einer­seits mit sei­ner iko­nisch hin­weis­ge­ben­den Keu­le und Löwen­fell, aber eben auch noch mit einer zwei­ten Haut, sei­ner eige­nen. Dar­un­ter kommt ein imper­fek­ter Kör­per zum Vor­schein, des­sen gro­be Ober­flä­chen und gra­ti­ge Kan­ten eine gewis­se Roh­heit sug­ge­rie­ren. Sol­che und ande­re eigens model­lier­te Makel — einer ande­ren Skulp­tur feh­len gar die Zehen — fal­len hin­ge­gen in der alles weich­zeich­nen­den Spie­ge­lung der »Gazing Balls« gar nicht erst auf.

Indem Jeff Koons aber die Gips­ab­for­mun­gen, zumin­dest aber -nach­bil­dun­gen bekann­ter Dar­stel­lun­gen des alt­grie­chi­schen und römi­schen Figu­ren­re­per­toires nutzt, ver­an­kert er sei­ne »Gazing Balls« nicht nur in der Bild­haue­rei der Anti­ke und Renais­sance, son­dern auch des 19. Jahr­hun­derts, in dem die­se mit­hil­fe sol­cher Abfor­mun­gen ver­viel­fäl­tigt und stu­diert wur­den. Man mag es dahin­ge­gen als pop-manie­ris­ti­schen Eigen­sinn eines Jeff Koons auf­fas­sen, daß sich unter all die bekann­ten Klas­si­ker der Bild­haue­rei auch solch ordi­nä­re All­tags­ge­gen­stän­de wie Vogel­bä­der und Brief­käs­ten mogel­ten, wird aber aner­ken­nen müs­sen, daß Koons die Ver­ein­ba­rung die­ser so unver­ein­bar schei­nen­den Gegen­sät­ze spie­lend erreicht und damit die Gunst des ame­ri­ka­ni­schen Kunst­ge­schmacks aufs Neue für sich gewinnt.

Aber womög­lich liegt hier­in auch wie­der ein­mal die bezau­bern­de Stär­ke des Ame­ri­ka­ners: Jen­seits und dies­seits des Atlan­tiks weiß er sei­ne Anhän­ger, gleich ob kunst­his­to­risch ver­siert oder dem Charme des Pop erle­gen, erneut ein­fach nur zu ent­zü­cken. Dafür, so waren sich die inter­na­tio­na­len Besu­cher­schar einig, hat­te sich das lan­ge War­ten vor der Eröff­nung gelohnt.

Die Vernissage begann verspätet, die Besucherscharen mussten draußen warten. Die Ausstellung war schlicht noch nicht aufgebaut. Das Warten, so die einhellige Meinung, hatte sich allerdings gewohnt.

Die Ver­nis­sa­ge begann ver­spä­tet, die Besu­cher­scha­ren muss­ten drau­ßen war­ten. Die Aus­stel­lung war schlicht noch nicht auf­ge­baut. Das War­ten, so die ein­hel­li­ge Mei­nung, hat­te sich aller­dings gewohnt.