Wuchernd, raumgreifend, infiltrativ

Dennis Feddersens unermüdlich wachsende Werke

Dennis Feddersen: Parasite #17„Parasite #17″, © Dennis Feddersen

Der geneigte Leser hat möglicherweise schon festgestellt, dass mein besonderes Faible für Installationen sich auch in diesem Blog widerspiegelt. Ihre vielfältigen Interaktionen mit Raum, Ort und Zeit lassen ein breites Spektrum an künstlerischen Möglichkeiten zu: Der Raum will erobert, er will beherrscht werden. Und mit ihm der Betrachter. Vom psychologischen Standpunkt aus betrachtet haben Räume einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf unser Befinden: In einer weitläufigen Halle fühlen wir uns frei, klein, mitunter verloren; Jennifer Alloras und Guillermo Calzadillas Werk „Compass“, für das sie die Decke der Temporären Kunsthalle knapp über den Köpfen der Besucher gespannt haben, vermag einen buchstäblichen Druck auszuüben und Beklemmungen auszulösen und wer schon einmal durch die Edisonstraße in Oberschöneweide gefahren ist, wird wissen, was ein wahrer Tunnelblick ist.

Daher freut es mich jedes Mal umso mehr, Installationen aufgespürt zu haben und zu erleben, die bis ins letzte Detail so konsequent ausgearbeitet sind, die derart eindrücklich mit ihrem Raum agieren, dass die pure Emotion überspringt.
Das kann man wohl auch guten Gewissens von den Arbeiten des Berliners Dennis Feddersen behaupten, der in seinen Werken viel Übung beweist. Seine verblüffend lebendig wirkenden Installationen erobern den Raum und scheinen unaufhörlich zu wachsen, zu wuchern und letztlich den Raum ganz einzunehmen.

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Winterliche Kunsttermine

Neues im Berliner Kunstkalender

via flickr(via)

Die Uhren zeigen eine neue Zeit an, die Tage erreichen bald ihr Höchstmaß an Dunkelheit und was liegt da näher, als die trübe Stimmung mit ein wenig Kunst aufzuhellen? Je schlechter das Wetter, desto besser lässt es sich in Berlin Kunst erleben. Grund genug, die wichtigsten Termine des Novembers ins Gedächtnis zu rufen:

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The beauty of death

Patrik Budenz' ungewohnte Perspektiven

Patrik BudenzOhne Titel (aus „Post mortem“), © Patrik Budenz

Es gibt Dinge, Orte, Themen im Leben, die wegen ihrer teils unangenehmen, teils befremdlichen Natur verdrängt und ignoriert werden. Dies betrifft insbesondere alles, was mit dem Sterben oder dem Tod zu tun hat – es erinnert uns an unser eigenes Schicksal und es scheint, nur durch die Verdrängung einer Auseinandersetzung vermöge man sich wieder auf das Hier und Jetzt besinnen zu können. Dieser Gedanke ist allerdings nicht zu Ende gedacht, denn das künstliche Ausgrenzen dieses Themas hüllt es gleichzeitig in einen dunklen Schleier der Unwissenheit.

Durch meine Zivildienstzeit auf einer Palliativstation und die Möglichkeit des Studiums, ein Praktikum in den universitären und städtischen gerichtsmedizinischen Instituten Berlins zu absolvieren, habe ich mittlerweile einen anderen Blick auf das Thema gewonnen. Der Tod gehört letztlich zum Leben dazu und wie tragisch und dramatisch er auch kommen mag, oftmals lässt sich im Detail eine gewisse Ästhetik, im unmenschlich anmutenden eine ganz natürliche Note erkennen.

Dann stolperte ich kürzlich über einige der Arbeiten des Berliner Fotografen Patrik Budenz, der eben diese subtilen Momente einfängt. Mein Interesse war spätestens dann geweckt, als ich die Mitarbeiter, die Räume und das Inventar des Berliner Landesinstituts für Rechtsmedizin wiedererkannte, denn für Budenz wurde offensichtlich die große Ausnahme gemacht, dass er in dieser streng vertraulichen und sensiblen Atmosphäre seine Fotos anfertigen durfte. Was folgt, ist eine erstaunlich realistische Darstellung dessen, was Rechtsmedizinern und Bestattern ein alltägliches Bild bietet – sensiblen Personen möchte ich trotz des schonungslosen Umgangs den Rest des Artikels anempfehlen.

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Zwischen Tradition und Umbruch

Porträts afrikanischer Stammesfürsten und Monarchen

Daniel Lainéel Hadji Mamadou Kabir Usman, Emir von Katsina (Nigeria), © Daniel Lainé

Eine meiner vielen Interessen ist die Ethnologie, die Völkerkunde. Auf der Suche nach einem neuen Bildband bin ich auf ein mittlerweile schon neun Jahre altes Buch von Daniel Lainé gestoßen, dessen Bildmaterial wiederum aus den Jahren 1988 – 1991 stammt. Dennoch bleibt sein Thema aktuell, denn Lainé hat in diesen Jahren die afrikanischen Fürsten und Monarchen bei Hofe besucht und in royaler Manier porträtiert. Die Bilder stellen jedoch nicht nur Zeitdokumente feudaler Gesellschaftsspitzen dar, sie zeigen auch einen künstlerischen Charakter, wenn auf subtile Art und Weise die typischen Entwicklungen und Stilblüten dieser Gesellschaften zwischen tradierten und westlichen Normen eingefangen werden.

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Kunstbörse Berlin

Kunstkäufer aller Länder, vereinigt euch

Paul Rascheja: Homecoming #1„Homecoming #1″, © Paul Rascheja (@ Kunstsalon)

Der Berliner Kunstmarkt ist derzeit nicht zu beneiden. Gut 370 Galeristen versammeln sich in diesen Tagen auf fünf unterschiedlichen Kunstmessen, um Werke bekannter, etablierter und auch aufstrebender Künstler nicht nur der großen Besucherschaft zu präsentieren, sondern natürlich auch zu verkaufen. Die Konkurrenz ist also so groß wie die Auswahl und wieder einmal verwandelt sich die Hauptstadt für ein paar Tage in den vermutlich größten Kunstumschlagsplatz Europas. Das kommt dem geneigten Käufer natürlich entgegen, denn auch auf diesem Markt gelten die Gesetze der Wirtschaft.

Ich für meinen Teil habe leider keine Zeit, mich dem Spektakel hinzugeben, das soll mich aber nicht davon abhalten, die fünf Messen und die vertretenen Galerien und Künstler vorzustellen. Allesamt können noch bis zum Sonntag besucht werden, ehe die Stadt wieder ein wenig die Ruhe der Wirtschaftskrise genießen kann.

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’tis moving!

Stop motion - sichtbar selbstgemacht

Wer mich bei Twitter verfolgt, dem ist wahrscheinlich auch zu Ohren gekommen, dass ich einen mysteriösen Internet-T-Shirt-Versandservice namens Hipstery ausprobiert habe. Man beantwortet dazu eine Handvoll zusammenhangsloser Fragen und bekommt dann für den entsprechenden Preis ein Päckchen aus Leipzig, in dem sich ein Shirt versteckt, das man nicht einmal kennt. Angeblich eigens für den einzelnen Kunden ausgesucht, bekommt man so ein T-Shirt eines der größeren Shirtlabels wie Threadless oder DesignByHumans. Zwar verspricht Hipstery.com, man werde sein persönliches Shirt über alles lieben, doch scheinbar bin ich da die berühmte Ausnahme. Was soll’s.

Und wer das alles schon bei Twitter alles gehört hat, der weiß auch, dass ich eine Fotostrecke versprochen habe, die das große Auspacken dokumentiert. Letztendlich ist es aber ein kleiner Stop-Motion-Film geworden. Mein erster, um genau zu sein. Sieht man auch, so ganz ohne Stativ.

Le città invisibili

Künstlerische Aufarbeitung eines literarischen Juwels

Delavega, Ephemera, Lascarr: Ersilia„Ersilia“, © Delavega, Ephemera, Lascarr

Der italienische Schriftsteller Italo Calvino veröffentlichte 1972 eines seiner schillerndsten Werke, „Le città invisibili“ – „Die unsichtbaren Städte“. Darin beschreibt Marco Polo seinem Gastgeber Kublai Khan in 55 Prosagedichten die 55 Städte, die er auf seinem Weg nach Peking besucht hat. Jede von ihnen steht für eine bestimmte gesellschaftliche Situation und im Laufe der Erzählungen werden diese Beschreibungen immer düsterer ehe sie zum Schluss die Hölle auf Erden skizzieren. Der geneigte Leser kann deutliche Parallelen zum Decameron oder zur Göttlichen Komödie ziehen – oder aber dieses Sinnbild der gegenwärtigen Urbanisierung künstlerisch verarbeiten. Das übrigens sehr empfehlenswerte Buch hat schon so manchen Künstler inspiriert, sei es StreetArt, Fotografie oder Malerei.

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Polaroid is the new black

Das Revival eines Auslaufmodells

Philip Glaser: UntitledUntitled, © Philip Glaser

Es ist gerade einmal drei Monate her, da habe ich mich für ein Exemplar der vermeintlich altmodischen und ausgestorbenen Polaroid-Kameras entschieden (eine SX-70 Land Camera 1000, für die, die es interessiert). Inspiriert durch die Arbeiten einiger beispielhaft zu nennender Künstler wie Aaron Feaver oder Mike Brodie sowie solch wunderbare Seiten wie Daily Polaroids, stand nur noch eBay zwischen mir und meinem nostalgischen Glück. Mittlerweile entdecken immer mehr Menschen den Charme des etwas eingestaubten Mediums und Läden wie Polapremium in der Brunnenstraße bedienen ein stetig wachsendes Segment.

Polaroidfotos erobern also so langsam die Herzen der Berliner und mittlerweile setzen ambitionierte Projekte alles daran, die längst ausgesetzte Produktion der speziellen Filmkassetten wiederzubeleben. Diejenigen, die die teuren Filme ihr Eigen nennen, gehen damit wohlbedacht um und so entsteht mitunter sehenswerte Kunst wie die von Philip Glaser. Seit kurzem sind seine Fotografien in der Bilirubin Gallery zu bestaunen.

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What’s the colour of money?

EMESS in der ATM Gallery

Noch ein kleiner Einwurf: Seit vorgestern kann man in der kleinen, feinen ATM Gallery eine Werkschau des Berliner StreetArtist EMESS bewundern. „EMESS – wer ist das?“ wirst du jetzt vielleicht fragen. EMESS, das ist der Kerl, der bei der vorjährigen Urban Affairs und No Sugar for the Monkey pinke Gewehre in Beton goß und bei der Urban Affairs Extended Medusen und Banknoten in Szene setzte.

Mit ähnlicher Thematik geht es jetzt bei Arse To Mouth weiter. Denn dort werden auch EMESS‘ andere Stencils und Prints zum Thema Finanzkrise gezeigt, die sich durchaus sehen lassen können. Wie schon zuvor werden die Konterfeis diverser Banknoten satirisch aufbereitet und mit treffenden Passagen aus Songs wie „Can’t buy me love“ kombiniert.

Alle Daten auf dem obigen Flyer bzw. direkt bei ATM. Ausdrückliche Besuchsempfehlung!

Am rechten Fleck

Ontologischer Diskurs

Frank Kunert: Bad in der Menge„Bad in der Menge“, © Frank Kunert

Realität und Imagination stehen sich näher, als man beim Lesen dieses platten Satzes vermuten mag. Dies zeigt sich immer wieder beim Betrachten eines Bildes, eines Fotos oder beim Lesen eines Textes:  Der Konsument vertraut sich einem Medium an, misst ihm (zumeist) eine gewisse Autorität zu und verliert keinen weiteren Gedanken darüber, dass es sich doch nur bestenfalls um eine Projektion der Wirklichkeit handelt, mit der er sich gerade beschäftigt. Ein wichtiges Urteil wird dabei häufig viel zu leichtfertig gefällt; nämlich, inwiefern dieses Abbild Verzerrungen und subjektiven Einflüssen, perspektivischer Betonung und Übergehens, aber auch inhaltlicher Beschneidung unterworfen ist.

Immer dann, wenn dies gewahr wird, sprechen wir von Zensur, Schwindel oder bestenfalls von Informationsverlust. Was dabei aber meist vergessen wird: Die vermeintliche Realität, die uns entgegenspricht, ist nicht etwa dem Medium einverleibt, d.h. sie selbst wird nicht von ihm getragen. Was wir für Realität halten, ist doch stets eine Extrapolation der Wahrnehmung, im günstigen Fall eine Näherung der Wirklichkeit. Erst das Bewusstsein, dass jedes uns zur Verfügung stehende Medium dieses Mapping nur modulieren kann, führt doch zu dem folgerichtigen Verhalten, eigene und fremde Wahrnehmung in einen sinnvollen Kontext zu stellen. Kant’sche Basiscs also.

Hard cut.
Aus dieser Beobachtung begründet ist es doch immer wieder erfrischend, sich diesen Sachverhalts beim Kunstgenuss klar zu werden. Dafür steht, wie ich finde, beispielhaft der Frankfurter Fotograf Frank Kunert. Kunert ist einer der Künstler der Gegenwart, deren Werke dank ihres Charmes längst zu beliebten Postkartenmotiven avancierten und vielleicht sogar einen kleinen Teil von Popkultur ausmachen. Wenn Michael Sowa seine hübschen Gemälde in französischen Kultfilmen unterbringt, dann nimmt Kunerts Idolrolle zunächst in Form von Kalendern Gestalt an.

Frank Kunerts Kunst lässt sich im Wesentlichen dadurch auf den Punkt bringen, dass er zunächst in akribischer Detailarbeit Modellbauwelten mit überraschenden städteplanerischen und architektonischen Wendungen entwirft, um diese dann mit den Kniffen eines Fotografen derart in Szene zu setzen, dass der Rezipient später zumindest einen Moment lang der Meinung ist, es handle sich um den neusten Schildbürgerstreich.

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