Dialektik mit Thomas Bayrle

25. Mai 2013 von Matthias Planitzer
Das Artist's Institute: Kunstlabor mit außergewöhnlichem kuratorischen Konzept

Daniel Kohl

Wer durch die Lower East Side fla­niert, vor­bei an Cafés, Bars und Bou­ti­quen sei­nen Weg nach Chi­na­town oder SoHo fin­det, wird leicht die ruhi­ge Eldridge Street über­se­hen, in der neben eini­gen Geschäf­ten des täg­li­chen Bedarfs im Wesent­li­chen nur Wohn­häu­ser, gewiss aber kei­ne weit­hin strah­len­den Sehens­wür­dig­kei­ten anzu­tref­fen sind. Manch­mal ver­irrt sich jedoch ein Frem­der in die­se schma­le Gas­se, in der man so schnell die Groß­stadthek­tik New Yorks ver­gisst, sucht dann zwi­schen den mono­to­nen Back­stein­ge­bäu­den nach einem gut ver­steck­ten Ort und fin­det ihn schließ­lich ein­ge­zwängt zwi­schen einem chi­ne­si­schen Aus­län­der­ver­ein und einer Elek­tri­ker­werk­statt. Zu sei­nen Füßen, genau­er: eine Trep­pe vom Fuß­weg hin­ab, in einem win­zi­gen Unter­ge­schoss­raum in der Num­mer 153 resi­diert das Artist’s Insti­tu­te, ein Pro­jekt­raum, wie – so scheint es zunächst – man ihn jeder Groß­stadt zu Hauf antrifft. Dann wird man jedoch bemer­ken, daß hier ein illus­tres, inter­na­tio­na­les Publi­kum ein und aus geht, das sich deut­lich von dem unschein­ba­ren Volk des Vier­tels abhebt. Unter ihnen ist die­ser Tage auch immer wie­der der deut­sche docu­men­ta-Künst­ler und Arnold-Bode-Preis­trä­ger Tho­mas Bayr­le anzu­tref­fen. Denn über sechs Mona­te hin­weg ent­steht hier unter sei­ner inten­si­ven Feder­füh­rung ein ste­tig wach­sen­des Kunst­pro­jekt.

Das Kon­zept des von Antho­ny Huber­man gelei­te­ten und von Jen­ny Jas­key kura­tier­ten Artist’s Insti­tu­te ist so sim­pel wie gelun­gen: Jeweils für ein hal­bes Jahr wid­met sich der Raum einem Künst­ler, der hier nicht nur monat­lich eine ein­zel­ne Arbeit aus­stellt, son­dern ins­be­son­de­re auch im Dis­kurs mit ande­ren Krea­ti­ven eine Aus­stel­lung ent­wi­ckelt. Dazu wer­den Künst­ler, Schrift­stel­ler, Dar­stel­ler und Fil­me­ma­cher ein­ge­la­den, aus ihrer spe­zi­fi­schen Per­spek­ti­ve die zen­tra­le Posi­ti­on zu beleuch­ten, zu kom­men­tie­ren und zu erwei­tern. Aus­ge­hend von einem lee­ren Raum wer­den der Schau über Mona­te hin­weg immer wie­der neue Expo­na­te hin­zu­ge­fügt, die mit den Wer­ken des im Mit­tel­punkt ste­hen­den Künst­lers kom­mu­ni­zie­ren und einen sich all­mäh­lich ver­dich­ten­den Kom­men­tar auf Stil und Sujet bil­den. Ergänzt durch Vor­trä­ge, Dis­kus­sio­nen, Film­vor­füh­run­gen und Work­shops wird die Aus­stel­lung nicht nur als work in pro­gress, son­dern auch gemein­sa­me Annä­he­rung an die zugrun­de lie­gen­den The­men insze­niert und belebt. In die­ser Denk­fa­brik ent­steht auf die­se Wei­se ein asso­zia­ti­ves Clus­ter mul­ti­me­dia­ler Refe­renz­stü­cke, die die zen­tra­le Idee nicht nur durch­de­kli­nie­ren und aus­wei­ten, son­dern schließ­lich auch in einen gesamt­kul­tu­rel­len Kon­text ein­bet­ten, den das Ein­zel­werk allein nicht zu errei­chen ver­mocht hät­te.

Im Fal­le der aktu­el­len, von Tho­mas Bayr­le gepräg­ten Aus­stel­lung ergibt sich fol­gen­de Chro­nik: Nach­dem die Kura­to­rin Chus Mar­tí­nez im Febru­ar aus ihrer per­sön­li­chen Arbeit mit dem deut­schen Künst­ler her­aus über des­sen Ansät­ze und Ide­en refe­rier­te, brach­te Jor­dan Wolf­s­on sei­ne Aus­ein­an­der­set­zung mit Bayr­le in eige­nen Arbei­ten zum Aus­druck. Sei­ne bei­den Bei­trä­ge ent­stan­den vor dem Hin­ter­grund einer von Wolf­s­on kura­tier­ten Aus­stel­lung zum Werk Michel Majerus‹, für die sich auch Bayr­le ein­brach­te, wor­auf­hin sie schließ­lich ihr gemein­sa­mes Inter­es­se für ver­zerr­te und ver­stüm­mel­te Bil­der ent­deck­ten. Im Rah­men die­ser Zusam­men­ar­beit häuf­te Bayr­le Majerus‹ Gemäl­de an um ihre Fehl­stel­len anzu­rei­chern (»Smudge Tool«, »Dege­ne­ra­ted«), wäh­rend Wolf­s­on Hum­mer­sche­ren mit por­no­gra­phi­schen Bil­dern bedruck­te und auf die­se Wei­se zwei­er­lei Kör­per ent­stell­te und ver­stüm­mel­te, um ein bizar­res Sex­spiel­zeug zu erschaf­fen. Eine wei­te­re, ver­zerr­te Arbeit Bayr­les wird wie­der­um durch Wolf­s­ons Hand zum Mul­ti­ple dege­ne­riert und als Tape­te an den Wän­den des Aus­stel­lungs­rau­mes ange­bracht.

Thomas Bayrle (Tapete), Sunah Choi (Cyanotypie), Jordon Wolfson (bedruckte Hummerscheren)

Tho­mas Bayr­le (Tape­te), Sunah Choi (Cya­no­ty­pie), Jor­don Wolf­s­on (bedruck­te Hum­mer­sche­ren)

Es folg­te eine Video­ar­beit Dani­el Kohls, der die Moto­ren sei­nes Lands­mannes in fili­gra­nen, zudem funk­tio­na­len Draht­skulp­tu­ren nach­ahm­te und im Anschluss im gemein­sa­men Künst­ler­ge­spräch zusam­men mit dem Publi­kum des Artist’s Insti­tu­te über ihre Kol­la­bo­ra­tio­nen sin­nier­ten und auch eini­ge Fil­me zeig­ten. Wenig spä­ter wur­de die Aus­stel­lung um etli­che Zeich­nun­gen des Psych­ia­ters Erik Thys ergänzt, die wäh­rend sei­ner Pati­en­ten­ge­sprä­che ent­stan­den. Von nun an mach­te ein fan­tas­ti­sches Kurio­si­tä­ten­ka­bi­nett der Auto­welt – Karos­sen wie Bade­wan­nen, zelt­för­mi­ge, schwer­fäl­lig plum­pe, sich in Orna­men­ten ver­lie­ren­de, funk­tio­na­le wie unmög­li­che Gefähr­te – den grö­ße­ren Teil der Aus­stel­lung aus, wel­che bald durch Thys und sei­nen Bru­der um eine Vor­le­sung über Auto­de­sign ergänzt wur­de.

Spä­ter ver­lor sich das Pro­gramm ein wenig in wei­te­ren Dis­kus­sio­nen, Vor­trä­gen, und künst­le­ri­schen Bei­trä­gen von Sunah Choi und Cris­tóbal Lehyt, des­sen Aus­ein­an­der­set­zung mit tran­ce­ar­ti­gen Zustän­den sich wie­der­um inhalt­lich Bayr­les Ora­to­ri­en annä­her­te. Wei­te­re Bei­trä­ge zur Erwei­te­rung der Aus­stel­lung wie der Aus­ein­an­der­set­zung mit Bayr­les The­ma­tik und Ästhe­tik sind bis zum Ende der Sai­son im Juli geplant.

Das unge­wöhn­li­che Ausstellungs­konzept des vom Hun­ter Col­le­ge getra­ge­nen Artist’s Insti­tu­te ermög­licht im Sin­ne des Kura­ti­ons­la­bors erstaun­li­che Ergeb­nis­se. Durch ihre syn­the­ti­sche Modu­la­ri­tät wer­den ein­mal vor­han­de­ne Per­spek­ti­ven und Stand­punk­te stän­dig neu dekla­riert und gene­riert, was sich in der aktu­el­len Aus­stel­lung gera­de auch als deutsch-ame­ri­ka­ni­scher Ide­en­aus­tausch dar­stellt. Bayr­les all­ge­gen­wär­ti­ge Autos und Moto­ren sowie sein dys­mor­phes Kon­zept von Spi­ri­tua­li­tät, ihre seri­el­le Über­stra­pa­zie­rung bis­hin zur Ver­zer­rung und Ver­stüm­me­lung und ihr Gip­fel in der Ver­ei­ni­gung des Tech­no­iden mit dem Tran­szen­den­ten bil­den vor die­sem Hin­ter­grund eine geeig­ne­te Ober­flä­che, die kul­tu­rel­len Impli­ka­tio­nen im trans­at­lan­ti­schen Aus­tausch zu erfor­schen. Was in Deutsch­land als düs­te­rer Rück­blick auf das Wirt­schafts­wun­der gele­sen wird, sieht man in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten mit einem erfri­schend beschwing­ten Blick, eben einer Nati­on, die das Auto zum Kul­tur­er­be erho­ben hat. So ist Dani­el Kohls Draht­mo­dell zwar vor allem eine spie­le­ri­sche, aber eben auch eine nach­ah­men­de Annä­he­rung an Bayr­les beten­de Motor­blö­cke, wäh­rend Erik Thys bewusst oder unbe­wusst die unter­schied­li­chen Per­sön­lich­kei­ten sei­ner Pati­en­ten mit eben­so unter­schied­li­chen, über­aus illus­tren und in der Sum­me für viel Unter­hal­tung sor­gen­den Zeich­nun­gen por­trä­tiert. »Für jeden Ame­ri­ka­ner ein Auto«, die­se Losung ist auch fest in Thys‹ Pati­en­ten- und Auto­stu­di­en ver­an­kert.

Erik Thys

Erik Thys

Dahin­ge­gen ant­wor­tet Jor­dan Wolf­s­on auf Bayr­les dump­fe Ästhe­tik der Ver­zer­rung mit einer gegen­sätz­li­chen, schwung­vol­le­ren Wei­se der Ent­stel­lung, die in ihrem iro­ni­schen Unter­ton eher dem seit eini­gen Jah­ren in den Metro­po­len auf­kei­men­den, von viel pop­pi­gem Sar­kas­mus und nai­ver For­men­kom­bi­na­to­rik gepräg­ten Stil einer jun­gen, inter­na­tio­na­len Künst­ler­ge­ne­ra­ti­on ange­hört. Wenn die­ser zyni­sche Neo-Pop der jun­gen Wil­den, exem­pla­risch ver­tre­ten durch Wolf­s­ons Por­no-Hum­mer, auf den gra­vi­tä­ti­schen Schwer­mut der deut­schen Alt­vor­de­ren trifft, dann zeich­net sich dar­in auch eine, wenn auch bis­her nur lei­se köcheln­de Revol­te ab. Es ist davon aus­zu­ge­hen, daß das Artist’s Insti­tu­te mit sei­nem auf viel Aus­tausch mit jun­gen Künst­lern bedach­tes Kon­zept wohl­weiß­lich auf sol­che Kon­flik­te abzielt, die sich in einem so win­zi­gen räum­li­chen, aber doch groß­zü­gi­gen zeit­li­chen Rah­men her­vor­ra­gend erzeu­gen las­sen.

Gleich ob es sich um Dif­fe­ren­zen der Ästhe­tik oder der Inter­pre­ta­ti­on han­delt, wird die­se Span­nung jedoch nicht nur erzeugt, son­dern in gleich­be­rech­tig­ter Wür­di­gung ihrer Kom­po­nen­ten gemäß Hegel­scher Dia­lek­tik auf­ge­löst. Die Aus­ein­an­der­set­zung mit Bayr­les Schaf­fen ist daher weder eine Hul­di­gung noch eine Abrech­nung, son­dern ein viel­fäl­ti­ger Dis­kurs, der nicht etwa nur ernst sein muss, son­dern stre­cken­wei­se auch viel Humor und gegen­sei­ti­ge Begeis­te­rung zulässt. Im kura­tier­ten Kunst­la­bor wird die gemein­sa­me – das heißt: durch Künst­ler, Kura­to­ren und Besu­cher vor­an­ge­trie­be­ne – Wei­ter­ent­wick­lung einer zen­tra­len Idee ange­strebt. Tho­mas Bayr­les düs­te­rer Moto­ren­bom­bast, so lernt man hier, kann auch sanft und ver­spielt sein. Und sei­ne Stra­te­gie der uner­müd­li­chen Ver­zer­rung kann auch unvor­her­ge­se­hen amü­san­te und nai­ve Ergeb­nis­se lie­fern. Die aus die­sem Dis­kurs gewon­ne­ne Ein­sicht scha­det dem Werk Tho­mas Bayr­les gewiss nicht, im Gegen­teil, sie offen­bart Per­spek­ti­ven, die es berei­chern. Mit­un­ter wird manch einer nun über Bayr­les schrul­lig-tech­no­iden Spi­ri­tua­lis­mus auch ein­fach nur beherzt lachen. Schön wäre es ja.

Daniel Kohl

Dani­el Kohl