I’m too sad to tell you

22. August 2013 von Matthias Planitzer
Zum Abschied: Klosterfelde gibt tieferen Einblick in das Werk Bas Jan Aders
Bas Jan Ader: "Study for I'm too sad to tell you" (1971); Foto: courtesy Klosterfelde

Bas Jan Ader: »Stu­dy for I’m too sad to tell you« (1971); Foto: cour­te­sy Klos­ter­fel­de

Erst kamen die Frank­fur­ter in den Genuss sei­ner Kunst, dann wur­den sei­ne Arbei­ten in Ham­burg gezeigt: Nun wid­me­te sich auch Mar­tin Klos­ter­fel­de dem Nie­der­län­der Bas Jan Ader, der nach sei­nem frü­hen Tod 1975 lan­ge ver­ges­sen und dann in den Neun­zi­gern als heroi­sche Künst­ler­fi­gur wie­der ent­deckt wur­de, um seit­dem glei­cher­ma­ßen von Künst­lern und Kura­to­ren immer wie­der neu inter­pre­tiert zu wer­den. Zumeist wird in die­sem Zusam­men­hang eine Hand­voll Video-Per­for­man­ces aus dem ohne­hin schon über­schau­ba­ren Lebens­werk Aders rezi­piert – so wie kürz­lich in der Ham­bur­ger Kunst­hal­le –; gele­gent­lich wid­men sich Aus­stel­lun­gen aber auch den weni­ger bekann­ten Foto­gra­fi­en und Stu­di­en. So konn­te die Schirn in der ers­ten Jah­res­hälf­te für ihre »Letz­ten Bil­der« das eben sol­che Aders gewin­nen und auch Mar­tin Klos­ter­fel­de zeig­te vor dem über­ra­schen­den Aus sei­ner Gale­rie in einer Abschieds­aus­stel­lung Arbei­ten des Nie­der­län­ders, die man nur aus­ge­spro­chen sel­ten zu Gesicht bekommt.

Doch auch in Ber­lin konn­te man auf sein wohl iko­nischs­tes Werk, das Selbst­por­trät »I’m too sad to tell you« (1971), nicht ver­zich­ten. Aus­ge­stellt wur­den eini­ge foto­gra­fi­sche Stu­di­en für die gleich­na­mi­ge Video­ar­beit, die einen wei­nen­den, heu­len­den und schluch­zen­den Künst­ler auf zei­gen. Frei­lich ton­los. Der Grund für die Trau­er sei wohl zwar nur engs­ten Freun­den bekannt gewe­sen, aber es gab wohl einen. Bemer­kens­wert sind die bei Klos­ter­fel­de aus­ge­stell­ten Foto­gra­fi­en jedoch, weil sie im Gegen­satz zum Film die Trau­er zwar eben­so gut dar­stel­len, doch als Moment­auf­nah­me die teils hef­ti­gen empa­thi­schen Reak­tio­nen auf die Video­ar­beit nicht repro­du­zie­ren, statt­des­sen – eben als Stu­die – den ana­ly­ti­schen Blick auf die Per­son des Künst­lers her­vor­he­ben. Einer­seits nimmt man die von Ader geschil­der­ten immensen Schwie­rig­kei­ten, die­se Gefüh­le zu repro­du­zie­ren, wahr, ande­rer­seits offen­ba­ren sie einen zer­brech­li­chen Cha­rak­ter, der immer wie­der solch melan­cho­li­sche Wer­ke pro­du­zier­te (»Thoughts unsaid, then for­got­ten«, 1973). Bei Klos­ter­fel­de sind die Foto­gra­fi­en jedoch so gehan­gen, daß sie beim Betre­ten der Aus­stel­lung Bas Jan Ader als jenen emo­tio­na­len Künst­ler vor­stel­len, des­sen gefüh­li­ge Art auf die eine oder ande­re Wei­se in sei­nem gesam­ten Werk sicht­bar ist.

Bas Jan Ader: "Broken Fall (Organic)", 1971; Foto: courtesy Klosterfelde

Bas Jan Ader: »Bro­ken Fall (Orga­nic)«, 1971; Foto: cour­te­sy Klos­ter­fel­de

So wur­den auch zwei der eben­so bekann­ten Video­ar­bei­ten des 1942 gebo­re­nen Nie­der­län­ders aus­ge­stellt, erzäh­len sie doch viel über den Cha­rak­ter von Kunst und Künst­ler. In »Bro­ken Fall (Orga­nic)« (1971) hängt Ader an dem Ast eines Bau­mes, erst regungs­los, dann sich etwas schüt­telnd, bald in die Luft sto­ßend und dann wie­der ruhig bau­melnd. Doch mit einem Mal lässt er los und fällt eini­ge Meter tief in einen klei­nen Bach. Das Video beginnt von vorn. »Fall 2, Ams­ter­dam« aus dem Vor­jahr zeigt eine ähn­li­che Sze­ne; hier stürzt er jedoch kopf­über mit sei­nem Fahr­rad in eine Gracht, um es in Dau­er­schlei­fe gleich erneut zu ver­su­chen. Man mag die­sen Per­for­man­ces faden Clown­s­hu­mor unter­stel­len, wird damit aber Aders Kunst nicht gerecht. Denn was spä­ter als Gra­vi­ty Art Kar­rie­re mach­te, hat weder mit Komik noch Tra­gik zu tun, auch nicht mit dem Fal­len, aber schon etwas mehr mit dem Fal­len las­sen.

In einer Zeit, als Per­for­mance­künststler teils her­risch, teils gewalt­voll die Macht ihrer Kunst aber auch des Künst­lers aus­lo­te­ten, als Chris Bur­den sich anschie­ßen ließ (»Shoot«, 1971) und Yoko Ono und John Len­non einer jun­gen Frau nach­stell­ten und mit ihrer Kame­ra ver­folg­ten (»Rape«, 1969), hat­te Bas Jan Ader nichts ande­res als den Kon­troll­ver­lust im Sinn. Was sei­ne Zeit­ge­nos­sen als Anti­the­se zum Furor der jun­gen, wil­den Per­for­mance ver­stan­den, war stets die Suche nach dem unend­lich klei­nen Moment, in dem das »let­ting go«, wie Ader es aus­drück­te, den Kör­per des Künst­lers der Natur­ge­walt aus­setz­te. »Fal­ling« und »fai­ling« wur­den bald zu einem wich­ti­gen Begriffs­paar, das aller­dings ver­mut­lich nicht auf Ader, son­dern sei­ne Kri­ti­ker zurück­geht. Denn eigent­lich war der zen­tra­le Punkt sei­ner Per­for­man­ces nicht das Fal­len, das nur eine natür­lich Kon­se­quenz sei­nes Han­delns dar­stell­te, son­dern die Ent­schei­dung zu die­ser Selbst­auf­ga­be und die Kon­fron­ta­ti­on mit den über­mäch­ti­gen Natur­ge­set­zen. Allein die­ses Equi­li­bri­um zeich­net die Per­for­mance­kunst Aders aus, in dem der Künst­ler wie Don Qui­xo­te vor die Wind­müh­len zieht und sich sei­nem Schick­sal unter­wirft.

Bas Jan Ader: "In search of the miraculous (One night in L.A.)", 1973; Foto: courtesy Klosterfelde

Bas Jan Ader: »In search of the mira­cu­lous (One night in L.A.)«, 1973; Foto: cour­te­sy Klos­ter­fel­de

Vor die­sem Hin­ter­grund offen­bart sich aber erst auf den zwei­ten Blick, wie sich Bas Jan Aders letz­te und bekann­tes­te, wenn auch unvoll­ende­te Arbeit in sein Gesamt­werk ein­fügt. Die umfang­rei­che Foto­se­rie »In search of the mira­cu­lous (One night in L.A.)«, datiert auf 1973 und ers­ter Teil eines Tri­pty­chons, ver­sam­melt nächt­li­che Kulis­sen der kali­for­ni­schen Metro­po­le – dar­un­ter: den High­way, Brü­cken, Waren­häu­ser, Gara­gen –, die, vom schwa­chen Later­nen­licht beleuch­tet, oft nur sche­men­haft die Anwe­sen­heit des Künst­lers zei­gen. Die Foto­gra­fi­en sind in eine Erzäh­lung ein­ge­bet­tet, die den Taschen­lam­pen schwen­ken­den Ader von den Hol­ly­wood Hills bis an den pazi­fi­schen Strand ver­folgt, wo er sei­ne Suche vor­erst been­det, das Licht löscht und vor der schwach fun­keln­den Sky­line inne­hält. Die bei Klos­ter­fel­de aus­ge­stell­ten Abzü­ge tra­gen jedoch nicht die erhel­len­de Beschrif­tung ande­rer Exem­pla­re, die ein Lied der Coas­ters zitie­ren: »Yeah, I’ve been sear­chin‹« – »Oh yeah, sear­chin‹« – »Sear­chin‹ every which way« usw. Die­ses Man­tra ist auf den hier aus­ge­stell­ten Foto­gra­fi­en, die expli­zit als Stu­di­en gekenn­zeich­net sind, nicht zu fin­den; ver­mut­lich wur­de es erst nach­träg­lich hin­zu­ge­fügt (was das Ber­li­ner Publi­kum um einen will­fäh­ri­gen Ver­gleich mit Cyprien Gail­lards baby­lo­ni­schem »Arte­facts« brach­te). Doch auch ohne die­se Lied­zei­len erkennt man allein in der Anord­nung der Foto­gra­fi­en und in jedem Fal­le unter Zuhil­fe­nah­me des Werk­ti­tels eine Suche, in der die aus­drucks­vol­le Poe­sie sei­ner Video-Per­for­mance immer­hin andeu­tungs­wei­se nach­schwingt.

Der zwei­te Teil des Tri­pty­chons, das in sei­nem gesam­ten Umfang auf den Titel »In search of the mira­cu­lous« (1973–1975) ver­kürzt wur­de, sah eine Schiffs­rei­se von Cape Cod in Mas­sa­chus­sets nach Gro­enin­gen vor. Bas Jan Ader war als Jüng­ling in einer über­stürz­ten Akti­on in die Ver­ei­nig­ten Staa­ten emi­griert, nach­dem er in Marok­ko auf einem Schiff anheu­er­te und nur mit einem klei­nen Gepäck­bün­del über­setz­te. Sei­ne fol­gen­de Kar­rie­re als Künst­ler und spä­ter auch als Pro­fes­sor an der Kunst­hoch­schu­le Kali­for­ni­en war zwar in Über­see von einem gewis­sen Erfolg gekrönt, der ihm Aus­stel­lun­gen und Beach­tung ein­brach­te, doch in den Nie­der­lan­den wur­den sei­ne Arbei­ten wenn über­haupt nur abschät­zig auf­ge­nom­men. »In search of the mira­cu­lous« war ein wei­te­rer Ver­such des mitt­ler­wei­le frus­trier­ten Ader, auch in sei­ner Hei­mat end­lich als Künst­ler Fuß zu fas­sen. Dazu leg­te er an der ame­ri­ka­ni­schen Atlan­tik­küs­te in einer klei­nen Jol­le ab, so klein, daß Ader der ers­te sein wür­de, der in einem solch win­zi­gen Boot die­se Rei­se auf sich näh­me. Doch nach­dem bald der Funk­kon­takt abbrach und sein Schiff vie­le Wochen spä­ter kiel­oben vor der iri­schen Küs­te gefun­den wur­de, blieb auch Bas Jan Ader auf hoher See ver­schol­len. Nicht zuletzt in Gro­enin­gen, wo ihn bereits ein Chor erwar­te­te, wur­de sein Ver­schwin­den als bewuss­te Insze­nie­rung gedeu­tet, die, so hieß es, sei­nem roman­ti­schen Hel­den­tum ent­spro­chen hät­te. Obgleich ein Unfall sicher scheint, wur­de sein Tod seit­her als mys­ti­sches Opus Magnum eines fal­ling und fai­ling Künst­lers ver­stan­den – eine mor­bi­de Les­art, von der sich auch die Ham­bur­ger Aus­stel­lung nicht ent­le­di­gen konn­te. In Ber­lin ließ man sich auf sol­che Spe­ku­la­tio­nen nicht ein, zeig­te statt­des­sen lie­ber den ers­ten der drei Werk­tei­le und deu­te­te das tra­gi­sche Schick­sal Aders gar nicht erst an.

Damit wird zwar die übli­che Rezep­ti­on des Bas Jan Ader über­gan­gen, der als stil­ler Heroe das Schei­tern vor den Natur­ge­wal­ten zu sei­ner Mis­si­on mach­te, um schließ­lich von ihnen ver­schlun­gen zu wer­den; doch gelingt so auch ein genaue­rer Blick auf die Stu­di­en, die sei­nen Wer­ken vor­aus­gin­gen. Mar­tin Klos­ter­fel­de begeht in die­ser Hin­sicht sei­nen Abschied als Gale­rist auch mit einer klei­nen Hom­mage an einen lan­ge ver­ges­se­nen Künst­ler, des­sen Lebens­werk zu unrecht auf einen klei­nen Kanon der Gra­vi­ty Art beschränkt wur­de.

Ausstellungsansicht "In search of the Miraculous; Foto: courtesy Klosterfelde

Aus­stel­lungs­an­sicht »In search of the Mira­cu­lous; Foto: cour­te­sy Klos­ter­fel­de