Nach dem Sturm: Ein Künstlerdorf auf dem Weg zurück in die Normalität

30. Mai 2013 von Matthias Planitzer
Hurrican Sandy verwüstete die Rockaways. Anwohner und MoMA bauen es wieder auf.

Bedrü­cken­de Stil­le hängt an jenem Sams­tag­mor­gen in der regen­schwe­ren Luft, als eine deut­sche Pres­se­de­le­ga­ti­on den lan­gen Weg durch das immer glei­che Häu­ser­meer Queens‹ zum ent­le­gens­ten Zip­fel des New Yor­ker Stadt­ge­biets, den Rocka­ways bestrei­tet. An Bord befin­den sich Ver­tre­ter aller wich­ti­gen Kul­tur­re­dak­tio­nen; ihre Regen­ja­cken hoch zuge­zo­gen, ihre Regen­schir­me griff­be­reit, bli­cken sie aus den Fens­tern des Bus­ses, suchen die Gegend nach Spu­ren ab, bis das Fahr­zeug hält, end­lich da, alle aus­stei­gen. Auf einem Park­platz im Zen­trum von Rocka­way Beach, umge­ben von unschein­ba­ren Ein­fa­mi­li­en­häu­sern, ver­sam­meln sie sich vor dem VW Dome, einem wei­ßen, geo­dä­ti­schen Zelt, des­sen Dimen­sio­nen eher denen eines klei­nen Gebäu­des ent­spre­chen. Es erin­nert an jene Zel­te, die auf Expe­di­tio­nen in unwirt­li­che Gegen­den Anwen­dung fin­den. Sturm­si­cher, regen­fest. In die­sem Teil der Mil­lio­nen­me­tro­po­le ist die Ana­lo­gie jedoch nicht unbe­grün­det. Schließ­lich liegt der Atlan­tik nur weni­ge Meter ent­fernt, jene stür­mi­sche See, von der aus im ver­gan­ge­nen Herbst der Wir­bel­sturm San­dy die Küs­te erfass­te, über die Halb­in­sel zog, sie ver­wüs­tet, zer­stört und über­schwemmt zurück­ließ.

Der zwei­hun­dert Meter brei­te Sand­strand, die Strand­pro­me­na­de sowie die ers­te Häu­ser­rei­he sind seit­dem schlicht ver­schwun­den. Ledig­lich die ero­dier­ten Beton­fun­da­men­te des einst herr­schaft­li­chen Boh­len­we­ges ragen wie ein Boll­werk gegen die Urkräf­te aus den küm­mer­li­chen Dünen­res­ten her­vor. Ihr höl­zer­ner und stei­ner­ner Auf­bau: weg­ge­spült, ins Lan­des­in­ne­re sowie in die dahin­ter gele­ge­ne Jamai­ca Bay getra­gen.

Klaus Biesenbach führt die Besucher an die Rest der Uferpromenade, vor der sich einst 200m Sandstrand erstreckten.

Klaus Biesen­bach führt die Besu­cher an die Rest der Ufer­pro­me­na­de, vor der sich einst 200m Sand­strand erstreck­ten.

Heu­te führt Klaus Biesen­bach eine Jour­na­lis­ten­grup­pe durch die Künst­ler­sied­lung, in der die Schä­den immer noch nicht voll­stän­dig beho­ben sind, aber bereits eine bedrü­cken­de Nor­ma­li­tät ein­ge­kehrt ist. Biesen­bach, der hier ein Häus­chen besitzt, gehör­te zu den Hel­fern der ers­ten Stun­de, die fort­an die Auf­räum­ar­bei­ten unter­stütz­ten, aber auch ganz prag­ma­ti­sche Hil­fe anbo­ten: In Bus­la­dun­gen fuh­ren sie nach Rocka­way Beach, pump­ten Häu­ser aus, stell­ten Die­sel­ge­ne­ra­to­ren auf, ver­teil­ten Lebens­mit­tel. Selbst die die ame­ri­ka­ni­sche Pro­mi­nenz um Madon­na und Lady Gaga pack­te mit an. Ein selbst­ver­ständ­li­cher Nach­bar­schafts­dienst. Spä­ter betei­lig­ten sich auch das MoMA PS1 und Volks­wa­gen an den Hilfs­leis­tun­gen. So ent­stand im Man­gel öffent­li­cher Räu­me für der für die Anwoh­ner frei nutz­ba­re VW Dome, wo Dis­kus­sio­nen und Vor­trä­ge gehal­ten wer­den, aber auch Yoga-Klas­sen und Ver­ei­ne Unter­schlupf fin­den.

In dem zurück­ge­zo­ge­nen Ört­chen exis­tiert eine beson­de­re sozia­le Mischung. Biesen­bach nennt es das Detroit in New York City, ein von der Stadt geschaf­fe­nes Ghet­to, in das die Alten und Armen, die Behin­der­ten und Asy­lan­ten ver­bracht wur­den. Er ver­gleicht das Milieu aber auch mit der Lower East Side der 70er Jah­re, wo sich eben­so wie in Rocka­way Beach vie­le Künst­ler ansie­del­ten. Nach­dem die Sur­fer die her­vor­ra­gen­den Wel­len für sich ent­deck­ten, kamen all jene, die in der Groß­stadt die Ruhe eines klei­nen Strand­ba­des such­ten. Ange­zo­gen von dem beson­de­ren, sanf­ten Licht, in das die­se Halb­in­sel wegen der bei­den Gewäs­ser zu ihrer bei­den Sei­ten ein­ge­taucht ist, sie­del­ten sich auch bald die Krea­ti­ven der Stadt an, mie­te­ten eine Woh­nung oder kauf­ten sich ein Häus­chen. Pat­ti Smith wohnt hier, Andrew Van­Wyn­gar­den ließ sich nie­der und auch R.E.M.-Sänger Micha­el Sti­pe trifft man regel­mä­ßig auf den Stra­ßen von Rocka­way Beach. Das vor­mals ver­schla­fe­ne Vier­tel erleb­te einen beschei­de­nen Boom, vie­le Loka­le, Restau­rants und Geschäf­te rich­te­ten Depen­dan­cen ein. Das New York Maga­zi­ne nann­te es schon 2011 das »Wil­liams­burg in the Rocka­ways« – in den Som­mer­mo­na­ten wur­de sogar ein Shut­tle-Bus ein­ge­rich­tet, der die bei­den Stadt­tei­le mit­ein­an­der ver­band. Rocka­way Beach war eine Geheim­adres­se in einer Stadt, deren sozia­len und bau­li­chen Struk­tu­ren als fest­ge­fah­ren gel­ten. Nach­dem jedoch Hur­ri­can San­dy über die pro­spe­rie­ren­de Küs­ten­sied­lung hin­weg­feg­te und wei­te Tei­le unbe­wohn­bar mach­te, war all das ver­lo­ren.

Die erste Häuserreihe ist verschwunden, nur dieser Strommast widerstand der Sturmflut.

Die ers­te Häu­ser­rei­he ist ver­schwun­den, nur die­ser Strom­mast wider­stand der Sturm­flut.

Die Kata­stro­phen­sta­tis­tik lie­fert die nüch­ter­nen Zah­len, die den trost­lo­sen Ein­druck von Rocka­way Beach nur ratio­na­li­sie­ren kön­nen: Tau­sen­de Häu­ser wur­den über­schwemmt, hun­der­te so stark zer­stört, daß sie unbe­wohn­bar wur­den. Die ers­te Häu­ser­rei­he wur­de von den Flu­ten fast voll­stän­dig abge­tra­gen. Im benach­bar­ten Bre­e­ze Point ver­schlang ein Flä­chen­brand 111 der eng ste­hen­den Ein­fa­mi­li­en­häu­ser, hin­ter­ließ zwan­zig wei­te­re schwer beschä­digt. Die zur Hil­fe geeil­ten Ein­satz­kräf­te konn­ten oft­mals wegen des in den Stra­ßen hoch ste­hen­den Was­sers nicht bis zu den Brän­den vor­drin­gen. In einem wei­te­ren Groß­brand ging ein gan­zes Gewer­be­ge­biet unter. Auf der gesam­ten Halb­in­sel Long Island wur­den 100.000 Häu­ser zer­stört und wei­te­re 2.000 Häu­ser als unbe­wohn­bar ein­ge­stuft.

Nach­dem der Sturm wei­ter ins Lan­des­in­ne­re vor­drang und die Schä­den sicht­bar wur­den, kämpf­te der Ort in sechs Tagen ohne Strom und vie­len wei­te­ren ohne Was­ser­ver­sor­gung gegen die Schä­den an. Ein Tria­ge-Sys­tem wur­de instal­liert: Häu­ser mit grü­nen Schil­dern gal­ten als bewohn­bar, gel­be Schil­der wie­sen auf schwer­wie­gen­de Schä­den hin, rote Schil­der mar­kier­ten die zum Abriss bestimm­ten Über­res­te. Nach­dem ein­ge­schwemm­te Boo­te und die sper­ri­gen Res­te der Strand­pro­me­na­de besei­tigt wur­den, ging man gegen den vie­len Sand an, der noch in den Stra­ßen lag. »Rie­si­ge Sand­hau­fen wie Schnee­we­hen wur­den abge­tra­gen«, erin­nert sich Biesen­bach. Bald bemerk­ten die Hel­fer, daß der größ­te Scha­den noch unent­deckt geblie­ben war. Auch nach dem Abpum­pen der Kel­ler, waren fak­tisch alle betrof­fe­nen Ein­fa­mi­li­en­häu­ser von Feuch­tig­keit und Schim­mel so weit bedroht, daß not­mä­ßig und oft­mals auch not­dürf­ti­ge Maß­nah­men erfor­der­lich wur­den, damit nicht gan­ze gelb bewim­pel­te Blocks in rot beschil­der­te über­führt wer­den müss­ten.

Die loka­le und natio­na­le Kul­tur­pres­se, wie auch das Gros der Öffent­lich­keit beach­te­ten das Schick­sal der Künst­ler­sied­lung jedoch nur kaum. Der eben­falls über­flu­te­te, aber weit­aus weni­ger zer­stör­te Gale­ri­en-Stadt­teil Chel­sea war dank groß­zü­gi­ger Spen­den und Bene­fiz­ver­an­stal­tun­gen aus der Mit­te sei­ner Gesell­schaft nach eini­gen Wochen wie­der im All­tag ange­langt, als in Rocka­way Beach das Gesamt­aus­maß der Zer­stö­rung noch nicht ein­mal abge­schätzt wer­den konn­te. In Rocka­way, wo zwar vie­le Künst­ler woh­nen, aber kei­ne finanz­kräf­ti­ge Bevöl­ke­rungs- und Gewer­be­struk­tur exis­tiert, wo die städ­ti­schen und staat­li­chen Auf­bau­hil­fen bald zu kurz grif­fen, waren die Anwoh­ner auf sich allein gestellt. Eben­so wie in Chel­sea ver­wei­ger­ten vie­le Ver­si­che­run­gen die Beglei­chung der Flut­schä­den; denn die meis­ten Ein­woh­ner waren zwar gegen Sturm, aber eben nicht gegen Über­schwem­mung ver­si­chert. Zu allem Über­druss for­der­ten sie die Bewoh­ner von Rocka­way Beach auf, ihre Gebäu­de um 150 Zen­ti­me­ter anzu­he­ben – zusätz­li­che Kos­ten, die nach der Kata­stro­phe hier kei­ner stem­men konn­te.

Auch mit der Hil­fe eines vom MoMA initi­ier­ten Hilfs­fonds konn­ten die Ein­woh­ner und Hel­fer bis heu­te, mehr als ein hal­bes Jahr nach der Sturm­flut, vie­le Schä­den im Stra­ßen­bild von Rocka­way Beach behe­ben. Doch es liegt noch viel Arbeit vor ihnen. Wie lan­ge es noch dau­ern wird, bis wie­der Nor­ma­li­tät ein­kehrt, ist indes unge­wiss. Denn bereits zwei Mona­te nach Hur­ri­can San­dy kamen kei­ne Frei­wil­li­gen mehr. Die größ­ten Sor­ge der Anwoh­ner sei nun, so Biesen­bach, »daß bald die Auf­merk­sam­keit ganz abebbt«.