Mit einer mannsgroßen Camera obscura in Südtirol unterwegs

28. Juni 2013 von Matthias Planitzer
Über Bilder, die sich selbst malen, und anspruchsvolle Fototechnik: ein Tag als Assistent von Christian Martinelli.

Schon so manch ein Wan­de­rer ist auf sei­nen stil­len Pfa­den durch Wald und Flur, Gebir­ge und Geröll son­der­ba­ren Din­gen begeg­net, die sich ganz sei­ner Urteils­kraft ent­zo­gen. Mit ein wenig Glück kann man auch in den Ber­gen Süd­ti­rols einen merk­wür­di­gen Fremd­kör­per fast mono­li­thi­scher Erha­ben­heit ent­de­cken, rings­um eigen­tüm­li­che Ereig­nis­se, ver­däch­ti­ge Vor­gän­ge beob­ach­ten, ja –, ja wenn man eben ein wenig Glück hat. Denn die­ser manns­ho­he, wür­fel­för­mi­ge Find­ling, von dem hier die Rede ist, weiß sich gut zu tar­nen: All­sei­tig ver­spie­gelt wird er eins mit der Land­schaft, fügt sich spie­lend in jede Sze­ne­rie ein, schirmt sich auf die­se Wei­se aber auch kaum erkennt­lich von sei­ner Umwelt ab. Ledig­lich die klei­nen Ver­zer­run­gen, die das sonst so per­fek­te Mimi­kry an sei­nen Kan­ten und Ober­flä­chen in gerin­ge, aber doch sicht­ba­re Tur­bu­len­zen stür­zen, kön­nen einen lei­sen Hin­weis dar­auf geben, daß dar­in etwas sein muss, das lie­ber im Gehei­men ver­bor­gen bleibt.

Eine genaue­re Unter­su­chung wird schnell erge­ben, daß aus dem Inne­ren des per­fek­ten Kubus nicht nur lei­se Geräu­sche drin­gen, son­dern auch, daß an einer sei­ner Sei­ten eine Lin­se ange­bracht ist. Wer sich nun aber zu sehr nähert und einen Blick in das dunk­le Glas wagt, wird sogleich den Zorn des Kubus auf sich zie­hen, oder viel eher, der Leu­te, die sich in ihm ver­ste­cken. Denn der Spie­gel­wür­fel ist eine Came­ra obscu­ra in Über­grö­ße, sei­ne Insas­sen Foto­gra­fen, die hier wie Natur­be­ob­ach­ter im Gehei­men ope­rie­ren.

Andrea Piz­z­i­ni und Chris­ti­an Mar­ti­nel­li haben den Koloss allein zu dem Zweck erdacht und erbaut, lebens­gro­ße Foto­gra­fi­en – ein mal ein Meter groß – ohne den Ein­satz übli­cher Ver­grö­ße­rungs­me­tho­den zu erstel­len. Jedes Abbild soll­te ein Uni­kat sein, ein unver­fälsch­ter, ein­ma­li­ger Ein­druck der Natur. Ganz so, wie es der alte Traum der Foto­gra­fie war: als unbe­stech­li­cher Beob­ach­ter die Welt fest im Blick haben, dazu mit­hil­fe der Appa­ra­tur eine unüber­wind­ba­re Schei­de­wand zu errich­ten, die gleich­zei­tig unmit­tel­ba­re Nähe und größ­te Distanz ermög­licht. Ihr Kubus soll­te die­sen Traum erfül­len, soll­te als mobi­les Instru­ment in ganz Euro­pa Land­schaf­ten und Städ­te glei­cher­ma­ßen im Bild ban­nen. Unter dem Namen »Cubest­ories« berei­sen sie seit 2010 ihre Hei­mat Süd­ti­rol und von dort aus den Kon­ti­nent, um mit ihren Bil­dern Geschich­ten von Orten und Men­schen zu erzäh­len, die bald ver­schwin­den wer­den. So doku­men­tie­ren sie Glet­scher, Gebirgs­se­en und Geis­ter­städ­te und kon­ser­vie­ren sie für die Nach­welt.

Als Kubus und Fotos im ver­gan­ge­nen Jahr nach Ber­lin kamen, um auch das Tem­pel­ho­fer Feld fest­zu­hal­ten und die bis­he­ri­gen Ergeb­nis­se in der Gale­rie Son aus­zu­stel­len, wur­de ich auf das Pro­jekt auf­merk­sam. Piz­z­i­ni war da bereits mit ande­ren Pro­jek­ten in Rot­ter­dam gebun­den, sodaß Mar­ti­nel­li mit­hil­fe eines Assis­ten­ten fort­fuhr. Nach­dem wir in Kon­takt kamen und er mir von Kame­ra und Idee erzähl­te, fass­ten wir den Ent­schluss, daß ich ihn ihm fol­gen­den Som­mer in Süd­ti­rol besu­chen wür­de, um ihn als sein Gast und lern­eif­ri­ger Assis­tent in den Dolo­mi­ten zu beglei­ten und mit dem Kubus zu arbei­ten.

Die Langkofelgruppe, vom Sellajoch aus gesehen, mit drei der sieben Gipfel, v.r.n.l.: Grohmannspitze (3126m), Fünffingerspitze (2996m) und Langkofeleck (3081m)

Die Lang­kofel­grup­pe, vom Sel­la­joch aus gese­hen, mit drei der sie­ben Gip­fel, v.r.n.l.: Groh­manns­pit­ze (3126m), Fünf­fin­ger­spit­ze (2996m) und Lang­kofeleck (3081m)

Der Wecker riss mich an jenem Mor­gen frü­her als gewohnt aus dem Schlaf. Es war sechs Uhr drei­ßig, höchs­te Zeit auf­zu­ste­hen und nach einer Kat­zen­wä­sche noch ein­mal den Inhalt des Ruck­sacks zu prü­fen. Ehe es dazu noch kam, klin­gelt es auch schon. Mar­ti­nel­li stand vor der Türe. Es galt, kei­ne Zeit zu ver­lie­ren, denn der Tag war noch frisch, die Luft lau, das Licht lind. Mar­ti­nel­li bat mich auf die Bei­fah­rer­sei­te sei­nes Kom­bis; es war eng und beklem­mend, denn von hin­ten stemm­ten die schwe­ren Ein­zel­tei­le des Kubus, all die dazu­ge­hö­ri­gen Appa­ra­tu­ren und das vie­le Werk­zeu­ge gegen den Sitz. So fuh­ren wir dann auch bald los, ver­lie­ßen St. Ulrich und steu­er­ten auf das Sel­la­joch zu, so grad­li­nig man eben den ver­schlun­ge­nen Ser­pen­ti­nen bis hin­auf zu die­sem Hoch­ge­birgs­pass fol­gen kann. Dort oben, so viel ver­riet mir mein fest ent­schlos­se­ner Gefähr­te, wür­de uns ein ganz beson­de­res Alpen­mo­tiv erwar­ten, das er nicht nur aus sei­ner Zeit als Berg­stei­ger, son­dern – selbst­ver­ständ­lich – auch als gebür­ti­ger Süd­ti­ro­ler genau­es­tens ken­ne. Ich sol­le nur abwar­ten, dann wür­de ich schon sehen, daß sich all das gelohnt habe. Denn an jenem som­mer­li­chen Tag war ich Mar­ti­nel­lis rech­te Hand, sein Assis­tent, der ihm nicht nur beim Auf­bau des wider­spens­ti­gen Kubus hel­fen, son­dern spä­ter auch mit augu­ri­schem Weit­blick über den Him­mel wachen soll­te, wäh­rend er den Appa­rat aus sei­nem Inners­ten her­aus steu­ern wür­de.

So kurv­ten wir also die Hän­ge des gewun­de­nen Gröd­ner­tals ent­lang, pas­sier­ten Wild­was­ser­bä­che und Nadel­wäl­der, geröll­ge­säum­te Fels­wän­de und hie und da mäch­ti­ge Alt­eis­fel­der, die selbst die ste­chen­de Höhen­son­ne ver­geb­lich abzu­schmel­zen such­te. Der aus Meran stam­men­de Mar­ti­nel­li schenkt alle­dem kaum Auf­merk­sam­keit, wäh­rend mei­ne stau­nen­den Bli­cke da bereits so fest an das Fens­ter gehef­tet waren, daß es auch für mei­nen wach­sam allen Hin­der­nis­sen aus­wei­chen­den Sozi­us offen­sicht­lich war, daß er es mit einem Flach­län­der zu tun hat­te, der die beschei­de­nen Hügel sei­ner Hei­mat Kreuz­berg und Schö­ne­berg nann­te. So wäre es mir fast ent­gan­gen, daß sich vor uns lang­sam das Pan­ora­ma lich­te­te, wäh­rend das Tal wei­ter in die Fer­ne rück­te und der Hori­zont vor uns zum Still­stand kam. Wer wie wir aus Süd­ti­rol kom­mend dem sich lang­sam auf­rich­ten­den Pass folgt, wird an die­ser Stel­le zu sei­ner Lin­ken vom mäch­ti­gen Sell­a­mas­siv mit sei­nem bis zu 3151m auf­ra­gen­den Piz Boè und dem zer­klüf­te­ten Lang­kofel zu sei­ner Rech­ten flan­kiert. Nun hat­ten wir den Kamm des Sel­la­jochs erreicht, doch die letz­ten Meter, so insis­tier­te mein Beglei­ter, muss­ten wir schon zu Fuß gehen.

Denn hin­ter dem Grat erwar­te­te uns ein Aus­blick, der alles, was zuvor an mei­nem Fens­ter vor­bei­rausch­te, spie­lend in den Schat­ten stell­te. Hier, auf 2240 Meter über dem Mee­res­spie­gel, führt das Sel­la­joch aus dem Süd­ti­ro­ler Gröd­ner­tal hin­über ins Tren­ti­no: Wer den anstren­gen­den Weg bis auf die Höhe des Pas­ses auf sich nimmt, wird mit einem wei­ten Blick über das Fas­sa­tal und sei­nen dolo­mi­ti­schen Gebirgs­for­ma­tio­nen belohnt: Hier erhe­ben sich das Col Rodel­la sowie, wei­ter im Süd­os­ten, auf vol­ler Brei­te die Mar­mo­la­ta, deren Glet­scher den Wan­de­rer bei gutem Wet­ter bereits aus der Fer­ne wie ein fun­keln­des Juwel begrü­ßen. Der Alpen­pass trägt vie­le Namen: »Sel­la­joch« (deutsch), »Pas­so Sel­la« (ita­lie­nisch), sowie in den hie­si­gen Volks­spra­chen »Jëuf de Sel­la« (gröd­ne­risch-ladi­nisch) und »Jouf de Sela« (fas­sa­nisch-ladi­nisch). Auf dem Sel­la­joch eröff­net sich vom Nor­den her erst­mals der Blick auf das Kern­ge­biet der Dolo­mi­ten, deren cha­rak­te­ris­ti­schen gräu­lich-apri­cot­far­be­nen Kalk­for­ma­tio­nen im Son­nen­schein weit­hin sicht­bar matt fun­keln, die gesam­te Land­schaft in ein magi­sches Licht tau­chen. Der Aus­blick hät­te herr­li­cher nicht sein kön­nen; da ver­gisst man schnell, daß es trotz des strah­len­den Son­nen­scheins sehr kalt sein kann.

Nach­dem wir den Aus­blick aus­gie­big genos­sen hat­ten, wand­ten wir uns jedoch zurück, dem Lang­kofel zu. Des­sen steil abfal­len­de Süd­wand flan­kiert hier das Sel­la­joch, von wo aus wir ein Stück zurück­fuh­ren, um schließ­lich den Kubus auf einer Alm vor dem bizarr anmu­ten­den Ensem­ble aus drei der sie­ben zackig auf­ra­gen­den Gip­fel – der Groh­manns­pit­ze, Füf­fin­ger­spit­ze und Lang­kofeleck – zu posi­tio­nie­ren. Hier, am Fuße des dolo­mi­ti­schen Gesteins­ko­los­ses, hielt bis­her jeder Wan­de­rer inne, um sei­ne Bli­cke mehr als neun­hun­dert wei­te­re Meter bis auf eine Gesamt­hö­he von 3181 Metern ehr­fürch­tig empor klet­tern zu las­sen. Sei­ne zer­klüf­te­te Steil­wand erscheint porös und brü­chig, als kön­ne jeden Moment ein gro­ßer Bro­cken des pas­tell­far­be­nen Gesteins abbre­chen und auf sei­nem Weg zum Tal Boden und Bäu­me mit­rei­ßen. So ertappt man sich dabei, die Fels­wand nach beson­ders fra­gil schei­nen­den Stel­len abzu­su­chen, und bemerkt schnell, daß vor dem Lang­kofel eine grö­ße­re Anzahl oft­mals etli­che Meter hoher Fels­trüm­mer her­um­liegt, als habe ein Rie­se hier sei­ne Spiel­zeug­mur­meln ver­ges­sen. Die Bewoh­ner des Gröd­ner­tals ken­nen die­ses Geröll­feld unter dem ehr­fürch­ti­gen Namen der »stei­ner­nen Stadt«; Besu­cher schät­zen es für sei­ne viel­fäl­ti­gen Klet­ter­mög­lich­kei­ten. Mar­ti­nel­li erzähl­te mir von sei­nen unzäh­li­gen Klet­ter­tou­ren in die­sem Gebiet, wäh­rend wir nur einen Stein­wurf ent­fernt mit der Errich­tung des Kubus began­nen. Es galt, kei­ne Zeit zu ver­lie­ren, schließ­lich baut man einen sol­chen Koloss nicht so schnell wie ein Ikea-Regal auf.

Zwei Meter Kan­ten­län­ge, voll ver­spie­gelt, hoch­glanz­po­liert. Zwei die­ser Kuben haben Mar­ti­nel­li und Piz­z­i­ni ange­fer­tigt, einen aus Edel­stahl und eine Leicht­bau­va­ri­an­te: ein Alu­mi­ni­um-Gestän­ge, das all­sei­tig mit Alu-Dibond ver­klei­det eine bes­se­re Trans­port­fä­hig­keit als auch erhöh­te Wider­stän­dig­keit gewähr­leis­tet. So bereist also der eine Kubus die Gale­ri­en, wäh­rend sein leich­tes Gegen­stück durch die Land­schaf­ten Euro­pas streift. Nur aus der Nähe könn­te man den Unter­schied erken­nen, aber das war hier drau­ßen nicht so wich­tig. Denn was zähl­te, war, daß wir den Auf­bau schnell hin­ter uns brach­ten, um nicht wegen plötz­li­cher Wet­ter­ka­prio­len bald schon wie­der alles abbre­chen zu müs­sen. Mar­ti­nel­li hat­te mich gewarnt: Hier oben auf 2240 Metern Höhe sei­en Wet­ter­um­schwün­ge kei­ne Sel­ten­heit. Erst eine Woche zuvor hat­te er eben­falls am Sel­la­joch sei­nen Kubus in Posi­ti­on gebracht, da hat­te noch dich­ter Schnee das Land bedeckt. Die bizar­ren Zacken des Lang­kofel hat­ten wol­ken­um­hüllt vor dem Sel­la­joch auf­ge­ragt, davon zeug­te noch das Foto; heu­te jedoch schien die­ser unheim­li­che Anblick in wei­ter Fer­ne, denn der Berg zeig­te sich so freund­lich und ein­la­dend, als hät­te er gewusst, daß er heu­te erneut vor der Kame­ra ste­hen wür­de. Frei­lich woll­ten wir unser Glück aber auch nicht auf die Pro­be stel­len, bau­ten also zügig den Kubus auf, der zwar kein wuch­ti­ger Stahl-, aber immer­hin doch ein stör­ri­scher Alu­mi­ni­um­ko­loss war. Mar­ti­nel­li und Piz­z­i­ni hat­ten ihn einst auf dem Reiß­brett ent­wor­fen und im Eigen­bau zusam­men­ge­zim­mert. Zu Trans­port­zwe­cken ent­wi­ckel­ten sie ein modu­la­res Sys­tem, des­sen robus­te Steck­ver­bin­dun­gen zwar selbst in schwie­ri­gem Ter­rain noch zuver­läs­sig arbei­te­ten, aber den­noch die gemein­sa­me Kraft zwei­er Män­ner erfor­der­ten, damit der Wür­fel auch bei wid­rigs­tem Wet­ter nicht wie ein Kar­ten­haus in sich zusam­men fie­le. Eine Sei­te blieb an die­sem Tag jedoch aus­nahms­wei­se frei. Hier spann­ten wir meh­re­re Lagen einer spe­zi­el­len Pla­ne auf und setz­ten dar­in sorg­sam das Objek­tiv ein, das als ein­zi­ge Öff­nung des sonst licht­dicht ver­sie­gel­ten Innen­rau­mes den Kubus end­lich zu dem mach­te, wofür wir ihn heu­te brauch­ten: zu einer mus­ter­gül­ti­gen Came­ra obscu­ra, jener simp­len Foto­kam­mer, die als Arche­ty­pus aller Kame­ras gilt.

Das sorgsam lichtdicht angebrachte Objektiv: ein Nikon Apo-Nikkor 890mm f/11

Das sorg­sam licht­dicht ange­brach­te Objek­tiv: ein Nikon Apo-Nik­kor 890mm f/11

Ihre außer­ge­wöhn­li­chen Dimen­sio­nen erfor­der­ten schließ­lich auch ein außer­or­dent­li­ches Objek­tiv: ein Nikon Apo-Nik­kor, des­sen kom­pli­zier­te Kon­struk­ti­on aus vier Ele­men­ten in vier Grup­pen nach der Bau­art eines dop­pel­ten Gauß-Objek­ti­ves eine Brenn­wei­te von enor­men 890mm bei einer mini­ma­len Blen­de von eins zu elf ermög­licht. Das im Durch­mes­ser mehr als fünf­zehn Zen­ti­me­ter mäch­ti­ge, acht­zehn Kilo­gramm schwe­re Objek­tiv bil­det das Motiv auf einer Flä­che von fast ein­ein­halb Qua­drat­me­tern ab, was ihm in einer so her­aus­ra­gen­den Prä­zi­si­on gelingt, daß es in der Druck­in­dus­trie für die hoch­o­ri­gi­nal­ge­treue Repro­duk­ti­on im Maß­stab 1:1 ein­ge­setzt wird. Es ent­spricht als ein sog. apo­chro­ma­ti­sches Lin­sen­sys­tem einer beson­de­ren Güte­klas­se, die die bei die­sen Dimen­sio­nen unwei­ger­lich auf­tre­ten­den Abbil­dungs­feh­ler aus­gleicht, bei dem Licht unter­schied­li­cher Wel­len­län­ge ver­schie­den stark gebro­chen wür­de. Bei klei­ne­ren Brenn­wei­ten fällt die­ser phy­si­ka­li­sche Effekt kaum ins Gewicht, doch in die­ser erheb­li­chen Grö­ßen­ord­nung hät­te er zur Fol­ge, daß deut­li­che Farb­ver­schie­bun­gen auf­trä­ten, die als unschar­fe und farb­ge­säum­te Kan­ten stö­rend auf­fie­len. Mar­ti­nel­li greift schließ­lich auch auf ein solch unge­wöhn­li­ches Objek­tiv zurück, um damit Foto­gra­fi­en zu erstel­len, deren For­mat sonst nur digi­tal am Com­pu­ter nach­ge­ahmt wer­den könn­ten. Ein mal ein Meter misst sein spe­zi­el­les Foto­pa­pier, auf dem, wenn denn alles glückt, ein gesto­chen schar­fes, äußerst detail­rei­ches Bild ent­steht. Dazu braucht es jedoch eine minu­tiö­se und exak­te Vor­be­rei­tung, denn aus der aus­ge­präg­ten Tel­e­cha­rak­te­ris­tik des Objek­tivs folgt auch, daß der Schär­fe­be­reich der Bil­der äußerst klein aus­fällt: Abhän­gig von der Ent­fer­nung des Motivs, ist die­ser Bereich bei einer Blen­de von 1:11 durch­aus gera­de ein­mal einen Zen­ti­me­ter breit, wes­halb Mar­ti­nel­li zumeist eine Blen­de von 1:16 ver­wen­det.

Eine grö­ße­re Blen­den­zahl erfor­dert auch eine län­ge­re Belich­tungs­zeit. Bereits der Wech­sel von 1:11 auf 1:16 zieht eine Ver­dopp­lung der Belich­tungs­zeit nach sich.So kann er den Schär­fe­be­reich für die meis­ten Moti­ve auf immer­hin knapp fünf­zig Zen­ti­me­ter ver­grö­ßern, obgleich immer noch die gerings­ten Feh­ler dazu füh­ren, daß das Motiv in mil­chi­ger Unschär­fe ver­sinkt. Eini­ge hun­dert Euro wären dann allein an Mate­ri­al­kos­ten ver­lo­ren, wei­te­re Auf­wen­dun­gen für Pla­nung und Anfahrt eben­falls ver­ge­bens. Doch die­se extre­me Schär­fe­ver­tei­lung ist es auch, mit der Mar­ti­nel­li inter­es­san­te Effek­te gezielt errei­chen kann, etwa wenn das Por­trät eines Pär­chens vor einer saf­tig grü­nen Alm (»Har­ry und Nico­le«, 2012) bereits nach weni­gen Zen­ti­me­tern in einen dif­fu­sen Vor­der- und Hin­ter­grund über­geht.

Das Sellamassiv liegt gegenüber des Langkofel, mit dem es zusammen über das Sellajoch ragt.

Das Sell­a­mas­siv liegt gegen­über des Lang­kofel, mit dem es zusam­men über das Sel­la­joch ragt.

Die­se außer­ge­wöhn­li­che Schär­fe­cha­rak­te­ris­tik ist jedoch nur ein Erschwer­nis unter vie­len, die letzt­lich dazu füh­ren, daß nur jede drit­te Foto­gra­fie Mar­ti­nel­lis Ansprü­chen gelingt. Die Auf­nah­me eines Bil­des muss daher unter maxi­mal kon­trol­lier­ten Bedin­gun­gen erfol­gen. Zunächst wird das Motiv im Leer­lauf fokus­siert, das heißt, bei offe­nem Ver­schluss und ohne ein­ge­leg­tes Foto­pa­pier wird mit­hil­fe der jetzt schon sicht­ba­ren Pro­jek­ti­on das Abbild genau scharf gestellt. Fer­ner muss mit einem spe­zi­el­len Gerät die Tem­pe­ra­tur des Umge­bungs­lich­tes gemes­sen: Ist es beson­ders kalt, weist also einen star­ken Blau­an­teil auf, muss ein beson­de­rer Farb­fil­ter die war­men Antei­le ver­stär­ken. Nach dem all dies sorg­sam über­prüft wur­de, ver­schwand Mar­ti­nel­li im Kubus, ver­schloss ihn wie­der licht­dicht und war­te­te auf mei­ne Kom­man­dos. Schließ­lich ent­schied die Men­ge des ein­fal­len­den Lich­tes dar­über, wel­che Belich­tungs­zeit Mar­ti­nel­li wäh­len muss­te – zwi­schen fünf Sekun­den und vier­zig Minu­ten kann es dau­ern, ehe ein Foto im buch­stäb­li­chen Kas­ten ist. Ange­sichts eini­ger Wol­ken über uns erwies sich die­se Auf­ga­be jedoch schwie­ri­ger, als zunächst gedacht. So war es mei­ne Auf­ga­be, mit einem hoch prä­zi­se arbei­ten­den Belich­tungs­mes­ser kon­ti­nu­ier­lich die Aus­leuch­tung des Lang­kofels zu bestim­men, wäh­rend ich stets den Him­mel über uns im Blick hielt, um aus den Bewe­gun­gen der Wol­ken zu schlie­ßen, wann der güns­ti­ge Augen­blick gekom­men sei. Zwi­schen­zeit­lich kamen eini­ge Wan­de­rer vor­bei, beäug­ten neu­gie­rig mein Trei­ben. Es muss skur­ril gewirkt haben, konn­te ich ihnen doch auch nicht mehr als das Weni­ge erklä­ren, was ich wis­sen muss­te, um die Aus­leuch­tung des Lang­kofels beur­tei­len zu kön­nen. Nach eini­gen Minu­ten war es dann auch so weit, ich gab das Kom­man­do zum Aus­lö­sen und nach einer knap­pen Minu­te war auch schon alles vor­bei. Doch die wah­re Magie blieb mir hier drau­ßen ver­bor­gen, denn die spiel­te sich im Kubus und vor allem auf dem Foto­pa­pier ab.

Mar­ti­nel­li benutzt ein beson­de­res Papier, das auf einer Bild­flä­che von etwas mehr als ein mal ein Meter im Posi­tiv­ver­fah­ren direkt belich­tet wer­den kann. Daher kann kei­ne Auf­nah­me repro­du­ziert wer­den, ist jedes Foto ein Uni­kat. Der Ent­wick­lungs­pro­zess Ilfochro­me P-3 ist ver­gleichs­wei­se teu­er und lang­wie­rig, sei­ne Che­mi­ka­li­en sind weni­ger halt­bar. Mar­ti­nel­li führt ihn noch durch und benö­tigt zur Ent­wick­lung eines Fotos drei Stun­den. Groß­la­bo­re bie­ten die­sen Pro­zess daher gar nicht mehr an, grei­fen auf digi­ta­le Scan- und Druck­ver­fah­ren zurück und neh­men somit einen deut­li­chen Qua­li­täts­ver­lust in Kauf. Da Mar­ti­nel­li direkt belich­tet, kann er die­se Zwi­schen­schrit­te ein­spa­ren und dadurch die­se außer­ge­wöhn­li­che Bild­qua­li­tät erzie­len. Das spe­zi­el­le Ilfochro­me-Papier zeich­net sich aber auch durch eine leuch­ten­de Farb­bril­li­anz aus, die kaum ein ande­res Papier, auch kaum ein Foto- und nur weni­ge Dia­fil­me erzie­len kön­nen. Dank sei­ner außer­or­dent­lich hohen Bestän­dig­keit von mehr als drei­hun­dert Jah­ren kann es die­se Medi­en auch nach archi­va­ri­schen Gesichts­punk­ten spie­lend über­trump­fen, wes­halb es gera­de für künst­le­ri­sche Anwen­dun­gen her­vor­ra­gend geeig­net ist. Daher ist Ilfochro­me vor allem bei Künst­lern gefragt, die es wie Mar­ti­nel­li direkt oder im her­kömm­li­chen Nega­tiv­ver­fah­ren gebrau­chen. Die­se her­aus­ra­gen­de Qua­li­tät erhält das Ilfochro­me-Papier im Gegen­satz zu übli­chen Fil­men und Papie­ren durch das Sil­ber­farb­bleich­ver­fah­ren, für das drei Farb­schich­ten auf einem kar­ton­ar­ti­gen Trä­ger­ma­te­ri­al auf­ge­tra­gen sind. Im unbe­lich­te­ten Zustand ist das Papier noch schwarz, erst durch ein­fal­len­des Licht wer­den die­se Schich­ten je nach farb­li­cher Zusam­men­set­zung lang­sam aus­geb­li­chen und abge­tra­gen. Im Inne­ren des Kubus kann man daher von der ers­ten Sekun­de an beob­ach­ten, wie das Motiv fak­tisch aus dem Nichts erscheint. Auf die­se Wei­se ent­steht der Ein­druck, das Bild male sich von selbst, wobei es auf mole­ku­la­rer Ebe­ne eher der bild­haue­ri­schen Bear­bei­tung von Sil­ber­kris­tal­len gleicht, die erst che­misch abge­baut, spä­ter im Labor mit Säu­ren aus­ge­wa­schen wer­den.

Doch der Ein­druck des wie von Geis­ter­hand ent­ste­hen­den Bil­des trügt. Denn selbst wenn im Inne­ren des Kubus die Belich­tung des Papiers begon­nen hat, kann noch alles miß­lin­gen. Das Ilfochro­me hat die lau­ni­sche Eigen­schaft, aber einer Belich­tungs­zeit von etwa fünf Minu­ten zuneh­mend cyan-sti­chig zu wer­den. Der zuneh­men­de Pig­ment­ab­bau in den obe­ren gel­ben und magen­ta­far­be­nen Schich­ten führt nach einer gewis­sen Zeit schließ­lich dazu, daß ener­gie­ar­mes, lang­wel­li­ges, sprich: rotes Licht zuneh­mend dar­an gehin­dert wird, bis zur unters­ten, cya­nen Schicht vor­zu­drin­gen. Mar­ti­nel­li muss die­se Ton­ver­schie­bung daher mit ver­schie­den stark gefärb­ten Fil­tern aus­glei­chen. Die Ver­wen­dung sol­cher Fil­ter ist jedoch wie­der­um mit einer län­ge­ren Belich­tungs­zeit ver­knüpft, was für wei­te­res Kopf­zer­bre­chen sorgt.

Im Inneren des Kubus erfolgt die Fokussierung zunächst ohne Fotopapier, aber mit Augenmaß.

Im Inne­ren des Kubus erfolgt die Fokus­sie­rung zunächst ohne Foto­pa­pier, aber mit Augen­maß.

Aller­dings hat­ten wir an die­sem Som­mer­tag mit dem Lang­kofel ein dank­ba­res Motiv aus­ge­wählt, das im Gegen­satz zu manch einem Por­trä­tier­ten ganz still und ruhig inne­hielt. Bei den lan­gen Belich­tungs­zei­ten, die im Kubus not­wen­dig wer­den, kann es schnell zu Ver­wack­lun­gen kom­men, weil ein Motiv nicht still­hal­ten kann. So zeigt sich etwa bei dem Por­trät von »Har­ry und Nico­le«, daß Nico­les Kör­per von einer dif­fu­sen Ver­wack­lungs­un­schär­fe über­zo­gen ist, wäh­rend der ganz­kör­per­ge­lähm­te Har­ry in vol­ler Schär­fe zur Abbil­dung kommt. Was zwar in die­sem Fal­le eine inter­es­san­te Über­ra­schung war, blieb uns jedoch an die­sem Tag aus offen­kun­di­gen Grün­den glück­li­cher­wei­se erspart.

Mar­ti­nel­li war zuver­sicht­lich, daß sich das eben geschos­se­ne Foto als zufrie­den­stel­lend erwei­sen wür­de. So ver­zich­te­te er auf einen wei­te­ren Ver­such, ver­stau­te die Auf­nah­me sorg­sam in sei­ne licht­dich­te Kap­sel, ehe er blin­zelnd aus der Came­ra her­aus­kroch. Zum Abschluß schos­sen wir noch eini­ge Foto vom Kubus, schließ­lich gehört zu jeder Auf­nah­me ein wei­te­res Bild, daß die Situa­ti­on doku­men­tiert.

Der Arbeits­tag mit dem Kubus ging schnel­ler zuen­de als gedacht. Eini­ge Tage spä­ter tra­fen wir uns in St. Ulrich wie­der – Mar­ti­nel­li und Piz­z­i­ni luden zu der Eröff­nung ihrer Aus­stel­lung »Still Life«, die eini­ge der in den letz­ten Jah­ren gewon­ne­nen Auf­nah­men ver­sam­mel­te. Obgleich das Berg­dorf nur weni­ge Tau­send Ein­woh­ner zähl­te, war die Aus­stel­lung doch fast bes­ser besucht als manch eine Ber­li­ner Ver­nis­sa­ge. Das Foto vom Lang­kofel, das Mar­ti­nel­li in der Woche zuvor noch bei dich­tem Schnee anfer­tig­te, wur­de eben­so gezeigt wie jenes vom Tem­pel­ho­fer Feld.

Nach­dem wir uns zuvor fast nur über tech­ni­sche Details unter­hiel­ten, frag­te ich Mar­ti­nel­li bei die­ser Gele­gen­heit, wo der Kubus als nächs­tes auf­ge­baut, wie vie­le Fotos noch fol­gen wür­de. »Nicht mehr vie­le«, eröff­ne­te er mir. Denn die Pro­duk­ti­on des über­aus teu­ren Ilfochro­me-Papier wur­de vor zwei Jah­ren wegen gesun­ke­ner Nach­fra­ge ein­ge­stellt – Mar­ti­nel­li und Piz­z­i­ni konn­ten sich damals eini­ge der letz­ten Exem­pla­re die­ses Son­der­pa­piers im Son­der­for­mat sichern. So lan­ge wie kein ande­rer Her­stel­ler die Pro­duk­ti­on die­ses abso­lu­ten Nischen­pro­dukts wie­der auf­nimmt, wird die­ser Vor­rat rei­chen müs­sen. Sonst wird der Kubus viel­leicht eines Tages sei­nen letz­ten Ein­satz im Hoch­ge­bir­ge gehabt haben.

Installationsansicht "Still Life", Circolo artistico e culturale, St. Ulrich

Instal­la­ti­ons­an­sicht »Still Life«, Cir­co­lo artis­ti­co e cul­tu­ra­le, St. Ulrich

Dieser Artikel ist Teil einer Einreichung zum Südtirol-Medienpreis. Als Kandidat der Shortlist wurde meine Berichterstattung durch eine von Südtirol-Marketing gesponserte Recherchereise ermöglicht.