Zivilisation und Zivilcourage

17. Februar 2016 von Matthias Planitzer
Ai Weiwei ist da. Und – wider Erwarten – weiterhin ein Aktivist, der kein Blatt vor den Mund nimmt. Die Bürgerschaft ist aufgebracht. Und offenbart, daß sie von Beginn an mehr Häme als Solidarität im Herzen trug. Drum prüfe, wer sich ewig bindet, ob sich das Herz zum Herzen findet!

Screenshot via @aiww, Instagram, © Ai Weiwei, Instagram

Ai Wei­wei hat’s also wie­der getan: »Beein­dru­ckend geschmack­los« (Stern), »per­vers […] und am Ran­de jeder Zivi­li­sa­ti­on« (ntv) sei es, etwas »obszö­nes« gar (Tim Ren­ner),  ja, »lächer­lich, pein­lich, selbst­ver­liebt, selbst­dar­stel­le­risch« (Mor­gen­post-Leser und Face­book-Nut­zer Sven P.), das er sich da geleis­tet habe. Was denn nun schon wie­der? Noch ein abge­sof­fe­ner Flücht­ling an feins­tem euro­päi­schen Sand­strand? Noch eine Fuh­re oller Schwimm­wes­ten am Kon­zert­haus (AM KONZERTHAUS, UM GOTTES WILLEN!!!)?

Nein, nein, nur ein paar Not­fall­de­cken, jene unver­zicht­ba­ren Uten­si­li­en aus dem Ers­te-Hil­fe-Kas­ten, für eini­ge hun­dert pro­mi­nen­te und nicht ganz so pro­mi­nen­te Gäs­te einer Bene­fiz­ga­la für die syri­schen Kriegs­op­fer. Nach­dem eben sol­che auf der Büh­ne eben jenes Kon­zert­hau­ses stan­den und eini­ge erschüt­tern­de Wor­te in den gebannt lau­schen­den Saal war­fen, soll­te man Soli­da­ri­tät bekun­den und die gold-sil­ber­nen Foli­en über­wer­fen. Die Gäs­te haben sich wohl mehr­heit­lich dar­auf ein­ge­las­sen, jeden­falls ent­stan­den vie­le Sel­fies und Pres­se­fo­tos mit Stan­ni­ol­schim­mer, wofür Ai und die rest­li­che Abend­ge­sell­schaft viel Kri­tik und noch viel mehr Empö­rung auf sich zogen.

Man kann von Ai, dem Akti­vis­ten, hal­ten, was man möch­te: Ob als Dis­si­dent glo­ri­fi­ziert oder Nerv­tö­ter ver­schmäht, poli­tisch ist er alle­mal. Ai, der Künst­ler, ist jeden­falls getrennt davon zu sehen. Näm­lich als jemand, der plum­pe Pla­ti­tü­den zum Bes­ten gibt und »Kitsch statt Kri­tik« pro­du­ziert, wie die geschätz­te Chris­ti­na Land­brecht kürz­lich fest­stell­te. Dafür stand die Mar­ke Ai Wei­wei mit gro­ßem Wie­der­erken­nungs­wert, ein ech­ter Export­schla­ger made in Chi­na bereits, als die west­li­che Kunst­welt ihr noch vom ande­ren Ende des Glo­bus zuju­bel­te und post­wen­dend mit ganz eige­nen Export­schla­gern und Wer­ten ant­wor­te­te. Es war chic, sich als Sym­pa­thi­sant sei­nes Schaf­fens und Con­nais­seur sei­ner Kunst zu geben, jeden­falls solan­ge Ai noch in der Hei­mat fest­ge­hal­ten wur­de. Gro­ße Anstren­gun­gen, zum Schluss auch auf höchs­ter poli­ti­scher Ebe­ne wur­den unter­nom­men, um eine Aus­rei­se­ge­neh­mi­gung zu bewir­ken. Nun, da der Chi­ne­se end­lich in Ber­lin leben und leh­ren kann, da die Bür­ger im unbe­schwer­ten Euro­pa end­lich ihren eige­nen Dis­si­den­ten zum Anfas­sen haben und auch aus­gie­big von ihrem Recht Gebrauch machen, erken­nen sie, wen sie sich da ins Haus geholt haben: einen Spiel­ver­der­ber, einen elen­den Mäk­ler und Madig­ma­cher, einen undank­ba­ren dazu, schließ­lich waren wir es, der Wes­ten, der ihn da aus dem Höl­len­loch geholt hat! Uns in der Flücht­lings­po­li­tik aus­spie­len, lis­ti­ger Hund!

Das ist schon bit­ter: Trotz der ein­dring­li­chen Mah­nung des Gale­ris­ten und Fern­ost-Spe­zia­lis­ten Alex­an­der Ochs, man sol­le Ai Wei­wei schon um sei­ner Sicher­heit wil­len in Zukunft »als her­aus­ra­gen­den Künst­ler« wahr­neh­men und nicht etwa als poli­ti­schen Akti­vis­ten, fällt es nun, da die Sup­pe ein­mal ver­sal­zen, auf ein­mal schwer, über­haupt noch die not­wen­di­ge Schöp­fungs­hö­he zu erken­nen. Denn der Pro­phet gilt nichts im eige­nen Land – nein, es muss hei­ßen: im Land sei­nes Wohn­sit­zes. Welch Ent­täu­schung! Dabei tut Ai doch nur, was er am bes­ten kann: Pro­test­ler sein. Wäh­rend Pus­sy Riot und Kon­sor­ten es fern­ab der Hei­mat geschafft haben, sich in Mil­de zu üben und schnell zu inte­grie­ren, weil ihre Mis­si­on monothe­ma­tisch war, bleibt Ai Wei­wei auch im Aus­land beharr­li­cher Idea­list und legt auch wei­ter­hin den Fin­ger auf immer neue Wun­den. Dabei kommt zwar nur sel­ten gute Kunst her­um, aber die Bot­schaft, so plump sie auch daher­kommt, sie kommt an – nicht etwa nur am Ran­de, son­dern inmit­ten der Zivi­li­sa­ti­on.

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