Das Spektakel zu erwarten

13. September 2012 von Matthias Planitzer
Cyprien Gaillard begeistert die Massen – aber warum nur?

Kurz nach 19 Uhr war es noch ruhig im Schin­kel-Pavil­lon. Eine Hand­voll Gäs­te war zu der Aus­stel­lung gekom­men, ein Teil mach­te es sich bereits mit küh­lem Bier auf der Ter­ras­se gemüt­lich. Wer nun wie­der ging, hat sich mit­un­ter gewun­dert, ob er sich nicht im Ort geirrt hat­te. Denn der gefei­er­te Lieb­ling der Ber­li­ner Kunst­sze­ne, der in der Haupt­stadt ansäs­si­ge Fran­zo­se Cyprien Gail­lard zieht für gewöhn­lich Besu­cher­mas­sen an, deren Umfang nicht nur ste­tig wächst, son­dern deren Fort­blei­ben längst undenk­bar wären. So wirk­te sei­ne Aus­stel­lung »What it does to your city« in jenen frü­hen Minu­ten tat­säch­lich unwirk­lich leer. Doch bereits wenig spä­ter – eine Per­for­mance des Jung­stars war ange­kün­digt – füll­te der Besu­cher­strom Aus­stel­lungs­raum und Ter­ras­se des Pavil­lons bis in alle Ecken aus. Jeder woll­te einen Blick auf das jüngs­te Werk jener Licht­ge­stalt der Ber­li­ner Kunst­sze­ne legen, die erst im ver­gan­ge­nen Jahr den Preis der Natio­nal­ga­le­rie für jun­ge Kunst gewann und zuvor durch ihre Bier­py­ra­mi­de in den KW Ber­lin wenigs­tens stadt­wei­te Bekannt­heit erlang­te. Die Ver­hält­nis­se nah­men bald absur­de Züge an und so blieb die Fra­ge: Wor­in besteht das Geheim­nis um den Kult des Cyprien Gail­lard?

Der gest­ri­ge Abend im Schin­kel-Pavil­lon ver­moch­te immer­hin die Aus­ma­ße des Phä­no­mens ver­deut­li­chen. Nun, zunächst zur Aus­stel­lung: kann getrost ver­nach­läs­sigt wer­den. Die Per­for­mance: bedarf eben­falls kei­ner Wor­te, zumal man glei­ches bereits von Anne Tro­a­ke kennt. Der Höhe­punkt des Abends bestand tat­säch­lich in dem Spek­ta­kel – für vie­le jenes, das Gail­lard lie­fer­te, für manch ande­ren das, wel­ches der Anblick der Besu­cher­mas­sen bot. Ein­zig Tho­mas Struth wur­de ver­misst. Solch eine Chan­ce bie­tet sich schließ­lich sel­ten.

Nach­dem sich her­um­sprach, daß die Per­for­mance wie ange­kün­digt auf dem Grund der benach­bar­ten Bau­stel­le statt­fin­den und fer­ner die Räum­lich­kei­ten nicht aus­rei­chen wür­den, um jedem einen unver­deck­ten Blick zu gön­nen, kam es zu Sze­nen, die absur­der nicht hät­te sein kön­nen. Die Balus­tra­de der erhöht gele­ge­nen Ter­ras­se war als ers­tes besetzt. Bald klet­ter­ten die Leu­te aus den Fens­tern des Schin­kel-Pavil­lons, lie­ßen sich auf den Sim­sen nie­der, bestie­gen Strom­käs­ten, Park­uh­ren und umher­lie­gen­des Tief­bau­ma­te­ri­al, bra­chen durch die blick­dich­ten Zäu­ne und erklom­men sogar die Fas­sa­de der nahe­ge­le­ge­nen Fried­richs­wer­der­schen Kir­che – alles nur, um einen Blick auf die Per­for­mance des Gail­lard erha­schen zu kön­nen. Eini­ge Glück­li­che konn­ten sich einen Spalt am Bau­zaun sichern, ande­re stan­den hier­für Schlan­ge. Man sah nicht weni­ge, die in der Dun­kel­heit has­ti­gen Schrit­tes über die Bord­stein­kan­ten stol­per­ten.

Ein beacht­li­cher Anteil des Who-is-who der ört­li­chen Kunst­sze­ne war zuge­gen. Doch ein Gail­lard bit­tet nicht lan­ge und so waren die bes­ten Plät­ze auch unter ihnen nicht weni­ger umkämpft. Ob die Anstren­gung sich gelohnt hat: dar­an schei­den sich die Geis­ter. Fest steht: Das Spek­ta­kel war kurz, die Mas­se war erregt.

Die Wer­ke Cyprien Gail­lards wären mas­sen­taug­lich, gefäl­lig gar – die­se Behaup­tung hör­te man im Gespräch immer wie­der. Man kann es nicht ganz leug­nen: Gail­lard zieht die Mas­sen an. Doch damit ist noch nicht geklärt, wor­auf sich der Hype um den jun­gen Fran­zo­sen begrün­det. Ist es die Poe­sie sei­ner Ästhe­tik des Arte­fakts? Die Melan­cho­lie des janus­köp­fi­gen Frag­ments? Ist es sein Talent, Kunst zur Show wer­den zu las­sen?

Man mag mit­un­ter in letz­te­rem einen Grund für die Anzie­hungs­kraft Cyprien Gail­lards erken­nen. Wie auch schon ande­re Künst­ler sei­ner Zeit – etwa Janet Car­diff und Geor­ge Bures Mil­ler oder Olafur Eli­as­son – ver­steht er es, den Betrach­ter an sei­ne Wer­ke zu bin­den, sodaß er inne hält, eine Zeit lang damit in Kon­takt tritt und so eine immer­si­ve Wir­kung auf sich ent­fal­ten las­sen kann. Die­ser Zau­ber kann so weit gehen, daß die tie­fen Bedeu­tungs­ebe­nen sei­ner Arbei­ten, die letzt­lich einen Groß­teil ihrer Klas­se aus­ma­chen, gar nicht mehr bemerkt wer­den. So war »The reco­very of dis­co­very« für vie­le begeis­ter­te Besu­cher vor allem ein gemein­schaft­li­cher Umtrunk, bei dem die Arbeit nach und nach abge­tra­gen und zer­stört wird. Die viel­fäl­ti­gen Sinn­re­la­tio­nen zum Per­ga­mon-Altar und damit dem dop­pel­ten Arte­fakt, das Gail­lard hier in ein­zig­ar­ti­ger Wei­se ana­log the­ma­ti­sier­te, blie­ben oft­mals unbe­ach­tet.

So stand auch am gest­ri­gen Abend das Spek­ta­kel im Vor­der­grund, wäh­rend der Aus­stel­lungs­text dürf­ti­ge Par­al­le­len zu Wal­ter de Mari­as mini­ma­lis­ti­scher Kon­zept­kunst zieht, statt den Ort der Per­for­mance vor dem Hin­ter­grund sei­ner lan­gen His­to­rie aus Kai­ser-, Kriegs- und DDR-Zei­ten zu wür­di­gen. Hier sol­len bald Town­hou­ses ent­ste­hen, die die eins­ti­ge Situa­ti­on als Wohn­ge­biet wie­der her­stel­len – wenn auch die Ein­kom­mens­struk­tur der Anwoh­ner­schaft ver­kehrt und dafür die benach­bar­te Fried­richs­wer­der­sche Kir­che buch­stäb­lich in den Schat­ten gestellt wird. Kri­ti­sche Töne an dem feh­len­den Umgang mit Arte­fak­ten als Teil einer bewuss­ten und nach­hal­ti­gen Stadt­ent­wick­lung wur­den hier jeden­falls nicht ange­stimmt, obwohl es nicht über­ra­schen dürf­te, wenn Gail­lard bei der Orts­wahl für sei­ne Per­for­mance auch dar­an gedacht hät­te. Die schau­lus­ti­gen Besu­cher jeden­falls scheint es nicht zu küm­mern: das Spek­ta­kel allein schien sehens­wert genug, um die Köp­fe in die Höhe zu stre­cken.

Am Ende des Abends konn­ten immer­hin die Mit­ar­bei­ter des Schin­kel-Pavil­lons zufrie­den sein: Das Haus war voll und das Gespräch auf ihrer Sei­te. Doch zumin­dest noch einer wei­te­ren, ganz beson­de­ren Grup­pe hat­te der Abend viel Freu­de berei­tet: Die Lai­en­dar­stel­ler der Per­for­mance, denen somit eine unge­wohn­te Auf­merk­sam­keit zuteil wur­de, fan­den sich spä­ter zum fei­er­li­chen Bier auf der Ter­ras­se des Pavil­lons ein. Schon am nächs­ten Mor­gen wür­de ihr sie All­tag wie­der haben.