Erhalt und Verfall

26. März 2011 von Matthias Planitzer
"The recovery of discovery", © Cyprien Gaillard Als das KW Institute for Contemporary Art vor einigen Wochen die heute eröffnete Einzelausstellung Cyprien Gaillards ankündigte, schlug mein Herz ein wenig höher. Ich muß an dieser Stelle zugeben, daß mir die Arbeiten des jungen Franzosen schon früh ins Auge stachen und seitdem immer wieder begeisterten. Und auch dieses Mal sollte ich nicht enttäuscht werden. Gaillard bespielt nämlich bis Mitte Mai die Halle des ehrwürdigen Hauses in der Auguststraße mit einer Skulptur, die in ihrer Einfachheit wie auch ihrer Metaphorik nicht ohne den gewohnt markigen, zuweilen humorvollen Unterton auftrumpft: 72.000 Flaschen Bier wurden kistenweise zu einer Pyramide aufgestapelt, die von den Besuchern erklommen und – einmal eingenommen – auch gleich zur Erfrischung abgetragen werden darf. Daß der Künstler dabei eine Parallele zu dem nur wenige hundert Meter entfernt stehenden Pergmonaltar, dem Prunkstück der Berliner archäologischen Sammlung, zieht, ist so offensichtlich wie sinngebend für die Installation "The recovery of discovery" und dürfte für einige Gedankenanstöße sorgen.
Cyprien Gaillard: The recovery of discovery»The reco­very of dis­co­very«, © Cyprien Gail­lard

Als das KW Insti­tu­te for Con­tem­pora­ry Art vor eini­gen Wochen die heu­te eröff­ne­te Ein­zel­aus­stel­lung Cyprien Gail­lards ankün­dig­te, schlug mein Herz ein wenig höher. Ich muß an die­ser Stel­le zuge­ben, daß mir die Arbei­ten des jun­gen Fran­zo­sen schon früh ins Auge sta­chen und seit­dem immer wie­der begeis­ter­ten. Und auch die­ses Mal soll­te ich nicht ent­täuscht wer­den.

Gail­lard bespielt näm­lich bis Mit­te Mai die Hal­le des ehr­wür­di­gen Hau­ses in der August­stra­ße mit einer Skulp­tur, die in ihrer Ein­fach­heit wie auch ihrer Meta­pho­rik nicht ohne den gewohnt mar­ki­gen, zuwei­len humor­vol­len Unter­ton auf­trumpft: 72.000 Fla­schen Bier wur­den kis­ten­wei­se zu einer Pyra­mi­de auf­ge­sta­pelt, die von den Besu­chern erklom­men und – ein­mal ein­ge­nom­men – auch gleich zur Erfri­schung abge­tra­gen wer­den darf.

Daß der Künst­ler dabei eine Par­al­le­le zu dem nur weni­ge hun­dert Meter ent­fernt ste­hen­den Perg­mo­nal­tar, dem Prunk­stück der Ber­li­ner archäo­lo­gi­schen Samm­lung, zieht, ist so offen­sicht­lich wie sinn­ge­bend für die Instal­la­ti­on »The reco­very of dis­co­very« und dürf­te für eini­ge Gedan­ken­an­stö­ße sor­gen.

Cyprien Gaillard: The recovery of discovery»The reco­very of dis­co­very«, © Cyprien Gail­lard

Cyprien Gail­lard gehört zu den Shoo­ting-Stars der Ber­li­ner Kunst­sze­ne: Gera­de ein­mal drei­ßig Jah­re alt, ran­giert er bereits seit län­ge­rer Zeit unter den ers­ten Plät­zen der Ber­li­ner Rang­lis­te. Der Fran­zo­se ist bekannt für sei­nen inves­ti­ga­ti­ven Ansatz und geschätzt für die viel­schich­ti­ge Tief­grün­dig­keit sei­ner Arbei­ten, in denen er sich mit archi­tek­to­ni­schen Zustän­den und Tran­si­tio­nen zwi­schen Auf­bau und Zer­stö­rung, Ver­fall und Rekon­struk­ti­on beschäf­tigt. In den letz­ten Jah­ren ent­stan­den Arbei­ten, bei denen er etwa lan­ge ver­ges­sen geglaub­te Nazi-Bun­ker aus den nie­der­län­di­schen Nord­see­dü­nen aus­gra­ben ließ (»Dune­park«), längst ver­fal­le­ne urba­ne Uto­pi­en unter­sucht (»Des­nian­sky Rai­on«) oder bei­spiel­wei­se den Ver­gleich zwi­schen zunächst unter­schied­lich schei­nen­den Archi­tek­tur­denk­mä­lern aus allen Epo­chen und Kon­ti­nen­ten zieht (»Geo­gra­phi­cal Ana­lo­gies«).

An die­ser Stel­le könn­ten noch eini­ge wei­te­re Bei­spie­le Gail­lards Schaf­fen fol­gen, doch bereits jetzt wird die rote Linie deut­lich, die sich so klar durch sei­ne Arbei­ten zieht wie bei kaum einem Zwei­ten. Auch in »The reco­very of dis­co­very« ist der unver­fälsch­li­che Stil Gail­lards erkenn­bar, wenn auch auf eine unge­wöhn­li­che, weil vor­nehm­lich refe­ren­zi­el­le Art und Wei­se. Ent­ge­gen den meis­ten sei­ner Wer­ke taucht Archi­tek­tur in ers­ter Linie als Meta­pher auf: Die Bier­py­ra­mi­de stellt gewis­ser­ma­ßen ein Bau­werk dar, wenn auch viel mehr in Anleh­nung an den berühm­ten Per­ga­mo­nal­tar.

Die 72.000 Fla­schen Bier der tür­ki­schen Mar­ke »Efes« wur­den eigens für die Aus­stel­lung im KW Insti­tu­te nach Ber­lin geschafft; eben­so wie die vie­len Ein­zel­tei­le des 1879 an die Spree ver­frach­te­ten Per­ga­mo­nal­tars, der zuvor jahr­tau­sen­de­lang nicht unweit der Hei­mat­stadt der Efes-Braue­rei – Ephe­sos – gestan­den hat. Wie vie­le nach Euro­pa ver­brach­te archäo­lo­gi­schen Schät­ze ist auch der Per­ga­mo­nal­tar Gegen­stand lan­ger Strei­te­rei­en zwi­schen den betei­lig­ten Staa­ten, von kolo­ni­al­he­ge­mo­nia­lem Kul­tur­raub und Zer­stö­rung eines Kul­tur­denk­mals war lan­ge Zeit die Rede.

Cyprien Gaillard: The recovery of discovery»The reco­very of dis­co­very«, © Cyprien Gail­lard

Dies wird auch in »The reco­very of dis­co­very« deut­lich: Die aus der Tür­kei impor­tier­ten Bier­kis­ten wer­den zunächst in ihrer Auf­be­rei­tung und Beleuch­tung im Saal als (Kultur-)Monument insze­niert, zudem als in sich geschlos­se­nes, voll­kom­me­nes Stück Archi­tek­tur dar­ge­stellt. Dem Auf­ruf fol­gend, die Bier­py­ra­mi­de zu erklim­men und nach Belie­ben von der (kul­tu­rel­len) Qua­li­tät des exo­ti­sier­ten Getränks zu kos­ten, zer­set­zen jedoch genau die­je­ni­gen das Monu­ment, die gekom­men sind, weil sie sich für sein Wesen und sei­ne Exo­tik inter­es­sie­ren.

An den Wän­den des Aus­stel­lungs­rau­mes ste­hen lee­re Bier­fla­schen auf­ge­reiht, man liest:

»Das Betre­ten der Skulp­tur erfolgt auf eige­ne Gefahr. Wir möch­ten Sie dar­auf hin­wei­sen, dass die Trag­fä­hig­keit der Bier­kis­ten mit Gebrauch abnimmt.«

Die Besu­cher neh­men die Skulp­tur ein und indem sie das tun, deu­ten sie sie bereits um, keh­ren den Genuss des Bie­res und sei­ne kul­tu­rel­le Bedeu­tung um, machen sich die­se zu Eigen und trei­ben dadurch neben der phy­si­schen die ide­el­le Zer­stö­rung der­sel­ben vor­an. Die Her­kunft des Efes Pil­se­ner als Trä­ger sei­ner Iden­ti­tät spielt schnell kei­ne Rol­le mehr. Beim Betre­ten des Saa­les setzt sich der Besu­cher noch mit die­sem Aspekt aus­ein­an­der, sobald er aber mit der Bier­fla­sche in der Hand auf den Stu­fen der Pyra­mi­de sitzt, rückt dies schnell in den Hin­ter­grund: Sowohl das Bau­werk als auch das Getränk ver­lie­ren ihre Iden­ti­tät, sie sind nun nicht mehr als genau das: blo­ßes Bau­werk und Getränk.

Cyprien Gaillard: The recovery of discovery»The reco­very of dis­co­very«, © Cyprien Gail­lard

Cyprien Gail­lard gelingt mit »The reco­very of dis­co­very« ein bei­spiel­haf­ter Fin­ger­zeig auf Kul­tur­ko­lo­nia­lis­mus und den Ver­fall ihrer Umge­bung beraub­ter Kul­tur­gü­ter. Eben­so wie der Per­ga­mo­nal­tar nach sei­nem Ab- und Wie­der­auf­bau in Ber­lin den Instru­men­ta­li­sie­run­gen mon­ar­chis­ti­scher, natio­nal­so­zia­lis­ti­scher und kom­mu­nis­ti­scher und neu-repu­bli­ka­ni­scher Inter­es­sen­grup­pen her­hal­ten muss­te und dabei bereits mit dem Abtrans­port nach Deutsch­land sei­ne Iden­ti­tät ein­büß­te, stellt auch Gail­lards Bier­py­ra­mi­de ein Bei­spiel der kul­tu­rel­len Umdeu­tung dar. In bei­den Fäl­len war es bezeich­nen­der­wei­se zunächst ein kon­ser­va­to­ri­sches Anlie­gen, daß die Ver­frach­tung in eine geschütz­te Umge­bung aus Beton und Glas nach sich zog. Den­noch ist es gera­de die phy­si­sche Erhal­tung des Monu­ments, die – wie Gail­lard lehrt – sei­ne ide­el­le Zer­stö­rung bedingt.

Ganz neben­bei ist »The reco­very of dis­co­very« auch eine sar­kas­ti­sche Dar­stel­lung der Ver­nis­sa­gen­kul­tur. Wie auf jeder ande­ren grö­ße­ren Aus­stel­lungs­er­öff­nung auch domi­niert nur ein Gedan­ke: Eigent­lich geht es gar nicht um die Kunst, son­dern nur um eines: Frei­bier genie­ßen und ein­fach nur anwe­send sein.

Kommentare

Andere Meinungen

  1. […] wie das Trin­ken des Bie­res – wird zugleich die Zer­stö­rung des Monu­ments ein­ge­lei­tet.” Via Posted by *A Filed in exhi­bi­ti­ons, new pro­jects No Com­ments » »Par­ti­zi­pa­ti­ve« […]

  2. […] Wer näher hin­schaut und den Kopf ein biss­chen dreht, der wird erken­nen, dass Cyprien geschickt dabei eine Par­al­le­le zu dem nur weni­ge hun­dert Meter ent­fernt ste­hen­den Perg­mo­nal­tar gezo­gen hat. Eine fei­ne Abhand­lung hier­zu gibt es bei Castor&Pollux zu lesen. […]

  3. […] Cyprien Gail­lard, das amtie­ren­de Lieb­lings­kind der zeit­ge­nös­si­schen Kunst­welt errich­tet Bier­py­ra­mi­de – und lädt zur Zer­stö­rung ein […]

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