Totgesagte leben länger

22. September 2012 von Matthias Planitzer
Das Künstlerkollektiv FORT bildet eine Schlecker-Filiale im Ausstellungsraum nach

FORT: »Leck«, cour­tesy: FORT und Gale­rie Crone, Photo: Mar­cus Schneider

Am 27.6. 2012 schloß um 15 Uhr die letz­te Schle­cker-Filia­le ihre Türen. End­gül­tig. Damit wur­de auch die fast vier­zig Jah­re wäh­ren­de Kon­zern­ge­schich­te abge­schlos­sen, deren Insol­venz­ver­fah­ren als das bis­her größ­te gel­ten soll­te, das die Bun­des­re­pu­blik gese­hen hat­te. Zuletzt waren es 2800 Dro­ge­rie­märk­te, die die Ket­te nach den vie­len Um- und Neu­struk­tu­rie­run­gen noch besaß. Der Nie­der­gang des Fami­li­en­un­ter­neh­mens war unaus­weich­lich.

So war auch das Ende einer der letz­ten Kon­zern­fi­lia­len im Prenz­lau­er Berg besie­gelt. Das drei­köp­fi­ge Künst­ler­kol­lek­tiv FORT wur­de dar­auf auf­merk­sam und rief kur­zer­hand Mar­kus Peichl, Geschäfts­füh­rer der Gale­rie Cro­ne, an: Man wol­le die gesam­te Ein­rich­tung – Rega­le, Kas­se, Lauf­band, Roll­con­tai­ner, selbst die Beleuch­tung – in der vom Insol­venz­ver­wal­ter anbe­raum­ten Ver­ram­schung erstei­gern. Die Auk­ti­on: fin­det in einer hal­ben Stun­de statt. Peichl war begeis­tert und sicher­te umge­hend sei­ne Unter­stüt­zung zu. Wochen spä­ter bil­det das Mobi­li­ar eine Raum­in­stal­la­ti­on im Ober­ge­schoss der Gale­rie Cro­ne.

FORT: "Leck", courtesy: FORT und Galerie Crone, Photo: Marcus Schneider

FORT: »Leck«, cour­te­sy: FORT und Gale­rie Cro­ne, Pho­to: Mar­cus Schnei­der

Beim Betre­ten des Rau­mes wird der Besu­cher durch einen gewölb­ten Über­wa­chungs­spie­gel begrüßt. Ein wenig davon ent­fernt: ein nach außen abge­schlos­se­ner, etwa zwölf mal sechs mal zwei Meter mes­sen­der Klotz, des­sen stumpf schim­mern­de Blech­wän­de alle paar Meter von brau­nen Stahl­stre­ben getra­gen wer­den. Das Blech umschließt einen abge­trenn­ten Innen­raum, der tief in den Gale­rie­raum hin­ein­ragt. Ein lei­se rat­tern­des, sich bestän­dig wie­der­ho­len­des Moto­ren­ge­räusch brummt in der Fer­ne.

Der Auf­bau beflü­gelt die Neu­gier: Was mag sich dahin­ter ver­ber­gen? Was geht hier vor? Auf der Suche nach einem Hin­weis geht man das Objekt ab, lässt sei­ne uner­müd­li­chen Bli­cke dar­über schwei­fen. Dann, eine Öff­nung, bereit zum Betre­ten: Regal­rei­hen, ein För­der­band, eine Kas­se. Ein­kaufs­wä­gen ste­hen bereit, eben­so Roll­con­tai­ner sowie ein ver­git­ter­ter Kas­ten. Wer bis hier­hin nicht wuss­te, wor­um es geht, spürt die selt­sa­me Ver­traut­heit des Ortes.

Vier Regal­rei­hen las­sen enge Gän­ge zwi­schen sich frei. Die inne­ren Rei­hen sind etwas klei­ner als die äuße­ren, sodaß der gesam­te Innen­raum der Instal­la­ti­on jeder­zeit über­schau­bar bleibt. Die hel­len Rega­le sind als Modu­lar­steck­sys­tem in vier Rei­hen mit nach oben hin abneh­men­der Tie­fe kon­stru­iert. Blaue Plas­tik­leis­ten schlie­ßen jede Eta­ge ab. Die obers­te Lage befin­det sich knapp über Augen­hö­he, wäh­rend die unters­te gera­de tief genug ist, um noch in unge­bück­ter Hal­tung bis nach ganz hin­ten schau­en zu kön­nen. Man­che der mitt­le­ren Rei­hen einer Regal­wand befin­den sich nicht auf der­sel­ben Höhe, Sprün­ge tre­ten auf, Abstän­de ver­grö­ßern und ver­klei­nern sich. Eini­ge der Lagen tra­gen sicht­ba­re Spu­ren: dunk­ler Dreck hat sich in bizar­ren Mus­tern in die schutz­la­ckier­te Ober­flä­che ein­ge­ar­bei­tet, wäh­rend andern­orts Abdrü­cke von Fla­schen­bö­den oder bun­te Abfär­bun­gen der Unter­la­ge fest anhaf­ten. Eine der Rück­wän­de gibt Hin­weis auf ein Wasch­mit­tel, das dort einst stand: das Fla­schen­eti­kett ist fast voll­stän­dig über­ge­gan­gen.

FORT: "Leck", courtesy: FORT und Galerie Crone, Photo: Marcus Schneider

FORT: »Leck«, cour­te­sy: FORT und Gale­rie Cro­ne, Pho­to: Mar­cus Schnei­der

Doch die Rega­le ste­hen leer, als war­te­ten sie auf ihre Ware und deren Aus­prei­sung. Auch die Roll­con­tai­ner blei­ben unge­nutzt: In ihrer sorg­sam umfrie­de­ten Aus­la­ge wird kein Pro­dukt bewor­ben, wäh­rend die Hal­te­rung für das Akti­ons­schild eben­so unge­schmückt bleibt, wie die grau­en Sei­ten des Con­tai­ners. Es herrscht eine geis­ter­haf­te Stim­mung. Wäh­rend das Roll­band uner­müd­lich rat­tert und auf den nächs­ten Kun­den war­tet, ist mit­un­ter zunächst nicht klar, wel­ches ver­las­se­ne Geschäft hier gas­tiert. Die Künst­le­rin­nen haben jeden Hin­weis auf den Fir­men­na­men sorg­sam ent­fernt. Wer­be­pos­ter, -trans­pa­ren­te, und -auf­kle­ber feh­len. Die Ein­kaufs­wä­gen sind schlicht blau, auch hier wird man kein Fir­men­lo­go fin­den. Das Kas­sen­dis­play bleibt eben­falls stumm.

Man­che der Besu­cher wären völ­lig ahnungs­los, staunt Peichl. Sie fühl­ten zwar eine gewis­se Ver­traut­heit mit dem Ort, wüss­ten aller­dings nicht, woher die­se Bekannt­schaft rührt. Wenn sie unter dem typi­schen, grel­len Neon­licht nach Spu­ren suchen, dabei jedoch auf kei­nen Hin­weis sto­ßen, sei­en sie über­rascht zu hören, daß es sich bei der Instal­la­ti­on um die Ein­rich­tung einer Schle­cker-Filia­le han­delt.

FORT: "Leck", courtesy: FORT und Galerie Crone, Photo: Marcus Schneider

FORT: »Leck«, cour­te­sy: FORT und Gale­rie Cro­ne, Pho­to: Mar­cus Schnei­der

Gera­de ein unter­ge­gan­ge­nes Wirt­schafts­im­pe­ri­um wie Schle­cker, des­sen Rega­le nie leer stan­den und das stets alle Wer­be­flä­chen für Son­der­an­ge­bo­te nutz­te, das nun in einem lan­gen Aus­ver­kauf zer­schla­gen wur­de, fin­det in einer Rekon­struk­ti­on, wie FORT sie prä­sen­tiert, eine pas­sen­de Ent­spre­chung. Die Para­bel auf den Über­fluss der Schle­cker­schen Dro­ge­rie­gü­ter­quel­le und ihrer schleu­ni­ge Aus­trock­nung ist zwar ver­mut­lich eine vor­der­grün­di­ge. »Leck« bie­tet als Raum­in­stal­la­ti­on jedoch mehr.

FORT greift dar­in auf ein Arte­fakt zurück, das zwar gänz­lich in der Ver­gan­gen­heit ver­wur­zelt ist, aber wei­ter­hin im Gedächt­nis prä­sent bleibt. Indem die Ein­rich­tung der ehe­ma­li­gen Schle­cker-Filia­le in den Gale­ri­en­raum trans­po­niert wird, wird sie zu einem arche­ty­pi­schen Relikt, das einer­seits muse­al archi­viert, durch sei­ne Vor­füh­rung jedoch rein­sti­tu­tiert wird. Auf die­se Wei­se wird ein Erin­ne­rungs­pro­zess ange­sto­ßen, der jedoch mit der Sinn­ent­lee­rung des Arte­fakts kon­fron­tiert wird: Durch die modell­haf­te Dar­stel­lung wer­den Fehl­stel­len auf­ge­tan, die es mit Erin­ne­run­gen zu fül­len gilt: mit Logos, Waren, Ver­käu­fe­rin­nen und Kun­den; mit Gerü­chen, Geräu­schen und Emo­tio­nen. Die­se Sinn­ent­lee­rung führt eben­falls dazu, daß das Arte­fakt zu einer Kulis­se wird, deren Künst­lich­keit mit die­sen sie bele­ben­den Erin­ne­run­gen kon­kur­riert. Die­ser Kon­flikt offen­bart ihren Man­gel an Iden­ti­tät mit der tat­säch­li­chen, bekann­ten Filia­le, wodurch sie zum Tat­ort eines (geis­ti­gen) Re-Enact­ments wird. Ähn­lich wie in den Kulis­sen Tho­mas Deman­ds – der sich in der Aus­ga­be des Zeit-Maga­zins vom 30.08. 2012 eben­falls mit Schle­cker aus­ein­an­der­setz­te – löst sich hier die Wirk­lich­keit des nach­ge­bil­de­ten Rau­mes durch die Sum­ma­ti­on ihrer model­lier­ten Tei­le auf. Dies spitzt sich ins­be­son­de­re am Bei­spiel der Roll­con­tai­ner zu, die einst in Scha­ren vor den Schau­fens­tern stan­den, mit aller­lei Dro­ge­rie­wa­ren über­häuft und mit einem ein­zel­nen, schüch­tern aus dem Ramsch auf­stei­gen­den Wer­be­auf­stel­ler ver­ziert waren, die die offen­sicht­li­chen Son­der­an­ge­bo­te wie ein ein­sa­mes Fähn­chen im Wind feil­bo­ten. In der Ver­stum­mung die­ser trau­rig lee­ren Roll­con­tai­ner zeigt sich exem­pla­risch und zuge­spitzt die Kon­fron­ta­ti­on des sinn­ent­leer­ten Modells mit den zu kurz grei­fen­den, nach­mo­del­lie­ren­den Erin­ne­run­gen.

Doch, man stau­ne, die Instal­la­ti­on kämpft gegen die­ses Ver­ges­sen an: Das uner­müd­lich rat­tern­de Fließ­band brummt nicht nur wie beschrie­ben ste­tig vor sich hin, es düns­tet außer­dem nach einer Wei­le den ver­trau­ten Sei­fen­ge­ruch der Schle­cker-Filia­len aus. Doch an der Illu­si­on die­ser Toten­be­schwö­rung kann kein Zwei­fel bestehen: Denn die letz­ten Wor­te des Ster­ben­den ver­rät den lang­sa­men Tod:

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Wer genau­er hin­schaut, kann sogar noch das letz­te Rech­nungs­da­tum erken­nen: 29.06. 2012, 21:03:13 – zwei Tage nach dem Schle­cker-Aus. Gespens­tisch.