Gallery Weekend 2012

25. April 2012 von Matthias Planitzer
Einige Empfehlungen für den kommenden Rundgang – und welche Blumen am Wegesrand wachsen.
Katharina Grosse: They had taken things along to eat together, Foto: Art Evans, courtesy Galerie Johann König

Katha­ri­na Gros­se: They had taken things along to eat toge­ther, Foto: Art Evans, cour­te­sy Gale­rie Johann König

Alle Jah­re wie­der setzt das Gal­le­ry Wee­kend neue Maß­stä­be: höher, schnel­ler, wei­ter oder wenigs­tens mit mehr teil­neh­men­den Gale­ri­en und mehr Besu­chern als noch im Vor­jahr. Am kom­men­den Wochen­en­de wer­den 51 Gale­ri­en anläss­lich der ach­ten Aus­ga­be des Kunst­hap­pe­nings ihre Pfor­ten öff­nen und die Besu­cher­mas­sen emp­fan­gen. Eine über­wäl­ti­gen­de Men­ge, wenn man sich an den buch­stäb­li­chen Mara­thon erin­nert, den die Besu­cher im ver­gan­ge­nen Jahr zu meis­tern hat­ten, wenn sie die damals ins­ge­samt 44 Aus­stel­lun­gen abklap­pern woll­ten. Ange­sichts der vie­len Gale­ri­en und Insti­tu­tio­nen, die zwar nicht offi­zi­ell am Gal­le­ry Wee­kend teil­neh­men, aber die Gunst der Stun­de für eige­ne Aus­stel­lun­gen nut­zen, wächst der Kunst­ka­len­der auch in die­sem Jahr wie­der enorm an.

In den letz­ten Jah­ren erwies es sich als sinn­voll, sich an den Aus­stel­lungs­ta­gen jeweils einen Kunst-Hot-Spot vor­zu­neh­men und die Schman­kerl vor­ab am Ver­nis­sa­gen­frei­tag zu besich­ti­gen. Da nur die größ­ten Enthu­si­as­ten das gesam­te Pro­gramm des Gal­le­ry Wee­kends in nur zwei Tagen aus­schöp­fen und alle ande­ren in der lau­fen­den Aus­stel­lungs­zeit der kom­men­den Wochen wie­der­keh­ren, emp­fiehlt es sich, die eige­ne Kunst­tour nach den Aus­stel­lun­gen zu pla­nen, die am Weges­rand statt­fin­den. Hier ver­ste­cken sich oft­mals die gro­ßen Über­ra­schun­gen und Ent­de­ckun­gen, die die Aus­stel­lun­gen der eta­blier­ten Künst­ler im Rah­men des offi­zi­el­len Gal­le­ry Wee­kend per­fekt ergän­zen.

In die­sem Jahr wer­den die Ver­an­stal­ter erst­mals ein »Vir­tu­al Gal­le­ry Wee­kend« abhal­ten, das sich als voll­wer­ti­ge Online-Depen­dance des Fes­ti­vals ver­steht. Was sich offen­sicht­lich in der Fol­ge der sich lang­sam eta­blie­ren­den VIP Art Fair ent­wi­ckelt, dürf­te zwar auch ange­sichts der skep­tisch zu erwar­ten­den tech­ni­schen Umset­zung anfangs von begrenz­tem Nut­zen erwei­sen. Aber für all jene, die die prak­ti­sche Fes­ti­val-App »Eyeout« nicht nut­zen kön­nen oder wol­len, dürf­te das »Vir­tu­al Gal­le­ry Wee­kend« eine Erwä­gung wert sein. Wer jedoch noch Anre­gun­gen braucht, dem sei der oben beschrie­be­ne Weg emp­foh­len, sein Augen­merk auf die nicht-offi­zi­el­len Teil­neh­mer zu legen und so ganz neben­bei auch das Gal­le­ry Wee­kend an sei­nen Hot-Spots in Mit­te, in Schö­ne­berg und rund um die Koch­stra­ße mit­zu­er­le­ben.

Andreas Mühe: "Du machst das Bild", courtesy Dittrich & Schlechtriem, Berlin

Andre­as Mühe: »Du machst das Bild«, cour­te­sy Dittrich & Schlech­triem, Ber­lin

Zwischen Tor- und Oranienburger Straße

Einer der Höhe­punk­te abseits des offi­zi­el­len Pro­gramms des Gal­le­ry Wee­kends ver­spricht Andre­as Mühes Ein­zel­aus­stel­lung »Ober­salz­berg« bei Dittrich & Schlech­triem zu wer­den. Mühe unter­sucht in sei­ner foto­gra­fi­schen Arbeit die ästhe­ti­schen Reprä­sen­ta­tio­nen poli­ti­scher Macht, ins­be­son­de­re der poli­ti­schen Ver­ein­nah­mung des Ober­salz­ber­ges im drit­ten Reich. Mit geziel­ten Stö­run­gen insze­niert er dabei einer­seits den Bild­ty­pus und lässt ande­rer­seits sei­ne Figu­ren an die­ser Insze­nie­rung teil­neh­men, bis die­se gänz­lich in hoh­le Phra­sen und dump­fe Meta­phern zer­fällt. Bei Feld­busch­wies­ner stel­len Taiyo Ono­ra­to & Nico Krebs, wel­che bereits vor zwei Jah­ren mit ihrer Serie »The Gre­at Unre­al« für viel Furo­re sorg­ten. Die Ankün­di­gung der Gale­rie über Ono­ra­tos und Krebs‹ »Explo­ra­ti­on der Wahr­neh­mung« ist zwar denk­bar kryp­tisch aus­ge­fal­len, doch allein die viel beach­te­ten Arbei­ten der Ver­gan­gen­heit dürf­ten genü­gend Ver­trau­ens­vor­schuss geben, um sich nicht lan­ge an Aus­stel­lungs­tex­ten auf­zu­hal­ten. Dem­ge­gen­über stellt sich in der Gale­rie Suvi Lethi­nen die Fin­nin Mar­jat­ta Oja der Fra­ge nach dem Stel­len­wert von Bil­dern in ihrem Leben. In Erin­ne­rung an das Auf­kom­men der Foto­gra­fie unter­sucht sie den Ein­fluss foto­gra­fisch fest­ge­hal­te­ner Momen­te auf die Wahr­neh­mung und Rekon­struk­ti­on von Rea­li­tät und ihrer kogni­ti­ven Ent­spre­chung.

Bild­wis­sen­schaft­li­che Unter­su­chun­gen prä­gen auch das offi­zi­el­le Pro­gramm des Gal­le­ry Wee­kends in Mit­te. So kann man hier etwa bei Peres Pro­jects ver­fol­gen, wie das bel­gi­sche Künst­ler­kol­lek­tiv Leo Gabin der Bild­kul­tur der sozia­len Medi­en auf den Grund geht. Dabei extra­hiert und recy­clet es kol­lek­tiv und vir­tu­ell getra­ge­ne Bil­der und trans­fe­riert sie in den phy­si­schen Aus­stel­lungs­raum. Auch ein Abste­cher in die wei­ter nörd­lich gele­ge­ne Brun­nen­stra­ße dürf­te sich loh­nen, wo KOW Ber­lin Ali­ce Crei­schers »Das Eta­blissment der Tat­sa­chen« zeigt. Mit ihren Ansät­zen zu epis­te­mo­lo­gi­schen Para­dig­men mar­kiert die Tex­te-zur-Kunst-Auto­rin gewiß den phi­lo­so­phi­schen Höhe­punkt des dies­jäh­ri­gen Gal­le­ry Wee­kends. Wer wei­ter zur Koch­stra­ße schlen­dert, soll­te auch der Joh­nen Gale­rie einen Besuch abstat­ten, wo Tur­ner-Preis­trä­ger Mar­tin Boy­ce sowie Ste­fan Bar­tal­an aus­ge­stellt wer­den.

Jota Castro: Austerity über Alles, courtesy Galerie Barbara Thumm

Jota Cas­tro: Aus­te­ri­ty über Alles, cour­te­sy Gale­rie Bar­ba­ra Thumm

Rund um die Kochstraße

Die Gale­rie Alex­an­der Ochs zeigt par­al­lel zum Gal­le­ry Wee­kend Heri­bert Otter­bachs Werks­über­sicht »Da sind wir wie­der allein«. For­ma­le Schlicht­heit und geziel­te Stör­ma­nö­ver neh­men die Uto­pi­en der Moder­ne aufs Korn und tra­gen sie sogleich fei­er­lich zu Gra­be. In der Gale­rie Opdahl ope­riert Ulrich Vogel mit ein­fa­chen und küh­len Mit­teln, um von sei­nem zeich­ne­ri­schen Stand­punkt aus drei­di­men­sio­na­le Wel­ten zu explo­rie­ren. Licht und Schat­ten, Pro­jek­ti­on und kine­ti­sche Kunst hel­fen ihm dabei und obgleich die Ankün­di­gung nur wenig ver­rät, könn­te sich ein Abste­cher durch­aus loh­nen.

Was das Gal­le­ry Wee­kend betrifft, soll­te man im Gale­ri­en­vier­tel Koch­stra­ße die Aus­stel­lung bei Nor­den­ha­ke nicht ver­pas­sen, wo wie­der ein­mal einer der ästhe­tischs­ten Bei­trä­ge zum Gal­le­ry Wee­kend gelie­fert wird. In die­sem Jahr erwar­ten den Besu­cher Meu­sers Ein­zel­aus­stel­lung »Und Erich mit­ten­drin«, wor­in aus viel Schrott und Alt­me­tall gefer­tig­te, hoch­poe­ti­sche Skulp­tu­ren gezeigt wer­den. Nur weni­ge Meter wei­ter tariert Hubert Cze­re­pok bei Żak Bra­ni­cka den schma­len Grat zwi­schen Genie und Wahn­sinn aus, auf den das mensch­li­che Ver­lan­gen nach All­wis­sen­heit zustrebt. In sei­ner Video­ar­beit »Lux Aeter­na« kom­men nicht nur Tho­mas Jef­fer­son und Juli­usz Slo­wa­cki zu Wort, auch die zufäl­lig wäh­rend der Dreh­ar­bei­ten in Nor­we­gen ver­üb­ten Atten­ta­te Anders Brei­viks fin­den ihren Ein­gang in Cze­re­poks Ana­ly­se. In der Gale­rie Bar­ba­ra Thumm stellt Jota Cas­tro zer­ris­se­ne EU-Flag­gen aus und übt auch in ande­ren Wer­ken offe­ne Kri­tik an der jüngs­ten Finanz­kri­se und der heik­len Lage in der Euro­päi­schen Uni­on. Mit kla­rer und mar­ki­ger Stim­me kari­kiert Cas­tro die para­do­xen Details einer Kri­se, die längst nicht mehr dem Lai­en zugäng­lich ist.

Rund um die Potsdamer Straße

Die Kunst­sae­le Ber­lin wid­men sich eben­falls bild­wis­sen­schaft­li­chen Betrach­tun­gen. In der von Juli­an Mal­te Schin­de­le kura­tier­ten Aus­stel­lung »Im Moment der Bild­be­trach­tung wird der inne­re Mono­log gestoppt« wer­den eini­ge jun­ge Posi­tio­nen zum The­ma ver­eint.

Auch die Gale­rie Buch­holz zeigt Cerith Wyn Evans, der neben Mathi­as Poled­na in den Räu­men in der Fasa­nen­stra­ße aus­stellt. Eben­falls ein wenig abseits des Gesche­hens wid­met sich die Gale­rie Micha­el Haas noch ein­mal einem der Groß­meis­ter der Post­mo­der­ne, Charles Mat­ton, und stellt 13 sei­ner Diur­amen aus.

Bouchra Khalili: Mapping Journey #1, courtesy Campagne Première

Bouch­ra Kha­li­li: Map­ping Jour­ney #1, cour­te­sy Cam­pa­gne Pre­miè­re

Eine viel ver­spre­chen­de Aus­stel­lung erwar­tet die Besu­cher in der Gale­rie Johann König, wo Katha­ri­na Gros­se ihre far­ben­fro­hen in-situ-Gemäl­de und -Skulp­tu­ren prä­sen­tie­ren wird. Bei Cam­pa­gne Pre­miè­re voll­zieht Bouch­ra Kha­li­li in »Map­ping Jour­ney Pro­ject« die Migra­ti­ons­rou­ten anony­mer Flücht­lin­ge nach, erzählt ihre indi­vi­du­el­len Geschich­ten und beleuch­tet ver­bor­ge­ne Exis­ten­zen der glo­ba­len Gesell­schaft. Wer Taryn Simons Aus­stel­lung in der Neu­en Natio­nal­ga­le­rie und im Tate Modern Lon­don moch­te, wird auch an Kha­li­li Gefal­len fin­den. Im Schin­kel­pa­vil­lon wird eben­so wie in den Gale­ri­en Neu/MD72 und Buch­holz Cerith Wyn Evans zu sehen sein, der damit ver­mut­lich der gro­ße Gewin­ner des Gale­ri­en­wo­chen­en­des sein dürf­te. Als Besit­zer einer sei­ner Wer­ke geht mir dabei natür­lich beson­ders das Herz auf, wes­halb ich wohl kei­ne sei­ner Aus­stel­lun­gen ver­pas­sen wer­de. Akim Monets Side by Side Gal­le­ry wird sich in die­sem Jahr mit Dami­en Hirst posi­tio­nie­ren, des­sen Skulp­tur »Sac­red Heart« mit einem Rodin, einer Madon­na aus dem 14. Jahr­hun­dert und einer wei­te­ren epo­chen­über­grei­fen­den Samm­lung von Wer­ken und Expo­na­ten gezeigt wird. Eine sol­che Ein­bet­tung in his­to­ri­sche und kunst­his­to­ri­sche Kon­tex­te kennt man von Hirst kaum, daher darf man gespannt sein, wel­che kura­to­ri­sche Lösung hier gefun­den wur­de. Bei Max Hetz­ler unter­sucht das Künst­ler­du­ett FUEL die Iko­no­gra­phie und Eth­no­lo­gie der Tat­too­kul­tur in der rus­si­schen Unter­welt. Dazu stel­len sie eini­ge Auf­nah­men aus ihrem Bild­band aus und ergän­zen sie um Erläu­te­run­gen zu Her­kunft und Hin­ter­grund. Wem die künst­li­che­re Aus­ein­an­der­set­zung mit kom­mu­nis­ti­schen Kul­tu­ren noch nicht reicht, der wird auch bei UF6 Pro­jects fün­dig, wo zeit­ge­nös­si­sche nord-korea­ni­sche Kunst gezeigt wird. Nur so viel sei ver­ra­ten: Sie ent­spricht nicht nur west­li­chen Erwar­tun­gen, sie über­trifft sie sogar.

Für alle wei­te­ren Infor­ma­tio­nen: www.gallery-weekend-berlin.de und die Gale­ri­en.

Andere Meinungen

  1. […] her pri­va­te tour and I wro­te an art­icle recom­mend­ing the best the off-shows not to miss over at Cas­tor & Pol­lux (sor­ry, in Ger­man though). In any case, you should check out the Gal­lery Weekend’s offi­cial […]

  2. […] Infor­ma­tio­nen zum Gal­le­ry Wee­kend 2012 fin­det ihr hier. […]