Zwischen Illusion und Realität

06. September 2010 von Matthias Planitzer
"Biggest cross in Texas", © Taiyo Onorato & Nico Krebs (c.o. Kunstagenten) Es gibt wenige Kulturen und Nationen, die sich derart mystifizieren und in einen sagenhaften Schleier hüllen, wie die Vereinigten Staaten von Amerika. Wenn ich es genau bedenke, markieren diese wohl den unangefochtenen Höhepunkt der Ausbildung eines Staatsmythos, der nicht nur Sinnbild einer ganzen Gesellschaft, sondern auch zum glorifizierten Ideal manch anderer (westlicher) Nationen wurde. In der Tat kennen wir Deutschen den American Way of Life besser als die kulturellen Eigenheiten anderer Nationen, haben wir doch durch Film und Fernsehen ausreichend Gelegenheit, ihn kennenzulernen oder gar zu verinnerlichen. Umso interessanter ist es dann, diese so oft gehuldigten Legende ungeschönt sehen zu können. Während die typische Gesellschaftskritik schnell in ewig gleich lautende Platitüden verfällt und es nicht schafft, den Kern der Dinge zu erfassen, tauchen hin und wieder pointierte, emotionsfreie Kritiken auf, die mehr als nur den oberflächlichen Fingerzeig wagen und tatsächlich den so undurchdringlich scheinenden Schleier des American Way of Life durchdringen. Ein gelungenes Beispiel hierfür sind die Fotografien der beiden Zürcher Künstler Taiyo Onorato und Nico Krebs, die in der aktuellen Ausstellung "The great unreal" bei den Kunstagenten gezeigt wird. Auf mehreren Roadtrips durch die Vereinigten Staaten nahmen Onorato und Krebs immer wieder die unzähligen Phantasmen unter die Lupe, die unser Bild von diesem Land prägen, und beschwören mit ihren zumeist inszenierten, doch aber stets real wirkenden Dioramen einen Mythos, den wir zwar zu kennen glauben, jedoch nicht als Realität oder Illusion erkennen können. Bild und Bildmotiv verschmelzen so zu einem geisterhaften Wesen, das nicht mehr greifbar ist.

Taiyo Onorato & Nico Krebs: Biggest cross in Texas»Big­gest cross in Texas«, © Taiyo Ono­ra­to & Nico Krebs (c.o. Kunst­agen­ten)

Es gibt weni­ge Kul­tu­ren und Natio­nen, die sich der­art mys­ti­fi­zie­ren und in einen sagen­haf­ten Schlei­er hül­len, wie die Ver­ei­nig­ten Staa­ten von Ame­ri­ka. Wenn ich es genau beden­ke, mar­kie­ren die­se wohl den unan­ge­foch­te­nen Höhe­punkt der Aus­bil­dung eines Staats­my­thos, der nicht nur Sinn­bild einer gan­zen Gesell­schaft, son­dern auch zum glo­ri­fi­zier­ten Ide­al manch ande­rer (west­li­cher) Natio­nen wur­de. In der Tat ken­nen wir Deut­schen den Ame­ri­can Way of Life bes­ser als die kul­tu­rel­len Eigen­hei­ten ande­rer Natio­nen, haben wir doch durch Film und Fern­se­hen aus­rei­chend Gele­gen­heit, ihn ken­nen­zu­ler­nen oder gar zu ver­in­ner­li­chen.

Umso inter­es­san­ter ist es dann, die­se so oft gehul­dig­ten Legen­de unge­schönt sehen zu kön­nen. Wäh­rend die typi­sche Gesell­schafts­kri­tik schnell in ewig gleich lau­ten­de Pla­ti­tü­den ver­fällt und es nicht schafft, den Kern der Din­ge zu erfas­sen, tau­chen hin und wie­der poin­tier­te, emo­ti­ons­freie Kri­ti­ken auf, die mehr als nur den ober­fläch­li­chen Fin­ger­zeig wagen und tat­säch­lich den so undurch­dring­lich schei­nen­den Schlei­er des Ame­ri­can Way of Life durch­drin­gen.

Ein gelun­ge­nes Bei­spiel hier­für sind die Foto­gra­fi­en der bei­den Zür­cher Künst­ler Taiyo Ono­ra­to und Nico Krebs, die in der aktu­el­len Aus­stel­lung »The gre­at unre­al« bei den Kunst­agen­ten gezeigt wird. Auf meh­re­ren Road­trips durch die Ver­ei­nig­ten Staa­ten nah­men Ono­ra­to und Krebs immer wie­der die unzäh­li­gen Phan­tas­men unter die Lupe, die unser Bild von die­sem Land prä­gen, und beschwö­ren mit ihren zumeist insze­nier­ten, doch aber stets real wir­ken­den Diora­men einen Mythos, den wir zwar zu ken­nen glau­ben, jedoch nicht als Rea­li­tät oder Illu­si­on erken­nen kön­nen. Bild und Bild­mo­tiv ver­schmel­zen so zu einem geis­ter­haf­ten Wesen, das nicht mehr greif­bar ist.

Taiyo Onorato & Nico Krebs: Car 2»Car 2«, © Taiyo Ono­ra­to & Nico Krebs (c.o. Kunst­agen­ten)

Das Foto­gra­fen­duo Taiyo Ono­ra­to & Nico Krebs leb­te den Traum vie­ler Ame­ri­ka­ner und Tou­ris­ten: ein Road­trip durch das gan­ze Land. Wäh­rend­des­sen wur­den sie auf die vie­len Orte auf­merk­sam, die unser­eins für Film­sets eines typi­schen Hol­ly­wood-Strei­fens hal­ten wür­de. Erst als sie wie­der­ka­men und erneut eine sol­che Tour in Angriff nah­men, erstell­ten sie ihre Arbei­ten, für die sie ver­schie­de­ne Tech­ni­ken der Bild­ma­ni­pu­la­ti­on ein­setz­ten. Jedoch nicht etwa Pho­to­shop oder der­glei­chen: Ono­ra­to und Krebs setz­ten neben ihrem foto­gra­fi­schen Know-How und Papp­ku­lis­sen auch Col­la­ge­tech­ni­ken ein.

Dabei ist die ein­zi­ge unge­stell­te Foto­gra­fie gleich­zei­tig die inter­es­san­tes­te: In »Big­gest cross in Texas« wäh­len die bei­den Künst­ler eine Per­spek­ti­ve, die das hell erleuch­te­te Kreuz einer texa­ni­schen Kir­che mit einem ein­fa­chen Strom­mas­ten in Bezug setzt und die Rol­le der Kir­che im säku­la­ri­sier­ten Ame­ri­ka hin­ter­fragt. Wäh­rend sich das Kreuz auf­recht und strah­lend auf dem tro­cke­nen Wüs­ten­bo­den empor streckt, hat das mor­sche Holz des schief ste­hen­den Mas­ten schon bes­se­re Tage gese­hen. »In god we trust«, wie es so schön heißt, wird hier greif­bar.

Die rest­li­chen Foto­gra­fi­en — etwa drei­ßig an der Zahl — ent­stan­den dage­gen unter Zuhil­fe­nah­me mani­pu­la­ti­ver Metho­den. So wird in »Car 2« das Sym­bol des moder­nen Ame­ri­kas schlecht­hin, näm­lich das Auto, in einen Hei­li­gen­schein gehüllt. Vor einem typi­schen Motel in Sze­ne gesetzt wird in »Car 2« wie­der­um auf den nicht min­der typi­schen Road­trip-Tou­ris­mus ange­spielt, der schließ­lich auch Grund­la­ge der gan­zen Foto­se­rie ist.

Taiyo Onorato & Nico Krebs: Wires»Wires«, © Taiyo Ono­ra­to & Nico Krebs (c.o. Kunst­agen­ten)

Dann gibt es jedoch die Wer­ke in »The gre­at unre­al«, die die Serie am meis­ten prä­gen. In Arbei­ten wie »Wires« set­zen Ono­ra­to & Krebs ihre Mani­pu­la­tio­nen so geschickt ein, dass nicht klar wird, was Illu­si­on und was Rea­li­tät ist. Man sieht auf die­ser Auf­nah­me eini­ge Strom­mas­ten in einer wüs­ten Gegend, deren Kabel und Abspann­lei­nen wie Strah­len in alle Rich­tun­gen aus­lau­fen und so den Ein­druck pro­vo­zie­ren, dass an die­sem Foto etwas nicht stim­men kann. Allein, die­ses Gefühl bleibt, ist es doch nicht mög­lich, aus­zu­ma­chen, wel­che der Kabel und Stahl­sei­le tat­säch­lich echt sind und wel­che nur Illu­si­on sind.

Dadurch wird das gesam­te Motiv infra­ge gestellt und ver­liert trotz sei­ner durch­aus rea­len Grund­la­ge jeg­li­che Wahr­haf­tig­keit. Die Arbei­ten des Künst­ler­du­os grei­fen auf die­se Wei­se diver­se Facet­ten des so viel­fach pro­kla­mier­ten Bil­des von den USA auf und hin­ter­fra­gen sie durch ihre sub­ti­len Ver­frem­dun­gen, sodass letzt­lich die real abge­bil­de­te Illu­si­on, d.h. jene Täu­schung, die unse­re Vor­stel­lung die­ses Lan­des aus­macht, mit der von Ono­ra­to und Krebs hin­zu­ge­füg­ten Illu­si­on ver­schmel­zen.

Eben­so wird in die­sen Arbei­ten eine zwei­te, eine par­al­le­le Rea­li­tät erschaf­fen, die eins wird mit der exis­ten­ten, vor­find­ba­ren Rea­li­tät. Obgleich die bei­den Künst­ler sehr ein­fa­che und fei­ne Ver­frem­dun­gen vor­neh­men, schaf­fen sie es doch, die ver­schie­de­nen Ebe­nen der Täu­schung so eng mit­ein­an­der zu ver­bin­den, dass nicht mehr erkenn­bar ist, was wahr­haf­tig und was arti­fi­zi­ell ist. Wenn etwa ein ent­spre­chend bemal­tes Stück Pap­pe vor einer Hori­zont­li­nie zu einem end­lo­sen High­way wird oder die Col­la­ge diver­ser »typisch ame­ri­ka­ni­sche« Gebäu­de und Roh­bau­ten zu einem geschickt zusam­men­ge­setz­ten, fik­ti­ven Stra­ßen­zug wird, offen­ba­ren sich erst die Ansich­ten, die wir vom Ame­ri­can Way of Life haben.

Dabei gehen die bei­den Foto­gra­fen alles ande­re als plump und prä­ten­ti­ös vor. Ihre Arbei­ten schei­nen stets nüch­tern und schlicht, sind in gedeck­ten Far­ben gehal­ten und spre­chen mit einem zeit­lo­sen Unter­ton, der ihnen eine über­aus ruhi­ge Stim­mung ver­leiht. Selbst eine Auf­nah­me von Auto­rei­fen, die einen Hügel her­un­ter­stüt­zen, wie es die Büf­fel­her­den in den unzäh­li­gen Wes­tern-Fil­men zu tun pfle­gen, ist von einer eigen­ar­tig ruhi­gen, doch ener­gie­ge­la­de­nen Ruhe erfüllt, die wie­der­um an den Stil von »Spiel mir das Lied vom Tod« und ähn­li­chen Klas­si­kern erin­nert.

Die­se erns­te Stil­le ist es, die den Arbei­ten in »The gre­at unre­al« erst ihre außer­or­dent­li­che Klas­se ver­leiht. Gepaart mit dem Ver­wirr­spiel aus Illu­si­on und Rea­li­tät und dem Ver­zicht auf digi­ta­le Metho­den der Mani­pu­la­ti­on ent­steht die ein­zig­ar­ti­ge Atmo­sphä­re die­ser Wer­ke. Daher kann ich nur mei­ne aus­drück­li­che Emp­feh­lung für die­se Aus­stel­lung aus­spre­chen, die wohl mit Recht kürz­lich von artinfo.com zu einer der »Five shows to see around the world« erklärt wur­de. In jedem Fall möch­te ich behaup­ten, dass es sich hier­bei um eine der bes­ten Ber­li­ner Aus­stel­lun­gen der zwei­ten Jah­res­hälf­te han­delt.

Wer sich selbst ein Bild von »The gre­at unre­al« machen will, der hat
noch bis zum 25. Sep­tem­ber bei den
Kunst­agen­ten Gele­gen­heit dazu,
immer mitt­wochs bis sams­tags von 14:00 bis 19:00 Uhr,
in der Lini­en­stra­ße 155 in 10115 Ber­lin.

 

Unab­hän­gig von »The gre­at unre­al« wur­de mir in den ver­gan­ge­nen Wochen wie­der ein­mal klar, wie stark das glo­ri­fi­zier­te Bild vom Ame­ri­can Way of Life auch unse­re Kul­tur prägt. Wenn wir im Kino einen Hol­ly­wood-Film sehen, dann fol­gen wir nicht etwa an der Erzäh­lung einer Geschich­te, die eben­so ame­ri­ka­nisch, wie deutsch oder japa­nisch sein könn­te. All die­se Fil­me han­deln von typisch ame­ri­ka­ni­schen Legen­den: the Ame­ri­can Dream oder etwa der selbst­lo­se Kampf eines Ein­zel­nen für die Demokratie/das Wohl oder die Bür­ger Ame­ri­kas. Ande­re sind ame­ri­ka­ni­sche Groß­stadt­mär­chen, die wie­der und wie­der den Charme New Yorks oder Los Ange­les‹ beschwö­ren und all­mäh­lich einen Mythos for­men, in den sich wenig ande­re Städ­te hül­len kön­nen.

Auch wenn dies nur ein Bei­spiel ist, den­ke ich, sind wir mit der ame­ri­ka­ni­schen Kul­tur so gut ver­traut als wäre sie unse­re eige­ne, und viel­leicht haben wir auch schon Tei­le davon assi­mi­liert und in unse­re inte­griert. Dann sind es jedoch Fil­me wie »Bow­ling for Colum­bi­ne« oder Künst­ler wie Mari­lyn Man­son, die mich mit ihrer intel­li­gen­ten Kri­tik an die­ser illu­so­ri­schen Kul­tur beein­dru­cken und daher auch auf­zei­gen, dass die­se rein ame­ri­ka­ni­sche Ange­le­gen­heit eigent­lich viel deut­scher ist, als ich mit­un­ter ver­mu­te­te.

Andere Meinungen

  1. […] am Stand der Kunst­agen­ten, die hier die bereits vor­ge­stell­ten Taiyo Ono­ra­to und Nico Krebs prä­sen­tie­ren, geht es zur PSM Gal­le­ry, die mit Uji­no Mune­te­rus “Ply­wood City” eine […]