Morbide Schönheiten

22. April 2012 von Matthias Planitzer
Javier Pérez kitzelt die Ästhetik aus dem gesetzten Vanitas-Motiv.

Javier Pérez: CARROÑA, Foto: cour­tesy MAM — Mario Mau­ro­ner Con­tem­porary Art

So viel ist über unse­re euro­päi­schen Nach­barn sicher: Man mag sich wie Gott in Frank­reich füh­len, doch in Wien kommt man zur Ein­kehr. Zwar sind die dol­ce vita wei­ter im Süden und das savoir-viv­re wei­ter im Wes­ten behei­ma­tet, doch auch der Öster­rei­cher kennt sei­ne urei­ge­ne, schwel­gen­de ars viven­di. Ob in der pit­to­res­ken Innen­stadt oder in den leb­haf­ten Kaf­fee­häu­sern, aller­orts frönt man dem Leben und sei­nen viel­fäl­ti­gen Genüs­sen. Wer jedoch die­ser Tage neu­gie­ri­gen Bli­ckes hin­ter die hoch­glanz­po­lier­ten Schau­fens­ter sieht, wird unter Umstän­den ein gänz­lich ande­res Bild vor­fin­den: Mor­bi­de Kunst stört des Wie­ners son­ni­ges Gemüt.

Javier Pérez: Trans (formaciones) II, Foto: courtesy MAM - Mario Mauroner Contemporary Art

Javier Pérez: Trans (for­macio­nes) II, Foto: cour­te­sy MAM — Mario Mau­ro­ner Con­tem­pora­ry Art

Denn hin­ter den Fens­tern der Gale­rie Mario Mau­ro­ner hat Javier Pérez für sei­ne Aus­stel­lung »Post Natu­ra« sei­ne Instal­la­tio­nen, Objek­te und Foto­gra­fi­en plat­ziert. Blut, Fleisch und Kno­chen sind die Mate­ria­li­en des Spa­ni­ers. Wenn man genau­er hin­sieht: Glas, Poly­es­t­er­harz und Bron­ze. Denn Pérez‹ bewirkt in sei­nen Arbei­ten genau das: Er trans­for­miert unbe­leb­te in orga­ni­sche Mate­ria­li­en. Schwüls­ti­ge Meta­phern und klas­si­sche Sym­bo­le hel­fen ihm dabei.

Bereits das schil­lern­de »CARROÑA«, zu Deutsch: »Aas«, erzählt viel von Pérez‹ Sujets und Tech­ni­ken. Ein blut­ro­ter, glä­ser­ner Kron­leuch­ter liegt zer­schellt am Boden. Die­ses Kitsch­ob­jekt son­der glei­chen –: flo­ra­le Orna­men­te in Glas gegos­sen und zu bil­li­gem Pomp ange­häuft, ver­sinkt da wie ein schil­lern­der Plas­ti­kru­bin in dem grau­en, kal­ten Beton, als habe hier seit den Sieb­zi­gern kei­ner mehr auf­ge­räumt. Glas­scher­ben lie­gen umher, unter unacht­sa­men Soh­len knirscht es spitz. Ein Trau­er­bild, aber kei­nes, an dem man Anteil näh­me. Eini­ge Raben sit­zen in sei­nen Ästen, eini­ge flat­tern auf­ge­regt mit ihren Flü­geln, ande­re picken an dem elen­den Kada­ver, rei­ßen Stü­cke her­aus und ver­schlin­gen sie gie­rig.

Weni­ge Meter wei­ter bau­meln zwei im gemein­sa­men Tanz ver­schlun­ge­ne Ske­let­te an blut­rot gefärb­tem Pfer­de­haar von der Decke. Die poly­es­t­er­har­ze­nen Kno­chen üben sich lang­sam krei­send im Wal­zer, die pas­sen­de Beglei­tung kommt von der Spiel­uhr wenig ent­fernt, in der ein unglei­ches Paar Damen­schu­he eben­falls sei­ne Run­den dreht. Auch hier liegt eine mor­bi­de Stim­mung in der Luft, wiegt schwer und schwüls­tig und erstickt selbst die auf­kei­men­de Leich­tig­keit, die von dem zar­ten Glo­cken­spiel der bestän­dig lau­fen­den Spiel­uhr aus­strömt.

Javier Pérez: Corona, Foto: courtesy MAM - Mario Mauroner Contemporary Art

Javier Pérez: Coro­na, Foto: cour­te­sy MAM — Mario Mau­ro­ner Con­tem­pora­ry Art

Javier Pérez arbei­tet in »Post Natu­ra« mit einer sehr direk­ten Sym­bo­lik: Schä­del, Ske­let­te, Blut, Aas und Haut zeich­nen immer wie­der das­sel­be mor­bi­de Bild der Ver­we­sung und der Ver­gäng­lich­keit. So viel drü­cken­des memen­to mori und unum­ständ­li­ches Vani­tas sieht man nur noch sel­ten, zumal in einem sol­chen Kon­trast zum blü­hen­den Leben der Wie­ner Innen­stadt. Pérez bedient sich auch offen christ­li­cher und lit­ur­gi­scher Zei­chen. So ist etwa der ver­dor­be­ne, gefal­le­ne Engel in »Trans (for­macio­nes) II« so absto­ßend geschaf­fen, daß erst ein genau­er Blick die beru­hi­gen­de Erkennt­nis bringt, daß sei­ne per­ga­men­te­ne Haut nicht die eines Men­schen sein kann. Dage­gen ist bei den fast sech­zig bron­ze­nen Schä­deln, mit denen Pérez einen gut zehn Meter mes­sen­den Rosen­kranz bestück­te, nicht klar, ob es sich um Abgüs­se ech­ter Schä­del oder frei gestal­te­te Exem­pla­re han­delt.

Man könn­te Pérez Pro­vo­ka­ti­on unter­stel­len. Daß es ihm um die Schock­wir­kung gin­ge. Doch er ist nicht wie ein Her­mann Nitsch oder Jon Johns, der kürz­lich in der Ber­lin RISE Gal­le­ry zur Freu­de der vie­len Schau­lus­ti­gen mit eige­nem Blut arbei­te­te. Das wäre zu plump. Denn scho­ckie­ren kön­nen sol­che Din­ge längst nicht mehr. Javier Pérez wid­met sich lie­ber der Sym­bo­lik und Meta­pho­rik die­ser längst abge­grif­fe­ner Moti­ve und ret­tet, was noch zu ret­ten bleibt. Der grau­sa­me Kon­trast zwi­schen Leben und Tod wird bei Pérez zum Schluß­ak­kord des viel zu anti­quier­ten Vani­tas-Moti­ves, das sich hier nun final über­spitzt.

So wird immer­hin der Blick auf die Tech­ni­ken frei, mit denen der Spa­ni­er sei­ne Wer­ke erschaf­fen hat. Sei es etwa das auf­wen­di­ge Glas­ge­flecht, das sich in »Coro­na« zu einer trans­pa­ren­ten Dor­nen­kro­ne schlingt, die detail­rei­chen und ana­to­misch ein­wand­frei­en Bron­ze­schä­del oder die mit Hin­ga­be ver­näh­ten Häu­te – inso­fern sind Pérez‹ Arbei­ten ech­te Hin­gu­cker. Wenn man noch ein­mal mit offe­nen Augen durch »Post Natu­ra« geht, fühlt man sich bald wie in einem Kurio­si­tä­ten­ka­bi­nett, das nicht etwa vor­ran­gig unheim­lich, son­dern wenigs­tens glei­cher­ma­ßen bezau­bernd ist. Mit einem Mal ent­fal­ten die vor­mals absto­ßen­den Ske­let­te und ande­ren Kno­chen-, Fleisch- und Blut­ar­bei­ten eine uner­war­te­te Schön­heit, die sich fern von ihrer sym­bo­li­schen Schwe­re leicht erhebt.Denn dar­in liegt viel­leicht das Geheim­nis der mor­bi­den Kunst Javier Pérez: Nur auf den ers­ten Blick ver­mö­gen sie die Wie­ner Lebens­kul­tur stö­ren. Denn eigent­lich fügt sie sich mit ihrer Lie­be zum Schö­nen geschmei­dig in das Haupt­stadt­bild ein.

Die Aus­stel­lung »Post Natu­ra« von Javier Pérez kann noch bis zum 18. Mai in der Wie­ner Gale­rie Mario Mau­ro­ner besucht wer­den.