Der Vielseitigkeitsmaler Jeff Koons

22. August 2012 von Matthias Planitzer
Die Schirn Frankfurt gibt einen umfassenden Überblick über sein malerisches Schafen.

Jeff Koons, © Schirn Kunst­halle Frank­furt, Foto: Alex­an­der Paul Englert

Als die Foto­gra­fen kamen, bot er ihnen das, wonach sie ver­lang­ten: Im Blitz­licht­ge­wit­ter voll­führ­te er eine Pose nach der ande­ren, gab sich hier als der smar­te Geschäfts­mann, umarm­te dort eine der Skulp­tu­ren, war dann wie­der der prot­zen­de Popeye und brei­te­te natür­lich immer wie­der sei­ne Arme aus, als flö­ge er der auf­ge­regt knip­sen­den Jour­na­lis­ten­men­ge ent­ge­gen. Daß Jeff Koons ein Über­flie­ger ist, wuss­ten alle der Anwe­sen­den, und so kamen etli­che Besu­cher in die Frank­fur­ter Schirn, sei es zur Eröff­nung oder in den fol­gen­den Wochen und Mona­ten wäh­rend der regu­lä­ren Öff­nungs­zei­ten. Die in Part­ner­schaft mit dem Lie­bieg­haus ver­an­stal­te­te Dop­pel­aus­stel­lung erreicht die­ser Tage ihren Zenit. Zeit für ein Zwi­schen­fa­zit über »Jeff Koons: The Pain­ter«.

Nahe­zu die gesam­te Aus­stel­lungs­flä­che der Schirn wur­de genutzt, um die oft­mals meh­re­re Meter mes­sen­den Gemäl­de prä­sen­tie­ren zu kön­nen. Arbei­ten wie »Lips«, wel­che 13 m2 misst, über­span­nen wei­te Tei­le der Wän­de, drän­gen sich fast auf, ste­hen letzt­lich in Kon­kur­renz zuein­an­der und engen sich gegen­sei­tig ein. Schließ­lich hat das drei­köp­fi­ge Kura­to­ren­ge­spann um Mat­thi­as Ulrich viel zu bie­ten: Erst­mals wer­den in einer umfas­sen­den Über­sicht über Jeff Koons‹ male­ri­sches Schaf­fen 44 Gemäl­de aus den Werk­zy­klen »Luxu­ry & Degra­da­ti­on«, »Made in Hea­ven«, »Easy­fun«, »Easyfun–Ethereal«, »Popeye«, »Hulk Elvis« und »Anti­qui­ty« gezeigt. Die Schirn kom­pri­miert die­ses Ensem­ble auf einen kur­zen, aber sehr gehalt­vol­len Streif­zug durch eine 26 Jah­re wäh­ren­de male­ri­sche Ent­wick­lung.

Jeff Koons: "Bracelet", © Jeff Koons

Jeff Koons: »Brace­let«, © Jeff Koons

Dabei erlebt man Koons als einen viel­sei­ti­gen Künst­ler, der vie­ler­lei ästhe­ti­sche und rhe­to­ri­sche Figu­ren sowohl der Kunst, als auch der Wer­bung und der All­tags­kul­tur ent­nimmt. Dabei könn­ten die Metho­den der künst­le­ri­schen Aneig­nung kaum unter­schied­li­cher sein: Sein hyper­rea­lis­ti­sches »Brace­let« ver­schmilzt mit einer foli­en­ar­ti­gen Unter­la­ge, ver­sinkt fast in einem dicken, pin­ken Zucker­bad, wäh­rend der Groß­teil der wei­te­ren aus­ge­stell­ten Arbei­ten diver­se Moti­ve male­risch col­la­gie­ren und gele­gent­lich skiz­zen­haft ergän­zen. Die Serie »Easy­fun-Ethe­re­al« spitzt die hyper­rea­lis­ti­sche Col­la­ge zu, wenn sie so vie­le Ele­men­te zitiert und arran­giert, daß die vie­len Bild­ebe­nen in einem kon­su­mis­ti­schen Cha­os mün­den. Dage­gen tre­ten in der Serie »Hulk Elvis« im Zitat der Pop-Ästhe­tik Roy Lich­ten­steins die bekann­ten Ben­day Dots in kaum mehr kennt­li­cher Über­hö­hung auf, um durch wild ges­ti­ku­lier­tem Farb­auf­trag wie­der in den Hin­ter­grund gestellt zu wer­den. Die­se reich­hal­ti­ge Form­viel­falt fin­det ihren Nie­der­schlag in einem ver­gleichs­wei­se über­schau­ba­ren The­men­spek­trum, das, wie die Aus­stel­lung zeigt, mit­hil­fe die­ser ästhe­ti­schen und rhe­to­ri­schen Figu­ren immer wie­der neu dekli­niert wird.

Die ältes­te der gezeig­ten Seri­en, »Luxu­ry & Degra­da­ti­on«, appro­pi­iert Wer­be­pla­ka­te diver­ser Spi­ri­tuo­sen, die Koons in der New Yor­ker Sub­way der Acht­zi­ger fand. Die Serie ent­wirft anhand des Maßes der Abs­trak­ti­on ein sozia­les Gefäl­le: In sei­ner Bild- und Kon­sum­kri­tik eig­net sich Jeff Koons die Ready­ma­des in male­ri­scher Kopis­ten­ar­beit an und zeigt allein durch die Aus­wahl der Vor­la­gen und ihrer Fund­or­te, daß eini­ge Geträn­ke wie Likö­re oder Whis­ky gegen­über Rum und Cognac sowohl auf Gra­dua­tio­nen der bild­li­chen Abs­trak­ti­on als auch der Ziel­grup­pen abzie­len. Koons fasst es selbst zusam­men: »Es war, als ob sie die Abs­trak­ti­on nutz­ten, um dich zu ernied­ri­gen, weil sie dich immer ernied­ri­gen wol­len.”

Jeff Koons: "Lips", © Jeff Koons

Jeff Koons: »Lips«, © Jeff Koons

Noch im nächst­jün­ge­ren Werk­zy­klus »Made in Hea­ven«, der kunst­his­to­risch geläu­fi­ge Kom­po­si­ti­ons­mo­del­le für por­no­gra­phi­sche Dar­stel­lun­gen des Künst­lers und sei­ner dama­li­gen Lebens­ge­fähr­tin, der ita­lie­ni­schen Por­no­dar­stel­le­rin Ilo­na Stal­ler, als Adam und Eva anwen­det, bleibt die­se hyper­rea­lis­ti­sche Mal­wei­se erhal­ten. Die skan­dal­träch­ti­gen Arbei­ten, die, wie Koons in einem Inter­view mit der Süd­deut­schen Zei­tung aus dem Jahr 2007 erklärt, die »Ursün­de« und der kul­tu­rel­len Befrei­ung von die­ser Les­art als »kol­lek­ti­ve Erfah­rung« beinhal­ten, blie­ben in der Schirn jeden­falls nur einem erwach­se­nen Publi­kum zugäng­lich. Zu schwer las­te­te wohl die Befürch­tung, der Jugend­schutz kön­ne ein kon­ser­va­ti­ves Ver­ständ­nis von Kunst und Por­no­gra­phie gel­tend machen.

In den eben­falls aus­ge­stell­ten Seri­en »Easy­fun« und »Easy­fun-Ethe­re­al« tre­ten erst­mals col­la­gier­te Moti­ve auf. Am Com­pu­ter ent­wor­fe­ne und arran­gier­te Sta­pel diver­ser Bild­aus­schnit­te, die Koons aus unter­schied­li­chen Medi­en ent­nahm und um eige­ne Quel­len ergänz­te, wur­den groß­for­ma­tig und in foto­rea­lis­ti­scher Detail­treue vor wech­seln­den Land­schafts­mo­ti­ven gemalt. Mais­kör­ner und Corn­flakes flie­gen über die Bild­ebe­ne, Haar­bü­schel und Strö­me süßer Säf­te klat­schen schwung­voll über die Lein­wän­de, des Wei­te­ren aller­orts frei­ge­stell­te Lip­pen­paa­re, Augen, Perü­cken, Unter­wä­sche oder kirsch­be­krön­te Sahn­el­öf­fel. So for­mie­ren sich über­wäl­ti­gen­de Clus­ter auf­ger­ei­nig­ter rhe­to­ri­scher und Bild­fi­gu­ren der Wer­bung und Pro­dukt­kom­mu­ni­ka­ti­on, deren Kon­kur­renz zuein­an­der in einem kaum zu über­schau­en­den Cha­os zuwi­der lau­fen­der kon­su­mis­ti­scher Flos­keln eska­liert. Die in knal­li­gen Far­ben gehal­te­ne, in ihrer süß­li­chen Schwe­re und über­wäl­ti­gen­den Dimen­sio­nen auf­dring­li­che Kom­po­si­ti­on offen­bart jedoch die Schwä­chen ihrer ver­meint­lich hyper­rea­lis­ti­schen Ite­ra­ti­on der all­ge­gen­wär­ti­gen Wer­ber­he­to­rik, wenn unter nähe­rer Betrach­tung Kon­tu­ren ver­schwim­men und Struk­tu­ren in mil­chi­gen Flä­chen ver­lau­fen. Die stark an James Rosen­quist erin­nern­den Gemäl­de erwe­cken Miß­trau­en gegen­über den Ver­spre­chen der dar­ge­stell­ten Kon­sum­gü­ter, wenn sie den süßen Anschein als faden Abglanz offen­ba­ren.

Jeff Koons: "Antiquity 3", © Jeff Koons

Jeff Koons: »Anti­qui­ty 3«, © Jeff Koons

Auch in den wei­te­ren aus­ge­stell­ten Seri­en Koons wer­den die bei­den The­men­kom­ple­xe der Sexua­li­tät (mit auf­dring­li­chen Ver­wei­sen auf Courbet’s »L’Origine du mon­de« in »Anti­qui­ty« und »Hulk Elvis«) und der Iko­no­lo­gie des Kon­sums wei­ter aus­ge­ar­bei­tet. In eini­gen Gemäl­den fin­den sich auch die bekann­ten Skulp­tu­ren des Künst­lers wie­der, von denen eini­ge nicht weit ent­fernt im Lie­bieg­haus gezeigt wer­den. Auch sonst wird wild zitiert: auf Dalí und auf Duch­amp, auf Jac­ques Vil­leglé und auf Michel­an­ge­lo, Mag­rit­te, Pol­lock und sicher­lich eini­ge ande­re mehr. Mit­un­ter wirkt das vie­le Para­phra­sie­ren als gezwun­ge­ner Selbst­zweck, Koons selbst sieht dar­in ledig­lich die Bestä­ti­gung archai­scher For­men und Moti­ve. Auch hier set­ze sich der Ready­ma­de-Gedan­ke fort und so man möch­te mei­nen, Koons mache kei­nen Unter­schied zwi­schen einem ordi­nä­ren Bade­spiel­zeug und Schlüs­sel­wer­ken der Kunst­ge­schich­te. Ins­be­son­de­re das »Anti­qui­ty 3«, bekräf­tigt die­sen Ein­druck, wenn Koons bekann­te Kitsch-Epi­so­den sei­nes eige­nen Schaf­fens im Vor­der­grund, kunst­his­to­ri­sche Abbil­dun­gen und Ver­wei­se jedoch im Hin­ter­grund plat­ziert. So keimt schnell der Vor­wurf auf, Koons sähe sich bereits in der Fol­ge einer lan­gen und glor­rei­chen Kunst­ge­schich­te und set­ze sich auch noch an deren Spit­ze.

Die Kura­to­ren der Schirn indes geben dem Künst­le­re­go viel Raum und ver­säu­men es, kri­ti­sche Stim­men an Koons Werk und Per­son Gehör zu ver­schaf­fen. Denn wäh­rend der skulp­tu­ra­le Teil der Dop­pel­aus­stel­lung im Lie­bieg­haus durch sei­ne gelun­ge­ne kura­to­ri­sche Ein­bin­dung in die Dau­er­aus­stel­lung die viel­fäl­ti­gen Bezü­ge zur Kunst­ge­schich­te wun­der­bar her­vor­hebt und somit immer­hin eine Dis­kus­si­ons­grund­la­ge bie­tet, nimmt der male­ri­sche Teil auf der ande­ren Main­sei­te die Ansprü­che und Gebär­den Koons‹ kom­men­tar­los hin. Einen Über­blick über 26 Jah­re Male­rei aus dem Hau­se Koons gibt sie, aller­dings, zudem einen umfas­sen­den, doch nicht immer pro­fi­tiert eine Aus­stel­lung, wenn ein Künst­ler so los­ge­löst und unwi­der­spro­chen prä­sen­tiert wird wie am Römer­berg. Das ver­mag an der Klas­se eines Jeff Koons kaum zu rüt­teln, stellt sie jedoch lei­der in einem zu engen Licht dar. Erst im Halb­schat­ten, da, wo der Ame­ri­ka­ner sei­ne Ansprü­che behaup­ten muss (und ver­mut­lich auch kann!), wird es inter­es­sant.