Eine Politik in Leerstellen

22. Juli 2012 von Matthias Planitzer
Drei Berliner Institutionen geben Überblick über Alfredo Jaars politische Kunst.

Alfredo Jaar: The sound of silence, Foto: Matthias Planitzer

Wenn es einen Gegen­stand gibt, auf den sich die nim­mer ver­sie­gen­de Ener­gie der Kunst rich­tet, dann ist es viel­leicht die fort­wäh­ren­de Suche nach und – sobald gefun­den – säu­ber­li­che Kar­to­gra­phie­rung einer Poli­tik der Bil­der. Der Ber­li­ner Kunst­stand­ort scheint hier­bei trotz sei­nes rela­tiv mode­ra­ten Ange­bots an bri­san­ten poli­ti­schen The­men eine Heim­statt jener Ent­de­cker zu sein, die die Mög­lich­kei­ten einer Poli­tik der Bil­der auf­spü­ren möch­ten. In der nähe­ren Ver­gan­gen­heit bele­gen etli­che Aus­stel­lun­gen, dar­un­ter ins­be­son­de­re jene der gro­ßen Insti­tu­tio­nen: »See­ing is belie­ving«, 2011 in den KW, dort und an wei­te­ren Stand­or­ten die dies­jäh­ri­ge Ber­lin Bien­na­le und auch »based in Ber­lin« (von der ande­ren Per­spek­ti­ve aus), wel­ches vor­ran­gi­ge Inter­es­se einer poli­ti­schen Kunst zuteil wird. Sobald jedoch ein poli­ti­scher Dis­kurs mit künst­le­ri­schen Mit­teln ange­strebt wird, schei­tern die meis­ten die­ser Vor­ha­ben, was, für­wahr, nicht nur die­se Groß­aus­stel­lun­gen anbe­trifft. Dabei war es vor vier Jah­ren Jac­ques Ran­cié­re, der die­ser poli­ti­schen Erwar­tung an die Kunst in sei­ner Schrift »Der eman­zi­pier­te Zuschau­er« knap­pen Wor­tes wider­sprach:

Die Kunst gilt als poli­tisch, weil sie die Stig­ma­ta der Herr­schaft zeigt, oder weil sie die herr­schen­den Iko­nen lächer­lich macht, oder aber weil sie ihre ange­stamm­ten Plät­ze ver­lässt, um Sozi­al­pra­xis zu wer­den, und so wei­ter. Am Ende eines guten Jahr­hun­derts an unter­stell­ter Kri­tik der Tra­di­ti­on der Mime­sis muss man fest­stel­len, dass die­se Tra­di­ti­on noch immer herr­schend ist, bis in die For­men hin­ein, die künst­le­risch und poli­tisch sub­ver­siv sein wol­len. Man nimmt an, dass die Kunst uns empört, wenn sie uns empö­ren­de Din­ge zeigt, dass sie uns mobi­li­siert, wenn sie das Ate­lier oder das Muse­um ver­lässt, und uns in Geg­ner des herr­schen­den Sys­tems ver­wan­delt, wenn sie sich selbst als Ele­ment des Sys­tems ver­leug­net.

Seit eini­gen Wochen zei­gen drei gro­ße Ber­li­ner Kunst­in­sti­tu­tio­nen – die Ber­li­ni­sche Gale­rie, die Alte Natio­nal­ga­le­rie und die Neue Gesell­schaft für Bil­den­de Kunst – in ihrer Retro­spek­ti­ve über das nun schon vier Jahr­zehn­te umfas­sen­de Werk Alfre­do Jaars, daß sich die­ses Ver­spre­chen am bes­ten ein­löst, wenn die­se »Tra­di­ti­on der Mime­sis« auf­ge­löst wird. Die aus­ge­stell­ten Werk­kom­ple­xe Jaars gehö­ren zu den bri­san­tes­ten poli­ti­schen Kunst­wer­ken des 20. Jahr­hun­derts – und doch ver­zich­ten sie auf die direk­te Dar­stel­lung poli­ti­scher Inhal­te. Andeu­tung, Stell­ver­tre­tung und Leer­stel­len sind die Instru­men­te des zwei­fa­chen Docu­men­ta-Teil­neh­mers, des­sen Aus­stel­lung »Alfre­do Jaar – The way it is. Eine Ästhe­tik des Wider­stands« bereits im Titel auf eine wei­te­re Abhand­lung Ran­cié­res Bezug nimmt. Die Schau der drei gro­ßen Häu­ser gibt einen Über­blick über Jaars Schaf­fen und eine Kunst, die tat­säch­lich poli­tisch sein kann.

Alfredo Jaar: The eyes of Gutete Emerita (Detail), courtesy: Daros Latinamerica Collection, Zürich

Alfre­do Jaar: The eyes of Gute­te Eme­ri­ta (Detail), cour­te­sy: Dar­os Latin­ame­ri­ca Collec­tion, Zürich

Der typi­sche Umgang Alfre­do Jaars mit der Dar­stel­lung poli­ti­scher The­men wird am Bei­spiel der Werk­grup­pe »Das Ruan­da-Pro­jekt« klar. Die Ber­li­ni­sche Gale­rie stellt die bekann­ten foto­gra­fi­schen Arbei­ten sowie den dazu­ge­hö­ri­gen Werk­kom­plex »Pres­se­ar­bei­ten« aus. Hier­in pran­ger­te Jaar die Aktua­li­tät der Pres­se­be­richt­erstat­tung an, als der Bür­ger­krieg in Ruan­da Mit­te der Neun­zi­ger erst ver­spä­tet das Welt­in­ter­es­se erreg­te. So illus­triert bspw. »From Time to Time« in Gegen­über­stel­lung der Zeit­schrif­ten-Cover des Time Maga­zi­nes die diver­gie­ren­den zeit­li­chen Rea­li­tä­ten des Geno­zi­des in Afri­ka gegen­über ihrer Dar­stel­lung in der Pres­se. Die skan­da­lö­se Ver­spä­tung, mit der die Welt­öf­fent­lich­keit von den tra­gi­schen Zustän­den in Afri­ka erfährt, und die Sen­sa­ti­ons­gier, die die Bericht­erstat­tung trüb­te, mar­kiert den Auf­takt einer Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Ruan­da-Kon­flikt und der Poli­tik sei­ner Bil­der.

Alfre­do Jaar setz­te sich in der Fol­ge ver­stärkt mit der media­len Reprä­sen­ta­ti­on des Bür­ger­kriegs aus­ein­an­der. Aus­ge­hend von der Beob­ach­tung, daß das unfass­ba­re Greu­el und die Empö­rung dar­über sich nicht in Bil­dern fest­hal­ten ließ, ent­wi­ckel­te der Chi­le­ne eige­ne Stra­te­gi­en der Aneig­nung. Wäh­rend Jaar in sei­nem ältes­ten der aus­ge­stell­ten Arbei­ten die­ser Werk­grup­pe, der bereits vor­da­tier­ten Foto­in­stal­la­ti­on »Real pic­tures«, den Bil­dern eine Wir­kung ver­lei­hen woll­te, indem er sie in Kis­ten ver­steck­te und sicht­bar unsicht­bar ließ, griff er spä­ter auf ande­re Instru­men­te zurück. Sein Werk­zy­klus »Field, Road, Cloud« von 1997 kon­zen­triert sich dage­gen auf die Kon­tras­tie­rung der sen­sa­ti­ons­gie­ri­gen Pres­se­bil­der durch stum­me Land­schafts­auf­nah­men, die erst durch dazu­ge­hö­ri­ge Skiz­zen und Lage­plä­ne in ihren wei­te­ren Kon­text ein­ge­bun­den wer­den.

Alfredo Jaar: The eyes of Gutete Emerita (Detail), Foto: Matthias Planitzer

Alfre­do Jaar: The eyes of Gute­te Eme­ri­ta (Detail), Foto: Mat­thi­as Pla­nit­zer

Im Jahr zuvor such­te Jaar noch auf ande­rem Wege nach einer künst­le­ri­schen Aneig­nung des Ruan­da-Kon­flikts, die den Schock des Bil­des nicht in der Dar­stel­lung, son­dern in der Leer­stel­le und damit in der Vor­stel­lung des Betrach­ters zu ver­or­ten ver­such­te. Die Instal­la­ti­on »The eyes of Gute­te Eme­ri­ta« nutzt hier­zu die Stra­te­gie der Nar­ra­ti­on: Dem bei­ge­füg­ten Hand­zet­tel ist zu ent­neh­men, daß Gute­te Eme­ri­ta Zeu­ge eines Mas­sa­kers wur­de, bei dem vier­hun­dert Tut­si in einer Kir­che in Ntara­ma buch­stäb­lich geschlach­tet wur­den. Vor den Augen Gute­te Eme­ri­tas wur­den ihr Mann und ihre bei­den Söh­ne mit Mache­ten getö­tet. Gute­te und ihre Toch­ter konn­ten flie­hen und ver­steck­ten sich für drei Wochen in einem Sumpf, ehe sie zur Kir­che zurück­kehr­te und dort die unzäh­li­gen Lei­chen ihrer ermor­de­ten Volks­ge­nos­sen fand.

Alfre­do Jaar traf die Über­le­ben­de des Mas­sa­kers, fer­tig­te ein Foto ihrer Augen an und ließ es stell­ver­tre­tend für die eine Mil­li­on getö­te­ten Ruan­der in zehn­tau­sen­den Dias anfer­ti­gen. Auf einem Leucht­tisch auf­ge­türmt, liegt in »The eyes of Gute­te Eme­ri­ta« der Berg der Dias bereit, um von den Besu­chern unter der Lupe näher betrach­tet zu wer­den. Die Augen Gute­tes lie­gen nun hier aus, um stumm von dem unvor­stell­ba­ren Leid zu erzäh­len, das sie sahen. Die hell glei­ßen­de Arbeit schließt dabei an zwei wei­te­re Licht­ar­bei­ten Jaars an, die die Ber­li­ni­sche Gale­rie in ihrem Räu­men aus­stellt. In »The sound of silence« wird in Anleh­nung an ein Blitz­licht­ge­wit­ter mit­tels aggres­si­ver Blen­dung auf die ein­engen­de, ver­zer­ren­de und aggres­siv umdeu­ten­de Bild­pra­xis der Pres­se hin­ge­wie­sen. Dage­gen bezieht sich die docu­men­ta-Arbeit »Lament of images« direkt auf die ein­drück­lich erzähl­ten Erfah­run­gen Nel­son Man­de­las, als er nach Jah­ren der Inhaf­tie­rung durch das glei­ßen­de Licht des Stein­bruchs schmerz­haft geblen­det war.

Alfredo Jaar: Studies on Happiness: Public Interventions, courtesy: der Künstler

Alfre­do Jaar: Stu­dies on Hap­pi­ness: Public Inter­ven­ti­ons, cour­te­sy: der Künst­ler

Die Aus­ein­an­der­set­zung mit Metho­den der poli­ti­schen Unter­drü­ckung und der sys­te­ma­ti­schen Men­schen­rechts­ver­let­zung erstreckt sich auch auf Jaars Hei­mat Chi­le. Den Inter­ven­tio­nen im offe­nen Raum aus der Zeit der Mili­tär­jun­ta wid­met sich die NGBK und stellt eini­ge exem­pla­ri­sche Werk­kom­ple­xe aus. Jaar adap­tier­te Wider­stands­for­men, die sich im Aus­land ent­wi­ckeln konn­ten, und trans­fe­rier­te sie nach Chi­le, um ihre Unmög­lich­keit und Wir­kungs­lo­sig­keit her­aus­zu­ar­bei­ten. So über­trug er die lau­ten Müll­ton­nen­de­ckel-Demons­tra­tio­nen der Frau­en von Bel­fast oder das san­di­nis­ti­sche Kla­ri­net­ten­spiel der Nica­ra­gua­ni­schen Befrei­ungs­kämp­fer auf chi­le­ni­sche Ver­hält­nis­se und zeig­te ihre Effekt­lo­sig­keit auf. Dage­gen konn­ten Jaars eige­ne Metho­den bes­ser fruch­ten: Der Chi­le­ne rief kur­zer­hand zum Nach­den­ken auf: »Sind sie glück­lich?«, fer­tig­te Fra­ge­bö­gen an, führ­te auto­ma­ti­sier­te Inter­views mit chi­le­ni­schen Bür­gern und instal­lier­te im öffent­li­chen Raum Pla­ka­te, die die­se simp­le Fra­ge wei­ter ver­brei­te­ten und das herr­schen­de Sys­tem ein­drück­lich unter­mi­nier­ten.

Schließ­lich fin­det die Aus­stel­lung auch nach Ber­lin zurück, wo Jaar nach dem Mau­er­fall dem geein­ten Deutsch­land auf den Zahn fühl­te und sich rech­ter Gewalt wid­me­te. Die Doku­men­ta­ti­on einer dama­li­gen Instal­la­ti­on auf dem Per­ga­mo­nal­tar wird neben erst­mals gezeig­ten Foto­gra­fi­en aus der Ost-Ber­li­ner Ödnis gezeigt und schließt den Kreis Jaars poli­ti­scher Arbeit.

Die Aus­stel­lung »Alfre­do Jaar – The way it is. Eine Ästhe­tik des Wider­stands« ist noch bis zum 19. August in der NGBK, bis zum 16. Sep­tem­ber in der Alten Natio­nal­ga­le­rie und bis zum 17. Sep­tem­ber in der Ber­li­ni­schen Gale­rie geöff­net.