Ein Bruchstück eines Rockenschaub

22. Februar 2012 von Matthias Planitzer
Warum ein Exponat nur ein Fragment sein kann
Das Schlußwort

Die­ser Arti­kel erschien am 15. Febru­ar im KUNST Maga­zin, in mei­ner Rei­he Das Schluß­wort.

Es ist schon fast eine Hie­ro­gly­phen­schrift, die Ger­wald Rocken­schaub ent­wi­ckelt hat: Mit Sinn für’s Wesent­li­che redu­ziert er die Abbil­der ver­schie­dens­ter Objek­te, führt sie bis an die Gren­ze zur Abs­trak­ti­on her­an und gibt doch dabei Acht, daß sie noch immer les­bar blei­ben. Man­ches die­ser Pik­to­gram­me ist noch zwei­fels­frei als Stuhl oder Tri­kot erkenn­bar, ande­re sind immer­hin als Lei­tern oder Spie­gel­eier denk­bar und wie­der ande­re sind bes­ten­falls noch als Lini­en­zü­ge oder Farb­kleck­se dechif­frier­bar. Auf die­se Wei­se erschuf er in sei­nem bis­he­ri­gen, unüber­schau­ba­ren Werk ein Archiv der zeit­ge­nös­si­schen Bil­der ohne jedoch ihre iko­no­gra­phi­schen Impli­ka­tio­nen außer Acht zu las­sen. Sei­ne Pik­to­gram­me und ihre Kraft, einen zeit­lich defi­nier­ten Bild­kor­pus zu destil­lie­ren und in ihrer redu­zier­ten Form wie­der­zu­ge­ben, waren schon häu­fi­ger Gegen­stand der kunst­theo­re­ti­schen und -kri­ti­schen Lite­ra­tur und haben bis heu­te nichts an ihrer Wir­kung ver­lo­ren.

Blick in die Ausstellung „Gerwald Rockenschaub. multidial“ im Kunstmuseum Wolfsburg (16.04. – 04.09.2011) mit dem Werk: Ohne Titel, 2010/2011, Wand mit 385 Sujets: Farbfolien, Dispersionsfarbe, Tischlerplatten auf Aluminiumkonstruktion, 1040 x 6610 x 60 cm, Courtesy Galerie Mehdi Chouakri, Berlin/Georg Kargl Fine Arts, Wien/Galerie Susanna Kulli, Zürich/Galerie Vera Munro, Hamburg/Galerie Eva Presenhuber, Zürich/Galerie Thaddaeus Ropac, Paris, Salzburg Foto: Marek KruszewskiBlick in die Aus­stel­lung „Ger­wald Rocken­schaub. multidi­al“ im Kunst­mu­se­um Wolfs­burg (16.04. – 04.09.2011) mit dem Werk: Ohne Titel, 2010/2011, Wand mit 385 Sujets: Farb­fo­li­en, Disper­si­ons­far­be, Tisch­ler­plat­ten auf Alu­mi­ni­um­kon­struk­ti­on, 1040 x 6610 x 60 cm, Cour­te­sy Gale­rie Meh­di Choua­kri, Berlin/Georg Kargl Fine Arts, Wien/Galerie Susan­na Kul­li, Zürich/Galerie Vera Mun­ro, Hamburg/Galerie Eva Pre­sen­hu­ber, Zürich/Galerie Thad­da­eus Ropac, Paris, Salz­burg, Foto: Marek Kru­szew­ski

Den­noch ist ein erneu­ter Blick auf Rocken­schaubs bis­he­ri­ges Werk ange­bracht. Nie wur­de es in einer sol­chen Fül­le unter einem Dach aus­ge­stellt wie in sei­ner Schau »multidi­al«, die im ver­gan­ge­nen Som­mer die gro­ße Hal­le des Kunst­mu­se­ums Wolfs­burg ganz für sich ein­nahm. Auf ins­ge­samt knapp 700 Qua­drat­me­tern gezim­mer­ter MDF-Wand zwäng­te er sei­ne Figu­ren so dicht bei­sam­men, daß man nur erah­nen konn­te, wie vie­le Pik­to­gram­me es nicht in die enge­re Aus­wahl geschafft haben moch­ten. Dem Besu­cher stell­te sich so ein über­wäl­ti­gen­der Fun­dus der Rocken­schaubschen Bil­der­welt dar, die er nur in geduld­sa­men Stun­den über­bli­cken konn­te.

Die­sen monu­men­ta­le Ein­blick in Rocken­schaubs Bil­der­welt konn­te jeder­mann bis zum Sep­tem­ber des ver­gan­ge­nen Jah­res wagen, ehe »mult­idal« Mit­te des Monats demon­tiert wer­den soll­te. Die Instal­la­ti­on ver­schwand jedoch kei­nes­wegs in den Archi­ven. Rocken­schaub reis­te eigens aus Ber­lin an um zehn Aus­schnit­te zu bestim­men, die der Wand ent­nom­men und eigens kon­ser­viert wer­den soll­ten. Seit Mit­te Janu­ar wer­den die­se Frag­men­te in der Fol­ge­aus­stel­lung »Redi­al« in der Gale­rie Meh­di Choua­kri aus­ge­stellt: »sta­bi­le, mit wei­ßer Disper­si­ons­far­be gestri­che­ne MDF-Tafeln mit Bild­mo­ti­ven aus dau­er­haft selbst­kle­ben­den Farb­fo­li­en«, wie es mit fei­ner Poe­sie im Aus­stel­lungs­text heißt.

Gerwald Rockenschaub: Redial, Foto: Jan Windszus, courtesy Mehdi ChouakriGer­wald Rocken­schaub: Redi­al, Foto: Jan Winds­zus, cour­te­sy Meh­di Choua­kri

Nun lässt sich viel arg­wöh­nen über die Moti­ve, die den Ent­schluss zu »Redi­al« tru­gen. Der Archi­vie­rungs­zweck steht außer Fra­ge: außer den zehn gezeig­ten Frag­men­ten exis­tiert kein Über­bleib­sel der auf­wän­dig ange­fer­tig­ten Instal­la­ti­on aus »multidi­al«. Über die künst­le­ri­sche, aber auch die unter­neh­me­ri­sche Inten­ti­on lässt sich an die­ser Stel­le nur spe­ku­lie­ren – viel inter­es­san­ter scheint da der kon­ser­va­to­ri­sche Aspekt und das Ver­hält­nis zwi­schen dem Frag­ment als Expo­nat und dem Ori­gi­nal als de fac­to zer­stör­ter Kul­tur­trä­ger.

Die Aus­schnit­te aus Rocken­schaubs »multidi­al«, die in der Gale­rie Meh­di Choua­kri ver­sam­melt sind, drän­gen förm­lich auf die­se expli­zi­te Bezie­hung. Ohne das Wis­sen um ihre Her­kunft impo­nie­ren die Signets zwar zunächst als eigen­stän­di­ge Wer­ke, fal­len jedoch umso schnel­ler durch die Zei­chen ihrer Imper­fek­ti­on auf. Fugen und Spal­ten, Nage­lun­gen und Split­ter durch­que­ren die MDF-Plat­ten und wir­ken so wie unglück­li­che Nar­ben in der akku­rat aus­ta­rier­ten Kom­po­si­ti­on. Die­se Fehl­stel­len beein­träch­ti­gen die Strahl­kraft der abs­tra­hier­ten Figu­ren und ver­hin­dern wir­kungs­voll, daß sie sich von ihrem mate­ri­el­len Unter­grund abhe­ben kön­nen. Obgleich die Pik­to­gram­me ihren Effekt nicht völ­lig ver­feh­len, sind sie doch spür­bar dar­in gehin­dert, eine Wir­kung zu ent­fal­ten, wie man sie von Rocken­schaub kennt.

Gerwald Rockenschaub: Multi/Redial I, Foto: Jan Windszus, courtesy Mehdi ChouakriGer­wald Rocken­schaub: Multi/Redial I, Foto: Jan Winds­zus, cour­te­sy Meh­di Choua­kri

Zwar löst sich das Mys­te­ri­um schnell auf, wenn man erfährt, wel­chen Weg die zehn Arbei­ten zurück­ge­legt haben. Dar­an schlie­ßen sich jedoch wei­te­re Fra­gen an, die die Frag­men­ta­ri­tät die­ser Expo­na­te betref­fen. Schließ­lich ist aus den in »Redi­al« aus­ge­stell­ten Bruch­stü­cken nicht zu erse­hen, wel­cher Gestalt das Ori­gi­nal war, auch nicht, wel­che über­wäl­ti­gen­den Dimen­sio­nen es ein­nahm. Allein die Grö­ße lässt sich kaum annä­hernd erah­nen, obgleich der eigen­wil­li­ge Rhyth­mus der Fugen und Spal­ten impli­zit dar­auf hin­weist. Einen kon­ser­va­to­ri­schen Zweck kann »Redi­al« also nicht erfül­len, denn die hier aus­ge­stell­ten Frag­men­te kön­nen genau­so wenig das nicht mehr erhal­te­ne Ori­gi­nal erfas­sen wie die bun­ten Beton­split­ter, die heu­te in deut­schen Wohn­zim­mern an die Ber­li­ner Mau­er erin­nern.

Die Bruch­stü­cke aus Rocken­schaubs Groß­in­stal­la­ti­on »multidi­al« sind also ledig­lich eine Memo­ra­bi­lie, die zwar noch die Erin­ne­rung beflü­geln, dem zuge­dach­ten Gegen­stand aller­dings nur noch einen Platz im Gedächt­nis ein­räu­men. Daß die­ser not­wen­di­ger­wei­se abs­tra­hiert, sub­jek­ti­viert und ent­frem­det ist, dürf­te zu Rocken­schaubs Kal­kül gehö­ren, schließ­lich hät­te er sonst Aus­schnit­te wäh­len kön­nen, die kei­nen Hin­weis auf ihre Frag­men­ta­ri­tät in Form von gena­gel­ten Fugen geben. Tat­säch­lich miß­ach­tet die Schnitt­füh­rung im Fal­le manch eines Bruch­stü­ckes, wie etwa »Multi/Redial I«, die Aus­ma­ße der dar­ge­stell­ten Pik­to­gram­me, durch­trennt sie und ord­net sie – nun ihrer Sym­bol­wir­kung beraubt – neu an. Die kon­tex­tu­el­le Ein­ord­nung in das ursprüng­li­che Gefü­ge wird dadurch nicht nur erschwert, son­dern stel­len­wei­se auch unmög­lich gemacht.

Gerwald Rockenschaub: Redial IX, Foto: Jan Windszus, courtesy Mehdi ChouakriGer­wald Rocken­schaub: Multi/Redial IX, Foto: Jan Winds­zus, cour­te­sy Meh­di Choua­kri

An die­ser Stel­le emp­fiehlt sich ein Hin­weis auf die Dis­kus­si­on, die sich um Cyprien Gail­lards Instal­la­ti­on »The reco­very of dis­co­very« ent­spann, die er als rie­si­ge Bier­py­ra­mi­de in den KW Ber­lin instal­lier­te. Am Bei­spiel des Per­ga­mo­nal­ta­res und der Bier­mar­ke Efes kri­ti­sier­te Gail­lard dar­in eine Kul­tur­he­ge­mo­nie, die durch den Export und Zur­schau­stel­lung frem­der Kul­tur­gü­ter außer­halb ihres ursprüng­li­chen Zusam­men­hangs zu einer Ent­frem­dung bei­trägt. Die frag­men­ta­ri­sche Ent­nah­me von Expo­na­ten aus ihrer Umge­bung eli­mi­niert in sei­ner Instal­la­ti­on den Sinn­zu­sam­men­hang, der sich in der Frem­de nicht mehr her­stel­len lässt.

Ähn­lich ver­hält es sich auch mit Rocken­schaubs »Multi/Redial«, das zwar noch spür­bar den Bezug der Expo­na­te zum Ori­gi­nal ver­mit­telt, sie jedoch nicht zu einer sinn­stif­ten­den Ein­heit ver­bin­den kann. Aller­dings muss die­ser Aspekt nicht not­wen­di­ger­wei­se eine Kri­tik an gel­ten­der Kul­tur­pra­xis sein. Rocken­schaub, von dem bekannt ist, daß er sich nicht mit der rech­ten Deu­tung sei­ner Wer­ke auf­hält, son­dern lie­ber nur den Anstoß lie­fert, hat ver­mut­lich kein Lehr­stück über Kul­tur­kon­ser­vie­rung im Sinn gehabt. Den­noch, und das ist nicht von der Hand zu wei­sen, hat er wie­der ein­mal das getan, was er mit sei­nen Pik­to­gram­men seit jeher bewirk­te: Er hat der Öffent­lich­keit ihre Bil­der gezeigt. Die Fra­ge, ob die­se dar­stel­len, was sie ver­spre­chen, bleibt glück­li­cher­wei­se offen.