Kunst in der Kleingartenkolonie

23. Mai 2011 von Matthias Planitzer
© Satch Hoyt In einem kleinen norditalienischen Dorf fand im vergangenen Jahr eine Ausstellung statt, die fast in Vergessenheit geraten wäre. Eine Sammlerin lud hierzu in ihre versteckt liegende Villa, die einst im Stile der neuen Sachlichkeit gebaut wurde. Obgleich Arbeiten von einigen namhaften internationalen Künstlern zu sehen waren, war die Ausstellung doch wenig spektakulär, ja, man musste sogar nach ihr suchen. Grund dafür war, daß die eingeladenen Künstler nicht etwa ihre neusten Arbeiten direkt aus dem Atelier einfliegen ließen, sondern die vorgefundene Situation in dem Haus für sich nutzten. Da wechselten etwa Einrichtungsgegenstände ihren Platz oder es wurden rohe Eier auf dem Parkettboden zerschellt. Kunst und Alltag gingen eine enge Verschränkung ein, wodurch auf Seiten des Besuchers große Unsicherheit herrschte: Was war als Kunst beabsichtigt? Was nur Zufall? Was gar nichtig und bedeutunglos? Dies war im Einzelnen nicht immer ohne Hilfe von Außen erkenntlich. Diese etwas andere Form der Found Art, die hier die Grundlage eines Kurationskonzepts darstellte, fügte sich zeitlich wunderbar in die immer noch anhaltende Debatte zur Revision bestehender Kurationsmodelle ein und experimentierte auf einem ihrer wesentlichen Felder: Die Frage nach den elementaren formalen Rahmenbedingungen, die ein Objekt von seinem Hintergrund isolieren, als Kunst deklarieren und gegen äußere Eingriffe auf diesen status quo schützen. Bisher war die dadurch privilegierte Stellung des Kunstwerks v.a. mithilfe der nach außen und innen hin neutralisierenden Kräfte des White Cube gewahrt, doch durch die Verwischung der rezeptiven Grenzen wie etwa in jener Villa ist die Integrität des Kunstwerks als Besonderes oder gar Abgesondertes gegenüber seiner Umwelt (örtlich wie ideell gedacht) im Kern bedroht worden. Einen weiteren Vorstoß in diese Richtung kann man nun auch verfolgen, ohne dafür aufwendige Reisen auf sich nehmen zu müssen. Gestern eröffnete nämlich im Herzen Berlins, in einer Kleingartenkolonie am Gleisdreieck, die Ausstellung "Stay hungry", die nach vier unterschiedlichen Previews in den letzten Monaten nun ihren vorläufigen Abschluss findet. Zwanzig künstlerische Annäherungen an diesen ungewöhnlichen Ausstellungsort können noch bis zum 29. Mai entdeckt und exploriert werden. Doch eines sei vorweg gesagt: Manch ein Kunstwerk stützt sich mehr auf die Kraft der Deklaration statt der des Wesens.

Satch Hoyt© Satch Hoyt

In einem klei­nen nord­ita­lie­ni­schen Dorf fand im ver­gan­ge­nen Jahr eine Aus­stel­lung statt, die fast in Ver­ges­sen­heit gera­ten wäre. Eine Samm­le­rin lud hier­zu in ihre ver­steckt lie­gen­de Vil­la, die einst im Sti­le der neu­en Sach­lich­keit gebaut wur­de. Obgleich Arbei­ten von eini­gen nam­haf­ten inter­na­tio­na­len Künst­lern zu sehen waren, war die Aus­stel­lung doch wenig spek­ta­ku­lär, ja, man muss­te sogar nach ihr suchen. Grund dafür war, daß die ein­ge­la­de­nen Künst­ler nicht etwa ihre neus­ten Arbei­ten direkt aus dem Ate­lier ein­flie­gen lie­ßen, son­dern die vor­ge­fun­de­ne Situa­ti­on in dem Haus für sich nutz­ten. Da wech­sel­ten etwa Ein­rich­tungs­ge­gen­stän­de ihren Platz oder es wur­den rohe Eier auf dem Par­kett­bo­den zer­schellt. Kunst und All­tag gin­gen eine enge Ver­schrän­kung ein, wodurch auf Sei­ten des Besu­chers gro­ße Unsi­cher­heit herrsch­te: Was war als Kunst beab­sich­tigt? Was nur Zufall? Was gar nich­tig und bedeu­tung­los? Dies war im Ein­zel­nen nicht immer ohne Hil­fe von Außen erkennt­lich.

Die­se etwas ande­re Form der Found Art, die hier die Grund­la­ge eines Kura­ti­ons­kon­zepts dar­stell­te, füg­te sich zeit­lich wun­der­bar in die immer noch anhal­ten­de Debat­te zur Revi­si­on bestehen­der Kura­ti­ons­mo­del­le ein und expe­ri­men­tier­te auf einem ihrer wesent­li­chen Fel­der: Die Fra­ge nach den ele­men­ta­ren for­ma­len Rah­men­be­din­gun­gen, die ein Objekt von sei­nem Hin­ter­grund iso­lie­ren, als Kunst dekla­rie­ren und gegen äuße­re Ein­grif­fe auf die­sen sta­tus quo schüt­zen. Bis­her war die dadurch pri­vi­le­gier­te Stel­lung des Kunst­werks v.a. mit­hil­fe der nach außen und innen hin neu­tra­li­sie­ren­den Kräf­te des White Cube gewahrt, doch durch die Ver­wi­schung der rezep­ti­ven Gren­zen wie etwa in jener Vil­la ist die Inte­gri­tät des Kunst­werks als Beson­de­res oder gar Abge­son­der­tes gegen­über sei­ner Umwelt (ört­lich wie ide­ell gedacht) im Kern bedroht wor­den.

Einen wei­te­ren Vor­stoß in die­se Rich­tung kann man nun auch ver­fol­gen, ohne dafür auf­wen­di­ge Rei­sen auf sich neh­men zu müs­sen. Ges­tern eröff­ne­te näm­lich im Her­zen Ber­lins, in einer Klein­gar­ten­ko­lo­nie am Gleis­drei­eck, die Aus­stel­lung »Stay hungry«, die nach vier unter­schied­li­chen Pre­views in den letz­ten Mona­ten nun ihren vor­läu­fi­gen Abschluss fin­det. Zwan­zig künst­le­ri­sche Annä­he­run­gen an die­sen unge­wöhn­li­chen Aus­stel­lungs­ort kön­nen noch bis zum 29. Mai ent­deckt und explo­riert wer­den. Doch eines sei vor­weg gesagt: Manch ein Kunst­werk stützt sich mehr auf die Kraft der Dekla­ra­ti­on statt der des Wesens.

Am ein­fachs­ten macht es dem Besu­cher Satch Hoyt: Der Bri­te greift zu bun­ten Eimern, um eine schlank auf­ra­gen­de Skulp­tur nach Brancusi’schem Vor­bild zu errich­ten. Die­ser Hin­weis ist unmiss­ver­ständ­lich: Hier­bei soll es sich ganz klar um Kunst han­deln und so ist es auch zu erklä­ren, daß im Gegen­satz zu den rest­li­chen Arbei­ten kein Schild dar­auf hin­weist, daß man sich hier bit­te auf das Ergeb­nis der künst­le­risch inspi­rier­ten Schöp­fung ein­zu­stel­len hat. Das The­ma der Klein­gar­ten­ko­lo­nie taucht eben­falls auf und so wähnt man schnell eine kurz­wei­li­ge Sati­re auf die gut bekann­te Vor­la­ge.

Man kann sich aber auch auf tie­fer gehen­de Fra­gen ein­las­sen: Funk­tio­niert Hoyts Idee auch im Gale­ri­en-Set­ting oder ist sie nur in einem sol­chen Umfeld rea­li­sier­bar? Dar­aus folgt schnell die Fra­ge nach der Hier­ar­chie der künst­li­che­ren Dar­stel­lung: Bedingt das Kunst­werk die for­ma­len Aspek­te sei­ner Aus­stel­lung, ist es einem kura­ti­ven Inter­es­se unter­tan oder kann ihm nur in einer neu­tra­len Umge­bung genü­gend Rech­nung getra­gen wer­den? Damit wird neben den Prin­zi­pi­en des White Cubes und der kol­la­bo­ra­ti­ven The­men­aus­stel­lung eine wei­te­re Dimen­si­on gedacht, die das Kunst­werk ein gan­zes Stück wei­ter ins Zen­trum rückt. Hoyt jeden­falls gibt kei­ne kla­re Ant­wort auf die­se sub­stan­zi­el­len Fra­gen; statt­des­sen über­lässt er das Urteil dem, der es ohne­hin am Ende fäl­len muss: dem Betrach­ter.

Stay hungry(Künst­ler unbe­kannt)

Dage­gen muss eine von Bau­ar­bei­tern auf einer unbe­bau­ten Teil­flä­che der Klein­gar­ten­an­la­ge ver­ges­se­ne, tro­cken als »Bro­ken rope« beti­tel­te Rohr­ver­klei­dung ihre Berech­ti­gung als Kunst­ge­gen­stand gründ­li­cher nach­wei­sen. Kein kunst­his­to­ri­scher oder -theo­re­ti­scher Hin­weis ist aus­zu­ma­chen, außer der, daß es sich um Found Art han­deln kön­ne (müs­se?). Die­ses Argu­ment für ihren künst­le­ri­schen Wert erscheint jedoch schwach und so über­wiegt letzt­lich die Annah­me, daß hier ein pro­fa­ner Gegen­stand als Kunst dekla­riert und allein kraft die­ser Behaup­tung legi­ti­miert wird.

Man kann »Bro­ken rope« aber auch als einen Hin­weis auf die Phä­no­me­no­lo­gie die­ser Klein­gar­ten­ko­lo­nie bewer­ten. Das Schild wäre somit als Hin­weis auf ein Cha­rak­te­ris­ti­kum einer typi­schen Sied­lung wie die­ser anzu­se­hen; es wür­de dann her­vor­he­ben, daß sol­che Anla­gen meist durch einen stän­di­gen Wan­del gekenn­zeich­net sind, des­sen Spu­ren hier nach­voll­zieh­bar wer­den. Wenn man sich die­ser Deu­tung der Funk­ti­on des Schil­des anschlie­ßen möch­te, wird man dar­in die Aus­lo­tung des kura­to­risch erschlos­se­nen Rau­mes der Klein­gar­ten­ko­lo­nie erken­nen und somit wie­der zu dem eigent­li­chen Anlie­gen der Aus­stel­lung »Stay hungry« zurück­keh­ren. Die Ent­de­ckung und Beschrei­bung neu­er Aus­stel­lungs­räu­me wird somit als expe­ri­men­tel­ler Pro­zess sicht- und greif­bar, ohne bereits expli­zi­te Nut­zungs­stra­te­gi­en vor­ge­legt zu bekom­men.

Lola Göller
© Lola Göl­ler

Doch die Fra­ge, wie letzt­lich die­ser unge­wöhn­li­che Aus­stel­lungs­raum genutzt wer­den kann, bleibt nicht unbe­ant­wor­tet. Neben rie­sen­haf­ten, den Besu­chern auf­lau­ern­den Wes­pen (Mla­den Mil­ja­no­vic) und Leucht­re­kla­men in Win­ter­gär­ten (David Levi­ne) kann man auch Lola Göl­lers Licht­in­stal­la­ti­on begut­ach­ten, die aller­dings erst nach Son­nen­un­ter­gang ihre eigent­li­che Wir­kung ent­fal­tet. Dazu rich­tet sie auf einen klei­nen Hain auf dem Gelän­de der Klein­gar­ten­an­la­ge einen simp­len Spot und taucht die­ses Wald­stück in ein glei­ßen­des Licht, das auch über gro­ße Ent­fer­nung gut sicht­bar bleibt. Licht und Schat­ten tref­fen hart auf ein­an­der, die Kon­tu­ren des Unter­holz wer­den bis zur Gro­tes­ke ent­stellt.

Mit Rod­ney Gra­hams Ein­zel­aus­stel­lung im Gedächt­nis, die Ende des letz­ten Jah­res in der Ham­bur­ger Kunst­hal­le gezeigt wur­de, fand ich mich sofort in die­ser Situa­ti­on wie­der, die man aus unzäh­li­gen Spiel­fil­men kennt: Poli­zei­hub­schrau­ber suchen ein Wald­ge­biet ab, ihr Schein­wer­fer­licht taucht zwi­schen den Bäu­men hin­durch. Es ist eine Ver­fol­gungs­sze­ne, das blen­den­de Licht wirkt bedroh­lich, man fin­det sich schnell in der Rol­le eines Gejag­ten wie­der. Ähn­lich ver­hält es sich bei Lola Göl­ler, jedoch geht von ihrer Instal­la­ti­on mehr Mys­tik aus. Man denkt an UFOs, Epi­pha­ni­en oder ähn­li­che Wun­der, wenn man die Arbeit aus eini­ger Ent­fer­nung ent­deckt. Neu­gie­rig die Licht­quel­le anpir­schend ent­le­digt sich das Gesche­hen bald sei­ner Wun­der­sam­keit und ist am Ende doch ein­fach nur ein simp­ler Spot inmit­ten von Bäu­men und Unter­holz.

Mladen Miljanovic© Mla­den Mil­ja­no­vic

Das The­ma der Klein­gar­ten­ko­lo­nie taucht hier zwar nicht expli­zit auf, jedoch ist Lola Göl­lers Instal­la­ti­on ein Bei­spiel dafür, wie die­ser unge­wöhn­li­che Aus­stel­lungs­raum genutzt und Inter­ven­tio­nen ein­ge­bracht wer­den kön­nen. Wür­de man die Situa­ti­on in einem geschlos­se­nen Gale­ri­en­raum getreu nach­bil­den wol­len, wür­de man kei­ne ver­gleich­ba­re Wir­kung erzie­len. Erst durch die Mög­lich­kei­ten, die Beleuch­tung, Ort, Wit­te­rung etc. bie­ten, kann ihre Arbeit auch aus einem kura­to­ri­schen Inter­es­se her­aus authen­tisch rea­li­siert wer­den. Gra­ham ver­such­te, eine ähn­li­che Wir­kung auf einer gro­ßen Lein­wand in einem voll­kom­men dunk­len Raum zu rea­li­sie­ren, muss­te aber gera­de des­we­gen Abstri­che in der Authen­ti­zi­tät machen. Ob dies anders beab­sich­tigt war, ist kri­tisch zu hin­ter­fra­gen, doch ist unum­strit­ten, daß eine Instal­la­ti­on vor Ort, wie etwa im ande­ren Fal­le, auch ein Mehr an Wir­kung mit sich bringt. Eine tri­via­le Erkennt­nis zwar, die trotz­dem für den Kura­ti­ons­be­trieb von gro­ßer Rele­vanz ist.

Die rest­li­chen Arbei­ten in »Stay hungry«, so denn man sie alle ent­deckt, gehen mit die­ser Auf­ga­be sehr unter­schied­lich um. Wie in den bei­den obi­gen Fäl­len bei­spiel­haft dar­ge­stellt, teilt sich die Aus­stel­lung in den kura­ti­ons­theo­re­ti­schen und den künst­le­risch-prak­ti­schen Teil und führt somit eine Exem­pli­fi­ka­ti­on der so gewon­ne­nen Erkennt­nis­se gleich vor Ort durch. »Stay hungry« erfüllt also genau das, was es ver­spricht: Es sucht nach neu­en For­men der Kura­ti­on.