Dezente Raumcollagen

04. Mai 2011 von Matthias Planitzer
"Milos VI", © Sinta Werner Der Galerienmarathon des Wochenendes brachte wie auch die Jahre zuvor viele Eindrücke mit sich; ich habe nicht weniger als 26 Ausstellungen besucht, und hätte doch mit einem sinnvolleren Zeitmanagement noch mehr sehen können. Darunter waren auch viele Galerien, die nicht zum eigentlichen Programm des Gallery Weekend gehörten, aber dennoch von den Besucherströmen profitierten; 30.000 Kunstinteressierte sollen es wohl gewesen sein. Dabei brauchten sich jene nicht offiziellen GW-Teilnehmer nicht verstecken, wie auch eine Entdeckung zeigte, die ich nur zufällig machte. In der Rudi-Dutschke-Straße stieß ich nämlich auf die mir bis dahin unbekannte frontviews gallery, die gerade Sinta Werner in der noch bis Anfang Juni laufenden Einzelausstellung "Abschattungen" zeigt. Die ausgestellten Arbeiten aus mehreren Werkreihen konnten sofort überzeugen: Sinta Werner entwirft in ihnen mit einer erstaunlichen Präzision und Beobachtungsgabe Räume und Raumillusionen und geht dabei von einer bildlichen, das heißt flachen und zweidimensionalen Grundlage aus. Mithilfe von Collagetechniken und Versatz von Bildelementen entwickelt sie so neue Arrangements, die die dargestellten Räume neu modellieren und ganz nebenbei die bestehenden Raumerfahrungen des Betrachters hinterfragen. Das allein macht ihre Technik allerdings noch nicht erwähnenswert, jedoch gelingt ihr diese Leistung mit einer Leichtigkeit und in sich ruhenden Dynamik, die so überzeugend ist, daß es mir die Sprache verschlug.

Sinta Werner: Milos VI»Milos VI«, © Sin­ta Wer­ner

Der Gale­ri­en­ma­ra­thon des Wochen­en­des brach­te wie auch die Jah­re zuvor vie­le Ein­drü­cke mit sich; ich habe nicht weni­ger als 26 Aus­stel­lun­gen besucht, und hät­te doch mit einem sinn­vol­le­ren Zeit­ma­nage­ment noch mehr sehen kön­nen. Dar­un­ter waren auch vie­le Gale­ri­en, die nicht zum eigent­li­chen Pro­gramm des Gal­le­ry Wee­kend gehör­ten, aber den­noch von den Besu­cher­strö­men pro­fi­tier­ten; 30.000 Kunst­in­ter­es­sier­te sol­len es wohl gewe­sen sein. Dabei brauch­ten sich jene nicht offi­zi­el­len GW-Teil­neh­mer nicht ver­ste­cken, wie auch eine Ent­de­ckung zeig­te, die ich nur zufäl­lig mach­te.

In der Rudi-Dutsch­ke-Stra­ße stieß ich näm­lich auf die mir bis dahin unbe­kann­te front­views gal­le­ry, die gera­de Sin­ta Wer­ner in der noch bis Anfang Juni lau­fen­den Ein­zel­aus­stel­lung »Abschat­tun­gen« zeigt. Die aus­ge­stell­ten Arbei­ten aus meh­re­ren Werk­rei­hen konn­ten sofort über­zeu­gen: Sin­ta Wer­ner ent­wirft in ihnen mit einer erstaun­li­chen Prä­zi­si­on und Beob­ach­tungs­ga­be Räu­me und Raum­il­lu­sio­nen und geht dabei von einer bild­li­chen, das heißt fla­chen und zwei­di­men­sio­na­len Grund­la­ge aus. Mit­hil­fe von Col­la­ge­tech­ni­ken und Ver­satz von Bild­ele­men­ten ent­wi­ckelt sie so neue Arran­ge­ments, die die dar­ge­stell­ten Räu­me neu model­lie­ren und ganz neben­bei die bestehen­den Raum­er­fah­run­gen des Betrach­ters hin­ter­fra­gen. Das allein macht ihre Tech­nik aller­dings noch nicht erwäh­nens­wert, jedoch gelingt ihr die­se Leis­tung mit einer Leich­tig­keit und in sich ruhen­den Dyna­mik, die so über­zeu­gend ist, daß es mir die Spra­che ver­schlug.

Sinta Werner: Milos VIII»Milos VIII«, © Sin­ta Wer­ner

Mit Iris Tou­lia­tous Betei­li­gung an Metro­s­pec­tive 1.0 in der Pro­gram Gal­le­ry im Gedächt­nis fiel sofort die geo­me­tri­sche Kom­po­nen­te der Arbei­ten auf. Wer­ners Col­la­gen bau­en auf ein prä­zi­ses Rah­men­werk, das auf bewusst per­spek­ti­visch gewähl­ten Schnitt­kan­ten grün­det. In »Milos VIII« ist es etwa ein Strah­len­fä­cher aus ver­setz­ten Bild­tei­len, der im obe­ren Bild­drit­tel den Him­mel durch­spannt und sich gegen die ent­ge­gen­ge­setzt geführ­te Per­spek­ti­ve des Abhan­ges dar­un­ter abset­zen. Auf die­se Wei­se model­liert Wer­ner einen Bild­raum, der sich durch das ein­tö­ni­ge Grau des Him­mels dank­bar zur Ver­fü­gung stellt und unter ihrer Hand eine Dre­hung in den Vor­der­grund voll­zieht, die der gewohn­ten Raum­er­fah­rung des Betrach­ters wider­strebt. Das Auge stört sich jedoch nicht an die­ser Illu­si­on eines para­do­xen Rau­mes, weil die­se nicht mit der Brech­stan­ge her­bei­ge­führt, son­dern viel mehr sub­til erzielt wird; sie sticht nicht sofort ins Auge, son­dern will erst ent­deckt wer­den.

Dage­gen inter­ve­niert Wer­ner in »Milos VI« (s.o) mit­tels eines leicht gedreh­ten, kreis­run­den Ver­satz­stücks (wel­ches sich zudem in der Werk­se­rie »Ver­sio­nen« als plas­ti­sches Pen­dant wie­der­fin­det). Auch hier greift sie in den real vor­ge­fun­den Raum ein, führt jedoch eine Modi­fi­ka­ti­on her­bei, die ent­ge­gen der Fal­tung und Dre­hung in »Milos VIII« eine radi­ka­le­re Wir­kung erzielt: Durch die Rota­ti­on des Bild­ele­ments kommt es zu räum­li­chen Brü­chen ent­lang der gesam­ten Zir­kum­fe­renz, die einen wesent­lich tie­fe­ren Ein­griff in die räum­li­che Inte­gri­tät des Motivs dar­stel­len. Wenn die Strah­len im vor­an­ge­gan­gen Bei­spiel sich har­mo­nisch in das Bild ein­fü­gen, fin­det hier eine Inter­ven­ti­on statt, die weit­aus schnel­ler ins Auge fällt, weil sie stär­ker mit der Erwar­tung des Betrach­ters kol­li­diert. Die Ästhe­tik in »Milos VI« besteht jedoch gera­de in die­sem offen­sicht­li­chen Dis­sens, der den­noch nach­voll­zieh­bar bleibt, weil die Rota­ti­on des Ver­satz­stü­ckes klein genug aus­fällt. Trotz­dem stellt die­se Arbeit im Gegen­satz zu »Milos VIII« kei­ne Annä­he­rung an den vor­ge­fun­de­nen, d.h. motiv-eige­nen Raum dar, son­dern erschafft eine gänz­lich neue Räum­lich­keit, die vom Betrach­ter erst neu for­mu­liert wer­den muss.

Sinta Werner: Space Collage III»Space Col­la­ge III«, © Sin­ta Wer­ner

Wer­ner zeigt zudem, daß sie neben die­sen pla­nen Alte­ra­tio­nen der Bild­ar­chi­tek­tur auch per­spek­ti­vi­sche Ein­grif­fe mit der nöti­gen Authen­ti­zi­tät vor­neh­men kann. In »Space Col­la­ge III« erkennt man ein und den­sel­ben Aus­blick aus einem Fens­ter aus zwei ver­schie­de­nen Blick­win­keln, die jedoch der­art mit­ein­an­der col­la­giert wer­den, daß die Bild­ele­men­te auf- oder nah bei ein­an­der zu lie­gen kom­men und somit authen­tisch genug erschei­nen, um in einem gemein­sa­men Bild­ein­druck auf­ge­hen zu kön­nen. Der Effekt ist sub­til genug, um erst bei nähe­rem Hin­se­hen ent­larvt wer­den zu kön­nen. Die Frag­men­tie­rung des Motivs gelingt sogar so gut, daß sie erst bei der Betrach­tung der Schnitt­kan­ten auf­fällt, was auch der illu­so­ri­schen Wir­kung zugu­te kommt.

Sin­ta Wer­ner bedient sich in ihren Raum­mo­del­lie­run­gen kon­se­quen­ter­wei­se Mit­teln, die nicht nur für ihr Arbeits­me­di­um, also das zwei­di­men­sio­na­le Abbild, son­dern auch für sein Sub­jekt, das drei­di­men­sio­na­le Motiv, funk­tio­nie­ren. Ihre Col­la­gen erschei­nen genau des­halb nicht etwa platt und künst­lich, wie man es erwar­ten wür­de, wenn die Schnit­te und Ver­satz­stü­cke mit weni­ger Bedacht gewählt wären oder gar Räu­me mit­ein­an­der hybri­di­siert wür­den, die bereits inhalt­lich, also qua ihrer moti­vi­schen Bild­be­stand­tei­le, nicht zusam­men­pas­sen. Nur so gelan­gen ihr Raum­il­lu­sio­nen, die über­zeu­gend genug sind, um auch län­ger bestehen zu kön­nen.

Sinta Werner: Milos IX»Milos IX«, © Sin­ta Wer­ner

Wie das Aus­stel­lungs­pa­pier es tref­fend aus­drückt, wird dadurch »nicht der Raum […] zur illu­sio­nis­ti­schen Ansicht ver­dich­tet, son­dern das Bild […] frag­men­tiert und in die Mög­lich­kei­ten des Rau­mes über­führt«. Wer­ner ent­wirft also ihre Räu­me bereits auf dem Reiß­brett, greift bereits auf der Ebe­ne ihrer bild­li­chen Reprä­sen­ta­ti­on ein, ehe die­se in der Vor­stel­lung des Betrach­ters erschaf­fen wer­den und dort ihre illu­sio­nis­ti­sche Wir­kung ent­fal­ten kön­nen. Wenn man den Ver­gleich zu Bal­le­strems und Bur­da­kovs rekon­stru­ier­ten Raum­er­fah­run­gen zie­hen will, so erkennt man eine Gemein­sam­keit eben in die­ser Her­an­ge­hens­wei­se, die die Bild­lich­keit vor die Räum­lich­keit setzt und somit eine Hier­ar­chie ein­führt, die erst die bei­spiel­haft geschil­der­ten Illu­sio­nen bewir­ken kann.

Anders gedacht: Wür­de Wer­ner eine Räum­lich­keit erschaf­fen, indem sie Raum­ele­men­te zunächst auf eine bestimm­te Wei­se anord­ne­te und dann durch geschick­te Wahl der Bild­per­spek­ti­ve eine Schi­mä­re erzeug­te, wäre das Ergeb­nis nicht mehr als eine simp­le opti­sche Täu­schung wie etwa in der Mach­art der »Bes­ten Illu­si­on des Jah­res 2010″. Nicht nur, daß die illu­so­ri­schen Mög­lich­kei­ten recht beschränkt sind, das Auge hat sich mitt­ler­wei­le an die­se belieb­ten Kunst­grif­fe gewöhnt. Die geschil­der­te Hier­ar­chie des räum­li­chen Ein­drucks ver­mag jedoch noch sol­che Effek­te zu set­zen, die mit weni­ger Getös aus­kom­men.

Denn das ist es, was Sin­ta Wer­ners Bil­der so über­zeu­gend und anspre­chend machen: Sie sind lei­se und dezent. Aber wir­kungs­voll.

Kommentare

  1. die kunst­his­to­ri­ke­rin zollt größ­ten respekt für die­sen text. bes­ser hät­te man es nicht beschrei­ben kön­nen. mer­ci.

  2. Lie­ber Mat­thi­as Pla­nit­zer,
    Da möch­te ich mich anschlie­ßen, sehr genau beob­ach­tet und klar for­mu­liert!
    Vie­len Dank für die­sen schö­nen Bei­trag über die Aus­stel­lung.
    Ste­phan Köh­ler