Tips zum Gallery Weekend

27. April 2011 von Matthias Planitzer
Wegweiser für die Odyssee durch das Kunstwochenende
Das diesjährige Gallery Weekend

Ein­mal im Jahr spielt der Ber­li­ner Kunst­zir­kus ver­rückt: In der letz­ten April­wo­che herrscht gäh­nen­de Lee­re im Kunst­ka­len­der und dann, zum Wochen­en­de dar­auf, blü­hen die Gale­ri­en wie nach einem lan­gen Win­ter­schlaf auf und kün­di­gen den Früh­ling an. Dann fin­det näm­lich das Gal­le­ry Wee­kend statt und ver­an­lasst Samm­ler und weni­ger kauf­kräf­ti­ge Inter­es­sier­te, drei Tage lang auf aben­teu­er­li­chen Irr­fahr­ten durch die Stadt zu tin­geln. In die­sem Jahr spie­len 44 teil­neh­men­de Gale­ri­en ihre Syn­er­gi­en aus, um am Sonn­tag­abend eine mög­lichst gute Ver­kaufs­bi­lanz erzielt zu haben.

Zum Gal­le­ry Wee­kend gehört jedoch auch, daß ein Groß­teil der­je­ni­gen Kunst­häu­ser mit Ver­nis­sa­gen auf den Zug auf­springt, die nicht zum offi­zi­el­len Teil­neh­mer­ka­ta­log gehö­ren: Die­ses Jahr zäh­le ich nicht weni­ger als 69 Eröff­nun­gen (für Ber­li­ner Ver­hält­nis­se) nam­haf­ter Gale­ri­en für den kom­men­den Frei­tag. Mit den Optio­nen wird die Aus­wahl bekannt­lich schwer und so will ich mit einer Hand­voll Emp­feh­lun­gen aus­hel­fen: Mei­ne Tips zum Gal­le­ry Wee­kend gibt es nach dem Klick.

Nina Canell: Into the eyes as ends of hair»Into the eyes as ends of hair«,
© Nina Canell

Die Gale­ri­en Kon­rad Fischer und Bar­ba­ra Wien haben sich die­ses Jahr zusam­men­ge­schlos­sen, um gemein­sam Arbei­ten von Nina Canell aus­zu­stel­len, die von bei­den Kunst­häu­sern ver­tre­ten wird. Ich sah Canells Arbei­ten zuletzt im ver­gan­ge­nen Jahr zur gro­ßen Über­blicks­schau schwe­di­scher Kunst im Stock­hol­mer Moder­na Museet, wo sie mit drei Arbei­ten ver­tre­ten war, die dank ihres Wie­der­erken­nungs­wer­tes sicht­bar her­aus­sta­chen. Die Wer­ke Canells erschei­nen als redu­zier­te Appa­ra­tu­ren, die rohe Natur­kräf­te wie Was­ser, Gas und Elek­tri­zi­tät in Kon­takt mit dis­kre­ten For­men mensch­li­cher Tech­no­lo­gie brin­gen und dabei auf vagen Momen­ten der Unbe­stimmt­heit und Ver­letz­lich­keit balan­cie­ren. Mit einem sehr poe­ti­schen Aus­druck schafft es die jun­ge Schwe­din, die Cha­rak­te­ris­ti­ka bei­der (ver­meint­li­cher!) Gegen­sät­ze zunächst schroff gegen­über zu stel­len, dann aber har­mo­nisch zu ver­flech­ten, sodaß ihre Objek­te weder gänz­lich natür­lich noch tech­no­lo­gisch erschei­nen, statt­des­sen bald idio­morph ein syn­the­ti­sches, sym­bio­ti­sches Kon­ti­nu­um zwi­schen bei­den Polen erkenn­bar machen.

Die­ses trans­ele­men­ta­re Gefü­ge ist jedoch kein geschlos­se­ner Expe­ri­men­tier­zir­kel in der Alche­mis­ten­stu­be der Natur. Nina Canells Arbei­ten sind stets offen, meist sogar auf die eine oder ande­re Wei­se flüch­tig. Mal ver­dampft Was­ser und ent­zieht der Skulp­tur so ihre mate­ri­el­le Greif­bar­keit, andern­orts sind es die gro­tesk ver­zweig­ten Dräh­te, die eine Radio­an­ten­ne und mit ihr die Radio­wel­len in den Äther ver­schwin­den las­sen. Ihre Wer­ke ent­zie­hen sich dem Betrach­ter und sei­nem phy­si­schen wie geis­ti­gen Zugriff, wer­den damit – wenn auch nur dezent – chao­tisch und zer­brech­lich, weil nicht kon­trol­lier­bar. Die­se Ver­letz­lich­keit ist es, die letzt­lich die poe­ti­sche Span­nung ihrer Arbei­ten erzeugt und ihren Cha­rak­ter aus­macht.

Der Pres­se­an­kün­di­gung ihrer Dop­pel­aus­stel­lung bei Fischer und Wien sind zwar kei­ne kon­kre­ten Anga­ben zu den aus­ge­stell­ten Wer­ken zu ent­neh­men, man darf aller­dings ver­si­chert sein, daß den Besu­cher sehr anspre­chen­de Arbei­ten ganz nach Canell­scher Mach­art erwar­ten wer­den.

Tattoo-Alphabet von Olaf Nicolai für Liebe/Hass RingeTat­too-Alpha­bet für die »Liebe/Hass Rin­ge«, © Olaf Nico­lai

Bei Arra­tia, Beer ver­folgt man wie­der ein­mal ein unge­wöhn­li­ches Aus­stel­lungs­kon­zept, das jedoch buch­hal­te­risch ange­sichts des hohen Inves­ti­ti­ons­ri­si­kos einer Teil­nah­me beim Gal­le­ry Wee­kend bes­ser abschnei­den dürf­te als so manch ein Port­fo­lio einer der Aus­stel­lungs­part­ner: Statt Bil­der an die Wän­de zu hän­gen oder auf­wen­di­ge Instal­la­tio­nen auf­zu­bau­en, lädt man die Besu­cher in ein tem­po­rä­res Tat­too-Stu­dio der ande­ren Art. Dafür haben 17 Künst­ler Moti­ve bei­ge­steu­ert, zwi­schen denen je nach Wunsch aus­ge­wählt wer­den darf. Wer mag, kann sich etwa einen Chris­ti­an Jan­kow­ski oder einen Olaf Nico­lai ste­chen las­sen, das Werk qua­si gleich mit nach Hau­se neh­men. Letz­te­rer, der auch zeit­gleich in der Gale­rie Eigen+Art aus­ge­stellt wird, ist mit einem Tat­too-Alpha­bet ver­tre­ten, das zur Codie­rung der Namen gelieb­ter und gehass­ter Per­so­nen dient, wel­che dann gemein­sam als Rin­ge um Arme oder Bei­ne der Kunst­lieb­ha­ber getra­gen wer­den.

Die Akti­on »As long as it lasts« wirft sim­pels­te, aber denk­wür­di­ge Fra­gen auf: Wie beein­flus­sen Auto­ren­schaft und »Brand­mar­kung« das Ver­hält­nis zur Kunst? Wie defi­niert das Kunst­werk – inso­fern man sich dar­über einig ist, daß es eines ist – die Bezie­hung zwi­schen Künst­ler und Besit­zer neu? Wel­che per­sön­li­che Bin­dung besteht zwi­schen Besit­zer und Werk, wel­che geht ver­lo­ren, wel­che wird auf­ge­zwun­gen? Und nicht zuletzt: Wie ver­or­tet sich »As long as it lasts« in den bestehen­den Prin­zi­pi­en der Kura­ti­on und des Kunst­han­dels?

Miriam Böhm: Set I»Set I«, ©
Miri­am Böhm

Fra­gen der Form wer­den dage­gen in Miri­am Böhms Aus­stel­lung »Dis­play« in der Gale­rie Wen­trup auf­ge­wor­fen. Die Ber­li­ner Künst­le­rin ist für ihre rekur­si­ven Arbei­ten, bekannt in denen sie Foto­gra­fi­en von Foto­gra­fi­en vor einem nüch­ter­nen Hin­ter­grund aus Jute­ge­flecht zeigt. Die Bil­der über­ra­schen und ver­wir­ren oft­mals durch ihre geschick­ten Täu­schun­gen: Ver­meint­lich phy­si­sche Objek­te ent­pup­pen sich als blo­ße Abbil­dun­gen der­sel­ben, die dann wie­der­um häu­fig eine Ebe­ne tie­fer wie­der als ein­fa­che Abbil­dun­gen ent­larvt wer­den kön­nen. Durch geschick­te Anord­nung der Foto­gra­fi­en über­span­nen Bild­ele­men­te meh­re­re Bild­ebe­nen, fügen sich damit geschickt in die Kom­po­si­ti­on ein oder ent­wi­ckeln erst ihre plas­ti­sche Wir­kung.

Die rekur­si­ve Arbeits­form in Böhms Wer­ken wird mit der Beob­ach­tungs­dau­er immer offen­ba­rer und erlaubt so erst, Ide­en zur Dis­kre­panz zwi­schen Bild und Abge­bil­de­tem fruch­ten zu las­sen. Indem sie den Betrach­ter immer wie­der in die­se Fal­le tap­pen lässt, die die Gren­zen zwi­schen die­sen bei­den onto­lo­gi­schen Dimen­sio­nen ver­wischt, steht letzt­lich auch die Fra­ge im Raum, wel­chen Stel­len­wert die Unter­schei­dung bei­der Gegen­sät­ze in der heu­ti­gen Kunst hat (nicht ohne auf vor­an­ge­gan­ge­ne Epo­chen und Sti­le ver­wei­sen zu kön­nen.) Man fühlt sich schnell an Bel­ting erin­nert, fin­det bei Miri­am Böhm jedoch kei­nen kri­ti­schen Unter­ton. Ganz im Gegen­teil, ihre Arbei­ten blei­ben neu­tral, wenn es um das Für und Wider der Ver­keh­rung der Bild­haf­tig­keit geht. Böhms Bei­trag zum The­ma wie­der­holt nicht phra­sen­haft, was bereits ande­re aus­führ­lich erör­tert haben, son­dern zeigt die Not­wen­dig­keit der Erör­te­rung in unse­rer heu­ti­gen Zeit auf ohne eine bestimm­te Ein­stel­lung zu prä­fe­rie­ren. Die Her­aus­for­de­run­gen des vir­tu­el­len Bil­des an den Stel­len­wert des Abge­bil­de­ten und sei­ner ver­wert­ba­ren Bedeu­tung und Wir­kung wer­den in Böhms Arbei­ten bereits dadurch ange­deu­tet, daß unse­re Seh­er­fah­rung des nicht-vir­tu­ell erzeug­ten Bil­des bereits zu anti­quiert ist, um die­se doch recht ein­fach erziel­ten Illu­sio­nen zuver­läs­sig als sol­che erken­nen zu kön­nen.

Viel­leicht ist es für die­se Aspek­te der Bild­wis­sen­schaft loh­nens­wert, gezielt die Emp­fin­dun­gen und Gedan­ken wahr­zu­neh­men, die zunächst beim Betrach­ten der Bil­der am hei­mi­schen Bild­schirm ent­ste­hen und die­se dann mit den Erleb­nis­sen bei einem Besuch in der Gale­rie zu ver­glei­chen. Wir wer­den sehen, ich wer­de jeden­falls die­ses Expe­ri­ment ein­ge­hen.

Martin Hesselmeier, Andreas Muxel: capacitve body II»capa­cit­ve body II«, © Mar­tin Hes­sel­mei­er, Andre­as Muxel (@ LEAP)

Wei­ter­hin: Fio­na Ban­ner beschäf­tigt sich auch bei Bar­ba­ra Thumm mit Kriegs­flug­zeu­gen, bei Neu­ger­riem­schnei­der wer­den Ai Wei­weis Arbei­ten wohl eine beson­de­re Betrach­tung erfah­ren, die berühm­ten Maler­brü­der Mar­kus und Albert Oeh­len wer­den mit Aus­stel­lun­gen bei Ger­hard­sen Ger­ner resp. Max Hetz­ler (Osram­hö­fe) ver­tre­ten sein, Żak und Bra­ni­cka zei­gen neue Sei­ten Roman Opał­kas, des On Kawa­ras des Ostens, Blain|Southern eröff­net in einer alten Dru­cke­rei ihre Ber­li­ner Depen­dance und bei LEAP ist man inter­ak­ti­ven Raum­er­fah­run­gen auf der Spur.

Außer­dem: Wer noch ob der unüber­sicht­li­chen Aus­wahl unent­schlos­sen ist, dem sei der neue Cas­tor und Pol­lux Twit­ter-Stream emp­foh­len, wo ich wäh­rend des Gal­le­ry Wee­kends live Bericht erstat­ten wer­de. Wir sehen uns in den Gale­ri­en!

Andere Meinungen

  1. […] The Gal­le­ry Wee­kend Ber­lin is kicking off today in many dif­fe­rent gal­le­ries all over the city. It will run until Sunday. Look here for more details. For all serious art mat­ters I would also like to speak out 3 recom­men­da­ti­ons for blogs that real­ly know what they are tal­king about: Pri­va­te Cura­tors, Art­fri­dge and Cas­tor & Pol­lux. […]