Live im digitalen Zeitalter

31. Januar 2011 von Matthias Planitzer
"White Noise", © Žilvinas Kempinas auf der letztjährigen Transmediale Wenn der Kunstherbst vorbei ist und auch die Galerien wieder aus ihrem Winterschlaf erwachen, dann beginnt das neue Kunstjahr in Berlin standesgemäß mit Medienkultur: Die Transmediale gastiert in der Stadt und wird wie gewohnt durch einige Satellitenveranstaltungen begleitet. Wie jedes Jahr verfolgt auch die elfte Ausgabe des Festivals ein Leitthema, das – wenig überraschend – unter dem Titel "Response:Ability" in diesem Jahr Echtzeitmedien und Social Media, sowie die damit verbundene Begrifflichkeit der "Liveness" und die Verantwortung im Umgang damit subsumiert. Das Partnerfestival Club Transmediale greift das hier behandelte Thema unter dem Motto "#Live!?" auf und untersucht es mit den Mitteln der Musik und Medienkunst. Ab morgen finden sechs Tage lang Vorträge, Filmvorführungen, Performances, Workshops und Konzerte statt und laden den Besucher mitunter zum Mitmachen ein. Ich war auf der heutigen Pressekonferenz und habe erste Eindrücke gesammelt.

Žilvinas Kempinas: White Noise»White Noi­se«, © Žil­vinas Kem­pi­nas auf der letzt­jäh­ri­gen Trans­me­dia­le

Wenn der Kunst­herbst vor­bei ist und auch die Gale­ri­en wie­der aus ihrem Win­ter­schlaf erwa­chen, dann beginnt das neue Kunst­jahr in Ber­lin stan­des­ge­mäß mit Medi­en­kul­tur: Die Trans­me­dia­le gas­tiert in der Stadt und wird wie gewohnt durch eini­ge Satel­li­ten­ver­an­stal­tun­gen beglei­tet. Wie jedes Jahr ver­folgt auch die elf­te Aus­ga­be des Fes­ti­vals ein Leit­the­ma, das – wenig über­ra­schend – unter dem Titel »Response:Ability« in die­sem Jahr Echt­zeit­me­di­en und Soci­al Media, sowie die damit ver­bun­de­ne Begriff­lich­keit der »Liveness« und die Ver­ant­wor­tung im Umgang damit sub­su­miert. Das Part­ner­fes­ti­val Club Trans­me­dia­le greift das hier behan­del­te The­ma unter dem Mot­to »#Live!?« auf und unter­sucht es mit den Mit­teln der Musik und Medi­en­kunst.

Ab mor­gen fin­den sechs Tage lang Vor­trä­ge, Film­vor­füh­run­gen, Per­for­man­ces, Work­shops und Kon­zer­te statt und laden den Besu­cher mit­un­ter zum Mit­ma­chen ein. Ich war auf der heu­ti­gen Pres­se­kon­fe­renz und habe ers­te Ein­drü­cke gesam­melt.

Ei Wada: Braun Tube Jazz Band»Braun Tube Jazz Band«, Ei Wada

Man muss jedoch zuge­ben: Am Haupt­ver­an­stal­tungs­ort, dem Haus der Kul­tu­ren der Welt, ist für Kunst­in­ter­es­sier­te kaum Tief­grün­di­ges zu sehen. Jeden­falls nicht so viel, dass ich einen Besuch, der nur wegen der Kunst statt­fin­det, für fünf bis zwölf Euro Ein­tritt emp­feh­len könn­te. Wer jedoch für einen der Vor­trä­ge oder Per­for­man­ces bereits Ein­tritt bezahlt hat, der soll­te sich den­noch ein­mal anschau­en, was gebo­ten wird.

»Liveness«, wie es die Ver­an­stal­ter aus­drü­cken, wird näm­lich auf unter­schied­li­che Wei­se inter­pre­tiert. Da ist etwa der Japa­ner Ai Wada, der wäh­rend der gesam­ten Fes­ti­valdau­er bis Sonn­tag täg­lich um 17:30 sei­ne »Braun Tube Jazz Band« zum Bes­ten gibt. Dazu nutzt er meh­re­re Moni­to­re, auf denen Strei­fen­bil­der unter­schied­li­cher Fre­quenz abge­spielt wer­den. Berührt der ver­ka­bel­te Künst­ler einen der Bild­schir­me, wird durch einen Ton­ab­neh­mer an sei­nem Kör­per die Fre­quenz in Klang umge­wan­delt, der Künst­ler wird eins mit dem Instru­ment.

HONF: Intelligent Bacteria Saccharomyces cerevisiae»Intel­li­gent Bac­te­ria Sac­charo­my­ces cere­vi­siae«, HONF

Auf unge­wöhn­li­ches Instru­men­ta­ri­um zur Erzeu­gung expe­ri­men­tel­ler Klän­ge hat sich auch die indo­ne­si­sche For­scher- und Künst­ler­grup­pe HONF spe­zia­li­siert. Sie zeigt mit »Intel­li­gent Bac­te­ria Sac­charo­my­ces cere­vi­siae»eine Sound­in­stal­la­ti­on, die auf der Fer­men­tie­rung von Alko­hol beruht. Wenn man der lan­gen Erklä­rung folgt, die dem Werk ange­fügt ist, so ist die mit­un­ter skur­ril erschei­nen­de Instru­men­ten­wahl als Fin­ger­zeig auf das in Indo­ne­si­en ver­brei­te­te gesund­heit­li­che Pro­blem des schwarz gebrann­ten Alko­hols zu ver­ste­hen. Wenn man die Arbeit aller­dings mit einem inter­pre­ta­ti­ven Ansatz betrach­tet, ist man geneigt, dar­in einen eigen­wil­li­gen Umgang mit Alko­hol und Rausch­zu­stän­den zu erken­nen. Von solch ablen­ken­den Asso­zia­tio­nen führt auch die Fra­ge nicht weg, wie­so die For­scher von HONF die gemei­ne Bier­he­fe als Bak­te­ri­um bezeich­nen. Sei es drum, allein der Anblick der rie­si­gen Zucht­kü­bel ist es wert, für einen Abste­cher in der sog. »HacKa­Way Zone« vor­bei­zu­schau­en.

Dane­ben will die Trans­me­dia­le an ihrem Haupt­stand­ort mit eini­gen ande­ren Pro­jek­ten locken, die mei­nen Geschmack jedoch nicht tref­fen konn­ten. Simp­le Argu­men­ta­ti­ons­struk­tu­ren einer­seits und ober­fläch­li­che Umset­zun­gen ande­rer­seits trü­ben das Bild der aus­ge­stell­ten Arbei­ten, wenn etwa Gedan­ken­spie­le mit dem DNA-»Code« ange­stellt wer­den oder vir­tu­el­le Skulp­tu­ren erschlos­sen wer­den wol­len. Das Fes­ti­val­the­ma lässt sich zwar stets ver­fol­gen, aller­dings fehlt es meist an Sub­stanz, um sich zur Kon­tem­pla­ti­on inspi­rie­ren zu las­sen. Die Ide­en hin­ter den prä­sen­tier­ten Bei­trä­gen las­sen stets einen fri­schen, inter­es­san­ten Ansatz erken­nen, doch muss der ent­täusch­te Betrach­ter gele­gent­lich ein­se­hen, dass den Pro­jek­ten zumeist mehr Zeit zur Rei­fung zu gön­nen ist.

Christopher Warnow, Daniel Franke: Spatial Sound Sculpture»Spa­ti­al Sound Sculp­tu­re«, Chris­to­pher War­now, Dani­el Fran­ke

Wer Kunst und kunst­re­le­van­te The­men auf der elf­ten Trans­me­dia­le sucht, wird den­noch fün­dig. Dafür sorgt das bun­te Pro­gramm und der par­al­lel statt­fin­den­de Able­ger des Club Trans­me­dia­le. Zwar ist der prall gefüll­te Kalen­der bei­der Fes­ti­vals nur schwer­lich über­schau­bar, eini­ge Emp­feh­lun­gen sei­en den­noch aus­ge­spro­chen:

Zwei Per­fo­man­ces len­ken durch geschick­te Mani­pu­la­ti­on von Fil­men bzw. Musik-Tapes die Auf­merk­sam­keit auf die Wahr­neh­mung in Zei­ten der media­len Über­prä­senz und der all­ge­mei­nen Infor­ma­ti­ons­flut: Das Trio Fair Use wird am letz­ten Fes­ti­val­tag drei Hol­ly­wood-Fil­me so stark kom­pri­mie­ren und ver­mi­schen, dass zugrun­de lie­gen­de Struk­tu­ren sicht­bar wer­den, wohin­ge­gen am Frei­tag die Pres­lav Liter­ay School ein mäch­ti­ges Klang­kon­strukt mit­hil­fe gefun­de­ner Tapes rea­li­sie­ren will.

Ho Tzu Nyen: Newton»New­ton«, Ho Tzu Nyen

Die Trans­me­dia­le wird zudem durch Vor­trä­ge ergänzt, die sicher­lich einen Besuch wert sind: Am Sonn­abend geht man dem Wesen der »Liveness« auf den Grund und ori­en­tiert sich dazu an einem Abriss der Medi­en­ge­schich­te um letzt­end­lich auf die aktu­el­len Spiel­ar­ten die­ses so ambi­va­len­ten Kon­strukts ein­zu­ge­hen. Fort­ge­spon­nen wird die­se Idee durch die Dis­kus­si­ons­rei­he »Body:Response«, die viel­leicht zu den High­lights der dies­jäh­ri­gen Trans­me­dia­le zäh­len dürf­te. Dar­in wird aus­ge­hend von der wach­sen­den digi­tal-rea­len Hybri­di­tät des Indi­vi­du­ums wie auch der Gesell­schaft eine Zukunfts­vi­si­on ent­wor­fen, die bio­lo­gi­sche For­men tech­ni­schen Res­sour­cen gegen­über­stellt und die­se kom­bi­niert. Die trans­hu­ma­nis­ti­sche Idee wird hier auf poli­ti­scher wie auf media­ler Basis explo­riert und dis­ku­tiert – mei­ne per­sön­li­che Emp­feh­lung für jeden, der nicht nur mehr über die Grund­la­ge des letz­ten Arti­kels, son­dern auch aus ers­ter Hand über brand­ak­tu­el­le The­men mit Zukunfts­re­le­vanz erfah­ren möch­te!

Zu guter Letzt sei aber noch ein Pro­jekt emp­foh­len, das eine ein­zig­ar­ti­ges Klang­er­leb­nis ver­spricht: Die Cin­eCh­am­ber im HAU2 ist ein 8x12 Meter mes­sen­der Raum, der mit zehn gro­ßen Bild­schir­men, 8.8.2-Sound und kine­ti­schen Boden-Vibra­ti­ons-Ein­hei­ten aus­ge­stat­tet ist. Über die gesam­te Fes­ti­valdau­er hin­weg wer­den nam­haf­te Sound-Künst­ler wie Mor­ton Sub­ot­nick, Lil­le­van & Fen­nesz oder Ryoi­chi Kuro­ka­wa den Raum mit eigens ange­fer­ti­gen Kom­po­si­tio­nen bespie­len.

 

Hauptveranstaltungsort aber nicht der Mittelpunkt der Transmediale: Das Haus der Kulturen der WeltHaupt­ort aber nicht der Mit­tel­punkt der Trans­me­dia­le: Das Haus der Kul­tu­ren der Welt

Die heu­ti­ge Pres­se­kon­fe­renz und der Rund­gang durch das Haus der Kul­tu­ren der Welt konn­ten mich zwar nicht begeis­tern, doch darf man dem Kunst­su­chen­den ver­spre­chen, dass das rest­li­che Pro­gramm genü­gend Bei­trä­ge bereit­hält, die den Ein­tritt von fünf bis zwölf Euro recht­fer­ti­gen. Ins­be­son­de­re die Events der Trans­me­dia­le und die vie­len Ange­bo­te des Club Trans­me­dia­le hal­ten ein bun­tes Pro­gramm bereit, das vie­le unter­schied­li­che Posi­tio­nen und Ansät­ze zum The­ma »Liveness« bie­tet, aber auch dar­über­hin­aus mit vie­len ande­ren inter­es­san­ten Kon­zer­ten und Per­for­man­ces auf­war­ten kann. Ein Blick in den Ver­an­stal­tungs­ka­len­der lohnt sich!

Kommentare

  1. heißt also: alles wie immer..

  2. Inwie­fern? Ich war bis­her nie so gut über das Pro­gramm infor­miert. War es die letz­ten Jah­re auch so, daß die Bei­trä­ge im Haus der Kul­tu­ren der Welt nicht mit den Vor­trä­gen, Per­for­man­ces etc. mit­hal­ten konn­ten?

  3. Ich fin­de die­se Instal­la­tio­nen wirk­lich sehr intel­li­gent gelöst. Beson­ders die gro­ßen Glä­ser gefal­len mir.

  4. Ich mei­ne damit die kon­se­quen­te Über­for­de­rung und nicht Nicht­auf­ar­bei­tung der aus­ge­stell­ten Expo­na­te. Irgend­wie immer krusch­te­lig, irgend­wie immer zu wenig über­zeu­gend, irgend­wie immer trans­me­dia­le. lei­der bereits seit eini­gen »Sai­sons«

  5. Ja, da muss ich dir zustim­men. Der kura­to­ri­sche Ansatz ist zwar zu erken­nen, trotz­dem fehlt es eigen­ar­ti­ger­wei­se an einer kla­ren Linie. Es wirkt, als habe man alle (Medien-)Künstler ein­ge­la­den, die sich irgend­wie mit dem The­ma »Live« beschäf­ti­gen, und gebe­ten, sich irgend­wie ein­zu­brin­gen. Ich habe auch Zwei­fel dar­an, wie­viel von den Award-Ver­lei­hun­gen zu hal­ten ist, wo doch das Teil­neh­mer­feld eher mager auf­ge­stellt ist. Wenn sich dann einer wegen eines solch schwa­chen Bei­tra­ges in sei­ner Vita mit einem Trans­me­dia­le-Award rüh­men darf, zieht das in mei­nen Augen die gan­ze Ver­an­stal­tung wei­ter in Miss­kre­dit.

  6. btw:

    Über die Auf­ga­ben und Mög­lich­kei­ten der Kunst und Kul­tur im Medi­en­zeit­al­ter — mit Ste­phen Kovats

    http://chaosradio.ccc.de/cre174.html