Built on promises

17. Januar 2011 von Matthias Planitzer
"Built on promises", © Matthias Ballestrem, Anton Burdakov Etwa zwei bis drei Mal die Woche führt mich mein Weg an der Program Gallery vorbei. Dann werfe ich gern einen Blick durch die großen Fenster und weiß so immer, wann eine neue Ausstellung gezeigt wird. Von der Schau "Built on promises" hatte ich schon vor zwei Monaten gehört, doch ehe ich Zeit finden konnte, mich eingehender damit zu beschäftigen, sah ich eines Tages, dass die hierfür errichteten Kulissen bereits abgebaut an den Wänden lehnten, die Ausstellung mutmaßlich beendet war. Wochenlang ging ich immer wieder an der Galerie vorbei, bis ich dann am vergangenen Freitag bemerkte, dass sich seitdem nicht viel getan hatte. Schließlich trat ich ein und erfuhr von Kuratorin Fotini Lazaridou-Hatzigoga, dass "Built on promises" noch im Gange sei. Offensichtlich gehört die Baustellenatmosphäre zum Teil des Ausstellungskonzeptes. Zwischen all den umherliegenden Kulissenteilen befinden sich Fotos, die, notdürftig an die Wände geklebt oder in großen Drucken von der Decke gehangen, zeigen, was davor war: Fotos von einem Raum, der so nicht mehr existierte, dessen Ruinen noch zu sehen sind und an den nur noch erinnert werden kann. Doch ist es wirklich derselbe Raum, der hier abgebildet wurde?Oder nur das optisch fassbare, emotional blasse Abbild desselben?

Matthias Ballestrem, Anton Burdakov: Built on promises»Built on pro­mi­ses«, © Mat­thi­as Bal­le­strem, Anton Bur­da­kov

Etwa zwei bis drei Mal die Woche führt mich mein Weg an der Pro­gram Gal­le­ry vor­bei. Dann wer­fe ich gern einen Blick durch die gro­ßen Fens­ter und weiß so immer, wann eine neue Aus­stel­lung gezeigt wird. Von der Schau »Built on pro­mi­ses« hat­te ich schon vor zwei Mona­ten gehört, doch ehe ich Zeit fin­den konn­te, mich ein­ge­hen­der damit zu beschäf­ti­gen, sah ich eines Tages, dass die hier­für errich­te­ten Kulis­sen bereits abge­baut an den Wän­den lehn­ten, die Aus­stel­lung mut­maß­lich been­det war.

Wochen­lang ging ich immer wie­der an der Gale­rie vor­bei, bis ich dann am ver­gan­ge­nen Frei­tag bemerk­te, dass sich seit­dem nicht viel getan hat­te. Schließ­lich trat ich ein und erfuhr von Kura­to­rin Foti­ni Lazari­dou-Hat­zi­go­ga, dass »Built on pro­mi­ses« noch im Gan­ge sei. Offen­sicht­lich gehört die Bau­stel­len­at­mo­sphä­re zum Teil des Aus­stel­lungs­kon­zep­tes. Zwi­schen all den umher­lie­gen­den Kulis­sen­tei­len befin­den sich Fotos, die, not­dürf­tig an die Wän­de geklebt oder in gro­ßen Dru­cken von der Decke gehan­gen, zei­gen, was davor war: Fotos von einem Raum, der so nicht mehr exis­tier­te, des­sen Rui­nen noch zu sehen sind und an den nur noch erin­nert wer­den kann.

Doch ist es wirk­lich der­sel­be Raum, der hier abge­bil­det wur­de?
Oder nur das optisch fass­ba­re, emo­tio­nal blas­se Abbild des­sel­ben?

Matthias Ballestrem, Anton Burdakov: Built on promises»Built on pro­mi­ses«, © Mat­thi­as Bal­le­strem, Anton Bur­da­kov

Die Künst­ler hin­ter der Aus­stel­lung, Mat­thi­as Bal­le­strem und Anton Bur­da­kov, machen schnell ihre Absich­ten klar. »Built on pro­mi­ses« lädt immer wie­der zum Ver­gleich ein: Was ist auf den Fotos sicht­bar und was lässt sich anhand der vor­han­de­nen Struk­tu­ren rekon­stru­ie­ren?

Der Betrach­ter kommt nicht umhin, durch den Aus­stel­lungs­raum zu wan­deln und auf Grund­la­ge der Fotos abzu­glei­chen, wel­che der Kulis­sen­bruch­stü­cke wohl auf wel­che Wei­se zusam­men­ge­fügt waren. Die Über­res­te des einst vor­han­de­nen Rau­mes, also nament­lich die Gale­rie­wän­de, die Decke und der Boden, bie­ten hier­zu den Rah­men, in die die puz­zle­stück­haf­ten Tei­le so ein­ge­fügt wer­den müs­sen, dass dabei eine räum­li­che Ord­nung ent­steht, die dem foto­gra­fi­schen Doku­ment gleicht.

Die­se Auf­ga­be hat jedoch ihre Tücken, die zunächst in der Kom­ple­xi­tät des matri­zen­haf­ten Vor­bil­des liegt. Denn die Foto­gra­fi­en stel­len eine Kon­struk­ti­ons­vor­la­ge für ein dif­fi­zi­les Gewirr aus halb­ho­hen Wän­den dar, die oft­mals in geschwun­ge­nen Run­dun­gen aus­lau­fen, dadurch viel­fach per­fo­riert sind. So wird zwar der Blick auf dahin­ter­lie­gen­de Ele­men­te frei­ge­ge­ben, doch das unter­streicht nur die Schwie­rig­keit des Unter­fan­gens, all dies auf Grund­la­ge der vor­ge­fun­de­nen Rui­nen vor dem inne­ren Auge neu zu erschaf­fen.

Matthias Ballestrem, Anton Burdakov: Built on promises»Built on pro­mi­ses«, © Mat­thi­as Bal­le­strem, Anton Bur­da­kov

So schwei­fen die Gedan­ken schnell ab und kon­zen­trie­ren sich bald auf die Fra­ge, wel­che Neu- oder gar Umstruk­tu­rie­rung durch sol­che auf­wen­di­gen Gedan­ken­spie­le über­haupt mög­lich sind. Die Foto­gra­fi­en ver­spre­chen einen Raum, der durch vie­le unter­schied­li­che Sicht­ach­sen durch­zo­gen wird, die mal den Blick auf etwas frei­ge­ben, mal in die Irre füh­ren, hier Details fokus­sie­ren und dort Sack­gas­sen ergrün­den. Doch ist das viel­leicht zu viel ver­spro­chen? Ist denn über­haupt gesi­chert, dass die­ser Raum über­haupt ein­mal das war, was er vor­gibt gewe­sen zu sein?

Wenn der Betrach­ter schließ­lich ob sei­nes ima­gi­na­ti­ven Unver­mö­gens auf­gibt und gezwun­gen ist, den Fotos sein Ver­trau­en zu schen­ken, stößt er auf ein wei­te­res Pro­blem. So wie die Bruch­stü­cke her­um­lie­gen, an die Wän­de gelehnt oder gesta­pelt, als sei­en sie für die bal­di­ge Ent­sor­gung bestimmt, wirkt der sonst lee­re Raum eher wie eine tris­te Bau­stel­le, eine öde Rui­ne, doch kei­nes­falls wie das selt­sam-futu­ris­tisch anmu­ten­de Ver­spre­chen, das die doku­men­ta­risch wir­ken­den Fotos abge­ben.

Matthias Ballestrem, Anton Burdakov: Built on promises»Built on pro­mi­ses«, © Mat­thi­as Bal­le­strem, Anton Bur­da­kov

Womit wie­der ein­mal das The­ma der Raum­er­fah­rung ange­spro­chen wird. Der Schwarz-Weiß-Cha­rak­ter der Foto­gra­fi­en baut eine Distanz zum Dar­ge­stell­ten auf, die zunächst zeit­li­cher, durch­aus aber auch mate­ri­el­ler Natur ist. Dies erschwert frei­lich das Nach­emp­fin­den eines kon­stru­ier­ten, weil nicht mehr unmit­tel­bar erfahr­ba­ren Raum­ein­drucks, der in star­kem Kon­trast zur erleb­ten, weil gegen­wär­tig ver­füg­ba­ren Wahr­neh­mung steht. Wie mag es sich wohl anfüh­len, zwi­schen all die­sen eigen­ar­ti­gen Bau­ten umher­zu­wan­deln?

Schrei­tet man die einst vor­han­de­nen Wege ab, wird es schwer fal­len, die­se Ein­drü­cke nach­zu­füh­len; ein Gefühl, das an den Besuch einer anti­ken Tem­pel­rui­ne erin­nert: Die Vor­stel­lung des Ver­gan­ge­nen ist durch­aus – wenn auch sche­men­haft und getrübt – vor­han­den, doch über­wiegt das Bestre­ben, die unver­meid­lich auf­tre­ten­den, die unan­ge­nehm in den Vor­der­grund tre­ten­den Lücken zu fül­len.

Matthias Ballestrem, Anton Burdakov: Built on promises»Built on pro­mi­ses«, © Mat­thi­as Bal­le­strem, Anton Bur­da­kov

Die Betrüb­nis über die Unmög­lich­keit der Kon­struk­ti­on einer befrie­di­gen­den Phan­tas­ma­go­rie nährt nun den Zwei­fel, ob die Foto­gra­fi­en tat­säch­lich einen Ein­druck des Rau­mes ver­mit­teln kön­nen, der über die rein optisch erfahr­ba­re Ebe­ne hin­aus­geht. Wenn man sich nicht in not­dürf­ti­ge Erklä­run­gen ret­ten möch­te, die aus­blei­ben­de Erfahr­bar­keit des Rau­mes sei einer eige­nen Schwä­che geschul­det, fin­det die­ses Dilem­ma nur Auf­lö­sung, wenn man die Mög­lich­kei­ten der Foto­gra­fie infra­ge stellt.

Dann ergibt sich näm­lich schnell, dass das, was zuvor für die foto­gra­fisch fest­ge­hal­te­ne Raum­wir­kung gehal­ten wur­de, tat­säch­lich Pro­dukt einer unter­be­wuss­ten Ergän­zung war. Indem die eige­ne Ima­gi­na­ti­on einer Wahr­neh­mung einen so wesent­li­chen blin­den Fleck aus­füll­te, gau­kel­te sie einen Zustand vor, der der Rea­li­tät nicht gerecht wur­de. Das wack­li­ge Trug­bild kol­li­dier­te, so erkennt man, mit dem wesent­lich über­zeu­gen­de­ren, gegen­wär­ti­gen Ein­druck. Ein Kon­flikt wur­de aus­ge­löst, der nur des­halb zu der unbe­que­men Ver­wir­rung führ­te, weil der Foto­gra­fie mehr Ver­trau­en geschenkt wur­de, als ihr zustand.

Am Ende die­ser ner­ven­auf­rei­ben­den Scha­ra­de steht jedoch die Ein­sicht, dass die Foto­gra­fie nicht das­sel­be wie der eige­ne Ein­druck leis­ten kann, der offen­sicht­lich aus mehr als nur opti­schen Infor­ma­tio­nen besteht. Raum­wahr­neh­mung, so lernt man, ist ein inten­si­ver Kon­takt zur Mate­rie, der sich durch nichts erset­zen lässt.

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