Eine Messe der Kontraste

07. Oktober 2010 von Matthias Planitzer
Die Kunstjugend stellt sich vor: "Just do it", © Peter de Meyer Jung, frisch und perspektivreich: das ist die Kunst, die sich auf der Preview vorstellt. Die "Emerging Art Fair" verschreibt sich seit jeher den jungen, aufstrebenden Künstlern und ist mittlerweile fest am Berliner Kunstmarkt etabliert. Die diesjährige Ausgabe - es ist die sechste bisher - zeigt wieder bisher größtenteils unbekannte Kunst und bringt sie in einer kontrastreichen Melange zusammen, die für viel Lebhaftigkeit und einige Überraschungen sorgt. Heute früh durfte ich einen ersten Rundgang über die noch in den letzten Vorbereitungen steckende Messe auf dem Gelände des ehemaligen Flughafen Tempelhof unternehmen und habe einige Eindrücke gewinnen können, die mich zu meinem vorläufigen Fazit über den Berliner Kunstherbst 2010 führen: Wer nur eine der sieben Messen besuchen will, der sollte zur Preview gehen. Warum das so ist und was mir besonders im Gedächtnis geblieben ist? Mehr dazu im folgenden Bericht.

Peter de Meyer: Just do itDie Kunst­ju­gend stellt sich vor: »Just do it«, © Peter de Mey­er

Jung, frisch und per­spek­tiv­reich: das ist die Kunst, die sich auf der Pre­view vor­stellt. Die »Emer­ging Art Fair« ver­schreibt sich seit jeher den jun­gen, auf­stre­ben­den Künst­lern und ist mitt­ler­wei­le fest am Ber­li­ner Kunst­markt eta­bliert. Die dies­jäh­ri­ge Aus­ga­be — es ist die sechs­te bis­her — zeigt wie­der bis­her größ­ten­teils unbe­kann­te Kunst und bringt sie in einer kon­trast­rei­chen Melan­ge zusam­men, die für viel Leb­haf­tig­keit und eini­ge Über­ra­schun­gen sorgt.

Heu­te früh durf­te ich einen ers­ten Rund­gang über die noch in den letz­ten Vor­be­rei­tun­gen ste­cken­de Mes­se auf dem Gelän­de des ehe­ma­li­gen Flug­ha­fen Tem­pel­hof unter­neh­men und habe eini­ge Ein­drü­cke gewin­nen kön­nen, die mich zu mei­nem vor­läu­fi­gen Fazit über den Ber­li­ner Kunst­herbst 2010 füh­ren: Wer nur eine der sie­ben Mes­sen besu­chen will, der soll­te zur Pre­view gehen. War­um das so ist und was mir beson­ders im Gedächt­nis geblie­ben ist? Mehr dazu im fol­gen­den Bericht.

Auch die Mitarbeiter der Tokyoter G/P Gallery wissen den Loungebereich zu schätzenAuch die Mit­ar­bei­ter der Tokyo­ter G/P Gal­le­ry wis­sen den Loun­ge­be­reich zu schät­zen

Wer den Weg zum Han­gar 2 gefun­den hat, der kommt erst ein­mal aus dem Stau­nen nicht her­aus: Die­se Hal­le ist wie gemacht für Mes­sen wie die Pre­view. Die­se prä­sen­tiert hier näm­lich sech­zig Aus­stel­ler aus 19 Län­dern, deren Mes­se­stän­de von der luf­ti­gen Leich­tig­keit des Rau­mes pro­fi­tie­ren und so dem Mess­estress ent­ge­gen­wir­ken. Auch sonst legt man viel wert auf eine gelas­se­ne Stim­mung. Im Zen­trum der Mes­se wur­de eine groß­zü­gi­ge Lounge-Land­schaft ange­legt, die Kura­to­ren geben sich betont läs­sig.

So beginnt die Ent­de­ckungs­tour durch das Mes­se­ge­län­de mit bes­ten Start­be­din­gun­gen. Kura­tor Jan Jar­mu­schek, des­sen Gale­rie eben­falls ver­tre­ten ist, lässt wis­sen, dass die Pre­view »weg von einer Insze­nie­rung, hin zu einer kon­kre­ten Aus­ein­an­der­set­zung« mit der Kunst möch­te und nennt dafür bei­spiel­haft das Samm­ler­ge­spräch, das am Sams­tag­abend statt­fin­den sol­le. Auch das Loun­ge­kon­zept sei eine Mög­lich­keit, die­sem Anspruch gerecht zu wer­den und Kon­tak­te zwi­schen Besu­chern und Aus­stel­lern wie Künst­lern zu för­dern.

Eben­falls stolz sind die vier Macher der Pre­view auf ihr Kura­ti­ons­kon­zept, das einer­seits eben­so wie das art forum einen beson­de­ren Fokus auf Ost-Euro­pa setzt, aber auch weni­ger finanz­kräf­ti­gen Gale­ri­en einen Platz auf der Mes­se ein­räumt. Das mache die beson­de­re Mischung aus, die auch dadurch ver­stärkt wird, dass man die­ses Jahr auf eine auf­wen­di­ge Zutei­lung der Mes­se­stän­de ver­zich­tet habe. Jeder Stand hat hier die glei­che Grö­ße, die Plät­ze wur­den durch das Los­ver­fah­ren ver­ge­ben. So fin­den sich dann oft­mals sehr unter­schied­li­che Arbei­ten in direk­tem Kon­takt und mit hohem Kon­trast wie­der, anders­wo ent­schied das Glück, dass Fas­sa­den­kunst auf einem Hau­fen gezeigt wird oder die bei­den Frank­fur­ter Gale­ri­en Mau­rer und Leu­en­roth sich nicht nur daheim, son­dern auch auf der Mes­se Nach­barn sind.

Daniel Behrendt© Dani­el Beh­rendt

Der Mes­se­stand der Letzt­ge­nann­ten zieht mit zwei groß­for­ma­ti­gen Gemäl­den von trist wir­ken­den Gebäu­de­fas­sa­den reich­lich Auf­merk­sam­keit auf sich. Dani­el Beh­rendt fer­tig­te die­se und ande­re Male­rei­en in diver­sen Groß­städ­ten an, wo er gezielt nach sol­chen Orten sucht und sie dann in sei­nen Wer­ken abbil­det. Mit gesetz­ten Far­ben fängt er in sei­nen auf den ers­ten Blick akzent­los wir­ken­den Arbei­ten eine Stim­mung ein, die man wohl am bes­ten als Groß­stadt­tris­tesse bezeich­net. Die Anony­mi­tät der Groß­sied­lung fin­det in den grau­en Fas­sa­den ihren Spie­gel, wird doch aber gleich­zei­tig durch die Fra­ge durch­bro­chen, was sich wohl dahin­ter befin­det.

Ein­zel­ne Fens­ter durch­bre­chen sei­ne Bil­der, die die ein­zi­ge Ver­bin­dung zum per­sön­li­chen Inne­ren der Gebäu­de dar­stel­len, doch aber eine Ant­wort schul­dig blei­ben. In ande­ren Arbei­ten sind es Bal­ko­ne oder Son­nen­schir­me, die dem Grau der Wohn­si­tua­ti­on einen vagen Touch von Per­sön­lich­keit geben; eine Per­sön­lich­keit, die schnell das gesam­te Gebäu­de ergreift und somit Beh­rendts Gemäl­de zu Archi­tek­tur­por­träts wer­den lässt, wie man sie in ähn­li­cher Form von Ger­rit Engel kennt.

Mitja Ficko: small world»small world«, © Mit­ja Ficko

Ein Stück wei­ter kann man dage­gen das Kon­trast­pro­gramm zu Beh­rendts tris­tem Grau erle­ben: Der slo­we­ni­sche Künst­ler Mit­ja Ficko, ver­tre­ten durch die Equr­na Gal­le­ry aus Ljublja­na, erstellt mär­chen­haf­te Bil­der, die vor Far­ben nur so strot­zen. Die auf der Pre­view zu sehen­den Arbei­ten erin­nern unwei­ger­lich an Grimms Mär­chen: Geheim­nis­vol­le Wäl­der, in denen es zu spu­ken scheint, wil­de Tie­re und eine hei­me­li­ge Stim­mung, die man so nur aus Kin­der­ta­gen kennt, ver­ei­nen sich in Wer­ken wie dem Tri­pty­chon »small world«.

Klei­ne Hüt­ten, kaum mehr als Bara­cken ver­wei­sen auf ein elfen­haf­tes Volk, das auf dem Wald­bo­den wohnt und dem ein spie­gel­bild­li­ches Gegen­stück in den Baum­kro­nen ent­ge­gen­ge­setzt wird. Doch was hier so mär­chen­haft daher­kommt, ist weni­ger als harm­los als es scheint: Zwi­schen den Bäu­men ver­ste­cken sich Böse­wich­ter, die Tie­fe des Wal­des hallt im bedroh­li­chen Dun­kel der Lein­wand wie­der und wären da nicht die hell erleuch­te­ten Häu­ser am unte­ren Bild­rand, wür­de sich die­se Hor­ror­vi­si­on über das gan­ze Bild erstre­cken.

Peter de Meyer: Just do it»Just do it«, © Peter de Mey­er

Doch die Pre­view wäre nicht die locke­re, jugend­li­che Mes­se der Kon­tras­te, hät­te man nicht auch selbst-iro­nisch Wer­ke wie »Just do it« des über­aus talen­tier­ten Bel­gi­ers Peter de Mey­er für sich gewon­nen. Am Stand von Geu­kens & De Vil aus Ant­wer­pen wird die­se Arbeit gezeigt, die den all­ge­mei­nen Jugend­wahn aufs Korn nimmt. Ledig­lich ein gewöhn­li­cher Geh­stock und der bekann­te Nike-Slo­gan rei­chen aus, um die zyni­sche Aus­sa­ge auf den Punkt zu brin­gen.

Loh­nens­wert ist auch ein Blick in den hier aus­lie­gen­den Kata­log de Mey­ers, der noch vie­le wei­te­re humor­vol­le Arbei­ten ver­sam­melt, dar­un­ter ein aus dem Sport­un­ter­richt bekann­ter Sprung­bock, der wie ein totes Pferd auf dem Boden liegt, eine Schall­plat­te ohne Loch und ande­re Wer­ke, die die para­do­xen Gegen­sät­ze im All­tag auf­spü­ren und so lan­ge redu­zie­ren, bis ein in Sar­kas­mus und Zynis­mus getränk­tes Ergeb­nis ent­steht.

 

Was von der Pre­view bleibt, ist der Ein­druck, dass es noch viel zu ent­de­cken gibt. Vie­le jun­ge Künst­ler strot­zen vor neu­en Ide­en und fri­schen Ansät­zen, jun­ge Gale­ris­ten wie Maria Veie (deren Stand einer der auf­fäl­ligs­ten sein dürf­te) sprü­hen vor Enthu­si­as­mus und wis­sen, die­se noch unent­deck­ten Künst­ler behut­sam und kraft­voll zugleich zu för­dern. Die »Emer­ging Art Fair« wird ihrem Titel abso­lut gerecht und ist für mich in die­sem Ber­li­ner Kunst­herbst die Mes­se mit den meis­ten Über­ra­schun­gen und Ein­drü­cken.

Wer dem nach­emp­fin­den will, der soll­te sich die
6. Pre­view Ber­lin
vom 8. bis 10. Okto­ber von 13:00 bis 20:00 Uhr nicht ent­ge­hen las­sen.
Die Ver­nis­sa­ge fin­det heu­te, am 7. Okto­ber von 18:00 bis 22:00 Uhr statt und ist für den
Ein­tritt von 10,00 bzw. 6,00 € am
Flug­ha­fen Tem­pel­hof im Han­gar 2 zugäng­lich (unbe­dingt den Gelän­de­plan beach­ten!)

Mein Geheim­tipp: An dem Stand, der mit dem vie­len bun­ten Bas­tel­pa­pier behan­gen ist, fra­gen, ob ihr die Bil­der­rah­men anhe­ben dürft… (Der Name des Aus­stel­lers ist mir lei­der ent­fal­len.)