Von der Aura der Kunst

16. Mai 2010 von Matthias Planitzer
"Jettison" (wie man es im Internet sieht), © Anthony Goicolea Kunst im Internet hat einen entscheidenden Nachteil: Trotz der schnellen Verfügbarkeit einer Unzahl von Werken von einer Myriade Künstlern aus allen vier Enden der Welt ist doch nie gesichert, dass die Rezeption all dieser Werke im Internet, auf Abbildungen in Zeitschriften, Büchern und Katalogen dieselbe ist wie die in der Galerie, wenn man Angesicht zu Angesicht mit dem Kunstwerk in Kontakt tritt. Das Ausmaß dieser Diskrepanz ist unberechenbar. Sowohl das eine Extrem, dass das Werk in natura energiegeladener, geheimnisvoller, einnehmender - kurz: eindrucksvoller - daher kommt, als auch das konträre Extrem, nämlich dass das Gegenübertreten in der Galerie zu einer unerwarteten Enttäuschung wird, sind alles andere als selten anzutreffen. Wenn man einem Kunstwerk eine Aura zuschreiben möchte, dann ist das wohl der Punkt, auf dem man seine Argumentation stützen würde. Denn diese Aura, sofern sie tatsächlich fassbar ist, geht auf bloßen Abbildungen verloren. Gombrich schreibt darüber, ebbe sieht ebenfalls diesen Knackpunkt und auch ich bin mir dieses Problems bewusst. Ich schreibe hier viel über Rauminstallationen und oftmals auch über Künstler, deren Werke ich (noch) nicht in Galerien oder Museen gesehen habe. Dass dabei Imagination und kognitives Lückenausbessern eine Rolle spielen, liegt in der Natur der Sache, doch kürzlich war ich selbst wieder überrascht, wie stark sich ein Eindruck wandeln kann, wenn man ein Kunstwerk das erste Mal in natura sieht. Es geht um Anthony Goicoleas Arbeiten, die in seiner aktuellen Ausstellung "DECEMBERMAY" bei ScheiblerMitte zu sehen sind und über die ich ja bereits voller Begeisterung schrieb. Vor Ort stellten sich die Dinge dann doch anders dar...

Anthony Goicolea: Jettison»Jet­ti­son« (wie man es im Inter­net sieht), © Antho­ny Goi­co­lea

Kunst im Inter­net hat einen ent­schei­den­den Nach­teil: Trotz der schnel­len Ver­füg­bar­keit einer Unzahl von Wer­ken von einer Myria­de Künst­lern aus allen vier Enden der Welt ist doch nie gesi­chert, dass die Rezep­ti­on all die­ser Wer­ke im Inter­net, auf Abbil­dun­gen in Zeit­schrif­ten, Büchern und Kata­lo­gen die­sel­be ist wie die in der Gale­rie, wenn man Ange­sicht zu Ange­sicht mit dem Kunst­werk in Kon­takt tritt.

Das Aus­maß die­ser Dis­kre­panz ist unbe­re­chen­bar. Sowohl das eine Extrem, dass das Werk in natu­ra ener­gie­ge­la­de­ner, geheim­nis­vol­ler, ein­neh­men­der  — kurz: ein­drucks­vol­ler — daher kommt, als auch das kon­trä­re Extrem, näm­lich dass das Gegen­über­tre­ten in der Gale­rie zu einer uner­war­te­ten Ent­täu­schung wird, sind alles ande­re als sel­ten anzu­tref­fen. Wenn man einem Kunst­werk eine Aura zuschrei­ben möch­te, dann ist das wohl der Punkt, auf dem man sei­ne Argu­men­ta­ti­on stüt­zen wür­de. Denn die­se Aura, sofern sie tat­säch­lich fass­bar ist, geht auf blo­ßen Abbil­dun­gen ver­lo­ren.

Gom­brich schreibt dar­über, ebbe sieht eben­falls die­sen Knack­punkt und auch ich bin mir die­ses Pro­blems bewusst. Ich schrei­be hier viel über Raum­in­stal­la­tio­nen und oft­mals auch über Künst­ler, deren Wer­ke ich (noch) nicht in Gale­ri­en oder Muse­en gese­hen habe. Dass dabei Ima­gi­na­ti­on und kogni­ti­ves Lücken­aus­bes­sern eine Rol­le spie­len, liegt in der Natur der Sache, doch in der letz­ten Zeit war ich wie­der über­rascht, wie stark sich ein Ein­druck wan­deln kann, wenn man ein Kunst­werk das ers­te Mal in natu­ra sieht.

Es geht um Antho­ny Goi­co­leas Arbei­ten, die in sei­ner aktu­el­len Aus­stel­lung »DECEMBERMAY« bei Schei­bler­Mit­te zu sehen sind und über die ich ja bereits vol­ler Begeis­te­rung schrieb. Vor Ort stell­ten sich die Din­ge dann doch anders dar…

Anthony Goicolea: JettisonAntho­ny Goi­co­lea: »Jet­ti­son« (Detail­auf­nah­me)

Um mich selbst zu zitie­ren:

Bereits die weni­gen Infor­ma­tio­nen, die sich zu „DECEMBERMAY“ fin­den lie­ßen, haben mich voll­ends begeis­tert – ich bin mir sicher, dass die Wer­ke in der Gale­rie noch ein­mal viel ein­drück­li­cher wir­ken. So kann ich an die Aus­stel­lung, auch ohne die Arbei­ten mit eige­nen Augen gese­hen zu haben, unein­ge­schränkt emp­feh­len und wer­de sicher­lich noch ein­mal spä­ter dar­über berich­ten.

Zumin­dest den ers­ten Satz möch­te ich rela­ti­vie­ren, von einem Mehr an Ein­drück­lich­keit war nichts zu spü­ren. Ganz im Gegen­teil, so wie im Inter­net gese­hen, begeis­ter­ten mich die Arbei­ten mehr als in der Gale­rie. Aber eins nach dem ande­ren.

Anthony Goicolea: JettisonAntho­ny Goi­co­lea: »Jet­ti­son« (Detail­auf­nah­me)

Antho­ny Goi­co­leas »Jet­ti­son« etwa ist ein gutes Bei­spiel dafür, dass man auf Abbil­dun­gen im Inter­net, in Büchern etc. gern Details über­sieht, die für die Rezep­ti­on des Werks essen­ti­ell sind. Denn im Gegen­satz zur Abbil­dung zu Beginn die­ses Arti­kels sieht man erst in einem grö­ße­ren For­mat, dass die Mau­er­stei­ne nicht etwa schwim­men, son­dern von Tau­chern gehal­ten wer­den.

Steht man erst ein­mal vor dem Ori­gi­nal, sprin­gen die vie­len Hän­de und Tau­cher­bril­len förm­lich ins Auge. Sie sind so offen­sicht­lich, dass kein Zwei­fel dar­an bestehen kann, dass Goi­co­lea es tat­säch­lich gewollt hat, dass sie dem Betrach­ter auf­fal­len. Sah ich in »Jet­ti­son« zuvor einen melan­cho­li­schen Grund­ton, wur­de die­ser Ein­druck vor Ort schnell ver­wor­fen. Und so blieb ich der Foto­gra­fie gegen­über indif­fe­rent.

Anthony Goicolea: Black House»Black Hou­se«, © Antho­ny Goi­co­lea

Scha­de eigent­lich, denn selbst Ableh­nung wäre mir lie­ber gewe­sen als Unbe­tei­ligt­heit. Ähn­lich ver­hielt es sich auch mit »Black Hou­se«, das sich vor Ort als mehr oder min­der gut gemach­te Foto­mon­ta­ge ent­pupp­te und damit für mich jeden Zau­ber ver­lor. Sieht es auf den ers­ten Blick nach einem Tross Wöl­fen oder Hus­kies aus, die über einen Fried­hof zie­hen, erkennt man doch schnell hier und dort die Zügel des Schlit­ten­füh­rers und man­che per­spek­ti­vi­sche Unge­reimt­heit.

Hier aller­dings muss man sich fra­gen, ob Goi­co­lea sol­che Details bewusst in »Black Hou­se« ein­ge­bracht hat oder nicht. Je nach­dem kommt man wohl zu einem ande­ren Urteil über die Arbeit oder sogar über die Klas­se des Künst­lers. Anhand der Abbil­dung, wie man sie im Inter­net fin­det, wären die­se Details dage­gen gar nicht erst auf­ge­fal­len und hät­ten die­se Fra­ge­stel­lung gar nicht erst ermög­licht.

Die­se bei­den Bei­spie­le ste­hen exem­pla­risch für wei­te­re Expo­na­te der Aus­stel­lung und vie­le ande­re Wer­ke ande­rer Künst­ler, deren Rezep­ti­on in der Gale­rie sich von der anhand einer Abbil­dung unter­schei­den, weil dem Kunst­werk inhä­ren­te, objek­ti­ve Merk­ma­le erst in einer grö­ße­ren Ansicht zugäng­lich wer­den. Eine grö­ße­re Abbil­dung im Inter­net, Maga­zin, Kata­log etc. kann die­se Dis­kre­panz u.U. auf­he­ben.

Monica Bonvicini: Light me blackMoni­ca Bon­vic­i­ni: »Light me black«

Davon zu unter­schei­den ist jene Kon­stel­la­ti­on, in der das Werk vor Ort nicht wegen objek­ti­ver, sicht­ba­rer Merk­ma­le einen ande­ren Ein­druck hin­ter­lässt, son­dern weil ihm eine gewis­se Aura inne­wohnt — oder auch nicht -, die aus einer blo­ßen Abbil­dung nicht her­vor­geht. Die Grün­de hier­für sind nicht immer leicht zu erken­nen, im ein­fachs­ten Fal­le ist es das blo­ße For­mat, das den Unter­schied aus­macht.

Bei Sound- und Video­in­stal­la­tio­nen kann man auch schnell die Akus­tik des Rau­mes als ent­schei­den­de Ursa­che für eine sol­che Dis­kre­panz iden­ti­fi­zie­ren und bei Raum­in­stal­la­tio­nen spie­len ohne­hin aller­lei Fak­to­ren eine Rol­le: Grö­ße, Beleuch­tung, Farb­lich­keit, Grund­riss, Tem­pe­ra­tur, Klang­bild des Rau­mes sowie Sicht­ach­sen und vie­les mehr kön­nen frei­lich erst vor Ort ihre Wir­kung ent­fal­ten und kom­men auf blo­ßen Abbil­dun­gen nicht oder nur teil­wei­se zur Gel­tung.

Ein Bei­spiel dafür ist auch die Licht­in­stal­la­ti­on »Light me black« von Moni­ca Bon­vic­i­ni, die ich zum Gal­le­ry Wee­kend bei Max Hetz­ler sah. Hat­te ich auf dem Weg in den Wed­ding noch gemisch­te Gefüh­le, schließ­lich emp­fand ich Neon­in­stal­la­tio­nen bis­her als platt und ein­sei­tig, wur­de ich vor Ort eines Bes­se­ren belehrt.

»Light me black« füg­te sich her­vor­ra­gend in den Gale­rie­raum ein, schweb­te über dem kal­ten Beton­bo­den, sand­te ein geheim­nis­vol­les, war­mes Licht aus, tauch­te sein Umfeld in ein schumm­ri­ges Licht und zog mich die gan­ze Zeit über in den Bann. Gleich, ob ich davor stand oder der Instal­la­ti­on auf einer län­ge­ren Sicht­ach­se begeg­ne­te: Sie ver­ström­te eine Aura, die auf den Fotos, die ich zuvor von der Instal­la­ti­on sah, nicht zu erah­nen war.

Walton Ford: The SensoriumWalton Ford: The Sen­so­ri­um

Natür­lich kön­nen die Din­ge auch einen gegen­tei­li­gen Lauf neh­men. So freu­te ich mich schon seit län­ge­rem auf die ener­ge­ti­schen, dra­ma­ti­schen Fabel­bil­der des Walton Ford — zumin­dest war das die Erwar­tung, die ich durch das Pres­se­ma­te­ri­al und die umgrei­fen­de Wer­bung gewann. Als ich dann aber den oft­mals groß­for­ma­ti­gen Bil­dern gegen­über­stand, war davon nicht viel zu spü­ren. Fords Arbei­ten wirk­ten wie ein­fa­che Illus­tra­tio­nen zu Anek­do­ten und Tage­buch­ein­trä­gen, die man an Ort und Stel­le nach­le­sen konn­te.

Da war nichts von einem Zau­ber, einer Aura oder wenigs­tens dem Gefühl, dass die­se Bil­der mehr zu sagen hät­ten als eine Illus­tra­ti­on, wie man sie in jedem Lexi­kon fin­det. Und das hat­te nichts mit der Sti­lis­tik zu tun. Walton Ford stell­te zwar den oft­mals ver­häng­nis­vol­len Erst­kon­takt des Men­schen zu exo­ti­schen Arten dar und bet­te­te es in eine Fabel auf die mora­li­schen Abgrün­de des Men­schen ein, doch war da nichts, was mich berühr­te, erfass­te oder wenigs­tens Abscheu und Ekel erreg­te. Indif­fe­renz war auch hier das Stich­wort und so war es scha­de, wie­der ein­mal einem Ein­druck auf­ge­ses­sen zu sein, der sich in natu­ra nicht bestä­tig­te.

 

Doch wel­che Kon­se­quenz zieht man aus die­ser Beob­ach­tung? Wie kann man dem Pro­blem ent­geg­nen?

Ich ken­ne kei­ne brauch­ba­re Ant­wort. Bezo­gen auf die­ses und ande­re Kunst­blogs liegt der Knack­punkt ja nicht nur auf der Leser­sei­te. Natür­lich kann sich der Leser anhand eines Arti­kels kei­nen Ein­druck ver­schaf­fen, der sich bei einem Gale­ri­en­be­such not­wen­di­ger­wei­se bestä­tigt. Aber wie sieht es um sei­ne Rezep­ti­on der Kunst aus, wenn auch der Autor nur einen Ein­druck wie­der­gibt, den er durch eine Abbil­dung gewon­nen hat?

Wie schon ein­gangs erwähnt schrei­be ich hier auch über Kunst­wer­ke, die ich noch nicht in natu­ra gese­hen habe. Da ich auch wei­ter­hin über Kunst schrei­ben will, die nicht in einer aktu­el­len Aus­stel­lung in Ber­lin zu sehen ist, ergibt sich schnell ein Dilem­ma. Man könn­te sich damit zufrie­den geben, dass die wenigs­ten Leser Aus­stel­lun­gen in Fern­ost besu­chen, aber das kann nicht mein Anspruch sein.

Ich wer­de sehen müs­sen, wie ich für mich eine Lösung für die­ses Pro­blem fin­de. Für Hin­wei­se und Rat­schlä­ge bin ich in jedem Fall dank­bar.