Die Entmündigung des Künstlers

22. Mai 2010 von Matthias Planitzer
"If there were anywhere but desert. Tuesday", © Ugo Rondinone Kürzlich warfen sie bei Kulturzeit einen Blick auf das Kunsthaus Aargau, wo kürzlich der renommierte Schweizer Ugo Rondinone eine Einzelausstellung eröffnete. So etwas wie ein Interview mit dem Künstler war das, nur ohne Interview, Rondinone sei wohl sehr scheu. Und so verfolgte man den umtriebigen Künstler inmitten des emsigen Treibens kurz vor der Eröffnung jener viel beachteten Ausstellung in seiner schweizer Heimat. Schnell tauchte ein Problem auf: Rondinone ist mit dem "Clown", einer Skulptur, die eigentlich den Titel "If there were anywhere but desert. Tuesday" trägt, nicht zufrieden. Man lernt, dass die Clownsfigur immer wieder in Rondinones Werken auftaucht, doch diese hier passt nicht recht ins Bild. Der Künstler würde sie lieber an einem anderen Ort in der Galerie sehen. Simples Problem, simple Lösung. Möchte man meinen. Doch weit gefehlt: Ehe Rondinone sein eigenes Werk überhaupt berühren darf, muss er bei dessen Besitzern, Almine und Bernard Ruiz-Picasso, telefonisch nachfragen, ob diese ihm ein Verrücken der Skulptur überhaupt genehmigen. Als dann ein Telefon aufgetrieben werden konnte und irgendwann das Einverständnis eingeholt war, konnten fünf behandschuhte Helfer den Clown mit der gebotenen Vorsicht an seinen neuen Platz in der Galerie hieven. Ein groteskes Schauspiel, wie ich fand. Mag der Gebrauch von Latexhandschuhen noch für ein gewisses Maß an Professionalität sprechen, wirkte das ganze Gehabe um die Einholung des Einverständnisses doch überaus eigenartig. Wird einem Künstler heute etwa die Kompetenz abgesprochen, zu wissen, wie seine eigenen Werke zu verstehen und daher auch, wie sie in einer Ausstellung zu platzieren sind?

Ugo Rondinone: If there were anywhere but desert. Tuesday»If the­re were any­whe­re but desert. Tues­day«, © Ugo Ron­di­no­ne

Kürz­lich war­fen sie bei Kul­tur­zeit einen Blick auf das Kunst­haus Aar­gau, wo kürz­lich der renom­mier­te Schwei­zer Ugo Ron­di­no­ne eine Ein­zel­aus­stel­lung eröff­ne­te. So etwas wie ein Inter­view mit dem Künst­ler war das, nur ohne Inter­view, Ron­di­no­ne sei wohl sehr scheu. Und so ver­folg­te man den umtrie­bi­gen Künst­ler inmit­ten des emsi­gen Trei­bens kurz vor der Eröff­nung jener viel beach­te­ten Aus­stel­lung in sei­ner schwei­zer Hei­mat.

Schnell tauch­te ein Pro­blem auf: Ron­di­no­ne ist mit dem »Clown«, einer Skulp­tur, die eigent­lich den Titel »If the­re were any­whe­re but desert. Tues­day« trägt, nicht zufrie­den. Man lernt, dass die Clowns­fi­gur immer wie­der in Ron­di­no­nes Wer­ken auf­taucht, doch die­se hier passt nicht recht ins Bild. Der Künst­ler wür­de sie lie­ber an einem ande­ren Ort in der Gale­rie sehen. Simp­les Pro­blem, simp­le Lösung. Möch­te man mei­nen.

Doch weit gefehlt: Ehe Ron­di­no­ne sein eige­nes Werk über­haupt berüh­ren darf, muss er bei des­sen Besit­zern, Almi­ne und Ber­nard Ruiz-Picas­so, tele­fo­nisch nach­fra­gen, ob die­se ihm ein Ver­rü­cken der Skulp­tur über­haupt geneh­mi­gen. Als dann ein Tele­fon auf­ge­trie­ben wer­den konn­te und irgend­wann das Ein­ver­ständ­nis ein­ge­holt war, konn­ten fünf behand­schuh­te Hel­fer den Clown mit der gebo­te­nen Vor­sicht an sei­nen neu­en Platz in der Gale­rie hie­ven.

Ein gro­tes­kes Schau­spiel, wie ich fand. Mag der Gebrauch von Hand­schu­hen noch für ein gewis­ses Maß an Pro­fes­sio­na­li­tät spre­chen, wirk­te das gan­ze Geha­be um die Ein­ho­lung des Ein­ver­ständ­nis­ses doch über­aus eigen­ar­tig.

Wird einem Künst­ler heu­te etwa die Kom­pe­tenz abge­spro­chen, zu wis­sen, wie sei­ne eige­nen Wer­ke zu ver­ste­hen und daher auch, wie sie in einer Aus­stel­lung zu plat­zie­ren sind?

Nur mit ausdrücklicher Erlaubnis möglichNur mit aus­drück­li­cher Erlaub­nis mög­lich (Stand­bild aus dem Bei­trag)

Kunst ist heut­zu­ta­ge eine ech­te Wirt­schafts­spar­te. Das ist zwar schon seit Jahr­tau­sen­den so, doch drängt sich mir der Ein­druck auf, dass mitt­ler­wei­le eine ganz neue Qua­li­tät erreicht ist: Ein Kunst­werk als Samm­ler­ob­jekt stellt auch eine Inves­ti­ti­on dar, die sich beim Wie­der­ver­kauf in Form von veri­ta­blen Ren­di­ten loh­nen muss. Da geht man kei­ne Kom­pro­mis­se ein und so darf das Werk auch kei­nen noch so gerin­gen Scha­den neh­men.

Das heißt letzt­lich, dass das Werk so kon­ser­viert wer­den muss, wie es ein­ge­kauft wur­de. Und auch wenn ich vom gro­ßen Kunst­busi­ness prak­tisch nichts ver­ste­he, wer­de ich den Ein­druck nicht los, dass selbst die künst­le­ri­sche Frei­heit dahin­ter zurück­tre­ten muss. Wenn dann Künst­ler ohne vor­he­ri­ge Abseg­nung nicht ein­mal mehr ihre eige­nen Wer­ke berüh­ren dür­fen, fra­ge ich mich doch, wohin wir mitt­ler­wei­le gekom­men sind.

Mein Bild von einem Künst­ler sieht immer noch vor, dass er die Frei­heit besitzt, jeder­zeit das von ihm Erschaf­fe­ne sei­nen Vor­stel­lun­gen anzu­pas­sen. Wenn er dann in eine Gale­rie mar­schiert und sei­ne Arbei­ten zer­fetzt, ist das viel­leicht eine recht­li­che Ange­le­gen­heit, aber für mei­ne Begrif­fe kei­ne künst­le­ri­sche. Das ist ver­mut­lich eine Sicht­wei­se, die noch der Mit­te des ver­gan­ge­nen Jahr­hun­derts ent­stammt, als Non­kon­for­mi­tät kon­form und Quer­den­ke­rei kon­ser­va­tiv war.

Claude Monet: SeerosenteichDie­ser »See­ro­sen­teich« von Monet hat über­lebt.

Dabei ist die Kor­rek­tur eines Wer­kes durch sei­nen Künst­ler gar nichts Neu­es. Nicht weni­ge waren Jah­re nach der Fer­tig­stel­lung einer ihrer Arbei­ten nicht zufrie­den mit dem Ergeb­nis und bes­ser­ten nach — oft­mals auch zur Ver­är­ge­rung der Auf­trag­ge­ber. Clau­de Monet mar­kiert dabei wohl einen vor­läu­fi­gen Höhe­punkt, er zer­stör­te etli­che sei­ner Bil­der, so auch eine unbe­kann­te, aber gro­ße Zahl sei­ner See­ro­sen-Stü­cke, von denen heu­te immer­hin noch 158 erhal­ten sind. Gegen­über sei­nem Händ­ler sag­te er, er kön­ne die guten nicht mehr von den schlech­ten unter­schei­den.

Dass er sei­nen Clown zer­stö­ren oder wenigs­tens beschä­di­gen wol­le, kann man Undi­no­ne wohl nicht unter­stel­len. Daher ist es in mei­nen Augen lächer­lich, ihm die Berüh­rung sei­ner eige­nen Wer­ke zu unter­sa­gen. Auch Ron­di­no­ne selbst sieht das ähn­lich:

»Das ist doch ein Ver­hält­nis­blöd­sinn. Ich weiß doch, wie man ihn [den Clown] behan­deln muss.«

Ugo Rondinone: Ratlosigkeit oder Ohnmacht?Ugo Ron­di­no­ne: Rat­lo­sig­keit oder Ohn­macht? (Stand­bild aus dem Bei­trag)

Es scheint, als tre­te der Künst­ler mit dem Ver­kauf auch alle Rech­te und Kom­pe­ten­zen ab. Die Ent­mün­di­gung scheint im Preis inbe­grif­fen, auf den neu­en Besit­zer geht nun die Exper­ti­se über, zu wis­sen, wie das erwor­be­ne Werk zu behan­deln und wie sein Cha­rak­ter zu erhal­ten oder etwa zu kor­ri­gie­ren ist. Wenigs­tens die Ent­schei­dungs­ho­heit liegt jetzt beim Käu­fer und dar­in besteht doch der Kern des Pro­blems: Des­sen Moti­ve sind ver­mut­lich nicht die­sel­ben wie die des Künst­lers. Der Käu­fer tritt im bes­ten Fal­le als För­de­rer auf, wird doch aber nie den­sel­ben Bezug zu den Wer­ken haben wie der Künst­ler.

So kommt es dann auch zu pos­sen­haf­ten Epi­so­den wie der bei­spiel­haft dar­ge­stell­ten. Die Ohn­macht des Künst­lers ist durch den Ver­kauf besie­gelt, wider­spie­gelt sich in solch lächer­li­chen Situa­tio­nen der Bana­li­tät.

 

Wenn ein Künst­ler um sei­nen Stand am Markt bedacht ist, wird er als Unter­neh­mer auf­tre­ten müs­sen, der ein Pro­dukt ver­trei­ben und Kun­den gewin­nen will. Deren Zufrie­den­heit muss sicher­ge­stellt sein, andern­falls müs­sen wirt­schaft­li­che Ein­bu­ßen hin­ge­nom­men wer­den. So ist es auch nicht ver­wun­der­lich, wenn sich ein Künst­ler dann den Wün­schen und Anord­nun­gen des Besit­zers unter­ord­nen muss.

Dabei liegt auf der Hand, dass dies nicht etwa zu einer leben­di­gen Kunst bei­tra­gen kann. Wenn die Kunst vom Künst­ler weg­ge­führt wird, ist es unaus­weich­lich, dass eine Kon­ser­vie­rung ein­tritt.

Was denkt ihr? Sind Fäl­le wie der geschil­der­te eine Aus­nah­me oder gar die Regel? Und wer pro­fi­tiert von einer sol­chen Hand­ha­be: Ledig­lich der Besit­zer oder viel­leicht sogar alle Kunst­in­ter­es­sier­ten? Und was sagt das für die Hoch­kunst der Muse­en aus?