Urbane Dissonanzen

13. Mai 2010 von Matthias Planitzer
"Isla en la isla", © Gabriel Orozco Im Jahre 2007 lebte laut UNO mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten, im Jahre 1800 waren es gerade einmal 3%. Diese drastische Verstädterung, die insbesondere in den Schwellen- und Entwicklungsländern in einer unglaublichen Geschwindigkeit vorangetrieben wird, bringt unweigerlich eine Vielzahl von neuen Herausforderungen mit sich, von agrarökonomischen Problemen bishin zu energiewirtschaftlicher Leistungssteigerung. Aber vor allen Dingen auch sozio-psychologische und soziale Probleme entwachsen dieser rasanten Entwicklung, die häufig zu einer großen Kluft zwischen den Bevölkerungsschichten der Stadt führen. Hier sind es die Favelas und Slums der leuchtenden Metropolen Südamerikas und Südostasiens, dort ist es die wachsende Obdachlosenrate nordamerikanischer und anderer westlicher Großstädte, die im scharfen Kontrast zu den hochaufragenden Bürotürmen der schönen, neuen Welt stehen. Und wie so oft ziehen gegenwärtige gesellschaftliche Entwicklungen auch hier das Interesse zeitgenössischer Künstler auf sich, die in diesem Fall die vielen Facetten dieser urbanen Dissonanz erfassen und oftmals auch erst publik machen.

Gabriel Orozco: Isla en la isla»Isla en la isla«, © Gabri­el Oro­z­co

Im Jah­re 2007 leb­te laut UNO mehr als die Hälf­te der Welt­be­völ­ke­rung in Städ­ten, im Jah­re 1800 waren es gera­de ein­mal 3%. Die­se dras­ti­sche Ver­städ­te­rung, die ins­be­son­de­re in den Schwel­len- und Ent­wick­lungs­län­dern in einer unglaub­li­chen Geschwin­dig­keit vor­an­ge­trie­ben wird, bringt unwei­ger­lich eine Viel­zahl von neu­en Her­aus­for­de­run­gen mit sich, von agrar­öko­no­mi­schen Pro­ble­men bis­hin zu ener­gie­wirt­schaft­li­cher Leis­tungs­stei­ge­rung. Aber vor allen Din­gen auch sozio-psy­cho­lo­gi­sche und sozia­le Pro­ble­me ent­wach­sen die­ser rasan­ten Ent­wick­lung, die häu­fig zu einer gro­ßen Kluft zwi­schen den Bevöl­ke­rungs­schich­ten der Stadt füh­ren.

Hier sind es die Fave­las und Slums der leuch­ten­den Metro­po­len Süd­ame­ri­kas und Süd­ost­asi­ens, dort ist es die wach­sen­de Obdach­lo­sen­ra­te nord­ame­ri­ka­ni­scher und ande­rer west­li­cher Groß­städ­te, die im schar­fen Kon­trast zu den hoch­auf­ra­gen­den Büro­tür­men der schö­nen, neu­en Welt ste­hen.

Und wie so oft zie­hen gegen­wär­ti­ge gesell­schaft­li­che Ent­wick­lun­gen auch hier das Inter­es­se zeit­ge­nös­si­scher Künst­ler auf sich, die in die­sem Fall die vie­len Facet­ten die­ser urba­nen Dis­so­nanz erfas­sen und oft­mals auch erst publik machen.

So etwa Gabri­el Oro­z­cos in sei­nem Werk »Isla en la isla«: Da trifft die New Yor­ker Sky­line von 1993 auf ihr Pen­dant aus mod­ri­gen Bret­tern und Stra­ßen­müll, von­ein­an­der nur durch einen lee­ren Park­platz und eini­ge hun­dert Meter Luft­li­nie getrennt. Wäh­rend die Büro­tür­me aus Stahl und Glas auf­recht in den Him­mel ste­chen und den Stolz und die Pracht der moder­nen Gesell­schaft ver­kör­pern, muss das lei­di­ge Gegen­stück im Vor­der­grund an einen Beton­klotz gelehnt ste­hen um sich über­haupt vom dre­cki­gen, kal­ten Boden abzu­he­ben.

Der Neue Turm Babel aus "Metropolis"Der Neue Turm Babel aus »Metro­po­lis«

Es ist die unüber­wind­ba­re Kluft von Metro­po­lis, die die Unter­stadt von der Ober­stadt, dem Klub der Söh­ne trennt, die Oro­z­co hier zitiert. Ähn­lich wie bei Fritz Lang thront hier der Neue Turm Babel, das in Stahl­be­ton gegos­se­ne Wahr­zei­chen der Ober­klas­se, über der Stadt und über­schat­tet die Welt zu ihren Füßen, an denen die Aus­ge­sto­ße­nen der Gesell­schaft sich ihr Leben ver­din­gen.

Das Foto ver­rät aber noch mehr. Obgleich die Per­spek­ti­ve ihren Mit­tel­punkt im World Tra­de Cen­ter fin­det, bäumt sich doch die Bret­ters­ky­line gegen die­ses sonst im Bild inne­woh­nen­de Prin­zip auf. Later­nen­mas­ten, Park­platz­um­ran­dung, Wohn- und Geschäfts­häu­ser lau­fen per­spek­ti­visch auf die Wol­ken­krat­zer im Bild­mit­tel­punkt zu, woge­gen die­se Ord­nung im Vor­der­grund durch­bro­chen wird. Hier ver­läuft die Park­platz­um­ran­dung in einer Bild­tie­fe, trennt nicht nur Bild­vor­der- und -hin­ter­grund, son­dern bie­tet der Bret­ters­ky­line einen zwei­ten, einen neu­en Hori­zont, über den nicht Him­mel und Wol­ken, son­dern Beton und Dreck ihr Fir­ma­ment aus­brei­ten.

Die­ser Hori­zont stützt nicht etwa den welt­ver­ges­se­nen, him­mels­stür­me­ri­schen Blick der Ober­klas­se, er ist eine Stüt­ze für die urba­nen Träu­me und Rea­li­tä­ten der Geschei­ter­ten und Aus­ge­sto­ße­nen. Ein har­ter Hori­zont zwar, der kei­ne Him­mels­flü­ge zulässt, doch einer, der im bes­ten Sin­ne boden­stän­di­ge Wün­sche erlaubt. Und doch blei­ben in »Isla en la isla« die­se bei­den Wel­ten unver­ein­bar in Koexis­tenz getrennt.

Teun Hocks: Man sleeping in Boxes»Untit­led (Man slee­ping in boxes)«, © Teun Hocks

Gabri­el Oro­z­cos »Isla en la isla« erin­ner­te mich sofort an Teun Hocks‹ »Untit­led (Man slee­ping in boxes)«, eine hand­ko­lo­rier­te Foto­gra­fie aus dem Jah­re 2008, die übri­gens The­ma mei­nes aller­ers­ten Arti­kels bei Cas­tor und Pol­lux war (wo ich mein Cre­do zum Blog­gen über Kunst noch nicht ent­wi­ckelt hat­te). Wenn­gleich hier die Sub­ti­li­tät Oro­z­cos fehlt und einer fast schon pla­ka­ti­ven Direkt­heit weicht, ist doch das­sel­be The­ma ein­ge­fan­gen wor­den. Auch bei Hocks gleicht die Stadt, wie wir sie ken­nen, jener Par­al­lel­ge­sell­schaft, die zu ihren Füßen wohnt. Auch bei Hocks wird eine strik­te Zen­tral­per­spek­ti­ve genutzt, um die­sen Ver­gleich her­bei­zu­füh­ren und auch hier liegt der Fokus den­noch auf dem Vor­der­grund.

Hocks führt das Motiv aller­dings noch wei­ter aus als Gabri­el Oro­z­co, zeigt uns sogar den obdach­lo­sen Mann, einen Anzug­trä­ger, den man eher der Stadt im Hin­ter­grund zuge­ord­net hät­te. Auch den Wecker an sei­ner Sei­te hät­te man mit­un­ter nicht erwar­tet und so hat die­se Figur weni­ger von einem Obdach­lo­sen, als wir uns gemein­hin vor­stel­len.

Auf­fäl­lig ist jedoch, dass Hocks ihm kein Pen­dant zur Sei­te stellt. Jeden­falls kei­nes, das direkt abge­bil­det ist. Der Obdach­lo­se bleibt ein­zi­ge Figur des Bil­des und steht doch einem unsicht­ba­ren Gegen­spie­ler gegen­über, der die Bewoh­ner der Häu­ser im Hin­ter­grund ver­kör­pert. So wie der Obdach­lo­se sei­ne Papp­be­hau­sung bewohnt, fin­den die übri­gen Stadt­be­woh­ner in ihren Wohn­bur­gen Obdach.

Auch die Ent­ste­hung des Werks ist bemer­kens­wert: Hocks fer­tigt nach Vor­zeich­nun­gen ein Modell in sei­nem Stu­dio an, nimmt sei­nen Platz dar­in ein, foto­gra­fiert sich dar­in und kolo­riert anschlie­ßend das Schwarz-Weiß-Foto. Eben­so wie in vie­len sei­ner ande­ren Arbei­ten wird Hocks somit zum Haupt­dar­stel­ler einer sisy­pho­tisch-trost­lo­sen Welt.

 

Die Ähn­lich­keit zwi­schen »Isla en la isla« und »Untit­led (Man slee­ping in boxes)« ist offen­sicht­lich. Man könn­te mei­nen, Hocks habe Oro­z­cos Werk fünf­zehn Jah­re nach sei­ner Ent­ste­hung neu inter­pre­tiert und auf sei­ne eige­ne Art und Wei­se wie­der­ge­ge­ben. Ob man dem zustimmt oder nicht, ist eine Sache; in jedem Fall lässt sich aber sagen, dass bei­de die urba­nen Dis­so­nan­zen, die wir in unse­rer west­li­chen Welt heut­zu­ta­ge erle­ben, durch die­sel­be Para­bel in ihren Wer­ken the­ma­ti­siert haben.

Kann­te man bis­her vor allen Din­gen 360°-Aufnahmen aus dem Inne­ren von süd­ost­asia­ti­schen Slum­ba­ra­cken und Ähn­li­ches, wenn es um das Leben in den Armen­vier­teln geht, beschäf­ti­gen sich »Isla en la isla« und »Untit­led (Man slee­ping in boxes)« doch mit den urba­nen Dis­so­nan­zen direkt vor unse­ren Haus­tü­ren. Für manch einen mögen die Fave­las und Slums die­ser Welt fern schei­nen, doch kennt jeder die Aus­ma­ße der Armut im hei­mi­schen Euro­pa, was womög­lich auch zur Ein­drück­lich­keit jener Arbei­ten bei­trägt.

Der­zeit zeigt die Aka­de­mie der Küns­te mit »Wie­der­kehr der Land­schaft« eine Aus­stel­lung, in der das Ent­ste­hen neu­er Metro­po­len aus dem Nichts doku­men­tiert wird. Im Gegen­satz zum mehr oder min­der schnel­len Wachs­tum der Urba­ni­sie­rung vie­ler Städ­te ent­ste­hen die hier dar­ge­stell­ten Sied­lun­gen aus dem Nichts und brin­gen unge­ahn­te Kon­se­quen­zen für die Umwelt mit sich.