StreetArt-Stelldichein im Bierpinsel

25. März 2010 von Matthias Planitzer
Die Ausstellung "Turmkunst" zieht es an prominenten Ort

Turmkunst(via)

Ein Gerücht macht in den letz­ten Wochen und Mona­ten die Run­de. Da wol­le jemand den alten Bier­pin­sel für eine Stre­etArt-Aus­stel­lung nut­zen, also jenes inof­fi­zi­el­les Wahr­zei­chen des Ber­li­ner Stadt­teils Ste­glitz und der West­ber­li­ner Archi­tek­tur der 70er Jah­re. Einst beher­berg­te das unge­wöhn­li­che Gebäu­de die Gas­tro­no­mie, spä­ter die Retro-Lounge. Und nun steht er leer und soll als Aus­stel­lungs­ort für »die spek­ta­ku­lärs­te Gale­rie Euro­pas« genutzt wer­den. So heißt es jeden­falls von Sei­ten der Ver­an­stal­ter.

TurmkunstBis­her kann­te man den Bier­pin­sel eher so.

Eines muss man dem Kura­to­ren­trio Chris­toph Tor­now, Dani­el Grau und Ben­ja­min Link las­sen: Sie haben ihre Haus­auf­ga­ben in Sachen PR gemacht; sel­ten sah man solch eine vor Infor­ma­tio­nen strot­zen­de Web­site. Dabei scheu­en sich die Ver­an­stal­ter, die sonst die Ham­bur­ger Vicious Gal­le­ry kura­tie­ren, auch nicht vor voll­mun­di­gen Ver­spre­chun­gen:

Im Früh­jahr 2010 wird ein ganz beson­de­res Kunst­pro­jekt euro­pa­weit für viel Dis­kus­si­ons­stoff sor­gen: Es ent­steht die spek­ta­ku­lärs­te Open-Air-Gale­rie Euro­pas.

Und irgend­wo in einem der Pres­se­tex­te heißt es:

In nur knapp drei Wochen begin­nen die Street Artists vier­zig Meter über den Dächern von Ber­lin ein neu­es Kapi­tel der Geschich­te der Kunst im öffent­li­chen Raum zu schrei­ben.

Und anders­wo:

Seit eini­gen Jah­ren ent­wi­ckelt sich nun auch in Deutsch­land die soge­nann­te White Cube Sze­ne, revo­lu­tio­när von Ein­zel­kämp­fern wie z.B. der Vicious Gal­le­ry in Ham­burg vor­an getrie­ben, wird Street Art gegen den ursprüng­li­chen Glau­ben in Gal­le­ri­en aus­ge­stellt.

TurmkunstDie Zug­pfer­de der »Turm­kunst«: Sozyo­ne, Fly­ing För­tress und Honet, (via)

Nun haben ja schon vie­le ihre Gale­ri­en und Aus­stel­lun­gen hoch gelobt, doch darf man sich auch die­ses Mal fra­gen, was eigent­lich dahin­ter steht. Dank der umfang­rei­chen PR ist auch das schnell geklärt.

Zunächst wer­den die drei Stre­e­tAr­tists Sozyo­ne, Fly­ing För­tress und Honet von einem Fas­sa­den­lift aus das Äuße­re des Turms ihren Vor­stel­lun­gen anpas­sen, wäh­rend Craig »KR« Cos­tel­lo sich um den Stamm des Gebäu­des küm­mert. Im Inne­ren des Bier­pin­sels wer­den sie zudem zusam­men mit neun wei­te­ren Kol­le­gen auf 1500qm ihre Wer­ke zei­gen.

Schon ab dem 1. April kann man die Stre­e­tAr­tists bei der Arbeit an der Fas­sa­de beob­ach­ten oder auch das Inne­re des Turms erkun­den. Die eigent­li­che Ver­nis­sa­ge soll jedoch erst am 15. Mai statt­fin­den, also dürf­te bis dahin das Pracht­stück der Ver­an­stal­tung, die Außen­de­ko­ra­ti­on, fer­tig sein.

 

Ein The­ma hat die Aus­stel­lung jedoch nicht. Es steht also die Ver­mu­tung nahe, dass das gan­ze Brim­bo­ri­um ledig­lich dem rei­nen Selbst­zweck dient. Denn mehr Neu­es als den unge­wöhn­li­chen Aus­stel­lungs­ort hat die Ver­an­stal­tung wohl nicht zu bie­ten, zumin­dest preist die sonst so viel vom blau­en Him­mel loben­de Web­sei­te nichts wei­ter als die Fas­sa­den­ge­stal­tung an. Da hilft es auch nicht, wenn es nur knapp heißt

1 Turm. 2000 Liter Far­be. 3 Kura­to­ren. 4 Künst­ler.

Und zwar in die­ser Rei­hen­fol­ge. Mir riecht das zu sehr nach rei­ner Selbst­dar­stel­lung, da hilft auch nicht das Lob von Ber­lins Obers­tem Bür­ger­meis­ter Wower­eit drü­ber hin­weg. Selbst die Lokal­pres­se inter­es­siert sich mehr für die pro­tes­tie­ren­den Archi­tek­ten denn für die Akti­on selbst.

Aber wir wer­den sehen. Ich wer­de es mir sicher­lich ein­mal anschau­en und da noch nicht aller Tage Abend ist, steht ein Urteil wohl noch aus.

Kommentare

  1. „1 Turm. 2000 Liter Far­be. 3 Kura­to­ren. 4 Künst­ler. „ Das klingt auf jeden Fall schon mal span­nend. Der Bier­pin­sel ist zwar archi­tek­to­nisch ganz inter­es­sant, aber ein wenig Far­be könn­te ihm bestimmt nicht scha­den. Ich wer­de das auch jeden Fall mit gro­ßem Inter­es­se wei­ter ver­fol­gen, dabei kommt sicher etwas Tol­les her­aus. Dan­ke für den tol­len Tipp.

  2. Das Zitat war zwar eigent­lich dazu gedacht, die durch­schim­mern­de Kura­to­ren­hy­bris — zumin­dest emp­fand ich es so — zu unter­strei­chen.
    Aber schön und umso bes­ser, wenn es mei­ne Leser dazu ani­miert, der Turm­kunst einen Besuch abzu­stat­ten! 🙂

  3. Viel­leicht soll­te noch mal einer sagen wor­um es wirk­lich geht: Es ist nicht die Aus­stel­lung, son­dern die Gestaltng der Fas­sa­den­flä­che — der Bier­pin­sel wird kom­plett ange­malt. // Drum her­um gibt es auch eine Aus­stel­lung der Vicious Gal­le­ry, dazu wird der U-bahn­hof Schloß­str. gestal­tet und der Trep­pen­weg. Am 1.4. geht es los, 14:00 auf dem Brun­nen­platz neben dem Bier­pin­sel. Ach und ein The­ma gibt es an der Fas­sa­de auch: Wis­sen­schaft. Die Kura­to­ren gehen damit auf das Wis­sen­schafts­jahr in Ber­lin ein..

    • Dan­ke für die Ergän­zung. Wo wir auch gera­de jemand von den Ver­an­stal­tern unter uns haben: Wie lan­ge wird denn die Fas­sa­den­be­ma­lung erhal­ten blei­ben?

  4. ui gera­de gese­hen. sor­ry: die Fas­sa­de bleibt ein Jahr bunt. Danach müs­sen wir lei­der wie­der rot wer­den. Da wir das Stadt­bild ver­än­dern und der Archi­tekt auch lei­der kein beken­nen­der graf­fi­ti fan ist, muss­ten wir dem bezirk ver­spre­chen, den turm nach einem jahr wie­der in den ursprüng­li­chen zustand zurück zu ver­setz­ten.. bin im orgz team 😉

  5. Ich freue mich immer sehr auf sol­che jun­ge begab­te Leu­te! Wün­sche ihnen noch viel Erfolg!

Andere Meinungen

  1. […] Die­ser Ein­trag wur­de auf Twit­ter von Mat­thi­as erwähnt. Mat­thi­as sag­te: NEW BLOG POST: »Stre­etArt-Stell­dich­ein im Bier­pin­sel« — über unge­wöhn­li­che Aus­stel­lungs­or­te und Kura­to­ren­hoch­mut http://bit.ly/9sSUUV […]