Das Scheitern der Oberfläche

14. März 2013 von Matthias Planitzer
Sinta Werner zeigt in Zürich neue Arbeiten
Sinta Werner: "Das Scheitern der Oberfläche II", Foto: Sinta Werner

Sin­ta Wer­ner: »Das Schei­tern der Ober­flä­che II«, Foto: Sin­ta Wer­ner

Bruce Brid­ge­man war 67 Jah­re lang in einer fla­chen Welt gefan­gen. Denn räum­li­ches Sehen war ihm nicht mög­lich. Wenn ande­re ihn bei­spiels­wei­se auf eine Amsel auf einem Ast hin­wie­sen, konn­te Brid­ge­man ihn nicht erken­nen. Der Vogel war Teil einer sich vor ihm aus­brei­ten­den, unüber­sicht­li­chen Flä­che aus Bäu­men, Wie­sen und Wol­ken, schlicht nicht aus­zu­ma­chen. Der Ame­ri­ka­ner hat­te sich an die­se Ein­schrän­kung bereits längst gewöhnt, als er im ver­gan­ge­nen Jahr das ört­li­che Kino besuch­te, wo ein 3D-Film gezeigt wur­de. Er war zunächst skep­tisch, doch dann erleb­te er eine ver­blüf­fen­de Über­ra­schung: Sobald die Vor­stel­lung begann, spran­gen die Bil­der in einer Wei­se von der Lein­wand auf ihn zu, die er nie kann­te. Brid­ge­man war begeis­tert.
Der Effekt soll­te sogar anhal­ten: Nach­dem er aus dem Dun­kel des Film­thea­ters trat, sah er die Welt mit ande­ren Augen. Häu­ser, Ampeln, Autos, Pas­san­ten, selbst der Dreck im Rinn­stein wirk­ten auf ihn so leben­dig wie nie zuvor. Von da an beweg­te er sich in einer räum­li­chen Welt; die Ärz­te ließ er rät­selnd zurück.

Bemer­kens­wert bleibt die Beob­ach­tung, daß es in Brid­gemans Fall aus­ge­rech­net die Ober­flä­che der Film­lein­wand war, die ihm ein Raum­ge­fühl schenk­te. Aus dem All­tag ist uns bekannt, daß Räu­me sich im objek­ti­ven Blick der Kame­ra oder im geschul­ten Blick des Künst­lers in einer gewis­sen per­spek­ti­vi­schen Ein­stel­lung abbil­den und umge­kehrt durch den Betrach­ter ima­gi­niert wer­den kön­nen. Die­se bild­li­chen Kodie­rungs- und Deko­die­rungs­pro­zes­se ent­stam­men jedoch einer Erfah­rung und Pra­xis, die Brid­ge­man nicht haben konn­te. Im flach geglaub­ten Bild muss­te dem­nach mehr Raum ent­hal­ten sein als zuvor ver­mu­tet. Aber war es nicht eigent­lich eine raf­fi­nier­te Illu­si­on, die dem ein­fa­chen Bild einen wun­der­sa­men Raum abge­wann?

Die Ober­flä­che ist geschei­tert. So wür­de Sin­ta Wer­ner urtei­len, die im Rah­men ihrer zwei­ten Ein­zel­aus­stel­lung in der Gale­rie Chris­tin­ger de Mayo neue Arbei­ten ver­eint, die dem Raum im Bild nach­spü­ren und dadurch ihre äußert fra­gi­le Bezie­hung offen­ba­ren.

Sinta Werner: "Stehende Welle", Foto: courtesy die Künstlerin

Sin­ta Wer­ner: »Ste­hen­de Wel­le«, Foto: cour­te­sy die Künst­le­rin

Gezielt deckt Sin­ta Wer­ner die Unsi­cher­hei­ten und Brü­che auf, die sich zwi­schen Raum und Abbild auf­tun, um sie gegen­ein­an­der zu ver­schrän­ken und letzt­lich in Wider­spruch oder gar ad absur­dum zu füh­ren. Ihre Foto­gra­fi­en, Col­la­gen und Instal­la­tio­nen sind jedoch kein her­kömm­li­ches Trompe-l’œil, des­sen wun­der­sa­me Illu­si­on in jedem Moment zusam­men­bre­chen könn­te. Wer­ner führt den Betrach­ter hin­ters Licht, um ihn sogleich auf die gelun­ge­ne Täu­schung hin­zu­wei­sen und letzt­lich dar­über zu ver­un­si­chern, wel­che der ange­bo­te­nen Wahr­hei­ten über Raum und Bild noch zu ver­trau­en ist: Sin­ta Wer­ner kon­stru­iert einer­seits aus Foto­gra­fi­en neu­ar­ti­ge Räu­me und dekon­stru­iert ande­rer­seits in aus­ge­klü­gel­ten Inter­ven­tio­nen vor­ge­fun­de­ne Räu­me zu ver­zerr­ten Flä­chen, bis schließ­lich die Begrif­fe von Ebe­ne und Raum in einer gemein­sa­men Unschär­fe ver­schmel­zen.

In ihrer titel­ge­ben­den Foto­se­rie »Das Schei­tern der Ober­flä­che« löst Sin­ta Wer­ner ein­zel­ne Struk­tur­ele­men­te von archi­tek­to­ni­schen Kör­pern ab und über­führt sie in eine gering­fü­gi­ge räum­li­che Dimen­si­on. Gekrümm­te Brüs­tun­gen bre­chen aus vor­mals ebe­nen Park­haus­fas­sa­den her­aus, Pilas­ter­rei­hen ste­chen vom Papier her­vor und git­ter­ar­ti­ge Schlit­ze zer­fur­chen eine gesam­te Gebäu­de­front: Sin­ta Wer­ner trans­po­niert und mul­ti­pli­ziert die­se struk­tu­rel­len Ver­satz­stü­cke in den tat­säch­li­chen Raum vor der Bild­flä­che, sodass sie den ima­gi­nier­ten Raum­ver­hält­nis­sen des pla­nen Abbil­des trot­zen, sich gegen sie auf­bäu­men und sie letzt­lich sogar erwei­tern. Die Künst­le­rin plat­ziert die­se Inter­ven­tio­nen bedacht und geschickt im Bild­raum, gera­de sub­til genug um nicht völ­lig mit den Bild­in­hal­ten zu bre­chen, jedoch deut­lich genug um der Archi­tek­tur und den von ihr umge­be­nen Raum aus­zu­wei­ten und aus­zu­bau­en. Schließ­lich treibt Wer­ner die­se Pra­xis in der Serie »Mög­lich­keit des Offen­sicht­li­chen« auf die Spit­ze, wenn sie den Bild­raum so stark ver­zerrt, zer­teilt und neu aus­rich­tet, daß kaum mehr erkenn­bar ist, wel­che der sich vom Papier lösen­den Struk­tu­ren vor­ge­fun­den und wel­che erst durch Wer­ners Hand ent­stan­den. Der Raum kon­kur­riert hier mit dem Bild um Wahr­heits­an­sprü­che.

Sinta Werner: "Ambitious Grades of Self-Transcendence", Foto: courtesy die Künstlerin

Sin­ta Wer­ner: »Ambi­tious Gra­des of Self-Trans­cen­dence«, Foto: cour­te­sy die Künst­le­rin

Sin­ta Wer­ner erreicht die­se Ver­wir­rung auch vom ande­ren Ende her: Bei­spiel­haft für ihre Ein­grif­fe in vor­ge­fun­de­ne Räu­me, die sich häu­fig als orts­spe­zi­fi­sche Instal­la­tio­nen arti­ku­lie­ren, steht in »Das Schei­tern der Ober­flä­che« ihre raum­grei­fen­de Arbeit »Ambi­tious Gra­des of Self-Trans­cen­dence«. In der Mit­te des vor­de­ren Aus­stel­lungs­rau­mes der Gale­rie Chris­tin­ger de Mayo errich­te­te sie eine sich kon­tor­tio­nis­tisch zur Decke win­den­de Säu­le, deren Sei­ten in einem spi­ra­li­gen Mus­ter aus Kan­ten und Fal­ten zer­furcht sind. Die dadurch auf der Ober­flä­che ent­ste­hen­den Schat­tie­run­gen erschei­nen jedoch zunächst unge­wöhn­lich kon­trast­reich aus­ge­prägt. Erst beim nähe­ren Hin­se­hen erkennt man, daß sie teils auf einer ent­spre­chen­den Bedruckung des Unter­grun­des beru­hen. Wer­ner hat hier­für am Modell die natür­li­chen Schat­ten­ver­hält­nis­se stu­diert und im Druck auf die Instal­la­ti­on auf­ge­bracht. Die­se Ver­stär­kung – Wer­ner spricht selbst von einer Auf­dopp­lung – räum­li­cher Fak­to­ren wie Ansicht, Licht und Schat­ten durch Mani­pu­la­ti­on der Ober­flä­che ist in Wer­ners Wer­ken häu­fi­ger anzu­tref­fen. Durch die Abbil­dung räum­li­cher Objek­te auf sich selbst zielt sie eben­so wie in den pri­mär foto­gra­fi­schen Arbei­ten auf eine Unschär­fe zwi­schen Ebe­ne und Raum ab: In der aus­ge­klü­gel­ten Reso­nanz zwi­schen bei­den unver­ein­bar schei­nen­den Dimen­sio­nen ent­steht die Illu­si­on die­ser neu­ar­ti­gen Raum­for­men, die sich jedoch schnell an sub­til ein­ge­brach­ten Wider­sprü­chen bre­chen. Ob Raum oder Ebe­ne, das lässt sich in Sin­ta Wer­ners Wer­ken nicht abschlie­ßend fest­stel­len. In bei­dem ist etwas von ande­rem ent­hal­ten. Denn nicht nur das her­kömm­li­che Ver­ständ­nis der Ober­flä­che, auch der Raum ist geschei­tert.

Die­ser Arti­kel erschien als aus­stel­lungs­be­glei­ten­der Text.