Politik und Ästhetik

03. Juni 2012 von Matthias Planitzer
Die 7. Berlin Biennale enttäuscht: bloße Gestikulation statt politischer Kunst.
7. Berlin Biennale in den KW Berlin

7. Ber­lin Bien­na­le in den KW Ber­lin

»Das ist ja kei­ne rich­ti­ge Aus­stel­lung hier«, schickt der hage­re, nickel­be­brill­te Mann vor­aus. Er trägt eine ris­si­ge Cord-Hose, ein ein­fa­ches Shirt und aus­ge­tre­te­ne San­da­len. Eini­ge neu­gie­ri­ge Besu­cher ver­sam­meln sich um den Frem­den­füh­rer, hier, auf dem aus­ran­gier­ten Tep­pich, der das zen­tra­le Forum des Camps schmückt. Sie lau­schen auf­merk­sam sei­nen Aus­füh­run­gen über Finanz­kri­se und Klas­sen­kampf, Welt­hun­ger und Vega­nis­mus, das Camp und sei­ne Bewoh­ner. Occu­py Ber­lin Bien­na­le, das ist das Schlag­wort der Stun­de. Hier, in den KW Ber­lin kann man sich einen Ein­druck von dem selt­sa­men Hybrid aus Poli­tik und Kunst ver­schaf­fen.

Der Tru­bel der ers­ten Wochen ist längst vor­über und so kehrt in dem gal­li­schen Dorf an der August­stra­ße lang­sam die Nor­ma­li­tät ein. Die 7. Ber­lin Bien­na­le für zeit­ge­nös­si­sche Kunst hat ihren Zenit erreicht – Zeit für eine vor­läu­fi­ge Betrach­tung. Das Beson­de­re: Die dies­jäh­ri­ge Bien­na­le, so Kura­tor Artur Żmi­jew­ski, stellt »Kunst vor, die tat­säch­lich wirk­sam [sic] ist, Rea­li­tät beein­flusst und einen Raum öff­net, in dem Poli­tik statt­fin­den kann«. Ob dies nur ein voll­mun­di­ges Ver­spre­chen geblie­ben ist, wird zu sehen sein. Am Ende wird die Fra­ge ste­hen müs­sen, wie viel Ästhe­tik man der hie­si­gen Poli­tik eigent­lich zuge­ste­hen kann.

Soviel muss man ihr zuge­ste­hen: Żmi­jew­skis Bien­na­le sorg­te in den ver­gan­ge­nen Wochen bereits eini­ge Mal für ein, wenn auch nur dezen­tes, Medi­en­echo. Mar­tin Zeits Buch­sam­mel­ak­ti­on »Deutsch­land schafft es ab« ist ver­mut­lich die bis­her umstrit­tens­te Akti­on. Auch Nad­ja Prjlas »Peace Wall« in der Fried­rich­stra­ße erschien ver­ein­zelt in den Publi­kums­me­di­en. Dage­gen ver­schwand das nicht weni­ger heik­le Re-Enact­ment der letz­ten Welt­kriegs­ta­ge im Plän­ter­wald in den Mel­dun­gen der Tages­pres­se. Doch so poli­tisch die­se Aktio­nen auch sein mögen, unter dem Eti­kett der Kunst rei­ßen sie nie­man­den vom Hocker. Im Gegen­teil, das schwüls­ti­ge Pathos des paläs­ti­nen­si­schen »Key of return« stieß auf jene Kri­tik, die es ver­dien­te. Viel war auch hier nicht zu holen.

Im Camp herrscht der­weil eine beschau­lich ruhi­ge Stim­mung. Im Unter­ge­schoss des Gebäu­des an der August­stra­ße ste­hen Tische und Bän­ke, Pinn­wän­de und Flip­charts umher. Über den Köp­fen bau­meln Trans­pa­ren­te, Papier­ster­ne und was sich sonst noch fin­den ließ. In der Mit­te des Pro­test­camps befin­det sich das Forum, rings­um Sofas, Zel­te. Man hat sich häus­lich ein­ge­rich­tet, da gehört eben auch ein okku­pier­tes Wohn­zim­mer dazu. Die Wän­de sind mit einem Cha­os aus Pla­ka­ten, Spruch­bän­dern und Krit­ze­lei­en bedeckt. Nur müh­sam gelingt der Über­blick.

Denn die Pro­test-Gemein­de arti­ku­liert sich vor allem schrift­lich und in situ, wie um sich selbst immer wie­der zu erin­nern, wel­che Zie­le sie ver­folgt und war­um sie all das hier erschaf­fen hat. Der Pro­test wird durch Selb­staf­fir­ma­ti­on am Leben gehal­ten, wie anders soll­te man auch den Über­blick behal­ten. So wird die Flut der Paro­len zu einem Geran­gel um Auf­merk­sam­keit: Da ruft einer in gro­ßen Let­tern zur Regen­schirm-Spen­de auf, allein der Zweck bleibt unge­nannt. Ein ande­rer geht einen Schritt wei­ter und schreibt: »Hi Occu­py-Peop­le. I’m collec­ting clo­thes to wri­te on the floor.« Auch so kann man sich eine Stim­me ver­schaf­fen. Sobald jedoch kon­kre­te The­men ange­spro­chen wer­den, fal­len die übli­che Schlag­wor­te: Klas­sen­kampf, Anti­ka­pi­ta­lis­mus, 99%, Finanz­kri­se, Krieg, Welt­hun­ger, Vega­nis­mus, Natur­schutz. The­men unse­rer Zeit, dar­an besteht kein Zwei­fel. Doch wie gestal­tet man den Dis­kurs?

7. Berlin Biennale in den KW Berlin

7. Ber­lin Bien­na­le in den KW Ber­lin

Bemal­te Wän­de allein kön­nen das nicht rich­ten. Also trifft man sich zu Work­shops. So ver­weist ein fünf­za­cki­ger Stern auf »Vegan coo­king«. Bis auf Pav­lik, Anna und Enri­ca sag­te bis­her aller­dings nie­mand zu. Prio­ri­tä­ten­lis­ten wer­den auf­ge­stellt, der sechs­te Punkt ist sogar schon abge­hakt: »Local Oba­mas«. Aktio­nen wer­den ver­ein­bart. »Lie­be Sym­pa­thi­san­ten« heißt es dann. Allein die Ergeb­nis­se blei­ben offen.

Artur Żmi­jew­ski scheint mit der Zeit zu gehen und rich­tet sein Muse­um als Labor der Rea­li­tät ein. Wo Reprä­sen­ta­ti­on aus­ge­dient hat, muss schon das ech­te Leben her­hal­ten, um die Besu­cher aus ihrem All­tag her­aus in die KW zu locken. Żmi­jew­ski ent­ging aller­dings, daß auch die insze­nier­te Rea­li­tät manch­mal zu fad ist, um wirk­sa­me Ergeb­nis­se zu pro­du­zie­ren. Die Umsie­de­lung der zuvor vor allem medi­al erleb­ten Occu­py-Bewe­gung in den Ber­li­ner Aus­stel­lungs­raum stillt in der gehab­ten Wei­se nur den Hun­ger nach Exo­tik. Denn auch wenn jeder zur Par­ti­zi­pa­ti­on ein­ge­la­den ist, stellt sich doch eine kla­re Hier­ar­chie zwi­schen Akteu­ren und Beob­ach­tern ein, die im Rück­griff auf gewohn­te Per­zep­ti­ons­prak­ti­ken aus Zoo und Zir­kus einer Völ­ker­schau ähn­lich wird. Ohne eine ästhe­ti­sche oder gar kri­ti­sche Auf­ar­bei­tung die­ser zeit­ge­nös­si­schen Pro­test­for­men ver­kommt die Zur­schau­stel­lung im abge­kap­sel­ten Aus­stel­lungs­raum zur blo­ßen Insze­nie­rung einer frem­den, fer­nen Rea­li­tät. Eine sol­che Simu­la­ti­on rea­ler Pro­tes­te ex situ wird man­gels reak­ti­ver Hand­lungs­um­ge­bung zum ver­stüm­mel­ten Dis­po­si­tiv degra­diert, der man­gels Dis­kurs bloß rei­ner Ges­tus blei­ben kann. Das Expe­ri­ment Occu­py Bien­na­le kann daher nur zu kurz grei­fen. Die­sem Man­gel hät­te Żmi­jew­ski jedoch mit einer ästhe­ti­schen Anrei­che­rung begeg­nen und zur künst­le­ri­schen Refle­xi­on ein­la­den kön­nen. Obgleich auf­wen­dig die Rol­le des »Künst­ler-Poli­ti­kers« erschaf­fen und insze­niert wur­de, bleibt wei­ter­hin auf Ergeb­nis­se zu war­ten. Daß die Ästhe­ti­sie­rung des Pro­tests mit­nich­ten die Qua­dra­tur des Krei­ses dar­stellt, ist spä­tes­tens seit Mark Wal­lin­gers »Sta­te Bri­tain« bekannt.

Ins­be­son­de­re die Metho­den und Medi­en der gera­de in Ber­lin auf­kei­men­den meta­mo­der­nen Ästhe­tik hät­ten für das Anlie­gen der 7. Ber­lin Bien­na­le einen frucht­ba­ren Boden bereit­ge­stellt. Die Meta­mo­der­ne, die sich laut deren Vor­den­ker Robin van den Akker und Timo­theus Ver­meu­len vor dem Hin­ter­grund eben der hier the­ma­ti­sier­ten poli­ti­schen Zer­würf­nis­se ent­fal­tet, ist gewis­ser­ma­ßen dar­in geübt, eine zeit­ge­mä­ße Ästhe­ti­sie­rung poli­ti­scher Dis­kur­se zu betrei­ben. Doch bis auf Łuka­sz Suro­wiec‹ Pro­jekt »Ber­lin-Bir­ken­au« und Yael Barta­nas groß­zü­gig geför­der­ter Kon­gress zur Fra­ge der jüdi­schen Rol­le im heu­ti­gen Polen (im Vor­feld führ­te ich für das KUNST-Maga­zin ein Inter­view mit ihr) ver­säumt die Bien­na­le die Gele­gen­heit, die­ser in Ber­lin bereits prä­sen­ten Per­spek­ti­ve einen erwei­ter­ten Raum zu bie­ten.

Somit bleibt wei­ter­hin frag­lich, war­um die dies­jäh­ri­ge Bien­na­le es trotz her­vor­ra­gen­der Infra­struk­tu­ren es nicht ver­steht, ihre poli­ti­sche Losung künst­le­risch aus­zu­ge­stal­ten. Eine solch farb­lo­se Zur­schau­stel­lung eines blas­sen Ges­tus muss daher auch die Kri­tik aus­hal­ten, als blo­ße Affir­ma­ti­on zu gel­ten. Indes, den Vor­wurf der oppor­tu­nis­ti­schen Jasa­ge­rei muss sich die Bien­na­le nicht gefal­len las­sen. An der Ernst­haf­tig­keit der Akteu­re dürf­te kaum ein Zwei­fel bestehen. Auch wenn manch eine Plat­ti­tü­de dem Links-Chic aus pole­misch über­tünch­ter Polit-Kon­fa­bu­la­ti­on nahe liegt, steht die Ent­schlos­sen­heit der Akti­vis­ten außer Fra­ge. Der Pro­test mag real sein, insze­niert weil fehl am Plat­ze bleibt er trotz­dem. Und so ist viel­leicht der schlich­tes­te Moment der 7. Ber­lin Bien­na­le ihr auf­schluss­reichs­ter: Bei Son­nen­schein tref­fen sich die Akti­vis­ten im den KW ange­schlos­se­nen Café – denn auch ein ech­ter Okku­pant braucht sei­ne Mit­tags­pau­se.