Das Klang- und Lichtgewitter Ryoji Ikedas

27. Januar 2012 von Matthias Planitzer
Der japanische Avantgarde-Künstler fordert die Sinne heraus
Ryoji Ikeda: db, Foto: Matthias PlanitzerRyo­ji Ike­da: db, Foto: Mat­thi­as Pla­nit­zer

Am Ein­gang zur Aus­stel­lung »db« kün­digt bereits die Auf­zäh­lung der ver­wen­de­ten Medi­en das tech­ni­sche Groß­auf­ge­bot an, das hin­ter den sorg­sam ver­schlos­se­nen Türen auf den Besu­cher war­tet: ein super-direk­tio­na­ler Para­bol-Laut­spre­cher, ein 6-Kilo­watt-Xenon-Schein­wer­fer, elf her­kömm­li­che Laut­spre­cher sowie zehn Video­pro­jek­to­ren, LED-Bild­schir­me, außer­dem elf Com­pu­ter und ein CD-Spie­ler. Was der Besu­cher noch nicht weiß: Die Herz­stü­cke die­ses tech­ni­schen Bom­basts – der mehr als ein Meter mes­sen­de Laut­spre­cher und der glei­ßend hell schei­nen­de Schein­wer­fer – wer­den sonst zur Beschal­lung und Aus­leuch­tung von Fuß­ball­sta­di­en auf­ge­fah­ren.

Gabrie­le Knapstein, eine der Kura­to­rin­nen der Aus­stel­lung, spricht von der »Span­ne zwi­schen Mini­ma­lem und Maxi­ma­lem«. Schließ­lich war es der japa­ni­sche Medi­en­künst­ler Ryo­ji Ike­da, der die­se tech­ni­sche Gewalt im Ham­bur­ger Bahn­hof instal­liert hat: ein Avant­gar­dist, der für sei­ne reiz­über­flu­ten­den Mini­ma­lis­mus bekannt ist. So maxi­mal die Wir­kung sei­ner Arbei­ten ist, die­se Aus­stel­lung Ike­das soll­te zu sei­nen mini­mals­ten gehö­ren. Udo Kit­tel­mann, Direk­tor der Natio­nal­ga­le­rie, unter­streicht deren Bedeu­tung: »Ich muss geste­hen, daß Ryo­ji Ike­da hier bis­her nicht sehr prä­sent war – völ­lig, völ­lig zu Unrecht!« Er soll­te Recht behal­ten, denn sei­ne ers­te Ein­zel­aus­stel­lung auf deut­schem Boden ist allen Erwar­tun­gen gerecht gewor­den: Sie ist eine Her­aus­for­de­rung der Sin­ne, aber auch eine mathe­ma­tisch prä­zi­se Annä­he­rung an die Unend­lich­keit.

Ryoji Ikeda: db, Foto: Matthias PlanitzerRyo­ji Ike­da: db, Foto: Mat­thi­as Pla­nit­zer

Bereits die Vor­ge­schich­te des Gast­spiels Ike­das ver­rät eini­ges über die Arbeits­wei­se des Japa­ners: Als er den Ham­bur­ger Bahn­hof zur Pla­nung sei­ner anste­hen­den Aus­stel­lung erst­mals besich­tig­te, fühl­te er sich sofort von den bei­den zuein­an­der sym­me­trisch lie­gen­den Räu­men im Ober­ge­schoss des Ost- und des West­flü­gels ein­ge­nom­men. Sie glei­chen sich nicht nur im Grund­riß, auch die Tages­licht­fens­ter und Säu­len­rei­hen fin­den sich in der­sel­ben Anord­nung wie­der. Für Ike­da stand fest, daß dies die idea­len Räum­lich­kei­ten waren – er fühlt es ein­fach. Auch im Inter­view betont er immer wie­der, wie wich­tig für ihn das Gefühl sei. Nicht die Inter­pre­ta­ti­on oder die Suche nach einem Sujet inter­es­sie­re ihn, allein der Ein­druck sei­ner gewal­ti­gen Instal­la­tio­nen zäh­le.

Die zeich­nen sich vor allem immer wie­der durch eines aus: Die kon­trast­rei­che Kom­po­si­ti­on von Licht und Dun­kel­heit, Ton und Stil­le, sowie eine Vor­lie­be für die nume­ri­sche Annä­he­rung an die Unend­lich­keit wer­den mit digi­ta­ler Ästhe­tik zu maxi­ma­len Ein­drü­cken auf­ge­baut, die im Grun­de nur mini­ma­le Mit­tel benö­ti­gen. Ryo­ji Ike­das Arbei­ten for­dern und über­for­dern, zuwei­len stra­pa­zie­ren und belas­ten sie den Besu­cher. Dabei ent­fal­ten sie eine ein­neh­men­de Ästhe­tik, die beson­nen und kon­zen­triert tat­säch­lich beru­hi­gend wirkt. Von Ike­das Arbei­ten geht ein unheim­li­cher Sog aus, der ihn mitt­ler­wei­le zum Vor­rei­ter einer digi­ta­len Avant­gar­de gemacht hat.

Ryoji Ikeda: db, Foto: Matthias PlanitzerRyo­ji Ike­da: db, Foto: Mat­thi­as Pla­nit­zer

Für sei­ne Aus­stel­lung im Ham­bur­ger Bahn­hof hat Ryo­ji Ike­da die Sym­me­trie der bei­den Räu­me im Ost- und im West­flü­gel in einem kom­ple­men­tä­ren Dua­lis­mus gegen­über gestellt. Den west­li­chen Raum ließ er schwarz aus­klei­den und abdun­keln, wäh­rend sein öst­li­ches Pen­dant ganz in glei­ßen­dem Weiß gehal­ten ist. Bei­der­orts wird der Besu­cher sinn­lich her­aus­ge­for­dert: Im wei­ßen Raum gene­riert ein mons­trö­ser Laut­spre­cher einen hoch­fre­quen­ten Sinus­ton, wäh­rend im schwar­zen Saal ein Flut­licht sei­nen fokus­sier­ten Licht­strahl auf gan­zer Län­ge durch den Raum wirft.

An den Wän­den schließt sich Ike­das Zah­len­spiel an: sind es im wei­ßen Raum win­zig und eng an eng auf schwar­ze Tafeln gedruck­te Zah­len­fol­gen, wer­den sie in der Dun­kel­heit des schwar­zen Rau­mes als hek­tisch rau­schen­de Pro­jek­tio­nen auf die Wän­de gebannt. Gele­gent­lich hält die ras­seln­de Zif­fern­rei­he inne, um dann schnell fort­zu­fah­ren und wie­der eben­so rasch durch­zu­wech­seln. Ledig­lich von einem fein oszil­lie­ren­den Sinus­ton beglei­tet, nähert sich der Daten­strom immer wei­ter der nume­ri­schen Unend­lich­keit an.

Ryoji Ikeda: db, Foto: Matthias PlanitzerRyo­ji Ike­da: db, Foto: Mat­thi­as Pla­nit­zer

Ryo­ji Ike­da gelingt mit »db« die Pola­ri­sie­rung zwei­er sym­me­tri­scher Räu­me, aber auch Klang- und Licht-Spek­tren. Auf die­se kom­ple­men­tä­ren Klang-Licht-Räu­me weist bereits der Titel, wie exem­pla­risch am Ein­gang aus­ge­führt, hin. Hier wer­den auf einer Tafel bei­spiels­wei­se »dark« und »bright«, »deaf« und »blind«, »dimen­si­on« und »bounda­ry«, aber auch »dis­or­der« und »balan­ce« oder »decent« und »bru­tal« gegen­über­ge­stellt. Wäh­rend sich im einen Raum das Licht fokus­siert und der Ton dif­fus aus­brei­tet, ver­hält es sich im ande­ren umge­kehrt: Im wei­ßen Raum wird eine ste­hen­de Sinus­wel­le gene­riert, indes das Licht den gan­zen Raum erfüllt. In Abhän­gig­keit von Anzahl und Posi­ti­on der anwe­sen­den Besu­cher vari­iert hier der Hör­ein­druck als auch dort die Aus­leuch­tung des Rau­mes. Durch­quert eine Per­son den Strahl, hat dies Aus­wir­kun­gen auf den gan­zen Raum.

Ike­das Inter­es­se für phy­si­ka­li­sche Wel­len zieht sich durch sein gesam­tes Werk. In abso­lu­ter Prä­zi­si­on redu­ziert er Schall und Licht auf ihren Wel­len­cha­rak­ter und lässt sie im Wech­sel­spiel mit dem Besu­cher und sei­ner Wahr­neh­mung inter­agie­ren. Gleich­sam Künst­ler wie Kom­po­nist for­der­te er 1996 in »+/−« die Träg­heit des Gehörs her­aus und kon­stru­ier­te im Jah­re 2000 mit­tels wei­ßen Rau­schens in »matrix« eine klang­li­che Raum­geo­me­trie. Dann, vier Jah­re spä­ter, nutz­te er opti­sches Rau­schen und lös­te damit den Aus­stel­lungs­raum in »spec­tra« in glei­ßend hel­lem Licht auf, um 2008 in »Test Pat­tern« und »data.matrix« sowohl Licht als auch Schall zur Dekon­struk­ti­on jeg­li­cher Sin­nes­er­fah­rung ein­zu­set­zen.

Udo Kittelmann im Lichte Ryoji Ikedas' "db", Foto: Matthias PlanitzerUdo Kit­tel­mann im Lich­te Ryo­ji Ike­das‹ »db«, Foto: Mat­thi­as Pla­nit­zer

Tat­säch­lich ver­birgt sich hin­ter die­sen abs­trak­ten Expe­ri­men­ten mit Licht und Klang eine Figu­ra­ti­on digi­ta­ler Daten­men­gen, auf die Ike­da immer wie­der durch sei­ne Zah­len­fol­gen hin­weist. Der Werk­kom­plex »V≠L« führt sie 2008 erst­mals in Form der Rei­hen »the irre­du­ci­ble« und »the trans­cen­den­tal« ein: Dar­in geht Ike­da der nume­ri­schen Unend­lich­keit an ihren bei­den Polen nach und kal­ku­liert die Stel­len ver­schie­de­ner Prim­zah­len und tran­szen­den­ter, also reel­ler irra­tio­na­ler, unend­li­cher Zah­len und stellt sie in sei­nen Wer­ken dar. In »db« sind dar­aus sowohl die Pro­jek­tio­nen, als auch die Dru­cke und wei­te­re Edel­stahl­ra­die­run­gen ent­nom­men. Im Fal­le der Pro­jek­tio­nen im schwar­zen Raum bil­det die Berech­nung der Nach­kom­ma­stel­len von π außer­dem die Grund­la­ge des beglei­ten­den klang­li­chen Rau­schens, das sich wie­der­um im opti­schen Rau­schen des wei­ßen Rau­mes kom­ple­men­ta­ri­siert.

Ryo­ji Ike­da nähert sich auf die­se Wei­se – klang­lich, optisch und damit auch digi­tal – der nume­ri­schen Unend­lich­keit und ihrer Para­do­xa: dis­kre­te Bina­ri­tät, Abzähl­bar­keit und Tran­szen­denz an und treibt sie so immer wei­ter ins Unge­wis­se fort. Damit steht er nicht zuletzt auch in der Nach­fol­ge On Kawa­ras und Roman Opał­kas, die eben­falls mit­hil­fe der abs­tra­hie­ren­den Kraft der Zah­len die Unend­lich­keit aus­zu­mes­sen such­ten. Im Unter­schied zu ihnen geht Ike­da jedoch nicht von einer zeit­li­chen und daher seri­ell erfass­ba­ren Dimen­si­on der Unend­lich­keit aus, son­dern erkennt sie in der Kal­ku­la­ti­on und Par­ti­ku­la­ti­on. Dies führt ihn im Gegen­satz zu den vor­ge­nann­ten Künst­lern nicht in die gäh­nen­de Wei­te eines sich immer wei­ter erstre­cken­den Zah­len­rau­mes, son­dern in die sich immer wei­ter ver­dich­ten­de Enge der Nach­kom­ma­stel­len.

Ryoji Ikeda: db, Foto: Matthias PlanitzerRyo­ji Ike­da: db, Foto: Mat­thi­as Pla­nit­zer

Die Kura­to­rin­nen Ingrid Busch­mann und Gabrie­le Knapstein hat­ten mög­li­cher­wei­se die­sel­be Asso­zia­ti­on, als sie den Weg zum wei­ßen Raum mit eini­gen spä­te­ren Wer­ken Opał­kas flan­kier­ten. Was die­sem nicht gelang – die end­gül­ti­ge Bemes­sung der Unend­lich­keit –, dem kommt Ike­da ein Stock­werk dar­über bereits ein gan­zes Stück näher: Opał­kas letz­te Zahl vor sei­nem Tod im ver­gan­ge­nen Jahr war die 5 590 000 – Ryo­ji Ike­das »the irre­du­ci­ble [n°10]« ist immer­hin 101.000.000 mal grö­ßer.

Ryo­ji Ike­das Aus­stel­lung »db« wird heu­te 20:00 Uhr im Ham­bur­ger Bahn­hof eröff­net und wird par­al­lel zur Trans­me­dia­le, dem Club Trans­me­dia­le und der März­mu­sik bis zum 9. April gezeigt.