Die Occupy-Bewegung und die Kunst

01. Dezember 2011 von Matthias Planitzer
Wie New Yorker Kunstschaffende auf die Proteste reagieren
Zefrey Throwell: Ocularpation, Foto: Hal HorowitzZefrey Thro­well: Ocu­lar­pa­ti­on, Foto: Hal Horo­witz

Wäh­rend im New Yor­ker Zucot­ti Park die weni­gen fest ent­schlos­se­nen Demons­tran­ten aus­harr­ten, ver­sam­mel­te sich am 20. Okto­ber in der West 53 Street eine Grup­pe von sech­zig Per­so­nen und skan­dier­te Paro­len, die die Occu­py-Bewe­gung bis dato nicht kann­te. Hier, vor der matt glän­zen­den Glas­front des Muse­um of Modern Art, pro­kla­mier­ten sie »eine neue Kun­st­ära«, die sich auf »ech­tem Expe­ri­men­tier­geist außer­halb der engen Para­me­ter des Kunst­markts« stüt­ze. Das MoMA war nur einer der drei »Tem­pel des kul­tu­rel­len Eli­ta­ris­mus«, an die sich der Pro­test der Demons­tran­ten rich­te­te: Auch die Frick Collec­tion und das New Muse­um gerie­ten ins Visier der auf­ge­brach­ten Men­ge.

Die New Yor­ker Kunst­schaf­fen­den sind empört. Ihre Vor­stel­lung des 99%-Prinzips sieht eine Ega­li­sie­rung der Kunst­welt und ihre Abkopp­lung vom Kunst­markt vor. Ihre Luft­schlös­ser sol­len Hal­len der Kunst sein, die jedem Künst­ler einen Platz an der Wand reser­vie­ren und jedem Besu­cher frei­en Ein­tritt gewäh­ren. Denn die 25 Dol­lar, mit denen etwa ein Besuch im MoMA zu Buche schlägt, sind den Demons­tran­ten zu viel. Doch auf die qua­li­täts­för­dern­de und kon­ser­vie­ren­de Kraft der Insti­tu­tio­nen und des Kunst­markts fällt kaum ein loben­des Wort: Der lan­ge Arm der Stif­tun­gen und Kon­zer­ne sei eben zu lang, Geschäfts­in­ter­es­sen misch­ten sich in ein Gebiet ein, das der Öffent­lich­keit zustün­de.

Occupy Museums, Foto: Paddy Johnson, Art Fag CityOccu­py Muse­ums, Foto: Pad­dy John­son, Art Fag City

Die Kri­tik fällt auch in Ber­lin auf frucht­ba­ren Boden, wo die Initia­to­ren der Bien­na­le unlängst ein Flug­blatt ver­brei­te­ten, in dem sie Aus­we­ge aus der pre­kä­ren Lage des öffent­li­chen Kul­tur­sek­tors such­ten. Dar­in kam auch der New Yor­ker Künst­ler John Mil­ler zu Wort, der über die Mecha­nis­men des in die­ser Hin­sicht beson­de­ren Kunst­markts sei­ner Hei­mat auf­klärt:

»In den Ver­ei­nig­ten Staa­ten stammt das Geld für alter­na­ti­ve Pro­jek­te über­wie­gend von Pri­vat­per­so­nen, Stif­tun­gen und Unter­neh­men. Öffent­li­che Geld­ge­ber spie­len in die­sem Bereich so gut wie kei­ne Rol­le. Die Gefahr des US-ame­ri­ka­ni­schen Modells liegt dar­in, dass es markt­li­be­ra­le Vor­stel­lun­gen vom gesell­schaft­li­chen Sta­tus des Kunst­werks begüns­tigt. Zwar sind öffent­li­che und pri­va­te Geld­ge­ber glei­cher­ma­ßen bedeu­tend. Doch der ent­schei­den­de Bei­trag zum Dis­kurs kommt von Künst­ler­initia­ti­ven.«

So bie­tet wie­der ein­mal die Kunst selbst ihre stich­hal­tigs­ten und poin­tier­tes­ten Ant­wor­ten auf ihre eige­nen Pro­ble­me. Wäh­rend hier­zu­lan­de Olaf Nico­la­is Per­for­mance-Rei­he »Esca­lier du Chant« in der Pina­ko­thek der Moder­ne trotz dezi­diert poli­ti­scher Pro­gram­ma­tik kei­nen Ton zur welt­weit um sich grei­fen­den Occu­py-Bewe­gung anstimmt, sind es die New Yor­ker Künst­ler, die auf­fal­len. Es kehrt halt jeder vor sei­ner eige­nen Haus­tü­re.

Zefrey Throwell: "Ocularpation", Foto: Hal HorowitzZefrey Thro­well: Ocu­lar­pa­ti­on, Foto: Hal Horo­witz

Wie tref­fend und humor­voll dies sein kann, zeig­te kürz­lich Zefrey Thro­well, der sei­nem Unmut auf unge­wöhn­li­che Wei­se Luft mach­te: Er ließ fünf­zig Nacke­deis die Wall Street infil­trie­ren und dort etwa die Stra­ße keh­ren, Hot­dogs ver­kau­fen oder eben auch geschäf­tig Akti­en han­deln. Nach­dem Thro­well eine Sta­tis­tik erhob, in der er die Beru­fe der Pas­san­ten der Wall Street erfass­te, leg­te er die Rol­len sei­ner Frei­wil­li­gen ent­spre­chend fest und kre­ierte so eine par­al­le­le Öffent­lich­keit – nur eben nackt. »Wall Street Expo­sed«, wie Thro­well es selbst nennt. Die Dop­pel­deu­tig­keit die­ser Wor­te ist klar: Die undurch­sich­ti­gen Machen­schaf­ten hin­ter den dicken Fas­sa­den die­ser kur­zen, eigent­lich eher unauf­fäl­li­gen Stra­ße haben sich längst von ihrer Haf­tung in der Rea­li­tät gelöst. Spa­rer wie auch Anle­ger waren und sind immer noch von der Finanz­kri­se betrof­fen – doch an der Wall Street blüht schon wie­der das Geschäft.

Mit »Ocu­lar­pa­ti­on« rang Thro­well mehr als einen Monat vor dem Beginn der Occu­py-Pro­tes­te um mehr Trans­pa­renz im Bör­sen­han­del und zeig­te auf, daß auch hier nur ganz gewöhn­li­che Leu­te am Werk sind. Fünf Minu­ten dau­er­te die Per­for­mance, dann schritt die New Yor­ker Poli­zei ein: Hand­schel­len klick­ten, drei der Unru­he­stif­ter wur­den vor­erst fest­ge­setzt. »Ocu­lar­pa­ti­on« hat sei­ne Wir­kung jedoch nicht ver­fehlt: New York Times, CNN, Washing­ton Post und sogar das Wall Street Jour­nal führ­ten ein brei­tes Medi­en­echo an, das der kur­zen Per­for­mance einen weit rei­chen­den Nach­hall bescher­te.

Zefrey Throwell: "I'll raise you one…", Foto: der KünstlerZefrey Thro­well: I’ll rai­se you one…, Foto: der Künst­ler

Mehr als zwei Mona­te spä­ter hat­te Thro­well einen Weg gefun­den, Nackt­heit auch auf lega­lem Wege als Pro­test­form ein­zu­set­zen. Für sei­ne Per­for­mance »I’ll rai­se you one…« hielt er hin­ter dem Schau­fens­ter der New Yor­ker Gale­rie Art in Gene­ral ein anhal­ten­des Strip-Poker-Spiel ab. In wech­seln­der Beset­zung lie­ßen die Spie­ler unter den Augen der Öffent­lich­keit ihre Klei­der fal­len. Sobald eine Run­de been­det war, zogen sich die Teil­neh­mer wie­der an, nur um gleich wie­der die Kar­ten zu mischen und ein neu­es Spiel zu begin­nen. Eine Woche lang, sie­ben­ein­halb Stun­den täg­lich, flo­gen Kar­ten glei­cher­ma­ßen wie Klei­der durch den Aus­stel­lungs­raum. Am Ende der Woche wur­de ein Preis aus­ge­lobt: für den schlech­tes­ten Spie­ler.

Zefrey Thro­well, der auch selbst an der Per­for­mance teil­nahm, wähl­te mit »I’ll rai­se you one…« eine Meta­pher des Glücks­spiels, die im klei­nen Maß­stab die kapi­ta­lis­ti­sche Ord­nung aufs Korn nahm. Die Spie­ler poker­ten buch­stäb­lich um ihr letz­tes Hemd. Nur mit reich­lich Geschick ließ sich ver­hin­dern, daß man als nack­ter, besitz­lo­ser Ver­lie­rer vom Tisch ging. Trotz­dem: Einen glück­li­chen Gewin­ner gab es nicht. Nie­mand ging mit mehr als sei­ner Wür­de aus einer Run­de her­vor. Den­noch war die Stim­mung hemds­är­me­lig, bei­na­he apo­dik­tisch in ihrer Frei­zü­gig­keit und Unbe­schwert­heit, denn: Was galt es schon zu ver­lie­ren?

Zefrey Throwell: "I'll raise you one…", Foto: der KünstlerZefrey Thro­well: I’ll rai­se you one…, Foto: der Künst­ler

Mit jeder Run­de wur­de die­se Losung ein wenig wah­rer, das Spiel ein wenig lächer­li­cher. Was galt es schon zu ver­lie­ren, wenn am Ende doch wie­der alle Klei­der ein­ge­sam­melt wer­den und zu ihren Besit­zern zurück­keh­ren? Die bald absurd anmu­ten­de Per­for­mance hat­te aller­dings einen inter­es­san­ten Neben­ef­fekt: Es stell­te sich schnell eine Lust am Spiel ein, die zudem durch den Kit­zel der Nackt­heit ange­heizt wur­de. Wer die Gewinn­aus­sich­ten ein­schät­zen konn­te und mit Geschick spiel­te, konn­te sei­ne Chan­cen erhö­hen, mög­lichst wenig Klei­dung able­gen zu müs­sen und neben­bei sei­ne Mit­spie­ler buch­stäb­lich aus­zie­hen. Das Poker-Spiel – so zeig­te sich in »I’ll rai­se you one…« – begüns­tigt die Glück­li­chen und stellt sie als ver­hei­ßungs­vol­les Bei­spiel den weni­ger erfolg­rei­chen Spie­lern zur Schau. Das Glück, so heißt es, steht allen offen. Denn wer noch nicht sein letz­tes Hemd ver­lo­ren hat, der kann es auch mit ech­tem Geld, etwa online mit Casi­no Spie­len ver­su­chen. Der struk­tu­rel­le Trans­fer des rea­len Spiels auf Thro­wells Per­for­mance als Kom­men­tar auf die Markt­wirt­schaft war gelun­gen.

Zefrey Thro­well erzähl­te mit »I’ll rai­se you one…« eine Para­bel auf die Bör­sen­welt, die nur weni­ge Blocks wei­ter die Öfen des Kapi­ta­lis­mus anfeu­ert und dort auf eine klei­ne Schar stand­haf­ter Demons­tran­ten traf, die zu die­sem Zeit­punkt schon zwei Mona­te unter dem Mot­to »Occu­py Wall Street« aus­harr­ten. Denn für Thro­well stellt Klei­dung in sei­ner Per­for­mance eine Qua­si-Wäh­rung dar. Die­je­ni­gen, die am wenigs­ten davon haben, sind die ärms­ten Spie­ler am Tisch, und auch wenn Geschick und Mathe­ma­tik die Aus­sich­ten ver­bes­sern kön­nen, ist jeder ein­zel­ne dem Zufall unter­wor­fen, der Glück ver­hei­ßen, aber auch in den Ruin trei­ben kann.

Zefrey Throwell: I'll raise you one…, Foto: der KünstlerZefrey Thro­well: I’ll rai­se you one…, Foto: der Künst­ler

Wenn ein­zel­ne Teil­neh­mer am Ende einer Spiels noch nicht ein­mal ihren Gür­tel able­gen muss­ten und ande­re bereits nach weni­gen Run­den all ihre Klei­der ver­lo­ren haben, ist Thro­wells Para­bel aber auch ein Hin­weis auf die unglei­che Ver­tei­lung der Güter in einer kapi­ta­lis­ti­schen Gesell­schaft. Wäh­rend die einen gelas­sen agie­ren kön­nen, sehen sich die ande­ren einer gaf­fen­den Öffent­lich­keit gegen­über, die ihre Mit­tel­lo­sig­keit neu­gie­rig beäugt. Den­noch, so bemän­gelt der Künst­ler, müss­ten alle nach den­sel­ben Regeln spie­len. Eine har­te Kri­tik in einem Land, das jeden Ver­such einer sozia­ler Markt­wirt­schaft im Kei­me erstickt.

Eine Kri­tik aber auch, die par­al­lel zur Occu­py-Bewe­gung ihre Wir­kung nicht ver­fehlt. Die ört­li­che unter­streicht die inhalt­li­che Nähe und so ist »I’ll rai­se you one…« durch­aus auch als humor­vol­ler Schul­ter­schluß mit den Demons­tran­ten vom Zucot­ti Park zu ver­ste­hen. Der Künst­ler erhebt sich und soli­da­ri­siert sich mit der Pro­test­be­we­gung, um sei­ne Stim­me ihren Zwe­cken zukom­men zu las­sen. Die Gesell­schafts­kri­tik wird wie­der ein­mal als Domä­ne der Kunst behaup­tet, die dank ihrer urei­ge­nen Mit­tel ande­re Effek­te set­zen kann, als Trans­pa­ren­te und Sprech­chö­re sie je bewir­ken könn­ten.

Man­che Künst­ler­kol­le­gen Thro­wells ver­trau­en dann doch lie­ber die­sen bewähr­ten Instru­men­ten der demo­kra­ti­schen Grund­ord­nung. Doch der klei­ne Pro­test­zug, der sich Ende Okto­ber vor dem MoMA for­mier­te, kam auch an die Gren­zen die­ser alt­her­ge­brach­ten Demon­sta­ti­ons­form: »Drei Muse­en könn­ten viel für einen Tag sein«, wie die teil­neh­men­de Künst­le­rin Bli­the Riley zugab: Sie schlug vor, daß man die Samm­lung Frick über­sprin­gen und doch bes­ser gleich zum New Muse­um vor­rü­cken sol­le. So zog die Men­ge ein­stim­mig wei­ter – den Umweg zum Cen­tral Park woll­te sich dann wohl doch nie­mand zumu­ten.