Die großartigste Revue der Welt!

Sven Johne geht in der Galerie Klemm's modernen Phantasmen auf den Grund

Das Schlußwort

Die­ser Arti­kel erschien am 15. Novem­ber im KUNST Maga­zin, in mei­ner Reihe Das Schluß­wort.

Als die Beat­les 1967 “Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band” ver­öf­fent­lich­ten, schlos­sen sie die erste Seite der unge­wohnt ver­spiel­ten und aus­ge­las­se­nen LP mit dem zunächst ein wenig selt­sam anmu­ten­den Lied “Being for the bene­fite of Mr. Kite”. Beglei­tet von Jahr­marktsge­räu­schen singt Len­non im tie­fen Brust­ton etwa:

“The Hen­der­sons will dance and sing as Mr. Kite flies through the ring – don’t be late! Messrs. K. and H. assure the public their pro­duc­tion will be second to none. – And of course Henry the Horse dan­ces the waltz!”

Len­non ver­tonte hierin wei­test­ge­hend den Text eines Zir­kus­pla­kats aus dem 19. Jahr­hun­dert, fing so die ein­zig­ar­tig bezau­bernde Wir­kung der wun­der­sam schil­lern­den Artis­ten und Sen­sa­tio­nen ein. Voll­mun­dige Ankün­di­gun­gen geheim­nis­vol­ler Taten und unglaub­li­cher Attrak­tio­nen bil­den die text­li­che Grund­lage des Lie­des, Jahr­marktsor­gel, Har­mo­nium und Glo­cken­spiel die instrumentelle.

Sven Johne: Filmstill aus "Greatest show on earth", Foto: courtesy Klemm'sSven Johne: Film­still aus “Grea­test show on earth”, Foto: cour­tesy Klemm’s

Ähnli­ches geht die­ser Tage in der Gale­rie Klemm’s vor sich: Der Raum schwillt vor zucker­wat­ti­gen Geräu­schen und säge­meh­li­gen Gerü­chen. Zumin­dest in leb­haf­ter Ima­gi­na­tion. Hier springt zwar kein Löwe durchs Feuer und auch kein Akro­bat schwingt sich durchs Gebälk, doch viel fehlt dazu nicht mehr: Sven Johne geht in sei­ner Ein­zel­aus­stel­lung “Grea­test show on earth” dem phan­tas­ti­schen Phä­no­men des Zir­kus auf den Grund. Für Johne ist es ein wich­ti­ger Teil einer Kindheitserfahrung:

“1984 war ich das erste Mal im Zir­kus, ein Gast­spiel des berühm­ten Zir­kus Probst, eine groß­ar­tige Show. Ich hatte so etwas noch nie gese­hen, hier schien die Schwer­kraft über­wun­den und wilde Tiere waren folg­sam und sanft. 2011 tourt die­ser Zir­kus wie­der, von Anfang März bis Mitte Novem­ber. Es ist seine 66. Tour­nee. Sie führt ihn dies­mal durch ganz Ost­deutsch­land, in über 50 Städte und Dör­fer, etwa 4.000 Kilo­me­ter. Ich werde die­sem Zir­kus fol­gen, werde in jede Stadt und in jedes Dorf rei­sen – aber erst kurz nach­dem das Cha­pi­teau wie­der abge­baut ist. Ich bin erst da, wenn der Platz schon wie­der leer ist.”

Sven Johne: Following the Circus, Foto: courtesy Klemm'sSven Johne: Fol­lo­wing the Cir­cus, Foto: cour­tesy Klemm’s

Dar­aus ent­stand die Foto­reihe “Fol­lo­wing the Cir­cus”, die das Kern­stück der Aus­stel­lung aus­macht. Chro­no­lo­gisch und akku­rat anein­an­der gereiht schlän­geln sich die Auf­nah­men ein­mal durch den gan­zen Aus­stel­lungs­raum. Am Ende des Ban­des ver­ra­ten einige unbe­han­gene Nägel, daß noch Fotos fol­gen wer­den. Denn Sven Johne reist noch immer dem Zir­kus Probst hin­ter­her, sucht seine Spiel­plätze auf und doku­men­tiert seine Funde. Mit prä­gnan­ten Anga­ben archi­viert er seine ste­tig wach­sende Kar­tei: “Zir­kus Probst / Mühl­hau­sen (Thü­rin­gen) / 1.-3. Okto­ber 2011 / Fest­platz Indus­trie­straße – 4. Okto­ber 2011”. Es fol­gen Son­ders­hau­sen, Apolda, Wei­ßen­fels, Jena. Jeweils ein Foto von nicht viel mehr als einem lee­ren Platz. Oft­mals Wohn­häu­ser im Hin­ter­grund, gele­gent­lich auch ein Sport­platz. Spu­ren im Sand sind die ein­zi­gen Hin­weise auf den Zir­kus­tross, der immer einen Tag Vor­sprung hat.

Wie in ein Jäger liest Sven Johne in den Spu­ren im Sand, mit­un­ter auch wie ein Ora­kel. Dann erzählt er in ana­ly­ti­scher Nüch­tern­heit von einem noma­di­schen Spek­ta­kel, das immer­fort in der Ferne weilt, kaum nie­der­ge­las­sen gleich wie­der auf­bricht. Von einem Spiel­ort zum ande­ren, vor wech­seln­der aber immer gleich blei­ben­der Kulisse zieht der Zir­kus Probst in sei­nen Bil­dern. Ein Kind­heits­traum, der heute sei­nen Glanz ver­lo­ren hat, liegt in die­sem Glücks­ver­spre­chen, das bei Johne nie ein­ge­hal­ten aber auch nie tat­säch­lich ein­ge­gan­gen wird. Der Zir­kus ist abge­reist, das Leben geht wei­ter. Nach die­ser kur­zen Auf­re­gung ent­fal­tet sich wie­der der klein­städ­ti­sche, oft­mals dörf­li­che Geist und legt sich wie ein stum­mer Nebel­schleier über ost­deut­sche Ort­schaf­ten wie Mer­se­burg oder Mittweida.

Ausstellungsansicht "Greatest show on earth", Foto: courtesy Klemm'sAus­stel­lungs­an­sicht “Grea­test show on earth”, Foto: cour­tesy Klemm’s

Im Hin­ter­grund läuft das mehr als zwan­zig­mi­nü­tige Video “Grea­test show on earth” auf Dau­er­schleife. Ein Anhei­zer steht im Ram­pen­licht. Er kün­digt einem im Dun­kel ver­bor­ge­nen Publi­kum die fol­gen­den Attrak­tio­nen an. Da ist etwa Seppo Oli­kan, der fin­ni­sche Mücken­domp­teur. Mes­ser­wer­fer Mahmoud Meki und sein Assis­tent, “Guido, das dumme Schwein” wird auf­tre­ten. Die sich lie­ben­den Ent­fes­se­lungs­künst­ler Mas-Saï und Iga-Rashi wer­den gegen den Tod durch Ertrin­ken kämp­fen. Zum Kha­tara wird mit sei­ner Duft­or­gel auf­tre­ten und “ein ale­xithy­mer Mensch”, ein psy­chisch Kran­ker, für Unter­hal­tung sorgen.

“Ara, Octans, Cha­mae­leon, Tri­an­gu­lum Aus­trale – es sind die schöns­ten Stern­bil­der des Süd­him­mels. Hier im Nor­den sind sie lei­der nicht zu sehen. Heute Abend schon! Hier oben. Der Traum vom Süden. Die Sterne, zum Grei­fen nah.”

In die­sem Moment gelangt das Phan­tasma des Zir­kus zu sei­ner inners­ten Wahr­heit, dem greif­ba­ren Glück. Doch alles ist blo­ßer Schein. Der Anhei­zer über­trumpft sich mit Super­la­ti­ven, einer phan­tas­ti­scher als der andere. Sen­sa­tio­nen und Attrak­tio­nen ver­lie­ren sich im Pathos der voll­mun­di­gen Ver­spre­chun­gen, Zwei­fel stei­gen auf. Denn seine Wir­kung schwin­det, auch das zeigt Sven Johne.

Der Zir­kus gerinnt zum eiern­den Lei­er­kas­ten, der das ewige Höher, Schnel­ler, Wei­ter jault. And of course Henry the Horse dan­ces the waltz! Der Zir­kus ver­steckt sich immer wei­ter hin­ter sei­ner fah­len Clowns­fratze, aus deren hoh­len Augen die häß­li­che Leere gafft. Sen­sa­tio­nen und Sen­sa­ti­ons­lust; Spek­ta­kel und Spec­ta­teure bli­cken sich in ihre höh­ni­schen Gesich­ter. Joh­nes Anhei­zer ist der Narr mit dem vor­ge­hal­te­nen Spiegel. Diese all­sei­tige For­mel der Attrak­tion ist auch die Trieb­fe­der der Moderne, die, in einer nicht ein­mal mehr post-modernen Zeit ihre Wir­kung ver­liert. Anti­quiert scheint die Losung des ewi­gen Fort­schritts, jeden­falls im gesell­schaft­li­chen Kon­text. So muss auch der Wan­der­zir­kus mit sei­nem Kabi­nett der Super­la­tive und der uner­hör­ten Sen­sa­tio­nen sei­nen Zau­ber ver­lie­ren. Der Cir­cus Johne beschwört ihn ein letz­tes Mal her­auf, doch nur, um ihn als Schat­ten­spiel zu ent­lar­ven. Eine illus­tre Anek­dote der Zeit­ge­schichte, nicht viel mehr.

Sven Johne: El Dorado, Foto: courtesy Klemm'sSven Johne: El Dorado, Foto: cour­tesy Klemm’s

In der Erschaf­fung und Demas­kie­rung solch phan­tas­ti­scher Gebilde ist Sven Johne erfah­ren. Im ver­gan­ge­nen Jahr zeigte er in der Tem­po­rä­ren Kunst­halle eine Anzahl kur­zer Steck­briefe son­der­ba­rer Per­so­nen, der “Groß­meis­ter der Täu­schung”. Ebenso wie in der zeit­gleich aus­ge­stell­ten Reihe “Bil­der der Stadt Vinh” erzeugte er hier einen Moment der Unge­wiss­heit. Fakt und Fik­tion waren nicht von ein­an­der zu tren­nen, dies weiß Johne immer wie­der durch seine geschickt aus­ba­lan­cierte Erzähl­weise zu ver­hin­dern. Seine Arbei­ten erschafft er stets in Serie, gewinnt damit die für sol­che Täu­schun­gen nötige Tiefe. Sein Nar­ra­tiv ist nüch­tern und prä­gnant. Blu­mige Aus­schwei­fun­gen schei­nen in sei­nem ana­ly­ti­schen Stil nur spär­lich durch. Wenn Johne eines sei­ner Manö­ver fährt, weiß er die knap­pen Infor­ma­tio­nen gezielt in ein Flecht­werk ein­zu­ar­bei­ten, das ganz auf die Lücken und Frei­stel­len abzielt: Erst das Unge­wisse gibt den Spe­ku­la­tio­nen Raum.

In der Gale­rie Klemm’s begrüßt er die Besu­cher mit der zwölf­tei­li­gen Serie “El Dorado”. Ver­gol­dete Rah­men tra­gen Anteile der kana­di­schen Eldo­rado Mining Com­pany, einer Firma, die im Übri­gen tat­säch­lich exis­tiert. Eben­falls wahr ist, daß Johne Anteils­eig­ner die­ser Gesell­schaft ist. Die aus­ge­stell­ten Papiere las­sen jedoch Zwei­fel über ihre Echt­heit auf­kom­men. Keine üppi­gen Ver­zie­run­gen oder Was­ser­zei­chen, keine deko­ra­tive Schrif­ten und getra­ge­nen For­mu­lie­run­gen wei­sen dar­auf hin, daß es sich hier­bei um offi­zi­elle Zer­ti­fi­kate han­deln könnte. Einige lapi­dare Sätze aus dem Fir­men­pro­fil ergän­zen die gedruckte Dekla­ra­tion als Aktie; wer Nähe­res erfah­ren will, könne umsei­tig nachschlagen.

Ausstellungsansicht "Greatest show on earth", Foto: courtesy Klemm'sAus­stel­lungs­an­sicht “Grea­test show on earth”, Foto: cour­tesy Klemm’s

Das Ver­spre­chen des Gold­rauschs – oder wenigs­tens der Teil­habe an sel­bi­gem – erscheint gelo­gen, fast betrü­ge­risch. Auch “El Dorado” reiht sich alle­go­risch als ver­lo­ckende Täu­schung neben die vie­len ande­ren Bei­spiel in Joh­nes Gesamt­werk ein. Ebenso wie die Zir­kus­ar­bei­ten oder die eben­falls aus­ge­stell­ten Hochglanz-Fotos von zum Ver­kauf bestimm­ten, bereits gering­fü­gig wel­ken­den Edel­ro­sen wagt “El Dorado” den Fin­ger­zeig auf die Trug­bil­der des All­tags. Wenn “Fol­lo­wing the cir­cus” oder “Grea­test show on earth” noch den süßen Zau­ber der Täu­schung vor­hal­ten, dann wird Johne in sei­nen ande­ren Arbei­ten direk­ter, aber auch apo­dik­ti­scher: “Alles Lug und Trug”, so wähnt man bald. Doch selbst wenn man sich ein­mal damit abge­fun­den hat, die alte Leier läuft ewig wei­ter: “And of course Henry the Horse dan­ces the waltz!”