Die großartigste Revue der Welt!

22. November 2011 von Matthias Planitzer
Sven Johne geht in der Galerie Klemm's modernen Phantasmen auf den Grund
Das Schlußwort

Die­ser Arti­kel erschien am 15. Novem­ber im KUNST Maga­zin, in mei­ner Rei­he Das Schluß­wort.

Als die Beat­les 1967 »Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band« ver­öf­fent­lich­ten, schlos­sen sie die ers­te Sei­te der unge­wohnt ver­spiel­ten und aus­ge­las­se­nen LP mit dem zunächst ein wenig selt­sam anmu­ten­den Lied »Being for the bene­fi­te of Mr. Kite«. Beglei­tet von Jahr­markts­ge­räu­schen singt Len­non im tie­fen Brust­ton etwa:

»The Hen­der­sons will dance and sing as Mr. Kite flies through the ring – don’t be late! Messrs. K. and H. assu­re the public their pro­duc­tion will be second to none. – And of cour­se Hen­ry the Hor­se dan­ces the waltz!«

Len­non ver­ton­te hier­in wei­test­ge­hend den Text eines Zir­kus­pla­kats aus dem 19. Jahr­hun­dert, fing so die ein­zig­ar­tig bezau­bern­de Wir­kung der wun­der­sam schil­lern­den Artis­ten und Sen­sa­tio­nen ein. Voll­mun­di­ge Ankün­di­gun­gen geheim­nis­vol­ler Taten und unglaub­li­cher Attrak­tio­nen bil­den die text­li­che Grund­la­ge des Lie­des, Jahr­markts­or­gel, Har­mo­ni­um und Glo­cken­spiel die instru­men­tel­le.

Sven Johne: Filmstill aus "Greatest show on earth", Foto: courtesy Klemm'sSven Joh­ne: Film­still aus »Grea­test show on earth«, Foto: cour­te­sy Klemm’s

Ähn­li­ches geht die­ser Tage in der Gale­rie Klemm’s vor sich: Der Raum schwillt vor zucker­wat­ti­gen Geräu­schen und säge­meh­li­gen Gerü­chen. Zumin­dest in leb­haf­ter Ima­gi­na­ti­on. Hier springt zwar kein Löwe durchs Feu­er und auch kein Akro­bat schwingt sich durchs Gebälk, doch viel fehlt dazu nicht mehr: Sven Joh­ne geht in sei­ner Ein­zel­aus­stel­lung »Grea­test show on earth« dem phan­tas­ti­schen Phä­no­men des Zir­kus auf den Grund. Für Joh­ne ist es ein wich­ti­ger Teil einer Kind­heits­er­fah­rung:

»1984 war ich das ers­te Mal im Zir­kus, ein Gast­spiel des berühm­ten Zir­kus Probst, eine groß­ar­ti­ge Show. Ich hat­te so etwas noch nie gese­hen, hier schien die Schwer­kraft über­wun­den und wil­de Tie­re waren folg­sam und sanft. 2011 tourt die­ser Zir­kus wie­der, von Anfang März bis Mit­te Novem­ber. Es ist sei­ne 66. Tour­nee. Sie führt ihn dies­mal durch ganz Ost­deutsch­land, in über 50 Städ­te und Dör­fer, etwa 4.000 Kilo­me­ter. Ich wer­de die­sem Zir­kus fol­gen, wer­de in jede Stadt und in jedes Dorf rei­sen – aber erst kurz nach­dem das Cha­pi­teau wie­der abge­baut ist. Ich bin erst da, wenn der Platz schon wie­der leer ist.«

Sven Johne: Following the Circus, Foto: courtesy Klemm'sSven Joh­ne: Fol­lo­wing the Cir­cus, Foto: cour­te­sy Klemm’s

Dar­aus ent­stand die Fotorei­he »Fol­lo­wing the Cir­cus«, die das Kern­stück der Aus­stel­lung aus­macht. Chro­no­lo­gisch und akku­rat anein­an­der gereiht schlän­geln sich die Auf­nah­men ein­mal durch den gan­zen Aus­stel­lungs­raum. Am Ende des Ban­des ver­ra­ten eini­ge unbe­han­ge­ne Nägel, daß noch Fotos fol­gen wer­den. Denn Sven Joh­ne reist noch immer dem Zir­kus Probst hin­ter­her, sucht sei­ne Spiel­plät­ze auf und doku­men­tiert sei­ne Fun­de. Mit prä­gnan­ten Anga­ben archi­viert er sei­ne ste­tig wach­sen­de Kar­tei: »Zir­kus Probst / Mühl­hau­sen (Thü­rin­gen) / 1.–3. Okto­ber 2011 / Fest­platz Indus­trie­stra­ße – 4. Okto­ber 2011″. Es fol­gen Son­ders­hau­sen, Apol­da, Wei­ßen­fels, Jena. Jeweils ein Foto von nicht viel mehr als einem lee­ren Platz. Oft­mals Wohn­häu­ser im Hin­ter­grund, gele­gent­lich auch ein Sport­platz. Spu­ren im Sand sind die ein­zi­gen Hin­wei­se auf den Zir­kus­tross, der immer einen Tag Vor­sprung hat.

Wie in ein Jäger liest Sven Joh­ne in den Spu­ren im Sand, mit­un­ter auch wie ein Ora­kel. Dann erzählt er in ana­ly­ti­scher Nüch­tern­heit von einem noma­di­schen Spek­ta­kel, das immer­fort in der Fer­ne weilt, kaum nie­der­ge­las­sen gleich wie­der auf­bricht. Von einem Spiel­ort zum ande­ren, vor wech­seln­der aber immer gleich blei­ben­der Kulis­se zieht der Zir­kus Probst in sei­nen Bil­dern. Ein Kind­heits­traum, der heu­te sei­nen Glanz ver­lo­ren hat, liegt in die­sem Glücks­ver­spre­chen, das bei Joh­ne nie ein­ge­hal­ten aber auch nie tat­säch­lich ein­ge­gan­gen wird. Der Zir­kus ist abge­reist, das Leben geht wei­ter. Nach die­ser kur­zen Auf­re­gung ent­fal­tet sich wie­der der klein­städ­ti­sche, oft­mals dörf­li­che Geist und legt sich wie ein stum­mer Nebel­schlei­er über ost­deut­sche Ort­schaf­ten wie Mer­se­burg oder Mitt­wei­da.

Ausstellungsansicht "Greatest show on earth", Foto: courtesy Klemm'sAus­stel­lungs­an­sicht »Grea­test show on earth«, Foto: cour­te­sy Klemm’s

Im Hin­ter­grund läuft das mehr als zwan­zig­mi­nü­ti­ge Video »Grea­test show on earth« auf Dau­er­schlei­fe. Ein Anhei­zer steht im Ram­pen­licht. Er kün­digt einem im Dun­kel ver­bor­ge­nen Publi­kum die fol­gen­den Attrak­tio­nen an. Da ist etwa Sep­po Oli­kan, der fin­ni­sche Mücken­domp­teur. Mes­ser­wer­fer Mahmoud Meki und sein Assis­tent, »Gui­do, das dum­me Schwein« wird auf­tre­ten. Die sich lie­ben­den Ent­fes­se­lungs­künst­ler Mas-Saï und Iga-Rashi wer­den gegen den Tod durch Ertrin­ken kämp­fen. Zum Khata­ra wird mit sei­ner Duft­or­gel auf­tre­ten und »ein ale­xit­hy­mer Mensch«, ein psy­chisch Kran­ker, für Unter­hal­tung sor­gen.

»Ara, Octans, Cha­maele­on, Tri­an­gu­lum Aus­tra­le – es sind die schöns­ten Stern­bil­der des Süd­him­mels. Hier im Nor­den sind sie lei­der nicht zu sehen. Heu­te Abend schon! Hier oben. Der Traum vom Süden. Die Ster­ne, zum Grei­fen nah.«

In die­sem Moment gelangt das Phan­tas­ma des Zir­kus zu sei­ner inners­ten Wahr­heit, dem greif­ba­ren Glück. Doch alles ist blo­ßer Schein. Der Anhei­zer über­trumpft sich mit Super­la­ti­ven, einer phan­tas­ti­scher als der ande­re. Sen­sa­tio­nen und Attrak­tio­nen ver­lie­ren sich im Pathos der voll­mun­di­gen Ver­spre­chun­gen, Zwei­fel stei­gen auf. Denn sei­ne Wir­kung schwin­det, auch das zeigt Sven Joh­ne.

Der Zir­kus gerinnt zum eiern­den Lei­er­kas­ten, der das ewi­ge Höher, Schnel­ler, Wei­ter jault. And of cour­se Hen­ry the Hor­se dan­ces the waltz! Der Zir­kus ver­steckt sich immer wei­ter hin­ter sei­ner fah­len Clowns­frat­ze, aus deren hoh­len Augen die häß­li­che Lee­re gafft. Sen­sa­tio­nen und Sen­sa­ti­ons­lust; Spek­ta­kel und Spec­ta­teu­re bli­cken sich in ihre höh­ni­schen Gesich­ter. Joh­nes Anhei­zer ist der Narr mit dem vor­ge­hal­te­nen Spie­gel. Die­se all­sei­ti­ge For­mel der Attrak­ti­on ist auch die Trieb­fe­der der Moder­ne, die, in einer nicht ein­mal mehr post-moder­nen Zeit ihre Wir­kung ver­liert. Anti­quiert scheint die Losung des ewi­gen Fort­schritts, jeden­falls im gesell­schaft­li­chen Kon­text. So muss auch der Wan­der­zir­kus mit sei­nem Kabi­nett der Super­la­ti­ve und der uner­hör­ten Sen­sa­tio­nen sei­nen Zau­ber ver­lie­ren. Der Cir­cus Joh­ne beschwört ihn ein letz­tes Mal her­auf, doch nur, um ihn als Schat­ten­spiel zu ent­lar­ven. Eine illus­tre Anek­do­te der Zeit­ge­schich­te, nicht viel mehr.

Sven Johne: El Dorado, Foto: courtesy Klemm'sSven Joh­ne: El Dora­do, Foto: cour­te­sy Klemm’s

In der Erschaf­fung und Demas­kie­rung solch phan­tas­ti­scher Gebil­de ist Sven Joh­ne erfah­ren. Im ver­gan­ge­nen Jahr zeig­te er in der Tem­po­rä­ren Kunst­hal­le eine Anzahl kur­zer Steck­brie­fe son­der­ba­rer Per­so­nen, der »Groß­meis­ter der Täu­schung«. Eben­so wie in der zeit­gleich aus­ge­stell­ten Rei­he »Bil­der der Stadt Vinh« erzeug­te er hier einen Moment der Unge­wiss­heit. Fakt und Fik­ti­on waren nicht von ein­an­der zu tren­nen, dies weiß Joh­ne immer wie­der durch sei­ne geschickt aus­ba­lan­cier­te Erzähl­wei­se zu ver­hin­dern. Sei­ne Arbei­ten erschafft er stets in Serie, gewinnt damit die für sol­che Täu­schun­gen nöti­ge Tie­fe. Sein Nar­ra­tiv ist nüch­tern und prä­gnant. Blu­mi­ge Aus­schwei­fun­gen schei­nen in sei­nem ana­ly­ti­schen Stil nur spär­lich durch. Wenn Joh­ne eines sei­ner Manö­ver fährt, weiß er die knap­pen Infor­ma­tio­nen gezielt in ein Flecht­werk ein­zu­ar­bei­ten, das ganz auf die Lücken und Frei­stel­len abzielt: Erst das Unge­wis­se gibt den Spe­ku­la­tio­nen Raum.

In der Gale­rie Klemm’s begrüßt er die Besu­cher mit der zwölf­tei­li­gen Serie »El Dora­do«. Ver­gol­de­te Rah­men tra­gen Antei­le der kana­di­schen Eldo­ra­do Mining Com­pa­ny, einer Fir­ma, die im Übri­gen tat­säch­lich exis­tiert. Eben­falls wahr ist, daß Joh­ne Anteils­eig­ner die­ser Gesell­schaft ist. Die aus­ge­stell­ten Papie­re las­sen jedoch Zwei­fel über ihre Echt­heit auf­kom­men. Kei­ne üppi­gen Ver­zie­run­gen oder Was­ser­zei­chen, kei­ne deko­ra­ti­ve Schrif­ten und getra­ge­nen For­mu­lie­run­gen wei­sen dar­auf hin, daß es sich hier­bei um offi­zi­el­le Zer­ti­fi­ka­te han­deln könn­te. Eini­ge lapi­da­re Sät­ze aus dem Fir­men­pro­fil ergän­zen die gedruck­te Dekla­ra­ti­on als Aktie; wer Nähe­res erfah­ren will, kön­ne umsei­tig nach­schla­gen.

Ausstellungsansicht "Greatest show on earth", Foto: courtesy Klemm'sAus­stel­lungs­an­sicht »Grea­test show on earth«, Foto: cour­te­sy Klemm’s

Das Ver­spre­chen des Gold­rauschs – oder wenigs­tens der Teil­ha­be an sel­bi­gem – erscheint gelo­gen, fast betrü­ge­risch. Auch »El Dora­do« reiht sich alle­go­risch als ver­lo­cken­de Täu­schung neben die vie­len ande­ren Bei­spiel in Joh­nes Gesamt­werk ein. Eben­so wie die Zir­kus­ar­bei­ten oder die eben­falls aus­ge­stell­ten Hoch­glanz-Fotos von zum Ver­kauf bestimm­ten, bereits gering­fü­gig wel­ken­den Edel­ro­sen wagt »El Dora­do« den Fin­ger­zeig auf die Trug­bil­der des All­tags. Wenn »Fol­lo­wing the cir­cus« oder »Grea­test show on earth« noch den süßen Zau­ber der Täu­schung vor­hal­ten, dann wird Joh­ne in sei­nen ande­ren Arbei­ten direk­ter, aber auch apo­dik­ti­scher: »Alles Lug und Trug«, so wähnt man bald. Doch selbst wenn man sich ein­mal damit abge­fun­den hat, die alte Lei­er läuft ewig wei­ter: »And of cour­se Hen­ry the Hor­se dan­ces the waltz!«