Die Bagatellisierung von Abu Ghraib

Ein gut gemeinter Appell von Marc Lüders

Marc Lüders: AG_40Marc Lüders: “AG_40″

Wer die anhal­tende, zuse­hends depri­mie­rende Wet­ter­lage zum Anlass nimmt, sein Gemüt durch Kunst auf­zu­hei­tern, kann dies die­ser Tage viel­leicht am bes­ten bei einem unge­stör­ten Gale­ri­en­ma­ra­thon durch die Aus­stel­lungs­räume rund um die Koch– und Lin­den­straße tun. Trotz des Som­mer­lochs, das auch vor dem Kunst­ka­len­der nicht Halt macht, fin­det man doch noch einige Aus­stel­lun­gen, die es zu besu­chen lohnt.

So kann man sich in der LEVY Gale­rie noch bis zum 27. August ein Bild von der Aus­stel­lung “Shif­ting the ever­y­day” machen, wel­che Künst­ler prä­sen­tie­ren will, die “die Rah­men­be­din­gun­gen unse­res All­tags­le­bens hin­ter­fra­gen und unter­wan­dern”. Wenig kon­kret for­mu­liert ver­steckt sich dahin­ter den­noch eine Schau, die sehens­werte Ein­zel­po­si­tio­nen ver­eint. Neben einer Instal­la­tion John von Ber­gens und Felix Kiess­lings Arbei­ten mit dem Medium Zeit sind dies v.a. drei Werke Marc Lüders’, die im Gedächt­nis bleiben.

Die ver­meint­li­chen Foto­gra­fien zei­gen in schnapp­schuss­ar­ti­ger Ama­teur­haf­tig­keit eine triste Umge­bung aus kal­tem Beton und dürf­ti­gem Putz, ver­dreck­ten Türen, einem stau­bi­gen Decken­ven­ti­la­tor – kurz: ein wenig ein­la­den­der Ort, der sonst keine Auf­merk­sam­keit auf sich zieht. Wenn man sich wie­der von die­sen Foto­gra­fien abwen­den will, erkennt man jedoch, daß einige Bild­teile über­malt wur­den; daß hier etwas ver­steckt liegt, was dem Betrach­ter zunächst ver­heim­licht wurde.

Marc Lüders: AG_93Marc Lüders: “AG_93″

Marc Lüders arbei­tet in einer Tech­nik, die er “Pho­to­pic­tu­ren” nennt: Indem er direkt auf die gedruckte Foto­gra­fie Farbe auf­trägt, wer­den Male­rei und Foto­gra­fie ver­schränkt. Die drei aus­ge­stell­ten Arbei­ten fal­len zunächst nicht als ein sol­ches syn­the­ti­sches Medium ins Auge, sind sie doch als Retu­schen gedacht, die erst beim zwei­ten Blick als sol­che erkenn­bar wer­den. Lüders über­tünchte Teile des Bil­des mit Ölfarbe, die, wenn man sie erst ein­mal bemerkt hat, Umrisse von Per­so­nen offen­ba­ren. Dann erst rea­li­siert man, daß es sich um Fotos aus Abu Ghraib handelt.

Lüders nutzte als Grund­lage für “AG_03″, “AG_40″ und “AG_93″ die­sel­ben Auf­nah­men, die 2004 publik wur­den und für welt­wei­tes Auf­se­hen sorg­ten. Bis auf das Akro­nym im Titel weist nichts auf diese Her­kunft hin. Die Arbei­ten funk­tio­nie­ren allein auf Grund­lage des kol­lek­ti­ven Gedächt­nis­ses, das auch nach mehr als acht Jah­ren noch frisch genug ist, um diese Asso­zia­tion zuver­läs­sig hervorzurufen.

Die ver­pi­xel­ten, dadurch leicht abstra­hier­ten Foto­gra­fien wur­den durch einen ebenso dif­fu­sen Farb­auf­trag retu­schiert, wodurch nicht nur die Iko­n­o­lo­gie des Motivs zutage geför­dert wird, son­dern im sel­ben Zug auch die Seh­ge­wohn­hei­ten auf­ge­deckt wer­den. Indem Lüders den Blick Lynn­die Eng­lands, aber auch den der media­len Öffent­lich­keit mit sei­nen Pro­du­zen­ten und Rezi­pi­en­ten annimmt, übt er Kri­tik an allen Betei­lig­ten. Der Fokus bleibt auf den Delin­quen­ten, führt aber bei Lüders ins Leere. Blind­heit und Igno­ranz, Ver­harm­lo­sung und Baga­tel­li­sie­rung sind die Kri­tik­punkte an der Öffentlichkeit.

Marc Lüders: AG_03Marc Lüders: “AG_03″

Die Bot­schaft lau­tet: “Seht, was ihr nicht seht” und betont, daß in der hit­zi­gen öffent­li­chen Debatte über die Fol­ter­vor­würfe im Irak die Opfer ver­ges­sen wur­den. Bereits auf den Ori­gi­nal­auf­nah­men ist kei­ner der Gefan­ge­nen zu erken­nen, doch erst durch Lüders’ Pho­to­pic­ture wird die Iden­ti­tät der Delin­quen­ten voll­kom­men über­deckt. Lüders zeigt offen die Anony­mi­tät, jedoch nicht, indem er den Opfern ein Gesicht gibt, son­dern indem er sie auf die Spitze treibt. Dadurch unter­streicht die Serie die Obs­zö­ni­tät der Bericht­er­stat­tung, die um den Image­scha­den der USA kreiste statt die Schick­sale der Opfer zu rekonstruieren.

Lüders’ Kritik schlägt schnell in eine Beleh­rung um. Die­ser Appell bewirkt aller­dings eben so wenig einen Affekt wie eine Bil­der­se­rie über das Hun­ger­elend in der Drit­ten Welt. Marc Lüders setzt auf die recht anti­quierte, appel­la­tive Macht des Bil­des, auf die nicht etwa Ein­sicht und Besin­nung, son­dern Des­in­ter­esse und  Schul­ter­zu­cken fol­gen. Daher blei­ben die ver­frem­de­ten – oder bes­ser: wei­ter ent­frem­de­ten – Dar­stel­lun­gen aus Abu Ghraib nur eines: zahn­los. Aber gut gemeint.