Alte Meister, neue Zeiten

22. August 2011 von Matthias Planitzer
Das Schlußwort

Was wurde schon alles über die Malerei geschimpft: Sie sei stumpf geworden, unzeitgemäß; ja, sogar Nachrufe wurden auf sie geschrieben. Die Zeit der Alten Meister sei längst vorbei und nach den kühnen Vorstößen der Klassischen Moderne wurde sie sogar für tot erklärt. Bekanntlich kam alles anders und so erfreut sich die Malerei auch heute noch einer quirligen Lebendigkeit, die den Pessimisten von einstmals geradezu spottet. Das umfangreiche Erbe dieser Gattung blieb auch weiterhin von großer Bedeutung und so manch ein Vertreter der neuen Malergeneration zählt den ein oder anderen Altmeister zu seinen prägenden Vorbildern.

Die Berliner Galerie Feldbuschwiesner, zuvor unter dem Namen „Kunstagenten“ bekannt, zeigt bis zur offiziellen Umbenennung die Interimsausstellung „Panoramic“, die sich eben jenem Verhältnis zeitgenössischer Malerei zu den Alten Meistern widmet. Dafür wurden unter anderem Werke von Lars Teichmann und Friederike von Rauch ausgewählt, um die Räume in der Linienstraße zu bespielen. Sie geben einen kleinen, fast verstohlen kurzen Einblick, wie unterschiedlich der Umgang mit der Malereitradition gepflegt wird.

Lars Teichmann: Ohne Titel / Foto: Courtesy of the Artist/ FELDBUSCHWIESNER Galerie, BerlinLars Teichmann: Ohne Titel / Foto: Courtesy of the Artist/ FELDBUSCHWIESNER Galerie, Berlin

Gewohnte Anblicke bietet zunächst Lars Teichmann. Er ist in „Panoramic“ mit zwei Werken vertreten, die durch eine für seine Verhältnisse magische Ruhe auffallen. Die turbulente Pinselführung und lebendigen Kompositionen früherer Arbeiten wird man vermissen, aber weiterhin von den düsteren Gestalten des lebendigen Mummenschanz nach typischer Machart Teichmanns eingenommen sein. Die beiden ausgestellten Porträts treten gedämpfter, dafür aber weitaus nachhaltiger auf. Sie nehmen den Besucher sofort ein, bleiben auch dunkel spürbar, wenn man ihnen den Rücken zukehrt. Dagegen scheint jedes Geisterschloss mit seinen konventionellen Herrscherbildern nur langweilig.

Was dem Rembrandt das Licht, ist Teichmann die Finsternis

Denn Teichmanns unbetitelte Arbeiten sind unverkennbar von der Porträtmalerei des Barock inspiriert: Bildausschnitt und Komposition, Haltung und Kleidung der Figuren erinnern an Tizian und Velázquez, Rubens und Rembrandt. Doch wo Rembrandt mit dem Licht zaubert und Rubens mit dem Schatten, übt sich Teichmann mit der dunklen Magie der hervorstechenden Finsternis. Damit stehen seine Gemälde eher in der Tradition der „Layered Portraits“ von Glenn Brown. Beider Gestalten sind zerfressen und entstellt und teilen mit ihren altmeisterlichen Vorbildern nur noch wenige inhaltliche Ankerpunkte, die nötig sind, um diese Verbindung glaubhaft aufrecht zu erhalten.

Felix Wunderlich: Bärenhöhlenmensch / Foto: courtesy of the Artist/ FELDBUSCHWIESNER Galerie, BerlinFelix Wunderlich: Bärenhöhlenmensch / Foto: courtesy of the Artist/ FELDBUSCHWIESNER Galerie, Berlin

Wo im Falle Teichmanns das Sujet die Ähnlichkeit zu den Alten Meistern vermittelt, ist es bei Felix Wunderlich in erster Linie die Technik. Eines der Porträts, „Bärenhöhlenmensch“, fällt durch übertriebenes Sfumato auf, das die Konturen des Gesichts gänzlich verwischt und sich im harten Kontrast zur dick aufgetragenen Farbschicht des Hintergrundes abhebt. Das klopsige Mondgesicht erinnert zwar durchaus an da Vincis und Correggios meisterlichen Einsatz der Vernebelungstechnik, zerfließt jedoch darunter in seiner Weichheit und bleibt so im wahrsten Sinne unbegreiflich.

Teichmann betont die Bildhaftigkeit

Wunderlichs Porträts sind vage, bieten keinen Halt und erinnern den Betrachter stets an ihre platte Bildhaftigkeit. Seine Gemälde entwerfen keine Räumlichkeit, unterstehen keiner Perspektive. Stattdessen erdrückt er die Figuren mit der zuletzt aufgetragenen, schwer wiegenden Farbschicht des konturierenden Hintergrundes. Dadurch entsteht der eigenartige Eindruck, daß der Bildhintergrund hervorsticht und seine Figuren dahinter zurücktreten.

Diese Betonung der Bildhaftigkeit wird in weiteren Gemälden weiter herausgebildet, indem Kleidung und Kopfbedeckung falten- und schattenlos ausgeführt sind. Die oftmals historisierend anmutenden Gewänder erscheinen in ungewohnt bunter Farbgebung; da treffen etwa fliederfarbene Bänder auf orange, neonfarben umrissene Hauben. So werden die Porträts Wunderlichs zwar zunächst als Gemälde nach barocker Ästhetik wahrgenommen, prägen sich dann aber als nostalgisch eingefärbte Darstellungen mit poppigen Einschlägen ein. Dieser Kontrast ist es letztlich, der die Sehgewohnheit herausfordert und das Bild erst als solches inszeniert.

Friederike von Rauch: SKD13 (courtesy of the Artist/ FELDBUSCHWIESNER Galerie, Berlin)Friederike von Rauch: SKD13 (courtesy of the Artist/ FELDBUSCHWIESNER Galerie, Berlin)

Das Interesse an der Malerei ist im Falle von Friederike von Rauch jedoch ein anderes. Die für ihre ruhige, getragene und kalkulierte Fotografie bekannte Künstlerin ist mit einer Reihe Arbeiten vertreten, die zwar altmeisterliche Gemälde zeigen, jedoch den Fokus andernorts legen. Goldrahmen und Museumswände stehen im Mittelpunkt ihrer Betrachtung. Da ist etwa die Fotografie einer Darstellung des Heiligen Sebastians zu sehen: Von Rauch wählt den Bildausschnitt so, daß der Prunkrahmen in den Vordergrund gerückt wird. Eine Leiter spiegelt sich in der Glasabdeckung des Gemäldes und betont zusätzlich die Museumssituation.

Friederike von Rauch betont die Ausstellungspraxis der Gemäldegalerien

Eine andere Fotografie verzichtet gleich ganz auf die Darstellung eines Gemäldes und konzentriert sich auf eine unscheinbare Ecke des abgebildeten Ausstellungsraumes. Zwei goldene Rahmen sind angeschnitten, bilden nun die Eingrenzung des sonst grauen Bildes. Von Rauch kehrt in ihrer Untersuchung der musealen Darstellung barocker Gemälde die Präsentationsebenen um und erzählt dadurch von den buchstäblichen Rahmenbedingung der musealen Ausstellungsrealität. Sie zeigt die Lücken und Fehlstellen zwischen den kunstbehangenen Museumswänden auf und stellt damit die Galerie als bloße Anordnung verschiedener Gemälde heraus.

Wenn sich also Teichmann und Wunderlich der Malerei durch Sujet bzw. Technik nähern, konzentriert von Rauch sich auf die übliche Ausstellungspraxis dieser Kunstgattung. Prunkrahmen und nüchtern-graue Museumswand gehören für sie ebenso zur Malerei, wie für ihre Kollegen Herrscherbild und sfumato. Damit gewährt die Ausstellung „Panoramic“ einen kurzen, doch aber weit gespannten Einblick in den Umgang der zeitgenössischen Kunst mit dem Erbe der Malerei. Sicherlich können die beispielhaft gewählten Künstler und ihre Arbeiten nicht repräsentativ für die heutige Situation dieser Kunstgattung stehen. Trotzdem weist „Panoramic“ kurz und knapp darauf hin, daß nach all den Verwürfnissen und radikalen Neuordnungen Ästhetik und Leistungen wie hier etwa der barocken Maler noch immer einen sichtbaren Einfluss auf ihre Nachfolger haben.

Die­ser Arti­kel erschien am 15. August im KUNST Maga­zin, in mei­ner kunst­kri­ti­schen Kolumne Das Schluß­wort.