Moderne Märchen entzaubert

Joan Young brilliert mit Ausstellung über narrative Fantasmen in der Videokunst

Cao Fei: Whose Utopia, © 2011 Cao Fei, Vitamin Creative Space, Guangzhou, Deutsche GuggenheimCao Fei: Whose Uto­pia, © 2011 Cao Fei, Vit­amin Crea­tive Space, Guang­zhou, Deut­sche Guggenheim

Die Frage schien nahe­lie­gend: Wie wer­den in der zeit­ge­nös­si­schen Video­kunst Erzähl­tech­ni­ken aus Mythen und Sagen, Mär­chen und Fabeln für gegen­wär­tige The­men genutzt? Schließ­lich ver­ei­nen sich hier Nar­ra­tion und Fan­tas­men wie kaum ein zwei­tes Mal in den visu­el­len Küns­ten. Was hätte nur Green­berg dazu gesagt…? Doch im Ernst: Die Aus­stel­lung “Once upon a time” in der Deut­schen Gug­gen­heim will unvor­ein­ge­nom­men an diese Unter­su­chung her­an­ge­hen und dafür anhand einer klei­nen Aus­wahl aus den Bestän­den des Guggenheim-Museums auf­zei­gen, wie fan­tas­ti­sche Nar­ra­tion in der Video­kunst auf­ge­fasst wird.

Jetzt, wo die Aus­stel­lung Halb­zeit hat und der Besu­cher­strom ver­siegt, lohnt es sich, die Ruhe für einen genaue­ren Blick auf die sechs unter­schied­li­chen Posi­tio­nen zu nut­zen. Kura­to­rin Joan Young hat hier­für Arbei­ten u.a. von Fran­cis Alÿs, Mika Rot­ten­berg und Cao Fei zusam­men­ge­stellt und es geschafft, dar­aus eine the­ma­tisch sehr über­zeu­gende Aus­stel­lung zu formen.

Aleksandra Mir: First woman on the moon, © VG Bild-Kunst, Bonn 2011, Deutsche GuggenheimAleksan­dra Mir: First woman on the moon, © VG Bild-Kunst, Bonn 2011, Deut­sche Guggenheim

Beim Betre­ten der Aus­stel­lungs­räume Unter den Lin­den wird dem Besu­cher zunächst mit einem kurz­wei­li­gen Video von Aleksan­dra Mir kon­fron­tiert. “First woman on the moon” ver­spricht nicht zu viel: Mir spinnt den Faden der Mond­lan­dung von 1969 wei­ter und insze­niert an einem nie­der­län­di­schen Bade­strand die femi­nis­tisch gefärbte Fort­set­zung. Daß sie die künst­lich auf­ge­wor­fe­nen Kra­ter in Beglei­tung eini­ger begeis­ter­ter Kin­der erklimmt, hin­dert sie nicht daran, vor den ver­sam­mel­ten Kame­ras der eigens bestell­ten Presse die ame­ri­ka­ni­sche Flagge auf – naja, fast – luna­rem Boden zu hissen.

Das zwölf­mi­nü­tige Video erin­nert ob der sorg­fäl­tig erzähl­ten Insze­nie­rung auch ohne Kennt­nis des Titels schnell an die bekann­ten Bil­der von Apollo 11. Natür­lich ist auch die dazu­ge­hö­rige Ver­schwö­rungs­theo­rie nicht weit, doch Mir geht gekonnt und humor­voll damit um: Sie lässt beide hin­ter sich und bie­tet lie­ber ihre eigene Ver­sion an. Ori­gi­nal­funk­auf­nah­men von den als Vor­bil­dern die­nen­den Mond­lan­dun­gen und atmo­sphä­ri­sche Musik geben manch­mal die nötige Authen­ti­zi­tät, dann wie­der eine irri­tie­rende Albern­heit, die im Wech­sel mit den Bil­dern von Bade­gäs­ten und den Sand­ber­gen nicht sicher erah­nen las­sen, ob man es mit einer Doku­men­ta­tion oder einem Pos­sen­spiel zu tun hat. Die Ver­wir­rung dar­über spie­gelt sich wun­der­bar in den eige­nen Ver­glei­chen über die vor­mals gekann­ten Ver­sio­nen einer Mond­lan­dung und so bleibt nur eine Erkennt­nis über: Wie auch immer sie vor sich ging, ihren eige­nen Nar­ra­tiv hat sie alle­mal gefunden.

Nach­dem man also zunächst gelernt hat, den Erzähl­mo­dus vom Inhalt zu tren­nen, darf man sich an Pierre Huyg­hes “One mil­lion king­doms” üben: Der Fran­zose ist eben­falls mit einem Video einer ver­meint­li­chen Mond­lan­dung ver­tre­ten, jedoch darf bei ihm eine leuch­tende Zei­chen­trick­fi­gur eine geo­me­trisch abstra­hierte Land­schaft ent­de­cken. Jules Ver­nes “Reise zum Mit­tel­punkt der Erde” und Funk­sprü­che Neil Arm­strongs ver­schrän­ken sich bei Huyghe zu einer Unter­su­chung einer Ära von Ent­de­ckern, die die Gren­zen der Erd­ober­flä­che überwinden.

Ob diese in der Rea­li­tät oder der Fan­ta­sie nach neuen Wel­ten suchen, ist bei Huyghe einer­lei: Er fragt nach den Mecha­nis­men bei­der Erzähl­modi, die in die­sem ver­glei­chen­den Stück eins wer­den. Die Ver­ei­ni­gung von Sci­ence und Fic­tion wird dank der exzel­lent gewähl­ten Bei­spiele nahezu per­fekt her­bei­ge­führt. Wäre nicht die bestän­dig über die Laut­spre­cher tönende Abhand­lung über das Wesen von Wahr­heit und Lüge, Wis­sen und Unwis­sen, dann würde man nicht immer wie­der daran erin­nert, die Authen­ti­zi­tät des Dar­ge­bo­te­nen zu hin­ter­fra­gen. Denn “One mil­lion king­doms” ver­birgt hin­ter fan­tas­ti­schen Land­schaf­ten und demons­tra­ti­ver Lang­sam­keit nicht etwa den Echt­heits­be­weis, son­dern die ein­fa­che Erkennt­nis, daß die­ser, im nar­ra­ti­ven Dickicht ver­steckt, nicht abschlie­ßend erbracht wer­den kann.

Francis Alÿs: When faith moves mountains, © Foto: Mathias Schormann, Deutsche GuggenheimFran­cis Alÿs: When faith moves moun­tains, © Foto: Mathias Schor­mann, Deut­sche Guggenheim

Ebenso aus­sichts­los ist es für den Besu­cher, die Echt­heit des Dar­ge­bo­te­nen in Fran­cis Alÿs’ Werk “When faith moves moun­tains” belie­big genau bestim­men zu wol­len. In sei­ner bekann­ten Arbeit lässt er fünf­hun­dert Frei­wil­lig eine Sand­düne um zehn Zen­ti­me­ter ver­rü­cken. Dem gro­ßen, doch aber nur wenig wirk­sa­men Auf­wand spürt er mit ver­schie­de­nen Kame­ra­ein­stel­lun­gen nach, die die schau­felnde Kolonne auf ihrem Weg beglei­ten. Eine zeigt sie in der Nah­auf­nahme, eine andere hält ihren Auf­stieg fest, eine wei­tere war­tet auf das Über­schrei­ten der Kuppe. Die Anord­nung der Schirme ermög­licht zwar eine umfas­sende Ver­fol­gung die­ses Vor­gangs, jedoch bleibt durch die Asyn­chro­ni­tät der Auf­nah­men unklar, wel­che man als Refe­renz anse­hen kann.

Alÿs sorg­fäl­tige Arbeits­weise, die ja bereits im MoMA PS1 detail­liert dar­ge­legt wurde, wurde auch in der Deut­schen Gug­gen­heim dar­zu­stel­len ver­sucht. Durch die Auf­he­bung von Gleich­zei­tig­keit, der Gleich­ge­wich­tung von Pla­nung und Aus­füh­rung eines Pro­jekts lösen sich diese Gren­zen bei Alÿs ganz in der Idee auf und ent­rü­cken sie auf eine höhere Sphäre der Tran­szen­denz. Alÿs’ Arbei­ten strei­fen ihre Fes­seln der Imma­nenz ab und befreien sich somit auch von dem Zwang, über Echt­heit und Wahr­heit klare Aus­sa­gen zu machen. Wenn Huyghe die Ant­wort auf diese Frage gut ver­steckt, dann lässt Alÿs diese gar nicht erst zu. Dies wird aber – ähnlich wie im Kino Quen­tin Taran­ti­nos – erst durch die par­al­lele Anord­nung unter­schied­lich gela­ger­ter Erzähl­stränge ermög­licht (dafür jedoch unge­mein wir­kungs­vol­ler). Der mär­chen­hafte Cha­rak­ter ent­steht erst danach, näm­lich aus der Unbe­deut­sam­keit der Zeitlichkeit.

Cao Fei: Whose Utopia, © 2011 Cao Fei, Vitamin Creative Space, Guangzhou, Deutsche GuggenheimCao Fei: Whose Uto­pia, © 2011 Cao Fei, Vit­amin Crea­tive Space, Guang­zhou, Deut­sche Guggenheim

Von dort ist es auch nicht mehr weit zu Janaina Tschäpes “Lacri­ma­cor­pus”, in dem die fort­wäh­rende Dre­hung einer Tän­ze­rin die Zeit über­win­det und auch an die alles über­dau­ernde Tris­tesse der Effi Briest (sowie ihres Unter­gangs) erin­nert. Auch Mika Rot­ten­bergs “Dough” bezwingt durch Repe­ti­tion die End­lich­keit einer zweck­los schei­nen­den Hand­lung.
Cao Fei nutzt in “Whose Uto­pia” im Gegen­satz zu Huyghe nicht etwa Gleich­för­mig­keit son­dern Kon­trast für die Ver­mitt­lung sei­nes Anlie­gens: Bei ihm tref­fen tra­di­tio­nelle chi­ne­si­sche Tänze und die Algo­rith­men einer Glüh­bir­nen­ma­nu­fak­tur knal­lend auf­ein­an­der und zeich­nen ein schar­fes Bild von einer Gesell­schaft, die den Ver­lust von Indi­vi­dua­li­tät mit einer Besin­nung auf ihre kul­tu­relle Iden­ti­tät wett machen will.

Wer damit alle sechs Video­ar­bei­ten der Aus­stel­lung gese­hen hat, geht tat­säch­lich mit dem Gefühl heim, die Stra­te­gien des Ein­sat­zes fan­tas­ti­scher Nar­ra­tive in der zeit­ge­nös­si­schen Video­kunst ken­nen­ge­lernt zu haben. Man sieht nicht häu­fig eine Aus­stel­lung, deren roter Faden so gut sicht­bar ist wie in “Once upon a time”.  – Wer wie Jane Young aus einem so reich­hal­ti­gen Archiv wie dem des Gug­gen­heim schöp­fen kann, sollte damit auch keine allzu große Mühe haben. Den­noch ist “Once upon a time” eine vor­bild­lich kura­tierte Video­aus­stel­lung, die auch den häu­fig began­ge­nen Feh­ler der Lang­at­mig­keit nicht begeht. Kei­nes der aus­ge­wähl­ten Werke domi­niert in Länge oder Schwere über die ande­ren. Statt­des­sen har­mo­nie­ren die Arbei­ten mit ein­an­der und fügen sich durch ihre Anord­nung zu einem span­nen­den Gan­zen zusam­men. “Once upon a time” macht erfri­schend viel Spaß und ist – jetzt, wo man nicht durch schnat­ternde Besu­cher­scha­ren gestört wird – alle­mal einen Besuch wert.