In Zeiten sozialer Unruhe

22. Oktober 2010 von Matthias Planitzer
"Revolution", © Gulnara Kasmalieva und Muratbek Djumaliev Stuttgart 21 ist in aller Munde. Zwar ist für mich als Berliner das Ländle ein ferner Ort, mit dem ich kaum etwas zu tun habe, sodass mich die Positionen der verbitterten Streitgegner recht wenig kümmern. Doch was mich an den Protesten wirklich interessiert, ist welche Gruppendynamik dort entsteht: Jung und Alt, Reich und Arm treten vereint für ihre Forderungen ein und gehen dabei aufs Ganze. Die Fronten verhärten sich, Schwerverletzte werden beklagt und überhaupt scheint es für mich, dass oftmals für die Motivation Einzelner die gruppendynamische Komponente eine größere Rolle als die Forderungen einnimmt. Diese und ähnliche psycho-soziale Phänomene interessierten mich stets sehr. Zimbardos Stanford-Prison-Experiment, das Milgram-Experiment oder das Prinzip der Schweigespirale zeigen eindrucksvoll auf, wie Menschen ihre bestehenden Moralvorstellungen ignorieren und von ihrem gewohnten Verhalten abkommen, wenn sie in einer Gruppe agieren. Die Galerie Feinkost geht in ihrer aktuellen Ausstellung "Breaking Windows" solchen Phänomenen auf den Grund, indem sie die "soziale Entropie" mittels Projekte exploriert, die das Wechselspiel von Ordnung und Unordnung thematisieren. Ich war vor Ort und habe die Ausstellung unter die Lupe genommen.

Gulnara Kasmalieva und Muratbek Djumaliev: Revolution„Revolution“, © Gulnara Kasmalieva und Muratbek Djumaliev

Stuttgart 21 ist in aller Munde. Zwar ist für mich als Berliner das Ländle ein ferner Ort, mit dem ich kaum etwas zu tun habe, sodass mich die Positionen der verbitterten Streitgegner recht wenig kümmern. Doch was mich an den Protesten wirklich interessiert, ist welche Gruppendynamik dort entsteht: Jung und Alt, Reich und Arm treten vereint für ihre Forderungen ein und gehen dabei aufs Ganze. Die Fronten verhärten sich, Schwerverletzte werden beklagt und überhaupt scheint es für mich, dass oftmals für die Motivation Einzelner die gruppendynamische Komponente eine größere Rolle als die Forderungen einnimmt.

Diese und ähnliche psycho-soziale Phänomene interessierten mich stets sehr. Zimbardos Stanford-Prison-Experiment, das Milgram-Experiment oder das Prinzip der Schweigespirale zeigen eindrucksvoll auf, wie Menschen ihre bestehenden Moralvorstellungen ignorieren und von ihrem gewohnten Verhalten abkommen, wenn sie in einer Gruppe agieren.

Die Galerie Feinkost geht in ihrer aktuellen Ausstellung „Breaking Windows“ solchen Phänomenen auf den Grund, indem sie die „soziale Entropie“ mittels Projekte exploriert, die das Wechselspiel von Ordnung und Unordnung thematisieren. Ich war vor Ort und habe die Ausstellung unter die Lupe genommen.

Michael Stevenson: He has left. He has returned.„He has left. He has returned.“, © Michael Stevenson

Wenn man die Ausstellungsräume betritt, könnte man fast das geheime Schmuckstück der Ausstellung übersehen. Gerade einmal 50x41cm groß ist Michael Stevensons Fotografie „He has left. He has returned“, mit der man auf Anhieb wohl kaum etwas anfangen kann. Wüsste man nicht, dass Stevenson sich bereits einmal mit dem Schicksal der iranischen Tony Shafrazi Gallery auseinandergesetzt hat.

Dort wurde nämlich just am Tag des Sturzes des Schahs die Debutausstellung eröffnet, die aus unzähligen mit Gold überzogenen Ziegeln bestand. Die Revolution nahm ihren Lauf und so wurde auch Shafrazis Galerie geplündert. Stevenson wiederum bildete in Demand’scher Geduld und Präzision das Ereignis nach und referenziert auch mit der Fotografie, die man in „Breaking Windows“ sehen kann auf die denkwürdige Anekdote.

Michael Stevenson zeigt den Zustand nach der Plünderung: Betrat man bei Vilma Gold die nachgebildete, verwüstete Tony Shafrazi Gallery, wird dies nun in „He has left. He has returned.“ in eine einzelne Arbeit verdichtet. Der Schriftzug der Galerie, auf edlem Marmor angebracht, ist kaum mehr zu erkennen. Die Revoulotionären haben das Logo zerkratzt, später klebte hier ein Plakat, von dem auch nicht mehr als ein paar einsame Buchstaben übrig ist.

Was mag hier wohl passiert sein? Wer hat das ordentliche Bild eines Schriftzuges, gesetzt in schwarzer Helvetica auf glattem Marmor, in Unordnung gebracht? Das Chaos ist über diese Galerie gekommen und Stevenson zeigt uns dies in seiner ganzen Ausprägung. Die iranische Revolution auf einen Punkt gebracht, zeigt sich hier, was es heißt, wenn die unorganisierten Massen gegen die glanz- und prunkvolle, königliche Ordnung revoltieren. Chaos ist die Folge und Stevenson weiß dies gekonnt in einer einzigen Fotografie zusammenzufassen.

„No fun“, © Eva und Franco Mattes

Zu den weiteren ausgestellten Werken gehört neben einem Video von den kirgisischen Aufständen in 2005 (s.o.) auch das recht bekannte Video „No fun“ von Eva und Franco Mattes, besser bekannt als 0100101110101101.ORG. Chatroulette bot die geeignete Plattform für das Künstlerpaar, um die emotionslose Anonymität des Internets anzuprangern.

In dem zehnminütigen Video sieht man eine Anzahl Chatroulette-Begegnungen mit Fremden, die höchst unterschiedliche Reaktionen auf ihren (scheinbar) erhängten Chatpartner zeigen. Manche beschimpfen ihren Gegenüber und sind gelangweilt, andere schießen Fotos, wieder andere sind gänzlich unbeeindruckt und schalten schnell wieder ab.

Indem Eva und Franco Mattes die anonym agierenden Akteure des Internets mit einer höchst persönlichen und zudem eigentlich schockierenden Situation herausfordern, treiben sie ein Phänomen auf die Spitze, was diesem Medium wohl so zu eigen ist wie keinem anderen: das gesteigerte Desinteresse und die mangelnde Anteilnahme für den Einzelnen, also die Anonymisierung und der Verlust der Persönlichkeit des Users als Folge der rein konsumierenden Haltung des Nutzers.

Cristiano Mangione: Ohne TitelOhne Titel, © Cristiano Mangione

Mag der Besucher Stevensons Arbeit zunächst übersehen, wird er Cristiano Mangiones unbetitelte Arbeit sicherlich schnell ins Auge fassen. Die mehr als zwei Meter breite, wie es scheint vollkommen geschwärzte, Leinwand, tritt vor der weißen Galeriewand (die übrigens nicht überall so echt scheint wie sie ist – schaut euch um!) gut hervor. Mangione nutzte nichts weiter als einen einfachen Stift, um das Weiß der Leinwand in ein Schwarz zu überführen, beanspruchte diese so sehr, dass sie an manchen Stellen riss und große Löcher entstanden.

Der Versuch, eine Fläche, von einem Zustand der Ordnung und Indeterminiertheit bzw. künstlerischen Unschuld in einen anderen, beabsichtigten Zustand der Ordnung zu überführen, scheiterte hier durch das Ummodulieren selbst: Der kontinuierliche Druck des Stiftes riss Löcher in die Fläche, führte die Unordnung ein, brachte das Chaotische in das so sorgsam geplante Werk.

 

Eine verblüffend ähnliche, wenn auch gänzlich andersartig intendierte Arbeit sah ich erst kürzlich in der Program Gallery. Mit „Bleistift“ griff Andrea Uebelacker die bekannte Definition Clement Greenbergs von dem Wesen der zeitgenössischen Malerei auf, indem sie in ähnlicher Weise wie Mangione eine gewöhnliche Leinwand mit einem Bleistift so lange schraffierte, bis die einzelnen Fasern in ihrer Plastizität klar hervortraten und somit die Zweidimensionalität der Malfläche überwanden.

Doch auch wenn Uebelackers Arbeit mit dem Kurationskonzept hinter „Breaking Windows“ wenig zu tun hat, ist diese Ausstellung doch allemal einen Abstecher wert. Manche der ausgestellten Werke scheinen zwar auf den ersten Blick nicht zum Thema zu passen, doch dafür sind die Mitarbeiter Galerie gern bereit, Fragen zu klären und Hintergründe zu erläutern.

Noch bis zum 7. November kann man sich
mittwochs bis samstags von 11.00 bis 19.00 Uhr und sonntags von 14.00 bis 18.00 Uhr in der
Galerie Feinkost in der
Bernauer Straße 71-72 in 13355 Berlin selbst ein Bild davon machen.

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