Jenseits der Imagination

Wenn Astrophysik auf zeitgenössische Kunst trifft

Mariusz Sołtysik: Neutrino trap stirring up cosmic dust“Neu­tri­nos trap stir­ring up cosmic dust”, © Mari­usz Sołtysik

Der Mensch zeich­net sich dadurch aus, dass er mit sei­ner Umwelt inter­agiert. Mit­hilfe von Moto­rik und Kom­mu­ni­ka­tion kann er Impulse set­zen und gestal­te­risch wirk­sam wer­den, durch seine Sinne kann er den Zustand sei­ner Umwelt in meh­re­ren Qua­li­tä­ten erfas­sen. Und doch bleibt ihm vie­les ver­bor­gen. Ich schrieb schon ein­mal über die Gren­zen der Wahr­neh­mung und sprach dabei essen­ti­elle phy­si­ka­li­sche Grö­ßen wie Tem­pe­ra­tur und Zeit an, die wir nur mit Hilfs­mit­teln adäquat mes­sen können.

Beschäf­tigt sich der vor­ge­stellte Künst­ler John Bal­des­sari mit phy­si­ka­li­schen Grö­ßen, also abstra­hier­ten, mit­un­ter unan­schau­li­chen Din­gen, stol­perte ich kürz­lich über einen Künst­ler, der sich ein­drück­li­che­ren Dimen­sio­nen des Unver­mö­gens mensch­li­cher Wahr­neh­mung wid­met. – Es geht um Neu­tri­nos und die unvor­stell­bare Situa­tion, sekünd­lich von Bil­li­ar­den Teil­chen durch­lö­chert zu wer­den. Denn Ima­gi­na­tion beginnt dort, wo Wahr­neh­mung aufhört.

Ein Neu­trino: Was ist das über­haupt? Kurz gesagt, Neu­tri­nos sind Teil­chen, die die Eigen­schaft haben, mit nichts in Wech­sel­wir­kung zu tre­ten. Da Neu­tri­nos bei Kern­fu­sio­nen ent­ste­hen und unsere Sonne ein rie­si­ger Kern­re­ak­tor ist, wird jeder Qua­drat­zen­ti­mer auf der Erde mit 60 Mil­li­ar­den Neu­tri­nos pro Sekunde befeu­ert. Und wir bekom­men nichts davon mit. Wie auch? Neu­tri­nos flie­gen durch den Welt­raum und hin­ter­las­sen keine Spu­ren, sind daher für uns nicht zu spü­ren und nur mit hoch­emp­find­li­chen Mess­ge­rä­ten und viel Geduld mess­bar. (Der inter­es­sierte Leser sei an die­ser Stelle an Prof. Harald Lesch wei­ter­emp­foh­len. In dop­pel­ter Aus­füh­rung.)

Mariusz Sołtysik: Neutrinos trap stirring up cosmic dust“Neu­tri­nos trap stir­ring up cosmic dust”, © Mari­usz Sołtysik

Und dann kommt da ein Mari­usz Soł­ty­sik und ver­mit­telt uns einen Ein­druck die­ses unfass­ba­ren Bom­bar­de­ments. Mit ein­fachs­ten Mit­teln, näm­lich etwas Staub und Licht, erschafft er seine eigene Neu­trino­falle in “Neu­tri­nos trap stir­ring up cosmic dust” und ver­sinn­bild­licht so die­ses unge­heu­er­li­che Gesche­hen, das jen­seits unse­rer Ima­gi­na­tion unauf­hör­lich vor sich geht.

Da lie­gen sie wie vom Him­mel geschos­sen, diese alles durch­drin­gen­den Teil­chen, kleine, bläu­li­che Staub­kör­ner, ein­ge­fan­gen von der undurch­dring­ba­ren Neu­trino­falle, dem Gale­rie­bo­den des Patio Art Cen­ters in Łódź. Ein Licht­strahl weist den Weg zur Quelle, zur Sonne, und illu­mi­niert das, was erst durch sie erschaf­fen wurde: Diese wun­der­ba­ren Geis­ter­teil­chen, die kein Auge je sehen könnte, lie­gen dort glit­zernd und jeder­zeit greif­bar vor uns. So wie das Fun­keln in der Pfanne des Gold­wä­schers, mit der er das kost­bare Ele­ment aus dem Fluss fängt, so strah­len auch diese Neu­tri­nos, die Soł­ty­sik für uns ein­ge­fan­gen und aus­ge­brei­tet hat.

Das Wun­der ist greif­bar gewor­den: Ein Teil­chen, das für die Astro­phy­sik und Quan­ten­me­cha­nik – sprich: den Gip­fel unse­rer Wis­sen­schaft – von so gro­ßer Bedeu­tung ist, das sich zudem ganz unse­rer Wahr­neh­mung ent­zieht und gerade dadurch eine geis­ter­hafte Aura inne­hat, wird auf ein­mal sicht­bar und erscheint als wun­der­schö­ner Ster­nen­staub, der vor Jahr­mil­lio­nen von Super­no­vae in fer­nen Gala­xien aus­ge­sto­ßen wurde.

Gianni Colombo: Spazio Elastico“Spa­zio Elas­tico”, © Gianni Colombo

Ein ähnlich unglaub­li­ches Kon­zept wie das der Neu­tri­nos ist wohl die All­ge­meine Rela­ti­vi­täts­theo­rie, wel­che ins­be­son­dere in jenem Punkt eine kaum vor­stell­bare Beschrei­bung lie­fert, die die Krüm­mung der Raum­zeit durch Ener­gie zum Inhalt hat. Aufs Wesent­li­che her­un­ter­ge­bro­chen bedeu­tet das, dass große Ener­gie­an­samm­lun­gen wie etwa mas­se­rei­che Kör­per den Raum und auch die Zeit in einem gewis­sen Feld krüm­men und dadurch Objekte, die sich in die­sem Feld befin­den, zu einer Beschleu­ni­gung in Rich­tung des ener­gie­rei­chen Kör­pers bewir­ken. Wir nen­nen das dann Gra­vi­ta­tion und zeich­nen hüb­sche Dia­gramme, um es irgend anschau­lich dar­stel­len zu können.

Unbe­strit­ten bleibt jedoch, dass auch sol­che Erklä­run­gen kaum zu einem ech­ten Ver­ständ­nis bei­tra­gen kön­nen. Der Mensch ver­fügt über ein aus­ge­präg­tes und fein­füh­li­ges Raum– und Lage­emp­fin­den, was sowohl den medi­zi­ni­schen Bereich als auch die emo­tio­nale Bewer­tung von Räu­men angeht. Und doch kön­nen wir die pos­tu­lierte Raum­krüm­mung nicht wahr­neh­men, obgleich sie ein inte­gra­ler Bestand­teil der Welt um uns herum ist.

Da kommt Gianni Colombo ins Spiel, der zu den wich­tigs­ten Künst­lern gehört, die Räum­lich­keit und ihre Wahr­neh­mung the­ma­ti­sie­ren und direkt am Betrach­ter durch Mani­pu­la­tion in ein ein­drück­li­ches Wech­sel­spiel zu ver­wi­ckeln. Eines sei­ner bekann­tes­ten Werke ist das “Spa­zio Elas­tico”, der elas­ti­sche Raum: Colombo durch­spannte hierzu einen Raum mit wei­ßen Gum­mi­bän­dern, die ähnlich einem Koor­di­na­ten­sys­tem regel­mä­ßig und zuein­an­der senk­recht ange­ord­net waren. Der Raum wurde nur mit Schwarz­licht beleuch­tet; Moto­ren ver­setz­ten die Schnüre in Bewe­gung und ver­form­ten so ste­tig das von ihnen auf­ge­spannte Netz.

Gianni Colombo: Spazio Elastico“Spa­zio Elas­tico”, © Gianni Colombo

Die Wir­kung auf den Betrach­ter ist dras­tisch: Unbe­ha­gen, mit­un­ter Schwin­del, also eine Reak­tion auf ein gestör­tes Lage­emp­fin­den, sind die Folge. Obgleich der Raum im phy­si­ka­li­schen Sinne kon­stant bleibt, nur das auf­ge­spannte Koor­di­na­ten­sys­tem viel­fäl­tig gekrümmt wird, tre­ten sol­che inten­si­ven Erschei­nun­gen auf. Der ima­gi­näre Raum, der erst durch den Betrach­ter ent­steht, wird hier also zur Abbil­dung des wirk­li­chen Rau­mes: Durch die Illu­sion einer Räum­lich­keit, die ledig­lich durch eine Kar­tie­rung und dadurch auch Kom­par­ti­men­tie­rung erschaf­fen wird, drängt sich der Ein­druck auf, diese sei mit dem sicht– und erleb­ba­ren Raum identisch.

Dabei ist selbst jene Kar­tie­rung ima­gi­när und will­kür­lich, ist eine Stütze für unsere Wahr­neh­mung und gleich­sam eine Täu­schung. Das wird durch die Abdunk­lung des Rau­mes nur noch wei­ter ver­stärkt: Der Fokus liegt ganz auf dem erleuch­te­ten Koor­di­na­ten­sys­tem. Der Raum, den es aus­zu­mes­sen meint, bleibt dage­gen dun­kel und leer, ganz wie wir es von unse­rer Vor­stel­lung der Begriff­lich­keit des “Rau­mes” gewohnt sind.

Auch die Wände des eigent­li­chen phy­si­schen Rau­mes rücken so tief in den Hin­ter­grund. Dadurch schafft es Colombo, dem rea­len Raum Wirk­lich­keit zu ent­zie­hen und ihn durch jenen selbst geschaf­fe­nen Begriff von Räum­lich­keit zu erset­zen, den er dann nach sei­nen eigent­li­chen Vor­stel­lun­gen aus­for­mu­lie­ren kann. Doch all das spielt sich nicht in “Spazi Elas­tico” ab, ganz im Gegen­teil, jene Gum­mi­bän­der und Moto­ren die­nen ledig­lich als Werk­zeuge einer mani­pu­la­ti­ven Scha­rade, die das eigent­li­che Werk erst im Betrach­ter selbst rea­li­sie­ren (vgl. auch Bill Viola).

Auch die Erde krümmt die Raumzeit, sprich: übt eine Gravitationskraft ausAuch die Erde krümmt die Raum­zeit, sprich: übt eine Gra­vi­ta­ti­ons­kraft aus (© NASA)

Zwar ist nicht anzu­neh­men, dass es Gianni Colombo um die Krüm­mung der Raum­zeit nach Vor­bild der All­ge­mei­nen Rela­ti­vi­täts­theo­rie ging, doch stellt “Spa­zio Elas­tico” eine erleb­bare Ver­an­schau­li­chung eines grund­le­gen­den phy­si­ka­li­schen Sach­ver­halts dar, der sich ganz unse­rer Wahr­neh­mung ent­zieht. Ebenso wie in “Spa­zio Elas­tico” sind wir tag­täg­lich von Krüm­mun­gen des Rau­mes betrof­fen, sei es durch das Her­un­ter­fal­len einer Kaf­fee­tasse oder einen anstren­gen­den Treppenaufstieg.

 

Und den­noch ist der Mensch unver­mö­gend, die­sen ele­men­ta­ren phy­si­ka­li­schen Zusam­men­hang wahr­zu­neh­men und zu inte­grie­ren. Es braucht erst Ver­an­schau­li­chun­gen und Illu­sio­nen, wie man sie bei Colombo fin­det, um ein Gefühl dafür zu bekom­men, was tat­säch­lich um uns herum vor sich geht.

Das ver­bin­det ihn gewis­ser­ma­ßen mit Mari­usz Soł­ty­sik, der eben­falls Dinge sicht­bar und erleb­bar macht, die sonst unse­rer Ima­gi­na­tion vor­be­hal­ten sind, aber trotz­dem unver­ständ­lich, weil nicht greif­bar sind. Doch in einem Punkt unter­schei­den sich die bei­den vor­ge­stell­ten Werke: Wäh­rend Soł­ty­sik mit “Neu­tri­nos trap stir­ring up cosmic dust” eine Dar­stel­lung geschaf­fen hat, die für sich genom­men aut­ark besteht und für die die sub­jek­tive Wahr­neh­mung nur eine gleich­ge­stellte Kom­po­nente ist, exis­tiert Gianni Colom­bos “Spa­zio Elas­tico” gänz­lich als Imagination.

Man kann hier also zwi­schen einer Vor­stel­lung und einer Abbil­dung unter­schei­den. Beide sind auf die Wahr­neh­mung des Betrach­ters ange­wie­sen, doch nur eines erschafft einen Ein­druck, der so ener­ge­tisch und leben­dig ist, wie er nur in einem emo­tio­na­len, sub­jek­ti­ven Pro­zess ent­ste­hen kann. Wer hätte gedacht, dass Astro­phy­sik so mit­rei­ßend sein kann?