Die Epiphanie Hitlers

25. April 2010 von Matthias Planitzer
"Epiphany I (Adoration of the Magi)", © Gottfried Helnwein Was mich an Gottfried Helnweins Kunst besonders reizt, ist, dass man sich ihr nicht entziehen kann. Man kann sie mögen, man kann sich ihr abwenden, man kann jedoch nicht neutral bleiben: eine Eigenschaft, die man nicht oft findet. Umso erfreulicher war es, kürzlich einige seiner Werke wieder zu entdecken und sie aus einer ganz neuen Perspektive zu sehen. Denn unter seinen vielen Arbeiten finden sich so manche, die ihr volle Wirkung erst dadurch erlangen, dass sie klassische Motive der Kunstgeschichte der aufgreifen und neu interpretieren bzw. adaptieren. Dazu gehört auch die dreiteilige Reihe "Epiphany", die dem Titel nach die Erscheinung des Herrn, also die Ankunft der drei Weisen bzw. der heiligen drei Könige an der Krippe des Christuskinds darstellt. Dass Helnwein dabei schnell den konventionellen Weg verlässt, dürfte wohl klar sein...

Gottfried Helnwein: Epiphany I (Adoration of the Magi)»Epi­pha­ny I (Ado­ra­ti­on of the Magi)«, © Gott­fried Heln­wein

Was mich an Gott­fried Heln­weins Kunst beson­ders reizt, ist, dass man sich ihr nicht ent­zie­hen kann. Man kann sie mögen, man kann sich ihr abwen­den, man kann jedoch nicht neu­tral blei­ben: eine Eigen­schaft, die man nicht oft fin­det. Umso erfreu­li­cher war es, kürz­lich eini­ge sei­ner Wer­ke wie­der zu ent­de­cken und sie aus einer ganz neu­en Per­spek­ti­ve zu sehen.

Denn unter sei­nen vie­len Arbei­ten fin­den sich so man­che, die ihr vol­le Wir­kung erst dadurch erlan­gen, dass sie klas­si­sche Moti­ve der Kunst­ge­schich­te der auf­grei­fen und neu inter­pre­tie­ren bzw. adap­tie­ren. Dazu gehört auch die drei­tei­li­ge Rei­he »Epi­pha­ny«, die dem Titel nach die Erschei­nung des Herrn, also die Ankunft der drei Wei­sen bzw. der hei­li­gen drei Köni­ge an der Krip­pe des Chris­tus­kinds dar­stellt. Dass Heln­wein dabei schnell den kon­ven­tio­nel­len Weg ver­lässt, dürf­te wohl klar sein…

Gottfried Helnwein: Epiphany I (Adoration of the Magi)»Epi­pha­ny I (Ado­ra­ti­on of the Magi)«, © Gott­fried Heln­wein

Da wäre etwa »Epi­pha­ny I (Ado­ra­ti­on of the Magi)«, der ers­te und wohl ein­drucks­volls­te Part der drei­tei­li­gen Serie. Vier Offi­zie­re der Waf­fen-SS und Wehr­macht ste­hen um Mut­ter Aria, die ihren Sohn prä­sen­tiert. Es ist der klei­ne Hit­ler, der hier vor Selbst­be­wusst­sein strot­zend dem Betrach­ter in die Augen blickt. Er ist der Mit­tel­punkt des 333x210cm mes­sen­den Gemäl­des: Alle Bli­cke, des Betrach­ters wie auch der Offi­zie­re sind auf ihn gehef­tet. Sie beschau­en sein ent­schlos­se­nes Gesicht, sein Geschlecht, die Rein­heit sei­nes Geblüts und das sei­ner arisch-per­fek­ten Mut­ter.

Wie er da trot­zig vor ihnen steht, der König unter den Köni­gen, ist er doch trotz der eigen­tüm­lich ruhi­gen Sze­ne, der jener bit­te­re Geschmack eines dunk­len Kapi­tels der Welt­ge­schich­te anhaf­tet, für den Betrach­ter immer noch die Flei­sch­wer­dung mensch­li­cher Abgrün­de, die Geburt des per­fi­den Bösen. Um so beun­ru­hi­gen­der, dass Heln­wein das Jahr­hun­der­te alte Motiv der Epi­pha­ni­as auf­greift, um uns die­sen Aspekt klar zu machen.

Man kann viel­leicht mit etwas Anstren­gung eine Anspie­lung auf die Rol­le der Kir­che in Nazi­deutsch­land explo­rie­ren oder den Zusam­men­hang zu Heln­weins Kin­der­por­traits sehen, doch fin­de ich die Adap­tati­on und Tra­hie­rung jenes kunst­his­to­risch so bedeut­sa­men Motivs wesent­lich inter­es­san­ter. »Ado­ra­ti­on of the Magi«, wie die Anbe­tung der Köni­ge im Eng­li­schen heißt, steht dabei ana­log für die deut­sche Gesell­schaft am Ende der Wei­ma­rer Repu­blik sowie für die seit vie­len Jahr­zehn­ten gären­den natio­na­lis­ti­schen, anti-semi­ti­schen, völ­ki­schen und sozi­al­dar­wi­nis­ti­schen Strö­mun­gen, denen mit Hit­ler eine mes­sia­ni­sche Figur gege­ben wur­de, die all ihre gehei­men wie offen­kun­di­gen Wün­sche und For­de­run­gen in sich ver­ein­te.

Da ste­hen sie, die Pro­to­ty­pen der deut­schen Ideo­lo­gie vom Janu­ar 1933, und beäu­gen ihren eben gebo­re­nen, schon zu gro­ßen Taten berei­ten Hei­land. Sie brin­gen ihm kei­ne Gaben, kein Weih­rauch, Myr­rhe und Gold (die Geschen­ke an einen Gott, Men­schen und König), das ist auch nicht nötig, denn er gibt ihnen schon genug: Macht, Hass und Ver­der­ben.

Gottfried Helnwein: Epiphany II (Adoration of the shepherds)»Epi­pha­ny II (Ado­ra­ti­on of the she­pherds)«, © Gott­fried Heln­wein

Da erscheint »Epi­pha­ny II (Ado­ra­ti­on of the she­pherds)« schon ganz anders. Die Mut­ter wirkt hier weni­ger arisch, der klei­ne Hit­ler (zwei­fels­oh­ne ist auch hier Hit­ler gemeint) weni­ger selbst­be­wusst und kühn und statt der Köni­ge sind es hier die Hir­ten, die das Kind­lein anbe­ten. Tra­ten die Offi­zie­re dem Kind recht ver­hal­ten gegen­über, macht das Volk in »Epi­pha­ny II« aus sei­ner Begeis­te­rung für den klei­nen Hit­ler kei­nen Hehl. Man sieht sie lachen, grin­sen, auf­merk­sam auf die nächs­te Drol­lig­keit war­ten — kurz­um: statt der wür­di­gen Anbe­tung der Köni­ge domi­niert hier die lei­den­schaft­li­che Anbe­tung der Hir­ten.

Die künst­le­ri­sche Dar­stel­lung jener Iko­ni­sie­rung Hit­lers im Drit­ten Reich ist nicht zu ver­feh­len. Auch die Bli­cke des deut­schen Volks sind fest auf den Polit-Super­star gehef­tet, wenn­gleich die­se weni­ger kri­tisch und mus­ternd ihren Füh­rer sehen und der mit aller­hand kin­di­scher Nai­vi­tät und süßem Gegluck­se ihre Her­zen im Sturm erobert.

Der Fin­ger­zeig des Umschwärm­ten geht zum wohl­ge­son­nen lächeln­den HJ-Fähn­lein­füh­rer: »Für dich bin ich gekom­men, dich will ich von den euro­päi­schen Fes­seln befrei­en, die dir einst auf­er­legt wur­den, dich will ich wie­der zu Ruhm und Ehre füh­ren.« Aber auch: »Dich brau­che ich, ohne dich geht es nicht, mein Schick­sal soll auch deins sein.«

Und er wil­ligt ein. Noch ehe das letz­te Wort gespro­chen, noch ehe das Ansin­nen des klei­nen Won­ne­prop­pen klar ist, geht der jun­ge Deut­sche ganz in Ent­zü­ckung auf.

 

Gott­fried Heln­wein begeis­tert mich immer wie­der aufs Neue. Sei­ne unkon­ven­tio­nel­le, direk­te Bild­spra­che, sowie die Ver­ar­bei­tung sei­ner Haupt­the­men, näm­lich ver­letz­ter Kin­der und des Natio­nal­so­zia­lis­mus, zie­hen mich immer wie­der in ihren Bann. Das trifft in beson­de­rem Maße auf die obi­gen Epi­pha­ni­en, aber auch auf Wer­ke wie »Neun­ter Novem­ber Nacht« zu.

»Epi­pha­ny I (Ado­ra­ti­on of the Magi)« und »Epi­pha­ny II (Ado­ra­ti­on of the she­pherds)« heben sich dabei inso­fern von sei­nen ande­ren Wer­ken ab, dass sie offen mit Moti­ven spie­len, die einen hohen kunst­his­to­ri­schen Stel­len­wert besit­zen. Sie grei­fen Sym­bo­lik und Kom­po­si­ti­on christ­li­cher Hei­lands­dar­stel­lun­gen auf und trans­fe­rie­ren sie auf den neu­en Hei­land einer gott­lo­sen Zeit. Dabei ent­steht ein ver­zerr­tes Bild, das glei­cher­ma­ßen Asso­zia­tio­nen von etwas Gutem wie etwas Bösem weckt und dadurch einen beson­de­ren künst­le­ri­schen Reiz erhält.

Zwar exis­tiert auch noch ein drit­ter Teil, »Epi­pha­ny III (Pre­sen­ta­ti­on at the temp­le)«, die­ser scheint aber inhalt­lich nichts mit sei­nen bei­den Vor­gän­gern zu tun zu haben, zeigt es doch ein totes Mäd­chen umringt von zehn ent­stell­ten Figu­ren.