Die Epiphanie Hitlers

G. Helnweins Referenz an kunsthistorische Evergreens

Gottfried Helnwein: Epiphany I (Adoration of the Magi)“Epi­phany I (Ado­ra­tion of the Magi)”, © Gott­fried Helnwein

Was mich an Gott­fried Heln­weins Kunst beson­ders reizt, ist, dass man sich ihr nicht ent­zie­hen kann. Man kann sie mögen, man kann sich ihr abwen­den, man kann jedoch nicht neu­tral blei­ben: eine Eigen­schaft, die man nicht oft fin­det. Umso erfreu­li­cher war es, kürz­lich einige sei­ner Werke wie­der zu ent­de­cken und sie aus einer ganz neuen Per­spek­tive zu sehen.

Denn unter sei­nen vie­len Arbei­ten fin­den sich so man­che, die ihr volle Wir­kung erst dadurch erlan­gen, dass sie klas­si­sche Motive der Kunst­ge­schichte der auf­grei­fen und neu inter­pre­tie­ren bzw. adap­tie­ren. Dazu gehört auch die drei­tei­lige Reihe “Epi­phany”, die dem Titel nach die Erschei­nung des Herrn, also die Ankunft der drei Wei­sen bzw. der hei­li­gen drei Könige an der Krippe des Chris­tus­kinds dar­stellt. Dass Heln­wein dabei schnell den kon­ven­tio­nel­len Weg ver­lässt, dürfte wohl klar sein…

Gottfried Helnwein: Epiphany I (Adoration of the Magi)“Epi­phany I (Ado­ra­tion of the Magi)”, © Gott­fried Helnwein

Da wäre etwa “Epi­phany I (Ado­ra­tion of the Magi)”, der erste und wohl ein­drucks­vollste Part der drei­tei­li­gen Serie. Vier Offi­ziere der Waffen-SS und Wehr­macht ste­hen um Mut­ter Aria, die ihren Sohn prä­sen­tiert. Es ist der kleine Hit­ler, der hier vor Selbst­be­wusst­sein strot­zend dem Betrach­ter in die Augen blickt. Er ist der Mit­tel­punkt des 333×210cm mes­sen­den Gemäl­des: Alle Bli­cke, des Betrach­ters wie auch der Offi­ziere sind auf ihn gehef­tet. Sie beschauen sein ent­schlos­se­nes Gesicht, sein Geschlecht, die Rein­heit sei­nes Geblüts und das sei­ner arisch-perfekten Mutter.

Wie er da trot­zig vor ihnen steht, der König unter den Köni­gen, ist er doch trotz der eigen­tüm­lich ruhi­gen Szene, der jener bit­tere Geschmack eines dunk­len Kapi­tels der Welt­ge­schichte anhaf­tet, für den Betrach­ter immer noch die Fleisch­wer­dung mensch­li­cher Abgründe, die Geburt des per­fi­den Bösen. Um so beun­ru­hi­gen­der, dass Heln­wein das Jahr­hun­derte alte Motiv der Epi­pha­nias auf­greift, um uns die­sen Aspekt klar zu machen.

Man kann viel­leicht mit etwas Anstren­gung eine Anspie­lung auf die Rolle der Kir­che in Nazi­deutsch­land explo­rie­ren oder den Zusam­men­hang zu Heln­weins Kin­der­por­traits sehen, doch finde ich die Adapta­tion und Tra­hie­rung jenes kunst­his­to­risch so bedeut­sa­men Motivs wesent­lich inter­es­san­ter. “Ado­ra­tion of the Magi”, wie die Anbe­tung der Könige im Eng­li­schen heißt, steht dabei ana­log für die deut­sche Gesell­schaft am Ende der Wei­ma­rer Repu­blik sowie für die seit vie­len Jahr­zehn­ten gären­den natio­na­lis­ti­schen, anti-semitischen, völ­ki­schen und sozi­al­dar­wi­nis­ti­schen Strö­mun­gen, denen mit Hit­ler eine mes­sia­ni­sche Figur gege­ben wurde, die all ihre gehei­men wie offen­kun­di­gen Wün­sche und For­de­run­gen in sich vereinte.

Da ste­hen sie, die Pro­to­ty­pen der deut­schen Ideo­lo­gie vom Januar 1933, und beäu­gen ihren eben gebo­re­nen, schon zu gro­ßen Taten berei­ten Hei­land. Sie brin­gen ihm keine Gaben, kein Weih­rauch, Myr­rhe und Gold (die Geschenke an einen Gott, Men­schen und König), das ist auch nicht nötig, denn er gibt ihnen schon genug: Macht, Hass und Verderben.

Gottfried Helnwein: Epiphany II (Adoration of the shepherds)“Epi­phany II (Ado­ra­tion of the she­pherds)”, © Gott­fried Helnwein

Da erscheint “Epi­phany II (Ado­ra­tion of the she­pherds)” schon ganz anders. Die Mut­ter wirkt hier weni­ger arisch, der kleine Hit­ler (zwei­fels­ohne ist auch hier Hit­ler gemeint) weni­ger selbst­be­wusst und kühn und statt der Könige sind es hier die Hir­ten, die das Kind­lein anbe­ten. Tra­ten die Offi­ziere dem Kind recht ver­hal­ten gegen­über, macht das Volk in “Epi­phany II” aus sei­ner Begeis­te­rung für den klei­nen Hit­ler kei­nen Hehl. Man sieht sie lachen, grin­sen, auf­merk­sam auf die nächste Drol­lig­keit war­ten – kurzum: statt der wür­di­gen Anbe­tung der Könige domi­niert hier die lei­den­schaft­li­che Anbe­tung der Hirten.

Die künst­le­ri­sche Dar­stel­lung jener Iko­ni­sie­rung Hit­lers im Drit­ten Reich ist nicht zu ver­feh­len. Auch die Bli­cke des deut­schen Volks sind fest auf den Polit-Superstar gehef­tet, wenn­gleich diese weni­ger kri­tisch und mus­ternd ihren Füh­rer sehen und der mit aller­hand kin­di­scher Nai­vi­tät und süßem Geg­luckse ihre Her­zen im Sturm erobert.

Der Fin­ger­zeig des Umschwärm­ten geht zum wohl­ge­son­nen lächeln­den HJ-Fähnleinführer: “Für dich bin ich gekom­men, dich will ich von den euro­päi­schen Fes­seln befreien, die dir einst auf­er­legt wur­den, dich will ich wie­der zu Ruhm und Ehre füh­ren.” Aber auch: “Dich brau­che ich, ohne dich geht es nicht, mein Schick­sal soll auch deins sein.”

Und er wil­ligt ein. Noch ehe das letzte Wort gespro­chen, noch ehe das Ansin­nen des klei­nen Won­ne­prop­pen klar ist, geht der junge Deut­sche ganz in Ent­zü­ckung auf.

 

Gott­fried Heln­wein begeis­tert mich immer wie­der aufs Neue. Seine unkon­ven­tio­nelle, direkte Bild­spra­che, sowie die Ver­ar­bei­tung sei­ner Haupt­the­men, näm­lich ver­letz­ter Kin­der und des Natio­nal­so­zia­lis­mus, zie­hen mich immer wie­der in ihren Bann. Das trifft in beson­de­rem Maße auf die obi­gen Epi­pha­nien, aber auch auf Werke wie “Neun­ter Novem­ber Nacht” zu.

“Epi­phany I (Ado­ra­tion of the Magi)” und “Epi­phany II (Ado­ra­tion of the she­pherds)” heben sich dabei inso­fern von sei­nen ande­ren Wer­ken ab, dass sie offen mit Moti­ven spie­len, die einen hohen kunst­his­to­ri­schen Stel­len­wert besit­zen. Sie grei­fen Sym­bo­lik und Kom­po­si­tion christ­li­cher Hei­lands­dar­stel­lun­gen auf und trans­fe­rie­ren sie auf den neuen Hei­land einer gott­lo­sen Zeit. Dabei ent­steht ein ver­zerr­tes Bild, das glei­cher­ma­ßen Asso­zia­tio­nen von etwas Gutem wie etwas Bösem weckt und dadurch einen beson­de­ren künst­le­ri­schen Reiz erhält.

Zwar exis­tiert auch noch ein drit­ter Teil, “Epi­phany III (Pre­sen­ta­tion at the temple)”, die­ser scheint aber inhalt­lich nichts mit sei­nen bei­den Vor­gän­gern zu tun zu haben, zeigt es doch ein totes Mäd­chen umringt von zehn ent­stell­ten Figuren.