Als die Feldherren mit Blut malten

29. April 2010 von Matthias Planitzer
Verismus und Neue Sachlichkeit im Kulturforum

Oskar Nerlinger: Der letzte Ausweg»Der letz­te Aus­weg«, Oskar Ner­lin­ger (Foto: Vol­ker-H. Schnei­der, via SMB)

Mit gemisch­ten Gefüh­len betrat ich am Sonn­abend Nach­mit­tag die ehr­wür­di­gen Hal­len des Kul­tur­fo­rums, schließ­lich zog mich nur ein ein­zel­nes Bild in die neue Aus­stel­lung »Gefühl ist Pri­vat­sa­che«, die mit 130 Wer­ken einen Über­blick über die bei­den bedeu­ten­den Stil­rich­tun­gen zwi­schen den Krie­gen — der Veris­mus und der Rea­lis­mus als Zwei­ge der Neu­en Sach­lich­keit — geben will. Gemisch­te Gefüh­le auch, weil ich skep­tisch war, wie man zwei so unter­schied­li­chen Gen­res — das eine so ener­gie­ge­la­den und scho­nungs­los und das ande­re so welt­fremd und sehn­suchts­voll -, gerecht wer­den kann.

Die »gol­de­nen Zwan­zi­ger« wie sie spä­ter von jenen genannt wur­den, von denen sich die Künst­ler der Neu­en Sach­lich­keit und des Veris­mus distan­zier­ten, waren gera­de in Ber­lin eine über­aus tur­bu­len­te Zeit vol­ler Deka­denz, Hure­rei und Exzes­se auf der einen und Armut, Arbeits­lo­sig­keit und sozia­lem Ver­fall auf der ande­ren Sei­te. Ein kras­ser Kon­trast, den wir heu­te wohl nur noch in Ansät­zen nach­emp­fin­den kön­nen, wir, die roman­ti­sie­rend von »Bohé­me« und »Miets­ka­ser­nen« reden.

Wie also wür­de sich die aktu­el­le Aus­stel­lung »Gefühl ist Pri­vat­sa­che« die­sem grund­le­gen­den Pro­blem nähern?

Groß ist es ja nicht, das klei­ne Hin­ter­zim­mer im Kul­tur­fo­rum, wo die 130 Gemäl­de und Skulp­tu­ren ihren Platz zuge­wie­sen beka­men. Hät­ten sie das Foto­gra­fie­ren erlaubt, stün­de jetzt an die­ser Stel­le ein Foto des voll­ge­stopf­ten Kabäu­schens. Sei’s drum, so zei­ge ich halt die Bil­der, wie ich sie im Inter­net fand und habe damit immer­hin der Aus­stel­lung vor­aus, die Expo­na­te nicht eng anein­an­der gedrängt aus­zu­stel­len.

Wan­dert man an den vie­len ein­ge­zo­ge­nen Wän­den im Uhr­zei­ger­sinn ent­lang, wird man erst ein­mal an die Grund­la­ge des Gan­zen geführt: Der Krieg, damals nur der Welt­krieg genannt, hat­te in der deut­schen Kunst erwar­tungs­ge­mäß einen tie­fe Wun­de hin­ter­las­sen, die von Künst­lern wie Otto Dix in ver­stö­ren­den Zeich­nun­gen fest­ge­hal­ten wur­den.

Otto Dix: Tote vor der Stellung bei Tahure»Tote vor der Stel­lung bei Tahu­re«, Otto Dix

Da reiht sich etwa sei­ne bekann­te Zeich­nung »Tote vor der Stel­lung bei Tahu­re« neben ähn­lich ver­stö­ren­de Wer­ke mit Gra­nat­trich­tern oder ande­ren ver­wes­ten Sol­da­ten ein und kon­fron­tiert den Besu­cher bereits zu Beginn sei­nes Rund­gangs mit den Schre­cken des maschi­ni­sier­ten Krie­ges. Zwei deut­sche Sol­da­ten, man liest, der eine hei­ße Unter­of­fi­zier Mül­ler, lachen hier zer­fetzt und ent­stellt den daheim­ge­blie­be­nen Patrio­ten von 1924 höh­nisch ent­ge­gen.

Neben­an sehen die Kol­le­gen von der Dada-Frak­ti­on die poli­ti­sche Ent­wick­lung ein wenig zyni­scher. Der Krieg ist bereits vor­bei, Deutsch­land hat sich poli­tisch wie gesell­schaft­lich radi­kal ver­än­dert und so fin­den die Dada­is­ten im Kapi­ta­lis­mus und Mili­ta­ris­mus eine reich­hal­ti­ge Quel­le der Inspi­ra­ti­on. Die übli­chen Ver­däch­ti­gen sind an die­ser Stel­le der Aus­stel­lung in lieb­lo­ser Auf­zäh­lung ver­sam­melt, zumeist in Form diver­ser Titel­blät­ter der ein­schlä­gi­gen Sati­re­ma­ga­zi­ne.

Die­ses bun­te Sam­mel­su­ri­um dada­is­ti­scher Bei­spiel­wer­ke, das hier aus­ge­brei­tet wird, ist nichts Neu­es für den, der mit Vor­wis­sen kommt, und ohne Mehr­wert für den, der hier was ler­nen will. Nicht mehr und nicht weni­ger.

George Grosz: "Krawall der Irren"»Kra­wall der Irren«, Geor­ge Grosz

Umso bes­ser, dass ein paar Meter wei­ter noch ein­mal eine Anzahl Zeich­nun­gen von Geor­ge Grosz gezeigt wer­den. Für alle jene, die die gro­ße Aus­stel­lung die­ses Jahr in der Aka­de­mie der Küns­te ver­passt haben, sind Wer­ke wie »Kra­wall der Irren« wohl ein guter Ein­stieg in sei­ne Kunst, die mit so viel Wie­der­erken­nungs­wert daher kommt, wie kaum einer sei­ner Kol­le­gen für sich ver­bu­chen kann.

Gera­de die­ses Bild hat bei mir einen tie­fen Ein­druck hin­ter­las­sen, wo ich doch Grosz bis­her nur für sei­ne düs­te­ren Male­rei­en kann­te. Zur Zeit des Krie­ges erstellt, wid­met sich die­se Zeich­nung dem vie­hi­schen Cha­rak­ter, der in sol­chen Zei­ten bei man­chem zum Vor­schein kommt. Mit Klau­en bewehrt und bar­ba­risch-plum­pen Gesich­tern behaf­tet fal­len hier die Men­schen über­ein­an­der her, mor­den, rau­ben und ver­ge­wal­ti­gen wie vor dem jüngs­ten Tag. Der (aus unse­rer gegen­wär­ti­gen Sicht) comic­haf­te Cha­rak­ter unter­streicht die­se unmensch­li­che, wirk­lich­keits­frem­de Sze­ne und trägt doch ent­schei­dend zum Hor­ror die­ses Werks bei.

Christian Schad: Lisa»Lisa«, Chris­ti­an Schad (© VG Bild-Kunst, Bonn 2010, via SMB)

Setzt man sei­nen Rund­gang in der von der Aus­stel­lung vor­ge­ge­be­nen Abfol­ge fort, wird man ab da lan­ge nichts mehr wirk­lich inter­es­san­tes fin­den. Vie­le Por­träts, die sich in jener Zeit wie­der mehr Beliebt­heit erfreu­en, trifft man hier an. Ein Künst­ler hat den ande­ren abge­bil­det, jeder dabei sei­nen eige­nen Stil ein­ge­bracht und doch sieht alles nach ödem Einer­lei aus. Mög­lich, dass ande­re sich dafür mehr begeis­tern kön­nen, ich tat es nicht.

Wenn man dann den größ­ten Teil der Aus­stel­lung hin­ter sich gelas­sen hat, noch vor dem ein oder ande­ren Akt ste­hen­ge­blie­ben ist und die Hin­ga­be eines so man­chen ver­tre­te­nen Künst­ler bewun­dert hat, sieht man sich auch schnell den Rea­lis­ten gegen­über, die ent­ge­gen ihrer Kol­le­gen des Veris­mus sich auf alte Idea­le besan­nen und vor­nehm­lich beschau­li­che Land­schafts­an­sich­ten auf die Lein­wand brach­ten.

Oskar Nerlinger: Der letzte Ausweg»Der letz­te Aus­weg«, Oskar Ner­lin­ger (Foto: Vol­ker-H. Schnei­der, via SMB)

Ganz zum Schluss dann war­tet jenes Bild, für das sich der Ein­tritt von drei Euro mehr als lohn­te. Oskar Ner­lin­ger (oder wie auch in der Pres­se­mit­tei­lung fälsch­li­cher­wei­se Ner­li­ner genannt): ein Name, den kei­ner kennt. Und doch, sein ein­drucks­vol­les und scho­nungs­lo­ses Werk »Der letz­te Aus­weg« zeich­net ihn als Meis­ter sei­nes Fachs aus.

Aus der Unter­sicht springt dem Betrach­ter sofort die dunk­le Gestalt ins Auge, die da in die­ser grau­en, schat­ti­gen Woh­nung von der Zim­mer­de­cke hängt. Gleich vor dem Fens­ter hat sie sich erhängt, bei bes­tem Blick auf das geschäf­ti­ge Trei­ben auf der Stra­ße da unten. All die roten Stra­ßen­bah­nen, die gel­ben und wei­ßen Häu­ser, die knal­lig-roten Laden­fron­ten zeich­nen da unten ein kun­ter­bun­tes Gewim­mel, das von hier oben, vom grau­en, spar­ta­ni­schen Käm­mer­lein aus wie blan­ker Hohn wirkt.

Ver­rückt die­se Welt, in der sich alles so schnell ver­än­dert, wo heu­te schon wie­der ein ande­res ges­tern ist, wo man schnell auf der Stre­cke bleibt, wenn man sich nicht die­ser ver­rück­ten End­zeit­stim­mung anschlie­ßen will. Ein letz­ter Aus­weg also?

Inter­es­sant an die­sem Bild fand ich nicht nur die ambi­va­len­te Farb­ge­bung, auch die Per­spek­ti­ve ist sehr unge­wöhn­lich. Man wür­de unter nor­ma­len Bedin­gun­gen einen wol­ken­ver­han­ge­nen oder viel­leicht auch von klam­men Schorn­stei­nen durch­sto­che­nen und dunk­len Rauch­schwa­den durch­pflüg­ten Him­mel erwar­ten. Aber nein, bei Ner­lin­ger sieht die Welt ein wenig anders aus. Hier schaut man schwin­del­erre­gen­den Bli­ckes und gänz­lich schief auf die Stra­ße her­ab und legt gleich­zei­tig den Kopf in den Nacken, um die­se schlich­te Gestalt über sich bau­meln zu sehen.

Ein Kunst­kniff, der die Dra­ma­tik des Bil­des um eini­ges ver­stärkt und letzt­lich dazu bei­ge­tra­gen hat, war­um ich gut und ger­ne eine hal­be Stun­de davor stand.

 

Wie ich mit gemisch­ten Gefüh­len kam, so ging ich auch mit sel­bi­gen. Viel mehr als einen kur­zen Über­blick über jene Zeit hat die Aus­stel­lung nicht gege­ben und bis auf die genann­ten Bei­spie­le war auch kaum etwas erwäh­nens­wer­tes dabei gewe­sen. In der Tat waren die vie­len Zita­te unter­schied­li­cher Künst­ler der Zeit (etwa das ers­te die­ser klei­nen Samm­lung) wesent­lich ener­gie­ge­la­de­ner und aus­sa­ge­kräf­ti­ger als das Gros der Expo­na­te. Und so kehr­te ich dann auch bald von einer Aus­stel­lung heim, die mich nicht so ganz über­zeu­gen konn­te.