Ein blühender Kunstmarkt, allein die Inhalte fehlen. Noch.

05. Februar 2014 von Matthias Planitzer
Singapur erprobt sich als Drehscheibe des südostasiatischen Kunstmarkts. Doch es sind dessen Akteure, die ökonomische, vor allem aber ideelle Werte schaffen.

Pionierarbeit: Die ArtSage Singapore baut auf ein umfangreiches Kunstvermittlungsprogramm. Foto: ArtStage Singapore

Als Mat­thi­as Arndt sei­nen Lebens­mit­tel­punkt nach Sin­ga­pur ver­la­ger­te, um die Geschäf­te sei­ner dor­ti­gen Depen­dance höchst­per­sön­lich lei­ten zu kön­nen, hat­te er sei­ne Rech­nung noch nicht mit der Ein­wan­de­rungs­be­hör­de gemacht. Denn der pro­spe­rie­ren­de Insel­staat nimmt Migra­ti­ons­fra­gen sehr ernst: So ver­wehr­ten die Beam­ten dem Ber­li­ner Gale­ris­ten zunächst die Arbeits­er­laub­nis – der lang­jäh­ri­ge Inha­ber und Geschäfts­lei­ter sei für sei­nen Job schlicht nicht qua­li­fi­ziert genug. Schließ­lich habe er kei­ne Aus­bil­dung absol­viert, die ihn dazu befä­hi­ge, nun auch in Süd­ost­asi­en sei­ne Künst­ler zu ver­tre­ten. Zwan­zig Jah­re Erfah­rung in einem Beruf, den man nicht in einem Stu­di­um oder einem Lehr­gang erler­nen kann, gal­ten da nicht viel.

Daß dies jedoch eine Fehl­ein­schät­zung gewe­sen war, zeigt der­weil sei­ne Gale­rie auf der loka­len Kunst­mes­se ArtS­ta­ge Sin­g­a­po­re. Sie gehör­te in die­sem Jahr zu den weni­gen west­li­chen Aus­stel­lern, wel­che die Zei­chen des auf­stre­ben­den süd­ost­asia­ti­schen Mark­tes erkannt hat­ten und Künst­ler prä­sen­tier­ten, die den Zeit­ge­schmack der Groß­re­gi­on tra­fen. So erwie­sen sich die dekon­struk­ti­ven Gemäl­de des Phil­ip­pi­no Jig­ger Cruz als gold­rich­ti­ge Wahl: Die mit fett­glän­zen­den Farb­tep­pi­chen bedeck­ten Moti­ve der klas­si­zis­ti­schen Gen­re­ma­le­rei waren bereits inner­halb von zehn Minu­ten rest­los aus­ver­kauft. Da blieb dem Künst­ler bald nichts ande­res übrig, als auch die her­bei­ge­eil­ten Spä­her der gro­ßen Auk­ti­ons­häu­ser ver­trös­ten – sei­ne Arbei­ten müss­ten ein Jahr lang trock­nen, da kön­ne er nie und nim­mer mit der Pro­duk­ti­on kom­mis­sio­nier­ter Wer­ke hin­ter­her­kom­men. Auch die wei­te­ren Ver­käu­fe der Gale­rie demons­trier­ten spie­lend, daß die Ein­schät­zung der Behör­den unbe­grün­det war: Eine Regen­bett-Instal­la­ti­on des Indo­ne­si­ers FX Har­so­no wur­de für 54.000$ ver­kauft, eine wei­te­re Instal­la­ti­on des Lands­manns Ent­ang Wihar­so zum Preis von 160.000$ wur­de immer­hin reser­viert und so kon­sta­tier­te Arndt schon am zwei­ten Mes­se­tag nicht ohne die gebo­te­ne Dis­kre­ti­on, daß »das Geschäft bes­ser als gedacht« lie­fe.

FX Harsono: "Raining Bed"; Foto: ArtStage Singapore

FX Har­so­no: »Rai­ning Bed«; Foto: ArtS­ta­ge Sin­g­a­po­re

Was schließ­lich die Beam­ten der Ein­wan­de­rungs­be­hör­de bewog, ihre Ent­schei­dung zu kor­ri­gie­ren, ist nicht bekannt, letzt­lich erhielt der Gale­rist doch die not­wen­di­ge Erlaub­nis, sein Geschäft von Sin­ga­pur aus zu füh­ren. Mitt­ler­wei­le fei­ert sei­ne Nie­der­las­sung ihr ein­jäh­ri­ges Bestehen, Mat­thi­as Arndt schaut fro­hen Mutes in die Zukunft. Ein­fach hat er es hier nicht. Das gibt er zwar nicht offen zu, ver­gleicht die Auf­bruch­stim­mung aber mit jenen frü­hen Ber­li­ner Tagen, als er und Judy Lyb­ke noch die Samm­ler an der Hand durch die Stadt schleif­ten – spä­ter ist dar­aus das erfolg­rei­che Gal­le­ry Wee­kend gewor­den. Dann erin­nert er sich schmun­zelnd an die Sin­ga­pu­rer Eröff­nungs­aus­stel­lung zurück: Um der Ein­wei­hung der neu­en Räu­me die gebüh­ren­de Fest­lich­keit zu ver­lie­hen, wur­den solch gewich­ti­ge Grö­ßen wie Heinz Mack, Otto Pie­ne, Yves Klein und Lucio Fon­ta­na auf­ge­bracht. Doch das Resü­mee fiel nüch­tern aus, ledig­lich Pie­ne konn­te sich ver­kau­fen, die Wer­ke der ande­ren ZERO-Künst­ler blie­ben uner­war­te­te Laden­hü­ter. Mitt­ler­wei­le ist ein Jahr ver­gan­gen, die Gale­rie wickelt nun zwei Drit­tel ihrer Geschäf­te in Süd­ost­asi­en ab. Jeder fünf­te Samm­ler stammt aus dem Wes­ten, nur jeder zehn­te Ver­kauf geht zurück in die deut­sche Hei­mat.

Bei einem Glas Sekt trägt Mat­thi­as Arndt die­se und ande­re Geschich­ten zur all­ge­mei­nen Erhei­te­rung vor, doch eigent­lich offen­ba­ren sie dem neu­gie­ri­gen Gast, der nach Sin­ga­pur gekom­men ist, um hier dem wie aus dem Nichts wach­sen­den Kunst­markt auf die Spu­ren zu kom­men, wie fremd die Kunst die­ser Stadt eigent­lich noch ist. Die Grün­de für die­ses eigen­ar­ti­ge Ver­hält­nis sind in der Geschich­te der jun­gen Nati­on zu fin­den. Als Sin­ga­pur sich in den Fünf­zi­ger und Sech­zi­ger Jah­ren mit mas­si­ven poli­ti­schen, sozia­len und wirt­schaft­li­chen Pro­ble­men kon­fron­tiert sah und dar­auf­hin aus der Föde­ra­ti­on Mala­ya buch­stäb­lich her­aus­ge­schmis­sen wur­den, gelang dem Staat unter Prä­si­dent Lee Kuan Yew inner­halb weni­ger Jah­re der Wan­del von einem Ent­wick­lungs­land zu einer wohl­ha­ben­den Indus­trie­na­ti­on. Auf einer Flä­che, die der Ham­burgs ent­spricht, ent­stand ein de fac­to Ein­par­tei­en­staat, der mit gerin­gen Steu­ern, poli­ti­scher Sta­bi­li­tät und umfang­rei­chen sozia­len Pro­gram­men sowohl aus­län­di­sche Kon­zer­ne lock­te, als auch sei­ne Bevöl­ke­rung stärk­te. In der dritt­größ­ten Finanz­me­tro­po­le der Welt leben heu­te mehr als fünf Mil­lio­nen Ein­woh­ner, zudem etwa eine Mil­li­on hoch­qua­li­fi­zier­te Migran­ten. Vor­sich­ti­ge Schät­zun­gen gehen davon aus, daß jeder zwan­zigs­te Sin­ga­pu­rer eine Mil­li­on Dol­lar oder mehr besitzt. Und so manch ein chi­ne­si­scher Magnat hat sei­nen Wohn­sitz an die Süd­spit­ze des asia­ti­schen Fest­lan­des ver­la­gert – nir­gends kann man so unbe­schwert unter Chi­ne­sen leben, ohne von einer auto­ri­tä­ren Par­tei oder einer ner­vi­gen Steu­er­be­hör­de gestört zu wer­den.

Indes konn­te die Hoch­kul­tur in die­sen fünf kur­zen Jahr­zehn­ten mit dem wirt­schaft­li­chen Wachs­tum frei­lich nicht mit­hal­ten. Eine Kunst­sze­ne, wie man sie aus den euro­päi­schen Län­dern oder den Ver­ei­nig­ten Staa­ten kennt, fehl­te schlicht die Zeit zum Her­an­wach­sen. Den­noch ist das The­ma in aller Mun­de. Dank ver­schie­de­ner staat­li­cher Initia­ti­ven und För­der­pro­gram­me ent­de­cken die Sin­ga­pu­rer lang­sam die Kunst für sich. Feder­füh­rend war dabei aber nicht etwa ein Kul­tus-, son­dern das Wirt­schafts­mi­nis­te­ri­um. So ent­springt das öffent­li­che Inter­es­se an der Kunst zwar zunächst einem rein öko­no­mi­schen Enga­ge­ment. Dadurch ent­stand hier aber auch inner­halb weni­ger Jah­re ent­stand ein Kunst­markt, der bereits jetzt als das Zen­trum Süd­ost­asi­ens gehan­delt wird.

Einen maß­geb­li­chen Anteil an die­ser Ent­wick­lung hat­ten Loren­zo Rudolf und sei­ne Kunst­mes­se ArtS­ta­ge Sin­g­a­po­re, die nun im vier­ten Jahr mit ihrem Fokus auf süd­ost­asia­ti­scher Kunst den Stand­ort zum Dreh­kreuz der Groß­re­gi­on wei­ter aus­bau­en wol­len. Rudolf ist kein Unbe­kann­ter: Unter sei­ner Ägi­de ent­wi­ckel­te sich die Art­Ba­sel zur heu­te markt­be­herr­schen­den Mes­se, deren Expan­si­on nach Mia­mi Beach eben­falls auf Rudolf zurück­geht. Nach sei­nem Aus­stieg lei­te­te er ande­re, klei­ne­re Mes­sen, doch sein Vor­ha­ben aus den frü­hen Neun­zi­gern, die Art­Ba­sel nach Sin­ga­pur zu füh­ren, konn­te er erst fast zwan­zig Jah­re spä­ter in ver­än­der­ter Form umset­zen, als der Schwei­zer sich dazu ent­schloß, mit der ArtS­ta­ge Sin­g­a­po­re eine völ­lig neue Mes­se aus der Tau­fe zu heben. Völ­lig neu, weil die asia­ti­sche Situa­ti­on nicht mit Euro­pa oder Ame­ri­ka ver­gleich­bar wäre. Wäh­rend es in den west­li­chen Län­dern eine offe­ne Kunst­sze­ne und einen eben­so offe­nen Markt gebe, zer­glie­de­re sich Asi­en in sehr vie­le natio­nal gepräg­te, in sich geschlos­se­ne Sze­nen und Märk­te. Ins­be­son­de­re in Indo­ne­si­en habe sich eine Natio­nal­kunst wei­test­ge­hend aut­ark ent­wi­ckelt und sei so zu einer beacht­li­chen Grö­ße und Rei­fe gewach­sen. Ein Aus­tausch über Lan­des­gren­zen hin­weg habe bis­her nicht statt­ge­fun­den.

Wo der Markt schon ist, muss die Kunstvermittlung in Singapur erst noch hinterherkommen.

Wo der Markt schon ist, muss die Kunst­ver­mitt­lung in Sin­ga­pur erst noch hin­ter­her­kom­men.

Doch nun bre­che die Kunst aus, Künst­ler und Samm­ler wag­ten zuneh­mend den Blick in die Nach­bar­län­der. Für Loren­zo Rudolf heißt dies, »wenn wir eine Kunst­mes­se ver­an­stal­ten wol­len, die inter­na­tio­nal ist und auch supra­na­tio­nal erfolg­reich sein soll, muss dies an einem Ort gesche­hen, der eine gewis­se mul­ti­kul­tu­rel­le Iden­ti­tät hat. Da gibt es nur zwei Orte in ganz Asi­en: Hong Kong und Sin­ga­pur.« In einem Kon­kur­renz­ver­hält­nis zum chi­ne­si­schen Nach­barn sehe Rudolf die ArtS­ta­ge aller­dings nicht, denn »Hong Kong ist ein branch von Basel, das heißt, es läuft dort genau­so ab wie wenn Guc­ci nach Tokyo geht: Dann wer­den dort natür­lich auch nur Guc­ci-Taschen ver­kauft.« Daher betont die ArtS­ta­ge immer wie­der, gele­gent­lich auch etwas aggres­si­ver als nötig, daß sie die bes­te, wenn nicht gar die ein­zi­ge Mes­se sei, die sich der Kunst Süd­ost­asi­ens ver­schrie­ben hat:

»Wir haben die ArtS­ta­ge von Anfang an klar als Mes­se mit eigen­stän­di­ger asia­ti­scher Iden­ti­tät, nicht etwa als Kopie einer west­li­chen Mes­se posi­tio­niert. Was Asi­en braucht, ist eine Platt­form, die asia­ti­sche Inter­es­sen ver­tei­digt. Die ArtS­ta­ge Sin­g­a­po­re ist ein Ort, an dem man Asi­en ent­de­cken kann. Das wird für das west­li­che Publi­kum immer inter­es­san­ter.«

Bis­her gibt ihm der Erfolg Recht: Die Mes­se konn­te in ihrem vier­ten Jahr ein sat­tes Besu­cher­plus von fast fünf­zehn Pro­zent ver­zeich­nen, die Ver­käu­fe sei­en »auch nicht schlecht« gewe­sen und schließ­lich resü­miert auch der Abschluss­be­richt die dies­jäh­ri­ge Aus­ga­be mit Rekor­den, ein­hel­li­gem Gale­ris­ten­lob und Samm­ler­bei­fall sowie den gewohnt schwin­del­erre­gen­den Erlö­sen, die mitt­ler­wei­le jeder Mes­se als unver­zicht­ba­rer Grad­mes­ser die­nen. Die­se Erfol­ge stell­ten sich frei­lich nicht grund­los ein, sie sind nicht zuletzt auch Ergeb­nis einer Öffent­lich­keits­ar­beit, die erst das Kunst­in­ter­es­se der poten­ti­el­len Käu­fer, aber auch der Sin­ga­pu­rer Bevöl­ke­rung wecken muss­te. Immer­hin lässt es sich bis in die loka­len Medi­en zurück­ver­fol­gen, die das Kunst­e­vent vor ihren Augen mit gro­ßer Auf­merk­sam­keit und mit mal mehr, mal weni­ger Scharf­sinn beob­ach­ten. So kam es fast einer Sen­sa­ti­on gleich, daß man in der staat­lich kon­trol­lier­ten »The Straits Times« eine mil­de, aber immer­hin eine Kri­tik an jener Kunst­mes­se las, wel­che zwar aus der Pri­vat­wirt­schaft ent­stammt, doch aber ohne das Wohl­wol­len und die umfang­rei­che minis­te­ri­el­le Unter­stüt­zung nicht ent­stan­den wäre. Doch sol­che Stim­men waren hier die Aus­nah­me; so wur­den etwa in einer Son­der­sen­dung des staat­li­chen Sen­ders Chan­nel News­Asia so wich­ti­ge Fra­gen geklärt, wie etwa, was zum Auf­ga­ben­feld eines Kura­tors gehö­re und was eigent­lich eine Kunst­mes­se sei. Kri­ti­sche Höhe­punk­te waren in einem Land, dem die Kunst noch fremd ist, ohne­hin nicht zu erwar­ten.

Daher sieht Loren­zo Rudolf die ArtS­ta­ge, aber auch zuge­zo­ge­ne Gale­ris­ten wie Mat­thi­as Arndt in der Pflicht, aber auch der beson­de­ren Gele­gen­heit, ihr Enga­ge­ment als grund­le­gen­de Auf­klä­rungs­ar­beit und Kunst­ver­mitt­lung zu gestal­ten. Denn es gibt zwar ein Kunst­mu­se­um und auch eine Bien­na­le, die dort gera­de aus­ge­tra­gen wird, fer­ner wird im kom­men­den Jahr eine Natio­nal­ga­le­rie eröff­net wer­den – alles Orte und Ver­an­stal­tun­gen, die sich expli­zit der süd­ost­asia­ti­schen Kunst wid­men –, doch ihre Rol­le ist bis­her mar­gi­nal. Die loka­len Gale­ri­en haben einen noch gerin­ge­ren Anteil an der Kunst­ver­mitt­lung, die ein­hei­mi­schen Künst­ler stu­die­ren und arbei­ten im Aus­land und auch in den Schu­len erfolgt kei­ne struk­tu­rier­te Kunst­er­zie­hung. Das Sin­g­a­po­re Art Muse­um ist zwar die­ser Tage vom Schnat­tern der Schul­klas­sen erfüllt, doch die Kin­der, so hört man, kämen nicht wegen der Kunst, son­dern weil das Gebäu­de einst ihre katho­li­sche Kna­ben­schu­le beher­berg­te.

Jigger Cruz: "Saints in a Monumental Displacement"

Jig­ger Cruz: »Saints in a Monu­men­tal Dis­pla­ce­ment«

Dem ent­ge­gen steht das Inter­es­se jener brei­ten, wohl­ha­ben­den Schicht Sin­ga­pur, die hier lebt oder auch nur ihr Geld ein­la­gert, die neu­gie­rig die Mes­se­hal­len besucht und dort auf ein kura­tier­tes Kunst­pro­gramm stößt: Mit den Natio­nal­platt­for­men will die ArtS­ta­ge einen Ein­blick in die ver­schie­de­nen Kunst­sze­nen Asi­ens geben, ihre Sti­le und Dis­kur­se vor­stel­len, um dem kunst­be­geis­ter­ten Samm­ler in spe einen Leit­fa­den an die Hand zu geben, sich auch inhalt­lich auf der Mes­se zurecht zu fin­den. Dann wird ein abge­schirm­ter Raum für zen­tral­asia­ti­sche Kunst, ein wei­te­rer für Tai­wan, ein ande­rer für chi­ne­si­sche Künst­ler ein­ge­rich­tet. Acht sol­cher Platt­for­men stell­ten in die­sem Jahr auf zwan­zig Pro­zent der gesam­ten Aus­stel­lungs­flä­che sieb­zig Künst­ler vor. Denn Loren­zo Rudolf ist sich des­sen bewusst, daß die ArtS­ta­ge »eine Markt­platt­form ist, die sich einen Markt schaf­fen muss, was auch heißt, daß wir erzie­hen müs­sen. Erzie­hen kann ich nicht über den Markt, das muss ich über den Kon­text, die Erklä­run­gen tun. Dar­um haben wir aus jedem Land die wich­tigs­ten Kura­to­ren ange­spro­chen und ihnen die­se Platt­for­men gebo­ten.« Kein Kura­tor habe sich quer gestellt, er wol­le kei­ne mer­kan­ti­le Ver­an­stal­tung kura­tie­ren. Denn genau das sei es gewe­sen, wor­auf sie gewar­tet hat­ten. Der Bezug zum Markt bleibt natür­lich wei­ter erhal­ten; die Mes­se lässt sich die beson­de­re Auf­merk­sam­keit für die­se Fokus­künst­ler von ihren Gale­ris­ten gut bezah­len. Die wie­der­um spü­ren die Effek­te der Platt­for­men – so wur­den die Foto­gra­fi­en der jun­gen Sin­ga­pu­re­rin Sarah Choo inner­halb weni­ger Stun­den zum Stück­preis von $6.500 rest­los abver­kauft.

Allen Erfol­ges zum Trotz wird hier noch mit die­sem Kon­zept wei­ter­hin gefrem­delt. Nach­dem im ver­gan­ge­nen Jahr die Ein­rich­tung eines Indo­ne­si­en­pa­vil­lons auf viel Kri­tik stieß, weil man an den Gale­ris­ten vor­bei geplant habe, steht auch 2014 die Kura­ti­on in der Kri­tik. So monier­te Huang Lijie in jener sen­sa­tio­nell schei­nen­den Kri­tik in der »The Straits Times« nicht etwa das Mes­se­for­mat, sie bemän­gel­te, daß die oft­mals man­geln­de Qua­li­tät der Kura­ti­on vom Ver­kauf ablen­ke. Auch das ein Indiz für die hie­si­ge Ein­stel­lung zur Kunst.

Die Galerie Arndt in den Gillman Barracks. Foto: Arndt

Die Gale­rie Arndt in den Gill­man Bar­racks. Foto: Arndt

Doch wenn die Mes­se­ta­ge vor­bei sind und der Kunst­markt wie­der aus den Rand­spal­ten der Tages­zei­tun­gen ver­schwin­det, muss die Kunst­er­zie­hung und -ver­mitt­lung umso behut­sa­mer und müh­sa­mer wei­ter­ge­hen. Erst vor weni­gen Jah­ren hat die Regie­rung ein altes Kaser­nen­ge­län­de frei­ge­ge­ben, damit sich hier Gale­ri­en ansie­deln kön­nen. Auf einem ein­ge­zäun­ten Gelän­de abseits der hek­ti­schen Hoch­haus­gas­sen Down­towns lie­gen die Gill­man Bar­racks, wo der eins­ti­ge mili­tä­ri­sche Lager­kol­ler erfolg­reich in eine unge­stör­te Abge­schie­den­heit umge­wan­delt wur­de.

Micha­el Jans­sen hat hier vor einem Jahr sein Lager auf­ge­schla­gen. Sin­ga­pur sei »die bes­te Platt­form in ganz Süd­ost­asi­en«, auch wenn es in der Gale­rie »bis­her eher ruhig« gewe­sen sei. Ich tref­fe ihn zum Gespräch, doch der Ber­li­ner Gale­rist hat­te an jenem Tag nicht viel Zeit. Eben­so sehr beschäf­tigt war Ute Meta-Bau­er, die neben­an ihre Antritts­aus­stel­lung als neue Direk­to­rin des NTU Cent­re for Con­tem­pora­ry Art vor­stell­te. Drei Video­ar­bei­ten zum The­men­feld Migra­ti­on und Rei­sen wur­den gezeigt, mehr nicht, denn es fehl­te schlicht an Zeit. Doch die­ser klei­ne Vor­ge­schmack reich­te schon aus, um die Vor­stel­lung zu ver­mit­teln, daß in den Gill­man Bar­racks eine klei­ne Kunst­sze­ne auf­blüht, die sich um Inhal­te und Kunst­ver­mitt­lung bemüht. Fünf­zehn wei­te­re Part­ner umfasst der lang­sam erwa­chen­de Kunst­cam­pus, wo man zwar frei­lich auch das übli­che Klein­klein, aber eben auch teils gro­ße Kunst gebo­ten bekommt.

Mat­thi­as Arndt hat sich hier auf einer Anhö­he nie­der­ge­las­sen. Der­zeit wer­den neue Skulp­tu­ren von Ste­phan Bal­ken­hol gezeigt, es ist bereits die fünf­te Aus­stel­lung am neu­en Stand­ort. Bei einem Glas Cham­pa­gner blickt er auf das ver­gan­ge­ne Jahr zurück – Grund zum Fei­ern besteht jeden­falls genug, denn die Mes­se spült der­zeit vie­le Samm­ler in sei­ne Gale­rie, wo sie sich an den schel­mi­schen Holz­bild­haue­rei­en eben­so sehr wie die Deut­schen erfreu­en kön­nen, was wohl aber dar­an läge, daß das Holz­schnitz­hand­werk hier eine lan­ge Tra­di­ti­on habe. Sonst gehe es hier ruhi­ger zu, »die Sin­ga­pu­rer gehen lie­ber in die Shop­ping Mall«, wo sie in den Trash-Gale­ri­en aus einer Fül­le von oft­mals schon kopis­tisch anmu­ten­den Ölge­mäl­den wäh­len kön­nen.

Da lie­ge in den Gill­man Bar­racks das Ein­stiegs­ni­veau bei etwa 15.000 Dol­lar nied­rig. Immer­hin, das Geschäft lau­fe gut. Bes­ser als gedacht. Sei­ne Künst­ler wür­den gut ange­nom­men, aber Sin­ga­pur sei ja auch das Tor nach Süd­ost­asi­en, was schließ­lich auch der Grund sei, war­um er hier­her gezo­gen sei. Der Gale­rist bestä­tigt aber auch, was in die­sen Mes­se­ta­gen wie ein Bran­chens­lo­gan klingt: »In Hong Kong sind schon alle da«, Sin­ga­pur sei dage­gen »noch eher unbe­rührt«. Daher set­ze sich Arndt auch dafür ein, mit sei­nen Nach­barn die gemein­sa­me Sicht­bar­keit auf­zu­bau­en und Auf­merk­sam­keit zu erzeu­gen. Gesprächs­aben­de und Lesun­gen sei­en geplant, Rund­gän­ge und gemein­sa­me Abend­ver­an­stal­tun­gen nach west­li­chem Vor­bild sol­len die Aus­bil­dungs­ar­beit abrun­den. Es ist beein­dru­ckend zu sehen, wie sich Arndt, Jans­sen und Meta-Bau­er mit einer deut­schen Macher­men­ta­li­tät ein­brin­gen.

Auf die­sem Wege sol­len die heu­te noch etwas schläf­rig wir­ken­den Gill­man Bar­racks in zwei Jah­ren zu einem Kunst­zen­trum her­an­rei­fen, das auch inhalt­lich ein wich­ti­ger Impuls­ge­ber sein kann. Der Weg dahin wird nur in klei­nen Schrit­ten zu bewäl­ti­gen sein. Das weiß auch Mat­thi­as Arndt und grü­belt über alle Details: »Die Leu­te dür­fen auch in der Regen­zeit nicht davor zurück­scheu­en, die oft­mals lan­gen Wege über das Gelän­de auf sich zu neh­men. Wir brau­chen einen über­dach­ten Bür­ger­steig. Bis der kommt, gebe ich eben Regen­schir­me aus. Da steht dann eben auch der Name der Gale­rie drauf. Mei­ne Kol­le­gen hiel­ten mich anfangs für ver­rückt. Aber so läuft das nun mal, Schritt für Schritt, alle an einem Strang.«