Bohème ohne Heimat

07. März 2014 von Matthias Planitzer
Der Exodus der Kreativen führt in das gelobte Berlin – allein, die Enttäuschung ist nicht fern.

Eine Galerie im Kiez. Keine Ausnahme mehr. Foto: Sara Chahrrour

Die Geset­ze des Mark­tes gel­ten bis­wei­len auch im Aus­stel­lungs­be­trieb, das heißt, auch dort, wo kei­ne Ver­kaufs­ab­sich­ten ver­folgt wer­den, näm­lich immer dann, wenn ein Heer an ambi­tio­nier­ten Künst­lern und Kura­to­ren auf begrenz­ten Aus­stel­lungs­raum trifft. In einem an sei­ne Gren­zen sto­ßen­den Kunst­mek­ka wie Ber­lin bestim­men Raum­an­ge­bot und -nach­fra­ge zuneh­mend die Aus­stel­lungs­pra­xis, wel­che infol­ge des­sen nach allen Sei­ten Ent­las­tung sucht. Immer wie­der neue Pro­jekt­räu­me und PopUp-Gale­ri­en ent­ste­hen, um der wach­sen­den Künst­ler­schar zu Sicht­bar­keit zu ver­hel­fen, aber auch um aus dem Über­an­ge­bot an Kunst das Gute und Wich­ti­ge aus­zu­sor­tie­ren. Wäh­rend man­cher­orts das Aus­stel­lungs­ma­chen zum Hoch­durch­satz­be­trieb erklärt wird, schi­cken sich andern­orts unab­hän­gi­ge und oft­mals struk­tur­schwa­che Initia­ti­ven an, in weni­gen poin­tier­ten Schau­en eine Bes­ten­aus­le­se der sie umge­ben­den Kunst­sze­ne zu tref­fen. Kunst muss schließ­lich aus­ge­stellt wer­den. Das hat auch der Ber­li­ner Senat begrif­fen, als er erst­ma­lig vor zwei Jah­ren zwar spät, aber immer­hin über­haupt, sei­nen För­der­preis für künst­le­ri­sche Pro­jekt­räu­me und -initia­ti­ven aus­lob­te. Kri­ti­ker und Befür­wor­ter des Prei­ses hal­ten sich die Waa­ge, denn ja, Ber­lin braucht eine umfang­rei­che Kul­tur­för­de­rung, doch noch dring­li­cher mahnt die Errich­tung und Eta­blie­rung belast­ba­rer Struk­tu­ren. Sol­cher Struk­tu­ren, die dem wach­sen­den Zustrom jun­ger Künst­ler und ande­rer Krea­ti­ver fern­ab pro­jekt­be­zo­ge­ner För­de­rungs­pro­gram­me auch ver­läss­li­che und län­ger­fris­ti­ge Aus­sich­ten geben, in die­ser Stadt Fuß fas­sen zu kön­nen.

Denn trotz sei­nes her­vor­ra­gen­den Rufs ist Ber­lin für Künst­ler mit­nich­ten eine Stadt der unbe­grenz­ten Mög­lich­kei­ten. Dabei scheint die Stadt alles zu bie­ten, was es zu einem erfolg­rei­chen Künst­ler­da­sein braucht: Die Mie­ten für Wohn- und Ate­lier­raum sind ver­gleichs­wei­se gering, freie Räum­lich­kei­ten für Gale­ri­en und Pro­jekt­räu­me sind zur Genü­ge vor­han­den. Dar­über hin­aus begüns­tigt das Feh­len einer Finanz­wirt­schaft oder Groß­in­dus­trie den Erhalt eines ver­gleichs­wei­se güns­ti­gen Lebens­stan­dards, der in Zusam­men­spiel mit dem mul­ti­zen­tri­schen Städ­te­bau und der aus­ge­präg­ten Kiez­kul­tur loka­len Initia­ti­ven ent­ge­gen­kommt. Im Zen­trum die­ser Stand­ort­fak­to­ren steht bil­li­ger Wohn­raum, der den Impuls für die Ent­wick­lung regel­rech­ter Krea­tiv­vier­tel set­zen kann.

Die his­to­ri­sche Prä­gung Ber­lins als Kul­tur­haupt­stadt hat sol­chen Bewe­gun­gen stets Vor­schub geleis­tet. So traf bereits die Kunst der frü­hen Moder­ne auf ein brei­tes öffent­li­ches Inter­es­se: Preu­ßi­sche Muse­en wie etwa das in der Wei­ma­rer Repu­blik bedeut­sa­me Kron­prin­zen­pa­lais ver­schrie­ben sich zeit­ge­nös­si­scher Kunst, eben­so wie eine star­ke größ­ten­teils jüdi­sche Samm­ler­schaft und gro­ße Kunst­ver­ei­ne eine akti­ve Kunst­för­de­rung über­nah­men. Die Bohè­me nach Pari­ser Vor­bild war in den Ber­li­ner Salons zu Hau­se und eine gro­ße Schar weni­ger gut situ­ier­ter Künst­ler, Musi­ker und Lite­ra­ten ström­te in die Haupt­stadt, wo sie idea­le Arbeits­be­din­gun­gen fand. Nach dem Krieg herrsch­te zwar zunächst eine klaf­fen­de Lücke, doch der Wie­der­auf­bau setz­te auch im Kul­tur­be­reich an. Eine öffent­li­che Samm­lung wur­de erst als gesamt­städ­ti­sche Initia­ti­ve struk­tu­riert, jedoch bald wegen der poli­ti­schen Ent­zwei­ung im Osten und Wes­ten dop­pelt wei­ter­ge­führt. Eine die­ser Samm­lun­gen such­te fort­an als Neue Natio­nal­ga­le­rie an das Erbe des Kron­prin­zen­pa­lais anzu­knüp­fen, in des­sen Nach­fol­ge es sich nicht zuletzt aus poli­ti­schen Grün­den immer wie­der bewei­sen muss­te. Die städ­ti­schen und staat­li­chen Kul­tur­in­ves­ti­tio­nen wuch­sen auf dem West­ge­biet der Stadt ste­tig an, die Deut­sche Gesell­schaft für Bil­den­de Kunst wur­de 1965 gegrün­det, die wie­der­um bald wegen mas­si­ver Kri­tik an ihrer auto­ri­tä­ren Ver­an­la­gung auf­ge­löst und 1969 sowohl im Neu­en Ber­li­ner Kunst­ver­ein als auch der Neu­en Gesell­schaft für Bil­den­de Kunst ihre Nach­fol­ger fand.

Neue Freiräume werden entdeckt. Foto: Sara Chahrrour

Neue Frei­räu­me wer­den ent­deckt. Foto: Sara Chahr­rour

In die­sen und den fol­gen­den Jah­ren ent­wi­ckel­te sich der West­teil der Stadt dank sei­ner Insel­la­ge zu einem geschätz­ten Rück­zugs­ort für Künst­ler, Krea­ti­ve und all jene, die der west­deut­schen Pro­vinz­ge­sell­schaft ent­kom­men woll­ten. Hier konn­ten sie sich nicht nur maxi­mal von der oft­mals bie­der emp­fun­de­nen Hei­mat ent­fer­nen, son­dern waren auch vor dem Zugriff der Staats­ge­walt sicher, die hier nie­man­den zum ver­hass­ten Wehr­dienst ein­zie­hen konn­te. Nicht zuletzt war es auch die­se ein­ma­li­ge expo­nier­te Lage vor den Toren des Ost­blocks, die auch inter­na­tio­nal vie­le Künst­ler anzog.

Auch damals galt, was heu­te noch Bestand hat: Bil­li­ger Wohn­raum lockt die noto­risch ver­arm­te Künst­ler­schar an. Stadt­tei­le wie Schö­ne­berg oder Kreuz­berg waren jeweils wegen geplan­ter Ver­kehr­stras­sen dem städ­te­bau­li­chen Unter­gang geweiht, doch so lan­ge noch nicht der Spa­ten­stich gesetzt war, konn­te man hier – fern der mono­to­nen Arbeits­rea­li­tät ande­rer deut­scher Groß­städ­te – bequem und frei leben. Bei­de Bezir­ke ent­wi­ckel­ten sich schnell zu leben­di­gen Krea­tiv­vier­teln, die heu­te längst Legen­de gewor­den sind.

Im Ost­teil der Stadt herrsch­te lan­ge Zeit ein ähn­li­cher Leer­stand, der jedoch erst mit dem Mau­er­fall von den Künst­lern ent­deckt und für sich genutzt wer­den konn­te. So eröff­ne­te der sich bis dahin her­an­ge­wach­se­nen Kunst­sze­ne mit einem Schlag ein neu­es Ter­ri­to­ri­um, das seit­dem ins­be­son­de­re in Ber­lin-Mit­te von Gale­ris­ten und Aus­stel­lungs­ma­chern genutzt wird. Die Kunst­wer­ke Ber­lin hät­ten ver­mut­lich ohne eine solch ein­ma­li­ge Gele­gen­heit nicht die Bedeu­tung erlan­gen kön­nen, die sie heu­te inter­na­tio­nal genie­ßen.

Die Galerie Sassa Trülzsch. Foto: Sara Chahrrour

Die Gale­rie Sas­sa Trülzsch. Foto: Sara Chahr­rour

Erneut wie­der­holt sich die­se arche­ty­pi­sche Ent­wick­lung seit eini­gen Jah­ren und lässt Ber­lin nun dank der voll­stän­di­gen Öff­nung zur Welt zu einem Kunst­mek­ka uner­reich­ter Aus­ma­ße her­an­wach­sen. In direk­ter Kon­ti­nui­tät zum Boom der Wen­de­zeit ste­hen auch heu­te noch sozia­le und kul­tu­rel­le Ent­wick­lun­gen, die dank ihrer sich ver­selb­stän­di­gen­den Außen­wir­kung auf dem infra­struk­tu­rel­len Nähr­bo­den einer Stadt­po­li­tik des lais­sez-fai­re gedei­hen kön­nen. Doch im Gegen­satz zu ver­gan­ge­nen Kon­junk­tur­zei­ten sind heu­te erst­mals Effek­te sicht­bar, die das Fort­be­stehen eines Krea­tiv­mi­lieus gefähr­den.

Ber­lin erhielt sich zwar als eine Stadt, die Frei­räu­me bewahrt und ver­schie­dens­te Lebens­wei­sen ermög­licht, indem sie jeg­li­chen finan­zi­el­len Exis­tenz­druck von den Schul­tern ihrer Bewoh­ner nahm und dadurch die Mit­tel zur Gestal­tung ihrer Ide­en und Plä­ne bei ihnen belässt. Ihre in die­sem Sin­ne außer­or­dent­lich libe­ra­le Poli­tik, aber auch ihre star­ke Musik- und Club­kul­tur machen sie für jun­ge Krea­ti­ve aus dem In- und Aus­land sehr attrak­tiv. Doch bis­wei­len wird die Ver­hei­ßung von der Stadt der unbe­grenz­ten Mög­lich­kei­ten zu einem lee­ren Ver­spre­chen, das an der ein­fa­chen, aber har­ten Rea­li­tät schei­tert.

Der Zustrom jun­ger, talen­tier­ter Künst­ler hat längst die Gren­zen der loka­len Kunst­sze­ne gesprengt, ohne deren Bezie­hun­gen jedoch wei­ter­hin nur wenig Erfolg mög­lich ist. Die Bohè­me ist längst erstor­ben. Ihre Nach­fol­ger –: ein eklek­ti­scher Kreis aus Künst­lern, Gale­ris­ten, Kura­to­ren, auch eini­gen Samm­lern und Kri­ti­kern – blei­ben unter sich, bil­den einen kaum zu über­win­den­den Club, der dem jun­gen Spa­ni­er oder der jun­gen Asia­tin kaum zugäng­lich ist. Doch die Stadt hat einen in der gan­zen Welt her­vor­ra­gen­den Ruf, der jun­ge Künst­ler mitt­ler­wei­le kohor­ten­wei­se anzieht. Ohne bis­he­ri­ge Erfol­ge und ohne Bezie­hun­gen zu ihren eta­blier­ten Kol­le­gen sam­meln sie sich in regel­rech­ten Krea­tiv­ghet­tos wie Nord-Neu­kölln, die mit den Künst­ler­vier­teln der Sieb­zi­ger Jah­re nichts mehr gemein haben.

Aus Man­gel an einer loka­len, finanz­kräf­ti­gen Samm­ler­schaft, aber auch an öffent­li­chen oder stif­tungs­ge­bun­de­nen För­de­run­gen, bedeu­tet die Arbeit abseits der pri­vi­le­gier­ten Struk­tu­ren für die Künst­ler, dass sie hier zwar Kunst pro­du­zie­ren, aber nicht davon leben kön­nen. Wei­ter erschwert wird die­se Situa­ti­on durch die bis­wei­len zu libe­ra­le Ber­li­ner Lebens­wei­se, die es gera­de der wach­sen­den Aus­wan­de­r­er­sze­ne leicht macht, ihre Zeit in der Haupt­stadt unge­nutzt ver­strei­chen zu las­sen. Nicht weni­ge von ihnen kamen mit hohen Zie­len, haben davon aber nur wenig errei­chen kön­nen. Kaum keh­ren sie in ihre Hei­mat zurück, stellt sich oft­mals der Erfolg ein – Ber­lin als Bil­dungs­stät­te im Sab­bat­jahr, auch das ist ein Teil der krea­ti­ven Rea­li­tät.

Für eine gewis­se Zeit konn­ten die hier­her strö­men­den Krea­ti­ven immer­hin dar­auf hof­fen, gese­hen und gehört zu wer­den. Heu­te sind auch die Aus­stel­lungs­räu­me knapp. Schlicht, weil es zu vie­le Künst­ler für die glei­che Aus­stel­lungs­flä­che gibt. Ein­zel­aus­stel­lun­gen wer­den außer­halb der Gale­ri­en und Insti­tu­tio­nen längst nicht mehr rea­li­siert, statt­des­sen sind seit gerau­mer Zeit Grup­pen- und Mas­sen­aus­stel­lun­gen die Norm –eine Kura­to­ren­le­gi­on aukt­oria­len Selbst­ver­ständ­nis­ses fin­det hier das Mate­ri­al zur Illus­tra­ti­on ihrer Ide­en und Gedan­ken.

Derweil werden Projekträume immer erfolgreicher. Foto: Sara Chahrrour

Der­weil wer­den Pro­jekt­räu­me immer erfolg­rei­cher. Foto: Sara Chahr­rour

Kunst muss aus­ge­stellt wer­den. Und so suchen sowohl Künst­ler als auch Kura­to­ren und ande­re in die­sem Umfeld täti­ge Akteu­re nach immer neu­en, doch gleich­sam kos­ten­scho­nen­den Aus­stel­lungs­for­men: Pro­jekt­räu­me wer­den nicht nur mehr, sie wer­den auch klei­ner, kurz­le­bi­ger, sowie finan­zi­ell und struk­tu­rell schwä­cher. Ver­stärkt neh­men Laden­ca­fés und PopUp-Stores die hei­mat­lo­se Künst­ler­schar auf, wer­den seit eini­ger Zeit Wohn­zim­mer- und Kel­ler-Aus­stel­lun­gen ver­an­stal­tet. Die künst­le­ri­sche Reich­wei­te nimmt auf die­se Wei­se frei­lich immer wei­ter ab. Kunst ver­liert zuneh­mend sei­ne gesell­schaft­li­che Bedeu­tung und ver­kommt immer mehr zur pri­va­ten Kom­mo­di­tät, zum per­sön­li­chen Zeit­ver­treib.

Auf der ande­ren Sei­te sichern solch begrenz­te Kapa­zi­tä­ten eine strik­te Bes­ten­aus­le­se: Die Kunst­sze­ne, die die­se Bezeich­nung ver­dient, funk­tio­niert daher nicht zuletzt als Wäch­ter über Geschmack und Talent (ist jedoch des­we­gen nicht mit einer Avant­gar­de gleich­zu­set­zen, die sich dis­kur­siv und kri­tisch mit ihren Gegen­stän­den befasst). Gute Künst­ler wer­den auf die­sem Wege einem dich­ten Netz­werk aus loka­len, natio­na­len und inter­na­tio­na­len Künst­lern, Kura­to­ren, Samm­lern, Gale­ris­ten und Kri­ti­kern bekannt gemacht. Doch allein dar­in unter­schei­det sich die Ber­li­ner Kunst­sze­ne nicht von ande­ren Bei­spie­len; was sie ein Stück weit her­vor­hebt, ist ihr star­kes Selbst­ver­ständ­nis als Mode­ra­tor und Kura­tor neu­er, fri­scher Inhal­te, das hier ins­be­son­de­re auch von den Gale­ris­ten mit­ge­tra­gen wird. So etwa die Grup­pen­aus­stel­lung »Dis­cus­sing Meta­mo­der­nism«, mit der Tan­ja Wag­ner dem jun­gen Ide­en­ge­bäu­de der Meta­mo­der­ne 2012 erst­mals eine ernst­haf­te künst­le­ri­sche und dis­kur­si­ve Platt­form bot. Zudem bie­ten inhalt­lich aus­ge­rich­te­te Gale­ri­en wie Socié­té oder Krau­pa-Tus­ka­ny Zeid­ler der gera­de auch in Ber­lin gedei­hen­den Künst­ler­ge­ne­ra­ti­on im Umfeld von Spe­ku­la­ti­vem Rea­lis­mus, Neu­em Mate­ria­lis­mus und Post-Inter­net die drin­gend not­wen­di­ge Unter­stüt­zung, die sie für ein kon­ti­nu­ier­li­ches Wachs­tum benö­ti­gen. Dank sol­cher und ande­rer mäze­na­ti­scher Initia­ti­ven wird vie­len aus­sichts­rei­chen Künst­ler­ta­len­ten eine För­de­rung zuteil, mit deren Hil­fe man­che von ihnen zu inter­na­tio­nal bekann­ten Export­schla­gern her­an­rei­fen.

Doch auch die­se viel ver­spre­chen­den Talen­te sind vom Schwin­den der Infra­struk­tur bedroht: Der Wohn­raum­be­darf steigt wei­ter­hin nicht zuletzt wegen der zuneh­men­den Zuwan­de­rung, Wohn- und Arbeits­raum ist längst nicht mehr erschwing­lich und auch die übri­gen Lebens­hal­tungs­kos­ten neh­men lang­sam, aber ste­tig zu. So wer­den wirt­schaft­li­che Erwä­gun­gen für Künst­ler und Gale­ris­ten immer wich­ti­ger, was schließ­lich die intel­lek­tu­el­le, nicht markt­ori­en­tier­te Kunst gefähr­det. So lan­ge die glo­ba­le Kunst­welt den Wert eines Wer­kes über Markt­er­lö­se, nicht über inhalt­li­che Kri­te­ri­en defi­niert, scheint die­ses Dilem­ma nicht auf­lös­bar. So rücken die Frei­hei­ten und Mög­lich­kei­ten der Neun­zi­ger in immer wei­te­re Fer­ne, sodass auch der Hype der Jahr­tau­send­wen­de bereits spür­bar abge­nom­men hat. Damit geht Ber­lin der­zeit den Weg, den einst auch ande­re Kunst­me­tro­po­len wie New York, Lon­don oder auch das Paris der Bohè­me genom­men haben: Mit dem wirt­schaft­li­chen Auf­schwung (der hier frei­lich nur den Immo­bi­li­en­markt zu betref­fen scheint) schwin­den die not­wen­di­gen Para­me­ter der frei­en künst­le­ri­schen Ent­fal­tung. Längst tre­ten ande­re Groß­städ­te in spür­ba­re Kon­kur­renz und so ver­geht kaum ein Monat, in dem nicht eine ande­re Metro­po­le als das neue Künst­ler­pa­ra­dies aus­ge­ru­fen wird. Glaubt man den Gerüch­ten, so wer­den sich die nächs­ten Künst­ler­ge­ne­ra­tio­nen viel­leicht in Istan­bul, in Bue­nos Aires oder Peking nie­der­las­sen. Eines Tages wird der Treck wei­ter gezo­gen sein und dann wird man sich nicht nur in Ber­lin fra­gen, wo all die Künst­ler und mit ihnen all das krea­ti­ve Poten­ti­al hin­ge­gan­gen sind.

Die­ser Arti­kel erschien auch im Schirn-Maga­zin.

Andere Meinungen

  1. […] peop­le — every­body wants to add some­thing to the dis­cus­sion. Some art­icles are more ana­lyt­ical or spe­cial­ized than oth­ers. Most seem to agree: Ber­lin is over, and it might even have been for a coup­le of […]

  2. […] an idea that would con­nect the vivid art sce­ne of 1900s Mont­martre to todays Ber­lin. Ana­log to Mat­thias’ ana­lytic con­tri­bu­tion on Cas­tor & Pol­lux, I wan­ted to pic­ture the afore­men­tioned off-loca­ti­ons of art. But my per­spect­ive was one […]