13. Juli 2010
Interaktive Lichtinstallation in der Program Galerie
„shock control regression adaptation“, © Raurouw
Der Theologe Yorick Spiegel postulierte zu Beginn der Siebziger Jahre seine Theorie der vier Trauerphasen: Zunächst überwiege der Schock, bald jedoch die emotionsarme Kontrolle, woraufhin die Regression aus dem alltäglichen Leben und schließlich die Phase der Anpassung folge. Diese Theorie fand später viel Anklang und wird gemeinhin auf die Binsenweisheit „Trauern ist Anpassung“ verkürzt.
Eben diesen Sachverhalts will sich nun eine Lichtinstallation der Künstlergruppe Raurouw annehmen: Dazu entsenden sie Laserstrahlen durch die verdunkelten Räume der PROGRAM Galerie, lenken sie mittels Spiegeln um und modulieren sie analog zu den vier Trauerphasen in Farbe und Gestalt. Die Installation „shock control regression adaptation“ soll dazu mit den Besuchern interagieren und durch ihre Bewegungen gesteuert die Wechsel zwischen den einzelnen Phasen einläuten.
Den restlichen Beitrag lesen …
Eingetragen in der Kategorie Berlin
Tags: Ausstellung, Berlin, Installation, interaktive Kunst, Licht
9. Juli 2010
Das Emotionalfeuerwerk hinter Kunst mit Heimatbezug
Ohne Titel, aus der Serie „Marzahn“, © Gerrit Engel
Marzahn: wo graue Plattenbauten, Arbeitslosigkeit und sozialer Verfall in einer Melange aus Trostlosigkeit und gescheitertem Sozialismus aufeinander treffen. Wo Schicksale besiegelt werden: Hier werden Menschen gemacht, die schon als Kinder keine Chance haben. Hier werden Menschen gemacht, die es zu beliebten Komikern bringen.
Marzahn ist aber auch meine Heimat, ein Ort, den ich besser kenne und mehr liebe als alle jene, die über diesen Berliner Ostbezirk nicht mehr als diese vielen Klischees wissen.
Als ich vor einiger Zeit die obigen Aufnahmen im Internet fand, ward mir ganz anders um Herz. Da hatte ein Fotograf im Jahre 1999 diesen meinen Bezirk eingefangen und auf Film gebannt. Da hatte jemand meine Heimat fotografiert, den Ort, wo ich meine Kindheit verbracht habe: Die rechte der beiden abgebildeten Fassaden erkannte ich sofort; es war das Haus, in dem ich als Kind wohnte, ein Gebäude, das heute so nicht mehr existiert.
Es ist unglaublich, was ich beim Anblick dieser schlichten Bilder empfand, die ja nur die Fassadengestaltung eines in den späten Siebzigern und frühen Achtzigern hochgezogenen Häuserblocks festhalten. Aus Mangel an besseren Worten: „Heimweh“, „Wehmut“. Doch eigentlich etwas ganz anderes. Etwas Unbeschreibliches.
Grund genug, mich mit der Fotoserie, dem dazugehörigen Bildband, meiner Heimat, wie ich sie in Erinnerung behalten habe und auch wie man sie jetzt vorfindet zu beschäftigen, und meine Identität zu hinterfragen.
Den restlichen Beitrag lesen …
Eingetragen in der Kategorie Fotografie
Tags: Berlin, Fotografie, Käuflich, Kunstbuch
2. Juli 2010
Die Kunsthalle verabschiedet sich mit einem Knall
Das Tollhaus des John Bock
Im September 2008 war’s, als auf dem Schlossplatz ein Projekt seine Taufe feierte, das von vornherein nur für zwei Jahre bestehen sollte. Nachdem sich zuvor zeigte, dass in Berlin eine Ausstellungsplattform für heimische und hier sesshaft gewordene Künstler fehlte, konnte das privat initiierte Projekt der Temporären Kunsthalle den Senat überzeugen und so kam es auch im Juni 2008 zum ersten Spatenstich.
In dieser kurzen Zeit konnte sich der Ausstellungsort erstaunlich schnell als wichtige Adresse in der Berliner Kunstszene etablieren. Nun rückt das Jubiläum immer näher; die Temporäre Kunsthalle wird an ihrem zweiten Geburtstag zu Grabe getragen werden. Gestern feierte die letzte Ausstellung „FischGrätenMelkStand“ ihre Vernissage. Ich war vor Ort und habe mir ein Bild gemacht. Ein Bild, dass allen Gewohnheiten der Kunstrezeption widerspricht.
Den restlichen Beitrag lesen …
Eingetragen in der Kategorie Berlin
Tags: Ausstellung, Berlin, Installation, Rezeption
28. Juni 2010
I bartered for art
Art Barter: Viele Angebote, doch nur wenige werden Kunst eintauschen können
Nachdem gestern die deutsche Elf die Menschen in die Biergärten und vor die Fernseher lockte, war die Berliner Innenstadt bis auf ein paar Touristen (Franzosen? Italiener?) wie leergefegt. Der beste Zeitpunkt also, um sich der Kunst zu widmen.
Wie bereits angekündigt, fand am vergangenen Wochenende die erste Ausgabe von Art Barter auf deutschem Boden statt. Ich war vor Ort, habe viel spekuliert und auch selbst ein Angebot abgegeben. Was Art Barter eigentlich ist und wie die Ausstellung war? Mehr dazu nach dem Klick.
Den restlichen Beitrag lesen …
Eingetragen in der Kategorie Berlin
Tags: Aktion, Ausstellung, Berlin, Rezeption
15. Juni 2010
Art Barter: das Tauschgeschäft mit der Kunst
(via)
Kunst ist nach landläufiger Meinung ein Teil der Hochkultur und daher auch i.d.R. etwas, wofür man viel Geld ausgeben muss. So verfestigt sich ein Vorurteil, das ich ja schon einmal mit konkreten Tips zum Kunsterwerb widerlegt habe. Nun bin ich auf eine weitere Möglichkeit gestoßen, wie man selbst mit einem kleinem Geldbeutel an Kunst für die eigenen vier Wände herankommt: Art Barter.
Das Einzigartige: Bei Art Barter braucht es kein Geld – qualitative Kunst von etablierten Künstlern ist hier für alle da. Der Knaller: Art Barter kommt nach Berlin!
Den restlichen Beitrag lesen …
Eingetragen in der Kategorie Berlin
Tags: Berlin, Käuflich
14. Juni 2010
Das unscheinbare Element in einem ganz neuen Licht
„Work No. 551″, © Martin Creed
Wenn Kinder Bilder von idyllischen Landschaften malen, dann findet man neben strahlenden Sonnen und prächtigen Bäumen auch stets Wolken, die auf etwas verweisen, das für den kindlichen Geist so wohl einfacher zu fassen ist: der Himmel oder – allgemeiner – die Luft um uns herum. Das Problem ist schnell erkannt: Die Luft ist zwar allgegenwärtig und wie selbstverständlich da, doch fällt es schwer, ihrer gewahr zu werden.
Umso eindrücklicher sind dann jene Momente, in denen wir die Luft um uns herum wahrnehmen können. Ein Orkan etwa lässt uns ehrfürchtig und klein werden; auch der Druckausgleich in großen Höhen erzeugt bei vielen ein unangenehmes Gefühl. Frische Luft lässt uns durchatmen, kühle Luft bringt Erfrischung.
Martin Creed jedoch geht die Erfahrbarmachung der Luft von einer anderen Seite an. Seine Werkzeuge sind Kontakt, Enge und Beklemmung.
Den restlichen Beitrag lesen …
Eingetragen in der Kategorie Contemporary Art
Tags: Installation, Minimalismus, Wahrnehmung
8. Juni 2010
Die Zentralperspektive - philosophischer Zündstoff
Die Erschaffung Adams von Michelangelo: Beispiel eines brisanten Paradigmenwechsels
Vergleicht man zwei Gemälde gleichen Motivs – etwa der Erschaffung Adams – aus dem 12. und dem 16. Jahrhundert, so wird auch auffallen, dass ersterem im Gegensatz zum letzteren eine perspektivische Ordnung fehlt, die dem natürlichen Sinneseindruck entspricht. Es wirkt platt, zweidimensional, starr und konzertiert, wogegen spätere Malerei natürlicher und energetischer wirkt – siehe dazu die obige Darstellung von Michelangelo in der Sixtinischen Kapelle.
Der Grund hierfür liegt in der Wahl der Perspektive. Denn bis zum Beginn des 15. Jahrhunderts war real-perspektivische Malerei, wie wir sie kennen, in Vergessenheit geraten, erst 1413 legte Filippo Brunelleschi den Grundstein für eine Revolution, die nicht nur die Kunst, sondern auch die damalige Gesellschaft in ihren Grundfesten erschüttert haben muss. Denn was hier geschah, war für die einen wohl üble Gotteslästerung, für die anderen jedoch eine bahnbrechende Innovation auf dem Weg hin zu einem realitätsorientierten, nachahmendem Kunstverständnis.
Den restlichen Beitrag lesen …
Eingetragen in der Kategorie Kunstgeschichte
Tags: Motivgeschichte, Perspektive
31. Mai 2010
Wenn Astrophysik auf zeitgenössische Kunst trifft
„Neutrinos trap stirring up cosmic dust“, © Mariusz Sołtysik
Der Mensch zeichnet sich dadurch aus, dass er mit seiner Umwelt interagiert. Mithilfe von Motorik und Kommunikation kann er Impulse setzen und gestalterisch wirksam werden, durch seine Sinne kann er den Zustand seiner Umwelt in mehreren Qualitäten erfassen. Und doch bleibt ihm vieles verborgen. Ich schrieb schon einmal über die Grenzen der Wahrnehmung und sprach dabei essentielle physikalische Größen wie Temperatur und Zeit an, die wir nur mit Hilfsmitteln adäquat messen können.
Beschäftigt sich der vorgestellte Künstler John Baldessari mit physikalischen Größen, also abstrahierten, mitunter unanschaulichen Dingen, stolperte ich kürzlich über einen Künstler, der sich eindrücklicheren Dimensionen des Unvermögens menschlicher Wahrnehmung widmet. – Es geht um Neutrinos und die unvorstellbare Situation, sekündlich von Billiarden Teilchen durchlöchert zu werden. Denn Imagination beginnt dort, wo Wahrnehmung aufhört.
Den restlichen Beitrag lesen …
Eingetragen in der Kategorie Contemporary Art
Tags: Physik, Vorstellung, Wahrnehmung
25. Mai 2010
Zehn Perlen, die man einfach lieben muss
Ein Herz für Blogs, © uarrr.org
Weil ich für blogverbindende Maßnahmen immer zu haben bin, wird es euch freuen – oder vielleicht auch nerven – dass auch Castor & Pollux an diesem Tage voller gegenseitiger Lobhudelei mitzieht. Denn es ist wieder einmal die Zeit gekommen, die Kabinettstückchen des RSS-Readers auszupacken und anlässlich des nunmehr dritten Teils der weitläufig bekannten Aktion „Ein Herz für Blogs“ der Leserschar vorzustellen.
Für die, die es nicht kennen: Die Idee ist, dass jeder, der Lust hat, seine (deutschsprachigen) Lieblingsblogs vorstellt, von denen er meint, dass die Besucherzahl unverhältnismäßig klein zur großen Klasse der Artikel ist. Ein einheitlicher Termin (der heutige Dienstag) wird vorgeschlagen und so findet dann in einem großen Teil der deutschen Blogosphäre die virtuelle Fortsetzung vom Sammelkarten-Tausch auf dem Schulhof statt.
Herr Wichmann hat sich bereit erklärt, für dieses Mal den Vorsitz zu übernehmen resp. den ganzen Traffic einzuheimsen. Wer also noch flugs teilnehmen will, der findet bei ihm alle nötigen Informationen. Jetzt geht’s aber los, hier ist mein Tafelsilber: 5 Mal Kunst und 5 andere Schmankerl in lockerer Reihenfolge!
Den restlichen Beitrag lesen …
Eingetragen in der Kategorie Internes
Tags: Aktion, Bloggen
22. Mai 2010
Wenn Künstler nicht über ihre Werke verfügen dürfen
„If there were anywhere but desert. Tuesday“, © Ugo Rondinone
Kürzlich warfen sie bei Kulturzeit einen Blick auf das Kunsthaus Aargau, wo kürzlich der renommierte Schweizer Ugo Rondinone eine Einzelausstellung eröffnete. So etwas wie ein Interview mit dem Künstler war das, nur ohne Interview, Rondinone sei wohl sehr scheu. Und so verfolgte man den umtriebigen Künstler inmitten des emsigen Treibens kurz vor der Eröffnung jener viel beachteten Ausstellung in seiner schweizer Heimat.
Schnell tauchte ein Problem auf: Rondinone ist mit dem „Clown“, einer Skulptur, die eigentlich den Titel „If there were anywhere but desert. Tuesday“ trägt, nicht zufrieden. Man lernt, dass die Clownsfigur immer wieder in Rondinones Werken auftaucht, doch diese hier passt nicht recht ins Bild. Der Künstler würde sie lieber an einem anderen Ort in der Galerie sehen. Simples Problem, simple Lösung. Möchte man meinen.
Doch weit gefehlt: Ehe Rondinone sein eigenes Werk überhaupt berühren darf, muss er bei dessen Besitzern, Almine und Bernard Ruiz-Picasso, telefonisch nachfragen, ob diese ihm ein Verrücken der Skulptur überhaupt genehmigen. Als dann ein Telefon aufgetrieben werden konnte und irgendwann das Einverständnis eingeholt war, konnten fünf behandschuhte Helfer den Clown mit der gebotenen Vorsicht an seinen neuen Platz in der Galerie hieven.
Ein groteskes Schauspiel, wie ich fand. Mag der Gebrauch von Handschuhen noch für ein gewisses Maß an Professionalität sprechen, wirkte das ganze Gehabe um die Einholung des Einverständnisses doch überaus eigenartig.
Wird einem Künstler heute etwa die Kompetenz abgesprochen, zu wissen, wie seine eigenen Werke zu verstehen und daher auch, wie sie in einer Ausstellung zu platzieren sind?
Den restlichen Beitrag lesen …
Eingetragen in der Kategorie Contemporary Art
Tags: Diskussion, Kunstbusiness, Video