Marzahn, wie es wirklich ist

Interview mit Gerrit Engel + Kunstbuchverlosung

Das Tor zum Osten: Plattenbauten und Gewalt?Das Tor zum Osten: Nichts als Plattenbauten und Gewalt? (*)

Es ist gar nicht so lange her, da schrieb ich über eine Fotoserie, die mir aus persönlichen Gründen sehr ans Herz ging: Es war die Reihe „Marzahn“, die der Fotograf Gerrit Engel Ende der Neunziger in eben jenem Berliner Ostbezirk aufnahm, dem bundesweit ein trauriger Ruf vorauseilte. Marzahn ist aber auch gleichzeitig meine Heimat und so lag es nicht fern, dass Engels Fotos, die Marzahn von einer bis dahin vielleicht unbekannten, viel harmloseren, vielleicht sogar schönen Seite zeigen, mich nicht nur ansprachen, sondern auch intensive Gefühle auslösten. Was dies im Einzelnen war, beschrieb ich ja bereits.

Vor Kurzem traf ich mich mit Gerrit Engel (der übrigens im vergangenen Jahr in der Pinakothek der Moderne ausstellte) auf einen Spaziergang durch Marzahn, wo ich ihm in einem Interview einige Fragen zu seinem Fotoserie und dem dazugehörigen Bildband stellte. Darin sind 82 hochauflösende Fotos mit drei einleitenden Texten von einer Marzahnerin, eines Bauhistorikers und Architekturkritikers enthalten. Ich verlose ein Exemplar des mittlerweile vergriffenen sowie ein weiteres Buch über Kunst im öffentlichen Raum in Marzahn – mehr dazu sowie natürlich das Interview gibt es jedoch erst nach dem Klick.


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Marzahner Lokalkolorit

Das Emotionalfeuerwerk hinter Kunst mit Heimatbezug

Gerrit Engel: Ohne Titel, aus der Serie "Marzahn"Ohne Titel, aus der Serie „Marzahn“, © Gerrit Engel

Marzahn: wo graue Plattenbauten, Arbeitslosigkeit und sozialer Verfall in einer Melange aus Trostlosigkeit und gescheitertem Sozialismus aufeinander treffen. Wo Schicksale besiegelt werden: Hier werden Menschen gemacht, die schon als Kinder keine Chance haben. Hier werden Menschen gemacht, die es zu beliebten Komikern bringen.
Marzahn ist aber auch meine Heimat, ein Ort, den ich besser kenne und mehr liebe als alle jene, die über diesen Berliner Ostbezirk nicht mehr als diese vielen Klischees wissen.

Als ich vor einiger Zeit die obigen Aufnahmen im Internet fand, ward mir ganz anders um Herz. Da hatte ein Fotograf im Jahre 1999 diesen meinen Bezirk eingefangen und auf Film gebannt. Da hatte jemand meine Heimat fotografiert, den Ort, wo ich meine Kindheit verbracht habe: Die rechte der beiden abgebildeten Fassaden erkannte ich sofort; es war das Haus, in dem ich als Kind wohnte, ein Gebäude, das heute so nicht mehr existiert.

Es ist unglaublich, was ich beim Anblick dieser schlichten Bilder empfand, die ja nur die Fassadengestaltung eines in den späten Siebzigern und frühen Achtzigern hochgezogenen Häuserblocks festhalten. Aus Mangel an besseren Worten: „Heimweh“, „Wehmut“. Doch eigentlich etwas ganz anderes. Etwas Unbeschreibliches.

Grund genug, mich mit der Fotoserie, dem dazugehörigen Bildband, meiner Heimat, wie ich sie in Erinnerung behalten habe und auch wie man sie jetzt vorfindet zu beschäftigen, und meine Identität zu hinterfragen.

Gerrit Engel: Ohne Titel, aus der Serie "Marzahn"Ohne Titel, aus der Serie „Marzahn“, © Gerrit Engel

Wenn man den Klischees glauben will, so ist Marzahn alles andere als ein Ort, an dem man wohnen und leben möchte. Man kann diese Vorurteile nicht gänzlich negieren, stammen sie doch aus der Zeit, als Marzahn als eines der größten Bauprojekte der DDR aus dem Boden gestampft wurde. Grau in grau sah hier alles aus, für Anpflanzungen war keine Zeit, auch Freizeitbeschäftigung suchte man hier vergeblich. Doch das gab sich schnell: die Bewohner begrünten ihren Bezirk auf eigene Faust, später spendierte die DDR-Führung große Freizeitzentren und sogar ein kleines Kino.

Während meiner Kindheit war von jenem Klischee nichts mehr zu ahnen: Marzahn war längst ein grüner Bezirk geworden, wir Kinder fanden überall Spielplätze und –flächen, hatten im besten Sinne eine unbeschwerte Kindheit. Das obige Bild zeigt meine Grundschule etwa zu dem Zeitpunkt, als ich in der fünften oder sechsten Klasse war. Auch dieses Gebäude existiert nicht mehr, doch reicht dieses Foto allein aus, um allerhand Erinnerungen hervorsprudeln zu lassen: Tischtennis in der Hofpause, Fußball auf dem Sportplatz, mit dem Fahrrad nach Hause fahren. Erinnerungen an eine Kindheit also, wie die meisten sie gehabt haben.

Gerrit Engel: Ohne Titel, aus der Serie "Marzahn"Ohne Titel, aus der Serie „Marzahn“, © Gerrit Engel

Das obige Foto zeigt in etwa, wie Kindheit in Marzahn aussehen konnte: Wir Kinder waren jeden Tag draußen, spielten auf den vielen Wiesen, fingen Grillen oder manchmal auch Frösche, kletterten auf Bäume, spielten Verstecken zwischen all dem Grün der Gebüsche und Wiesen und dem Grau der Plattenbauten. Als dieses Foto aufgenommen wurde, war ich gerade zehn oder elf Jahre alt, es zeigt vermutlich den Hinterhof, auf dem ich selbst so viele Sommernachmittage mit Orangeneis und Wasserpistole verbrachte.

Eines der Kinder auf diesem Bild kannte ich sogar, es ging in meine Klasse, wurde oft von den anderen Kindern geärgert, war mit nur wenigen wirklich befreundet.

Viele Jahre später erfuhr ich vom Tod an der Leitplanke. Jetzt schaut es mich an, von diesem elf Jahre alten Foto.

Gerrit Engel bildet Erinnerungen ab. Keine wehmütigen oder gar traurigen, doch aber ganz private und wertvolle, die wohl nur schwer nachzuempfinden sind. Obgleich Engel wohl bei seinem Streifzug durch das Marzahn der ausgehenden 90er Jahre andere Ideen und Motive verfolgte, fing er doch auch für einen kleinen Kreis unter denjenigen, denen er Bericht erstattet, eine Welt ein, die sie besser kannten, als jeder andere.

In der Legende des Bildbandes fehlt für dieses Foto die Ortsangabe. Was Engel wohl vergaß, kann ich aus meinem Gedächtnis ergänzen: Jan-Petersen-Straße 2 – 6. Erkennbar an der Fassadengestaltung, die gar nicht so trist war, wie Marzahnbesucher es wohl empfanden. Etwa drei Meter rechts vom Bild müsste sich ein großes Gebüsch, mitten auf der Wiese gelegen, befunden haben. Ich weiß noch, wie ich darin saß, Marienkäfer fing und in TicTac-Dosen sperrte.

Gerrit Engel: Ohne Titel, aus der Serie "Marzahn"Ohne Titel, aus der Serie „Marzahn“, © Gerrit Engel

Dann sind es Fotos wie diese, die mich in eine Welt eintauchen lassen, die in dieser Form nicht mehr existiert, die ganz meiner Erinnerung gehört, die den Mikrokosmos meiner gesamten Kindheit beherbergt. Ich kann ohnehin schon viele Erinnerungen mit einem einzigen, kleinen Detail assoziieren, Gerrit Engels Fotografien jedoch lösen in mir ein wahres Emotionalfeuerwerk aus. Es ist unglaublich, wie viele im Grunde genommen unwesentliche Assoziationen durch diese Abbildungen wieder ins Bewusstsein kommen und greifbar werden.

In meinen Erinnerungen taucht Marzahn stets als ein Ort der kindlichen Unbeschwertheit und Sorglosigkeit auf. Auf diesen Fotos findet sich jedoch auch ein Bezirk, der durch Plattenbauten und Tristesse geprägt ist. Zwischen den Elfgeschossern fällt der Blick auf weitere Hochhäuser, hinter denen ein Plattenbau dem nächsten folgt. Bauten, deren Fassaden in uniforme Anonymität getaucht sind. Kein Blumenkasten, keine aufwändige Gardine, keine extravagante Fenstergestaltung durchbricht dieses Meer an trister Einheitlichkeit.

Gerrit Engel: Ohne Titel, aus der Serie "Marzahn"Ohne Titel, aus der Serie „Marzahn“, © Gerrit Engel

Man bekommt fast das Gefühl, Marzahn sei ein unbeseelter Ort, wo man keinen Menschen auf der Straße trifft, wo man lieber unter sich bleibt statt dem Leben da draußen zuzunicken. Es scheint, hier blinzelten die Leute vorsichtig zwischen ihren Jalousien, um eine kurzen Blick auf das erlahmte Leben vor ihren Haustüren zu erhaschen.

Doch weit gefehlt: Bei Gerrit Engel stehen die Marzahner selbst im Vordergrund, die – alles andere als scheue Wesen – in ihrem Bezirk ein kleines, beschauliches Leben in Bescheidenheit führen und sich ein Kleinod teilen, das überall anders in der Republik einem unrühmlichen Ruf hinterhereilt, der so wenig mit der Realität zu tun hat.

Da ist etwa ein Foto aus dem winterlichen Bürgerpark: Kinder fahren Schlitten, tollen umher, leben einen ruhigen Alltag, der wohl im besten Sinne der Begrifflichkeit des Kindseins entspricht. Das alles findet vor der Kulisse der hochaufragenden Plattenbauten statt. Auch hier wechseln sich Elfgeschosser und Hochhäuser ab, auch hier weiß man sofort, dass man in Marzahn ist.

Gerrit Engel: Ohne Titel, aus der Serie "Marzahn"Ohne Titel, aus der Serie „Marzahn“, © Gerrit Engel

Gerrit Engel dokumentiert hier zweierlei: Auf der einen Seite gibt er den Vorurteilen Raum, die sicherlich nicht unbedingt einer Grundlage entbehren müssen, doch aber auch das widerspiegeln, was anderswo gedacht wird. Es scheint mir, als bestätige er zunächst den Betrachter, dessen Vorwissen wohl nur aus den bekannten Klischees besteht, begibt sich mit ihm auf eine Diskussionsebene um dann – und hier liegt wohl der Kern dieser Fotoserie – ein Bild zu bieten, das eine ganz andere Sprache spricht.

Engel konfrontiert mit Einblicken, die zuvor keiner kannte, die wohl manch einen Düsseldorfer oder Kreuzberger überrascht haben müssen. Marzahn sieht bei ihm auf einmal ganz anders aus, ist doch aber unverkennbar dasselbe Marzahn, von dem man zuvor so viel gehört hatte.

Das Haus in dem aufwuchs wie es heute aussiehtDas Haus, in dem aufwuchs, wie es heute aussieht

Er fängt aber auch auf vielen seiner Fotografien einen Bezirk in der Größe einer mittelgroßen Stadt ein, der sich im Umbruch befindet. Am besten sichtbar wird dies in den vielen Modernisierungsprojekten, die seit dem Ende der 90er Jahre das Stadtbild komplett verändert haben. Da werden Projekte des Stadtumbaus mit Lob überhäuft und der mittlerweile weit über Berliner Grenzen hinweg bekannte Erholungspark räumt den Oscar der Parkgestaltung ab. Was im Großen geht, spielt sich auch im Kleinen ab: Heute sieht Marzahn völlig anders aus als es noch Gerrit Engels vor elf Jahren sah.

Zwar dominieren nach wie vor Plattenbauten die Architektur Marzahns, doch sind diese nicht mehr wiederzuerkennen. Das Grau des Betons wich bunten Farben moderner Fassadengestaltung. Mediterrane Farbgebung trifft nun auf dezent-kühle Anstriche und gibt dem Bezirk ein Gesicht, das dieser Tage wohl so manchen Besucher überrascht. Das obige Foto etwa zeigt das Haus, in dem ich aufwuchs. Verglichen mit der rechten Ansicht des Eingangsfotos tut man sich doch schwer zu glauben, es handle sich hier um ein und dasselbe Gebäude.

Gerrit Engel: Ohne Titel, aus der Serie "Marzahn"Ohne Titel, aus der Serie „Marzahn“, © Gerrit Engel

Doch dadurch ist nun auch all jenes ferne Vergangenheit geworden, was Gerrit Engel als Kulisse seiner Fotoserie diente. Seine Dokumentation wäre wohl nicht an einem anderen Ort, vor einem anderen Hintergrund oder in einer anderen Zeit denkbar gewesen. Sie gibt eine nicht nur örtlich, ja auch zeitlich abgeschlossene Welt wieder. Man blickt in die Augen dieser Kinder und sieht nicht etwa Gesichter von heute, man sieht Angehörige einer vergangenen Zeit, die heute Anfang, Mitte zwanzig sind.

Ich gehöre zu ihnen. Ebenso könnte ich an ihrer Stelle vor Denkmälern posieren, skeptischen Blickes durch die Brille hindurch den Fotografen mustern. Ebenso könnte ich stolzerfüllt mit meinem Schlitten auf der Anhöhe stehen. Ebenso könnte ich im Kreise meiner Freunde auf irgendwelchen Wiesen tollend gesehen werden. Genau wie auch sie gehört meine Kindheit einer längst vergessenen Zeit an, die nur noch in Erinnerungen und Klischees weiterlebt.

Was würden sie wohl fühlen, könnten sie sich heute auf diesen Fotos erkennen? Würden sie sich ebenso lebhaft erinnern wie ich? Könnten sie sich vielleicht sogar an jenen Tag zurückversetzen, an dem ein Fotograf aus dem Westen kam und sie in mit ihrem ganz alltäglichen Leben ablichtete?

Sie würden vielleicht dasselbe empfinden wie ich. Denn Gerrit Engel dokumentierte nicht etwa bloß die Wahrheit über einen so berüchtigen Berliner Ostbezirk, er hielt doch eigentlich ein Stück meiner eigenen Identität fest.

Gerrit Engel: „Marzahn“,
erschienen 1999 in Köln im Verlag der Buchhandlung König
ISBN: 3 – 88375-371 – 8


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Aug in Aug mit Mao Tse-tung

Wang Yi Feis stille Kritik an der chinesischen Politik

Wang Yi Fei: UntitledUntitled, © Wang Yi Fei

Politische Missstände sind oftmals ein guter Nährboden für Künstler aller Disziplinen. Monumentale Werke wie Picassos Guernica oder Heines Wintermärchen entstanden in Zeiten politischer Unterdrückung und sind auch ganz abgesehen von ihren Motiven Meisterwerke ihrer Zeit.
Wenn wir hier in Europa an politische Verfolgung in unserer Zeit denken, kommen uns wohl nur Fernsehbilder aus fernen Gegenden wie dem Nahen Osten oder Nordkorea in den Sinn. Viel wissen wir nicht über diese Orte, auch zeitgenössische Kunst aus den genannten Regionen ist wohl den wenigsten bekannt. Umso überraschender ist es dann, wenn man einmal regierungskritische Werke aus solchen Ländern zu Gesicht bekommt.

So stolperte ich kürzlich über eine ausdrucksstarke Fotografie des Chinesen Wang Yi Fei.


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The beauty of death

Patrik Budenz' ungewohnte Perspektiven

Patrik BudenzOhne Titel (aus „Post mortem“), © Patrik Budenz

Es gibt Dinge, Orte, Themen im Leben, die wegen ihrer teils unangenehmen, teils befremdlichen Natur verdrängt und ignoriert werden. Dies betrifft insbesondere alles, was mit dem Sterben oder dem Tod zu tun hat – es erinnert uns an unser eigenes Schicksal und es scheint, nur durch die Verdrängung einer Auseinandersetzung vermöge man sich wieder auf das Hier und Jetzt besinnen zu können. Dieser Gedanke ist allerdings nicht zu Ende gedacht, denn das künstliche Ausgrenzen dieses Themas hüllt es gleichzeitig in einen dunklen Schleier der Unwissenheit.

Durch meine Zivildienstzeit auf einer Palliativstation und die Möglichkeit des Studiums, ein Praktikum in den universitären und städtischen gerichtsmedizinischen Instituten Berlins zu absolvieren, habe ich mittlerweile einen anderen Blick auf das Thema gewonnen. Der Tod gehört letztlich zum Leben dazu und wie tragisch und dramatisch er auch kommen mag, oftmals lässt sich im Detail eine gewisse Ästhetik, im unmenschlich anmutenden eine ganz natürliche Note erkennen.

Dann stolperte ich kürzlich über einige der Arbeiten des Berliner Fotografen Patrik Budenz, der eben diese subtilen Momente einfängt. Mein Interesse war spätestens dann geweckt, als ich die Mitarbeiter, die Räume und das Inventar des Berliner Landesinstituts für Rechtsmedizin wiedererkannte, denn für Budenz wurde offensichtlich die große Ausnahme gemacht, dass er in dieser streng vertraulichen und sensiblen Atmosphäre seine Fotos anfertigen durfte. Was folgt, ist eine erstaunlich realistische Darstellung dessen, was Rechtsmedizinern und Bestattern ein alltägliches Bild bietet – sensiblen Personen möchte ich trotz des schonungslosen Umgangs den Rest des Artikels anempfehlen.


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Zwischen Tradition und Umbruch

Porträts afrikanischer Stammesfürsten und Monarchen

Daniel Lainéel Hadji Mamadou Kabir Usman, Emir von Katsina (Nigeria), © Daniel Lainé

Eine meiner vielen Interessen ist die Ethnologie, die Völkerkunde. Auf der Suche nach einem neuen Bildband bin ich auf ein mittlerweile schon neun Jahre altes Buch von Daniel Lainé gestoßen, dessen Bildmaterial wiederum aus den Jahren 1988 – 1991 stammt. Dennoch bleibt sein Thema aktuell, denn Lainé hat in diesen Jahren die afrikanischen Fürsten und Monarchen bei Hofe besucht und in royaler Manier porträtiert. Die Bilder stellen jedoch nicht nur Zeitdokumente feudaler Gesellschaftsspitzen dar, sie zeigen auch einen künstlerischen Charakter, wenn auf subtile Art und Weise die typischen Entwicklungen und Stilblüten dieser Gesellschaften zwischen tradierten und westlichen Normen eingefangen werden.


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Am rechten Fleck

Ontologischer Diskurs

Frank Kunert: Bad in der Menge„Bad in der Menge“, © Frank Kunert

Realität und Imagination stehen sich näher, als man beim Lesen dieses platten Satzes vermuten mag. Dies zeigt sich immer wieder beim Betrachten eines Bildes, eines Fotos oder beim Lesen eines Textes: Der Konsument vertraut sich einem Medium an, misst ihm (zumeist) eine gewisse Autorität zu und verliert keinen weiteren Gedanken darüber, dass es sich doch nur bestenfalls um eine Projektion der Wirklichkeit handelt, mit der er sich gerade beschäftigt. Ein wichtiges Urteil wird dabei häufig viel zu leichtfertig gefällt; nämlich, inwiefern dieses Abbild Verzerrungen und subjektiven Einflüssen, perspektivischer Betonung und Übergehens, aber auch inhaltlicher Beschneidung unterworfen ist.

Immer dann, wenn dies gewahr wird, sprechen wir von Zensur, Schwindel oder bestenfalls von Informationsverlust. Was dabei aber meist vergessen wird: Die vermeintliche Realität, die uns entgegenspricht, ist nicht etwa dem Medium einverleibt, d.h. sie selbst wird nicht von ihm getragen. Was wir für Realität halten, ist doch stets eine Extrapolation der Wahrnehmung, im günstigen Fall eine Näherung der Wirklichkeit. Erst das Bewusstsein, dass jedes uns zur Verfügung stehende Medium dieses Mapping nur modulieren kann, führt doch zu dem folgerichtigen Verhalten, eigene und fremde Wahrnehmung in einen sinnvollen Kontext zu stellen. Kant’sche Basiscs also.

Hard cut.
Aus dieser Beobachtung begründet ist es doch immer wieder erfrischend, sich diesen Sachverhalts beim Kunstgenuss klar zu werden. Dafür steht, wie ich finde, beispielhaft der Frankfurter Fotograf Frank Kunert. Kunert ist einer der Künstler der Gegenwart, deren Werke dank ihres Charmes längst zu beliebten Postkartenmotiven avancierten und vielleicht sogar einen kleinen Teil von Popkultur ausmachen. Wenn Michael Sowa seine hübschen Gemälde in französischen Kultfilmen unterbringt, dann nimmt Kunerts Idolrolle zunächst in Form von Kalendern Gestalt an.

Frank Kunerts Kunst lässt sich im Wesentlichen dadurch auf den Punkt bringen, dass er zunächst in akribischer Detailarbeit Modellbauwelten mit überraschenden städteplanerischen und architektonischen Wendungen entwirft, um diese dann mit den Kniffen eines Fotografen derart in Szene zu setzen, dass der Rezipient später zumindest einen Moment lang der Meinung ist, es handle sich um den neusten Schildbürgerstreich.


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Identitätskrise

Ein Hauch von Magritte

Greg Sand: Anderson Family Portraits: Widowed Father„Anderson Family Portraits: Widowed Father“, © Greg Sand

In letzter Zeit kann ich mich mehr und mehr für Fotografie begeistern, habe mir sogar eine alte Polaroid gekauft um damit ein wenig zu experimentieren. In dieser neu gewonnen Begeisterung stolpere ich dann über die Bilder eines gewissen Greg Sand und bin sofort hin und weg. Sie sprachen in einer Metaphorik, für die ich schon immer etwas übrig hatte. Greg Sands Porträts sind buchstäblich gesichtslos, entbehren selten einer gewissen Tragik und tragen zu alledem den Charme vergangener Zeiten.


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