Marzahner Lokalkolorit

Das Emotionalfeuerwerk hinter Kunst mit Heimatbezug

Gerrit Engel: Ohne Titel, aus der Serie "Marzahn"Ohne Titel, aus der Serie „Marzahn“, © Gerrit Engel

Marzahn: wo graue Plattenbauten, Arbeitslosigkeit und sozialer Verfall in einer Melange aus Trostlosigkeit und gescheitertem Sozialismus aufeinander treffen. Wo Schicksale besiegelt werden: Hier werden Menschen gemacht, die schon als Kinder keine Chance haben. Hier werden Menschen gemacht, die es zu beliebten Komikern bringen.
Marzahn ist aber auch meine Heimat, ein Ort, den ich besser kenne und mehr liebe als alle jene, die über diesen Berliner Ostbezirk nicht mehr als diese vielen Klischees wissen.

Als ich vor einiger Zeit die obigen Aufnahmen im Internet fand, ward mir ganz anders um Herz. Da hatte ein Fotograf im Jahre 1999 diesen meinen Bezirk eingefangen und auf Film gebannt. Da hatte jemand meine Heimat fotografiert, den Ort, wo ich meine Kindheit verbracht habe: Die rechte der beiden abgebildeten Fassaden erkannte ich sofort; es war das Haus, in dem ich als Kind wohnte, ein Gebäude, das heute so nicht mehr existiert.

Es ist unglaublich, was ich beim Anblick dieser schlichten Bilder empfand, die ja nur die Fassadengestaltung eines in den späten Siebzigern und frühen Achtzigern hochgezogenen Häuserblocks festhalten. Aus Mangel an besseren Worten: „Heimweh“, „Wehmut“. Doch eigentlich etwas ganz anderes. Etwas Unbeschreibliches.

Grund genug, mich mit der Fotoserie, dem dazugehörigen Bildband, meiner Heimat, wie ich sie in Erinnerung behalten habe und auch wie man sie jetzt vorfindet zu beschäftigen, und meine Identität zu hinterfragen.

Gerrit Engel: Ohne Titel, aus der Serie "Marzahn"Ohne Titel, aus der Serie „Marzahn“, © Gerrit Engel

Wenn man den Klischees glauben will, so ist Marzahn alles andere als ein Ort, an dem man wohnen und leben möchte. Man kann diese Vorurteile nicht gänzlich negieren, stammen sie doch aus der Zeit, als Marzahn als eines der größten Bauprojekte der DDR aus dem Boden gestampft wurde. Grau in grau sah hier alles aus, für Anpflanzungen war keine Zeit, auch Freizeitbeschäftigung suchte man hier vergeblich. Doch das gab sich schnell: die Bewohner begrünten ihren Bezirk auf eigene Faust, später spendierte die DDR-Führung große Freizeitzentren und sogar ein kleines Kino.

Während meiner Kindheit war von jenem Klischee nichts mehr zu ahnen: Marzahn war längst ein grüner Bezirk geworden, wir Kinder fanden überall Spielplätze und –flächen, hatten im besten Sinne eine unbeschwerte Kindheit. Das obige Bild zeigt meine Grundschule etwa zu dem Zeitpunkt, als ich in der fünften oder sechsten Klasse war. Auch dieses Gebäude existiert nicht mehr, doch reicht dieses Foto allein aus, um allerhand Erinnerungen hervorsprudeln zu lassen: Tischtennis in der Hofpause, Fußball auf dem Sportplatz, mit dem Fahrrad nach Hause fahren. Erinnerungen an eine Kindheit also, wie die meisten sie gehabt haben.

Gerrit Engel: Ohne Titel, aus der Serie "Marzahn"Ohne Titel, aus der Serie „Marzahn“, © Gerrit Engel

Das obige Foto zeigt in etwa, wie Kindheit in Marzahn aussehen konnte: Wir Kinder waren jeden Tag draußen, spielten auf den vielen Wiesen, fingen Grillen oder manchmal auch Frösche, kletterten auf Bäume, spielten Verstecken zwischen all dem Grün der Gebüsche und Wiesen und dem Grau der Plattenbauten. Als dieses Foto aufgenommen wurde, war ich gerade zehn oder elf Jahre alt, es zeigt vermutlich den Hinterhof, auf dem ich selbst so viele Sommernachmittage mit Orangeneis und Wasserpistole verbrachte.

Eines der Kinder auf diesem Bild kannte ich sogar, es ging in meine Klasse, wurde oft von den anderen Kindern geärgert, war mit nur wenigen wirklich befreundet.

Viele Jahre später erfuhr ich vom Tod an der Leitplanke. Jetzt schaut es mich an, von diesem elf Jahre alten Foto.

Gerrit Engel bildet Erinnerungen ab. Keine wehmütigen oder gar traurigen, doch aber ganz private und wertvolle, die wohl nur schwer nachzuempfinden sind. Obgleich Engel wohl bei seinem Streifzug durch das Marzahn der ausgehenden 90er Jahre andere Ideen und Motive verfolgte, fing er doch auch für einen kleinen Kreis unter denjenigen, denen er Bericht erstattet, eine Welt ein, die sie besser kannten, als jeder andere.

In der Legende des Bildbandes fehlt für dieses Foto die Ortsangabe. Was Engel wohl vergaß, kann ich aus meinem Gedächtnis ergänzen: Jan-Petersen-Straße 2 – 6. Erkennbar an der Fassadengestaltung, die gar nicht so trist war, wie Marzahnbesucher es wohl empfanden. Etwa drei Meter rechts vom Bild müsste sich ein großes Gebüsch, mitten auf der Wiese gelegen, befunden haben. Ich weiß noch, wie ich darin saß, Marienkäfer fing und in TicTac-Dosen sperrte.

Gerrit Engel: Ohne Titel, aus der Serie "Marzahn"Ohne Titel, aus der Serie „Marzahn“, © Gerrit Engel

Dann sind es Fotos wie diese, die mich in eine Welt eintauchen lassen, die in dieser Form nicht mehr existiert, die ganz meiner Erinnerung gehört, die den Mikrokosmos meiner gesamten Kindheit beherbergt. Ich kann ohnehin schon viele Erinnerungen mit einem einzigen, kleinen Detail assoziieren, Gerrit Engels Fotografien jedoch lösen in mir ein wahres Emotionalfeuerwerk aus. Es ist unglaublich, wie viele im Grunde genommen unwesentliche Assoziationen durch diese Abbildungen wieder ins Bewusstsein kommen und greifbar werden.

In meinen Erinnerungen taucht Marzahn stets als ein Ort der kindlichen Unbeschwertheit und Sorglosigkeit auf. Auf diesen Fotos findet sich jedoch auch ein Bezirk, der durch Plattenbauten und Tristesse geprägt ist. Zwischen den Elfgeschossern fällt der Blick auf weitere Hochhäuser, hinter denen ein Plattenbau dem nächsten folgt. Bauten, deren Fassaden in uniforme Anonymität getaucht sind. Kein Blumenkasten, keine aufwändige Gardine, keine extravagante Fenstergestaltung durchbricht dieses Meer an trister Einheitlichkeit.

Gerrit Engel: Ohne Titel, aus der Serie "Marzahn"Ohne Titel, aus der Serie „Marzahn“, © Gerrit Engel

Man bekommt fast das Gefühl, Marzahn sei ein unbeseelter Ort, wo man keinen Menschen auf der Straße trifft, wo man lieber unter sich bleibt statt dem Leben da draußen zuzunicken. Es scheint, hier blinzelten die Leute vorsichtig zwischen ihren Jalousien, um eine kurzen Blick auf das erlahmte Leben vor ihren Haustüren zu erhaschen.

Doch weit gefehlt: Bei Gerrit Engel stehen die Marzahner selbst im Vordergrund, die – alles andere als scheue Wesen – in ihrem Bezirk ein kleines, beschauliches Leben in Bescheidenheit führen und sich ein Kleinod teilen, das überall anders in der Republik einem unrühmlichen Ruf hinterhereilt, der so wenig mit der Realität zu tun hat.

Da ist etwa ein Foto aus dem winterlichen Bürgerpark: Kinder fahren Schlitten, tollen umher, leben einen ruhigen Alltag, der wohl im besten Sinne der Begrifflichkeit des Kindseins entspricht. Das alles findet vor der Kulisse der hochaufragenden Plattenbauten statt. Auch hier wechseln sich Elfgeschosser und Hochhäuser ab, auch hier weiß man sofort, dass man in Marzahn ist.

Gerrit Engel: Ohne Titel, aus der Serie "Marzahn"Ohne Titel, aus der Serie „Marzahn“, © Gerrit Engel

Gerrit Engel dokumentiert hier zweierlei: Auf der einen Seite gibt er den Vorurteilen Raum, die sicherlich nicht unbedingt einer Grundlage entbehren müssen, doch aber auch das widerspiegeln, was anderswo gedacht wird. Es scheint mir, als bestätige er zunächst den Betrachter, dessen Vorwissen wohl nur aus den bekannten Klischees besteht, begibt sich mit ihm auf eine Diskussionsebene um dann – und hier liegt wohl der Kern dieser Fotoserie – ein Bild zu bieten, das eine ganz andere Sprache spricht.

Engel konfrontiert mit Einblicken, die zuvor keiner kannte, die wohl manch einen Düsseldorfer oder Kreuzberger überrascht haben müssen. Marzahn sieht bei ihm auf einmal ganz anders aus, ist doch aber unverkennbar dasselbe Marzahn, von dem man zuvor so viel gehört hatte.

Das Haus in dem aufwuchs wie es heute aussiehtDas Haus, in dem aufwuchs, wie es heute aussieht

Er fängt aber auch auf vielen seiner Fotografien einen Bezirk in der Größe einer mittelgroßen Stadt ein, der sich im Umbruch befindet. Am besten sichtbar wird dies in den vielen Modernisierungsprojekten, die seit dem Ende der 90er Jahre das Stadtbild komplett verändert haben. Da werden Projekte des Stadtumbaus mit Lob überhäuft und der mittlerweile weit über Berliner Grenzen hinweg bekannte Erholungspark räumt den Oscar der Parkgestaltung ab. Was im Großen geht, spielt sich auch im Kleinen ab: Heute sieht Marzahn völlig anders aus als es noch Gerrit Engels vor elf Jahren sah.

Zwar dominieren nach wie vor Plattenbauten die Architektur Marzahns, doch sind diese nicht mehr wiederzuerkennen. Das Grau des Betons wich bunten Farben moderner Fassadengestaltung. Mediterrane Farbgebung trifft nun auf dezent-kühle Anstriche und gibt dem Bezirk ein Gesicht, das dieser Tage wohl so manchen Besucher überrascht. Das obige Foto etwa zeigt das Haus, in dem ich aufwuchs. Verglichen mit der rechten Ansicht des Eingangsfotos tut man sich doch schwer zu glauben, es handle sich hier um ein und dasselbe Gebäude.

Gerrit Engel: Ohne Titel, aus der Serie "Marzahn"Ohne Titel, aus der Serie „Marzahn“, © Gerrit Engel

Doch dadurch ist nun auch all jenes ferne Vergangenheit geworden, was Gerrit Engel als Kulisse seiner Fotoserie diente. Seine Dokumentation wäre wohl nicht an einem anderen Ort, vor einem anderen Hintergrund oder in einer anderen Zeit denkbar gewesen. Sie gibt eine nicht nur örtlich, ja auch zeitlich abgeschlossene Welt wieder. Man blickt in die Augen dieser Kinder und sieht nicht etwa Gesichter von heute, man sieht Angehörige einer vergangenen Zeit, die heute Anfang, Mitte zwanzig sind.

Ich gehöre zu ihnen. Ebenso könnte ich an ihrer Stelle vor Denkmälern posieren, skeptischen Blickes durch die Brille hindurch den Fotografen mustern. Ebenso könnte ich stolzerfüllt mit meinem Schlitten auf der Anhöhe stehen. Ebenso könnte ich im Kreise meiner Freunde auf irgendwelchen Wiesen tollend gesehen werden. Genau wie auch sie gehört meine Kindheit einer längst vergessenen Zeit an, die nur noch in Erinnerungen und Klischees weiterlebt.

Was würden sie wohl fühlen, könnten sie sich heute auf diesen Fotos erkennen? Würden sie sich ebenso lebhaft erinnern wie ich? Könnten sie sich vielleicht sogar an jenen Tag zurückversetzen, an dem ein Fotograf aus dem Westen kam und sie in mit ihrem ganz alltäglichen Leben ablichtete?

Sie würden vielleicht dasselbe empfinden wie ich. Denn Gerrit Engel dokumentierte nicht etwa bloß die Wahrheit über einen so berüchtigen Berliner Ostbezirk, er hielt doch eigentlich ein Stück meiner eigenen Identität fest.

Gerrit Engel: „Marzahn“,
erschienen 1999 in Köln im Verlag der Buchhandlung König
ISBN: 3 – 88375-371 – 8


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Alles andere als Luft

Das unscheinbare Element in einem ganz neuen Licht

Martin Creed: Work No. 551„Work No. 551″, © Martin Creed

Wenn Kinder Bilder von idyllischen Landschaften malen, dann findet man neben strahlenden Sonnen und prächtigen Bäumen auch stets Wolken, die auf etwas verweisen, das für den kindlichen Geist so wohl einfacher zu fassen ist: der Himmel oder – allgemeiner – die Luft um uns herum. Das Problem ist schnell erkannt: Die Luft ist zwar allgegenwärtig und wie selbstverständlich da, doch fällt es schwer, ihrer gewahr zu werden.

Umso eindrücklicher sind dann jene Momente, in denen wir die Luft um uns herum wahrnehmen können. Ein Orkan etwa lässt uns ehrfürchtig und klein werden; auch der Druckausgleich in großen Höhen erzeugt bei vielen ein unangenehmes Gefühl. Frische Luft lässt uns durchatmen, kühle Luft bringt Erfrischung.

Martin Creed jedoch geht die Erfahrbarmachung der Luft von einer anderen Seite an. Seine Werkzeuge sind Kontakt, Enge und Beklemmung.


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Jenseits der Imagination

Wenn Astrophysik auf zeitgenössische Kunst trifft

Mariusz Sołtysik: Neutrino trap stirring up cosmic dust„Neutrinos trap stirring up cosmic dust“, © Mariusz Sołtysik

Der Mensch zeichnet sich dadurch aus, dass er mit seiner Umwelt interagiert. Mithilfe von Motorik und Kommunikation kann er Impulse setzen und gestalterisch wirksam werden, durch seine Sinne kann er den Zustand seiner Umwelt in mehreren Qualitäten erfassen. Und doch bleibt ihm vieles verborgen. Ich schrieb schon einmal über die Grenzen der Wahrnehmung und sprach dabei essentielle physikalische Größen wie Temperatur und Zeit an, die wir nur mit Hilfsmitteln adäquat messen können.

Beschäftigt sich der vorgestellte Künstler John Baldessari mit physikalischen Größen, also abstrahierten, mitunter unanschaulichen Dingen, stolperte ich kürzlich über einen Künstler, der sich eindrücklicheren Dimensionen des Unvermögens menschlicher Wahrnehmung widmet. – Es geht um Neutrinos und die unvorstellbare Situation, sekündlich von Billiarden Teilchen durchlöchert zu werden. Denn Imagination beginnt dort, wo Wahrnehmung aufhört.


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Die Entmündigung des Künstlers

Wenn Künstler nicht über ihre Werke verfügen dürfen

Ugo Rondinone: If there were anywhere but desert. Tuesday„If there were anywhere but desert. Tuesday“, © Ugo Rondinone

Kürzlich warfen sie bei Kulturzeit einen Blick auf das Kunsthaus Aargau, wo kürzlich der renommierte Schweizer Ugo Rondinone eine Einzelausstellung eröffnete. So etwas wie ein Interview mit dem Künstler war das, nur ohne Interview, Rondinone sei wohl sehr scheu. Und so verfolgte man den umtriebigen Künstler inmitten des emsigen Treibens kurz vor der Eröffnung jener viel beachteten Ausstellung in seiner schweizer Heimat.

Schnell tauchte ein Problem auf: Rondinone ist mit dem „Clown“, einer Skulptur, die eigentlich den Titel „If there were anywhere but desert. Tuesday“ trägt, nicht zufrieden. Man lernt, dass die Clownsfigur immer wieder in Rondinones Werken auftaucht, doch diese hier passt nicht recht ins Bild. Der Künstler würde sie lieber an einem anderen Ort in der Galerie sehen. Simples Problem, simple Lösung. Möchte man meinen.

Doch weit gefehlt: Ehe Rondinone sein eigenes Werk überhaupt berühren darf, muss er bei dessen Besitzern, Almine und Bernard Ruiz-Picasso, telefonisch nachfragen, ob diese ihm ein Verrücken der Skulptur überhaupt genehmigen. Als dann ein Telefon aufgetrieben werden konnte und irgendwann das Einverständnis eingeholt war, konnten fünf behandschuhte Helfer den Clown mit der gebotenen Vorsicht an seinen neuen Platz in der Galerie hieven.

Ein groteskes Schauspiel, wie ich fand. Mag der Gebrauch von Latexhandschuhen noch für ein gewisses Maß an Professionalität sprechen, wirkte das ganze Gehabe um die Einholung des Einverständnisses doch überaus eigenartig.

Wird einem Künstler heute etwa die Kompetenz abgesprochen, zu wissen, wie seine eigenen Werke zu verstehen und daher auch, wie sie in einer Ausstellung zu platzieren sind?


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Von der Aura der Kunst

Warum nur der direkte Kontakt zum Werk zählt

Anthony Goicolea: Jettison„Jettison“ (wie man es im Internet sieht), © Anthony Goicolea

Kunst im Internet hat einen entscheidenden Nachteil: Trotz der schnellen Verfügbarkeit einer Unzahl von Werken von einer Myriade Künstlern aus allen vier Enden der Welt ist doch nie gesichert, dass die Rezeption all dieser Werke im Internet, auf Abbildungen in Zeitschriften, Büchern und Katalogen dieselbe ist wie die in der Galerie, wenn man Angesicht zu Angesicht mit dem Kunstwerk in Kontakt tritt.

Das Ausmaß dieser Diskrepanz ist unberechenbar. Sowohl das eine Extrem, dass das Werk in natura energiegeladener, geheimnisvoller, einnehmender  – kurz: eindrucksvoller – daher kommt, als auch das konträre Extrem, nämlich dass das Gegenübertreten in der Galerie zu einer unerwarteten Enttäuschung wird, sind alles andere als selten anzutreffen. Wenn man einem Kunstwerk eine Aura zuschreiben möchte, dann ist das wohl der Punkt, auf dem man seine Argumentation stützen würde. Denn diese Aura, sofern sie tatsächlich fassbar ist, geht auf bloßen Abbildungen verloren.

Gombrich schreibt darüber, ebbe sieht ebenfalls diesen Knackpunkt und auch ich bin mir dieses Problems bewusst. Ich schreibe hier viel über Rauminstallationen und oftmals auch über Künstler, deren Werke ich (noch) nicht in Galerien oder Museen gesehen habe. Dass dabei Imagination und kognitives Lückenausbessern eine Rolle spielen, liegt in der Natur der Sache, doch kürzlich war ich selbst wieder überrascht, wie stark sich ein Eindruck wandeln kann, wenn man ein Kunstwerk das erste Mal in natura sieht.

Es geht um Anthony Goicoleas Arbeiten, die in seiner aktuellen Ausstellung „DECEMBERMAY“ bei ScheiblerMitte zu sehen sind und über die ich ja bereits voller Begeisterung schrieb. Vor Ort stellten sich die Dinge dann doch anders dar…


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Urbane Dissonanzen

Von den sozialen Kontrasten der modernen Großstadt

Gabriel Orozco: Isla en la isla„Isla en la isla“, © Gabriel Orozco

Im Jahre 2007 lebte laut UNO mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten, im Jahre 1800 waren es gerade einmal 3%. Diese drastische Verstädterung, die insbesondere in den Schwellen– und Entwicklungsländern in einer unglaublichen Geschwindigkeit vorangetrieben wird, bringt unweigerlich eine Vielzahl von neuen Herausforderungen mit sich, von agrarökonomischen Problemen bishin zu energiewirtschaftlicher Leistungssteigerung. Aber vor allen Dingen auch sozio-psychologische und soziale Probleme entwachsen dieser rasanten Entwicklung, die häufig zu einer großen Kluft zwischen den Bevölkerungsschichten der Stadt führen.

Hier sind es die Favelas und Slums der leuchtenden Metropolen Südamerikas und Südostasiens, dort ist es die wachsende Obdachlosenrate nordamerikanischer und anderer westlicher Großstädte, die im scharfen Kontrast zu den hochaufragenden Bürotürmen der schönen, neuen Welt stehen.

Und wie so oft ziehen gegenwärtige gesellschaftliche Entwicklungen auch hier das Interesse zeitgenössischer Künstler auf sich, die in diesem Fall die vielen Facetten dieser urbanen Dissonanz erfassen und oftmals auch erst publik machen.


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Kunstaward im Zeichen des Biers

Auch ich rufe euch auf, Werke einzusenden!

Logo des Blooom AwardLogo des Blooom Award

Kürzlich flatterte bei mir die Nachricht über die neuste Aktion der Brauerei Warsteiner ein und schon beim Stöbern auf der Webseite kann man förmlich die Gedanken der PR-Abteilung brodeln hören:

Es ist Zeit für eine Social-Marketing-Kampagne. Aber was braucht es eigentlich alles dazu? Hm. Ein fetziges Logo: jugendlich, frisch, energetisch. Und natürlich eine Twitter-, eine Facebook– und eine Myspace-Seite, ja genau, geht ja nicht mehr ohne. Aber wie ziehen wir es auf? Genau, das ist es: Ein Award, bei dem jeder seinen Beitrag einsenden und attraktive Preise gewinnen kann! So machen wir’s!

Ob es so oder so ähnlich bei Warsteiner abgelaufen ist, weiß ich nicht, am Ende stand jedoch der „Blooom Award“, das Preisausschreiben zur Kunstmesse mit den obligatorischen drei „O“. Das Neuartige: kein Sänger, kein Model, kein Kleintalent soll gekürt, nein, ein Künstler in den Olymp seiner Zunft gehoben werden. Oder so ähnlich. Doch irgendwie beschleicht mich das Gefühl, dass die Sache nicht ganz koscher ist…

Wie dem auch sei: Ich rufe euch dennoch zum Einsenden von Arbeiten auf! Mehr dazu nach dem Klick.


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Die Epiphanie Hitlers

G. Helnweins Referenz an kunsthistorische Evergreens

Gottfried Helnwein: Epiphany I (Adoration of the Magi)„Epiphany I (Adoration of the Magi)“, © Gottfried Helnwein

Was mich an Gottfried Helnweins Kunst besonders reizt, ist, dass man sich ihr nicht entziehen kann. Man kann sie mögen, man kann sich ihr abwenden, man kann jedoch nicht neutral bleiben: eine Eigenschaft, die man nicht oft findet. Umso erfreulicher war es, kürzlich einige seiner Werke wieder zu entdecken und sie aus einer ganz neuen Perspektive zu sehen.

Denn unter seinen vielen Arbeiten finden sich so manche, die ihr volle Wirkung erst dadurch erlangen, dass sie klassische Motive der Kunstgeschichte der aufgreifen und neu interpretieren bzw. adaptieren. Dazu gehört auch die dreiteilige Reihe „Epiphany“, die dem Titel nach die Erscheinung des Herrn, also die Ankunft der drei Weisen bzw. der heiligen drei Könige an der Krippe des Christuskinds darstellt. Dass Helnwein dabei schnell den konventionellen Weg verlässt, dürfte wohl klar sein…


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Aug in Aug mit Mao Tse-tung

Wang Yi Feis stille Kritik an der chinesischen Politik

Wang Yi Fei: UntitledUntitled, © Wang Yi Fei

Politische Missstände sind oftmals ein guter Nährboden für Künstler aller Disziplinen. Monumentale Werke wie Picassos Guernica oder Heines Wintermärchen entstanden in Zeiten politischer Unterdrückung und sind auch ganz abgesehen von ihren Motiven Meisterwerke ihrer Zeit.
Wenn wir hier in Europa an politische Verfolgung in unserer Zeit denken, kommen uns wohl nur Fernsehbilder aus fernen Gegenden wie dem Nahen Osten oder Nordkorea in den Sinn. Viel wissen wir nicht über diese Orte, auch zeitgenössische Kunst aus den genannten Regionen ist wohl den wenigsten bekannt. Umso überraschender ist es dann, wenn man einmal regierungskritische Werke aus solchen Ländern zu Gesicht bekommt.

So stolperte ich kürzlich über eine ausdrucksstarke Fotografie des Chinesen Wang Yi Fei.


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Was gut ist, kommt wieder

Alte Werke in neuem Gewand

Dorothee Golz: Der Perlenohrring„Der Perlenohrring“, © Dorothee Golz

Noch sind Semesterferien und so bleibt für mich viel Zeit, mich eingehend mit Kunst und auch Kunstgeschichte zu beschäftigen. Vor allen Dingen letzteres hat es mir in den letzten Wochen angetan, viele große Meister haben einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Neben Corregio, Carravagio, Frans Hals und William Turner war dies insbesondere auch Jan Vermeer, dessen Werke durch eine wundervolle Stille und Schönheit des Schlichten bestechen.

Auch wenn diese Bilder den Alltag des 17. Jahrhunderts einfingen, wirken sie 350 Jahre später unweigerlich wie Zeugnisse aus einer längst vergangenen Zeit, die uns zwar auf wundervolle Weise ausgebreitet wird, aber doch mit unserer nicht mehr viel gemein hat.

Umso überraschender war es kürzlich für mich, auf eine Künstlerin zu stoßen, die allseits bekannte Motive der Kunstgeschichte aufgreift und in unsere Zeit transferiert, den Brückenschlag zwischen Vergangenheit und Gegenwart schafft und dadurch auch verblüffende Effekte erzielt.


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