Das Ende allen Luxus

Es hat sich ausgeträumt – so urteilt eine Ausstellung über Kunst aus Krisenzeiten

Nikolaus Eberstaller: AschegeldNiko­laus Eber­stal­ler: Aschegeld

Wenn man es mit Niko­laus Eber­stal­ler nimmt, dann ist jetzt genau der rich­tige Zeit­punkt für poli­ti­sche und sozi­al­kri­ti­sche Kunst. Wir befän­den uns jetzt auf dem Weg von einer Krise in die nächste, so argu­men­tiert der Wie­ner Künst­ler, der mit mehr als drei­ßig Kol­le­gen die­ser Tage bei Mica Moca in einer Aus­stel­lung zu eben jener zen­tra­len Frage ver­tre­ten ist: Wel­che Rolle spielt die Kunst in einer Zeit, die durch Finanz­kri­sen, Atom­un­fälle, Wet­ter­ex­treme und die all­ge­meine Erd­er­wär­mung geprägt ist?

Wenn man den Blick auf ver­gan­gene Jahr­zehnte und Jahr­hun­derte rich­tet, wird man erken­nen, daß die Kunst die Ereig­nisse häu­fig vor­weg nahm. Diese Ein­sicht erschließt sich so deut­lich frei­lich nur aus einer sol­chen Retro­spek­tive, den­noch muss die Frage gestellt wer­den, ob die Kunst in der Gegen­wart diese Rolle wei­ter­hin aus­fül­len kann. Ange­sichts der Ökono­mi­sie­rung des Kunst­mark­tes und der Rela­ti­vie­rung des Künst­le­ri­de­als vom unab­hän­gi­gen Chro­nis­ten und Kom­men­ta­tor schei­nen Zwei­fel daran nicht unbegründet.

Das vier­köp­fige Kura­to­ren­team um Nicole Loe­ser von Whi­te­con­cepts hat sich die­sem Thema ange­nom­men und nach Ant­wor­ten in der Kunst selbst gesucht. Dar­aus ent­stan­den ist die Aus­stel­lung “The end of the dream (comes too soon)” , die für kurze Zeit im Wed­din­ger Kul­tur­haus Mica Moca ihr Lager bezo­gen hat. Zwar fin­det heute Abend nach nur drei Aus­stel­lungs­ta­gen die Finis­sage statt, trotz­dem war die Schau eine nähere Betrach­tung wert.

Nikolaus Eberstaller: AschegeldNiko­laus Eber­stal­ler: Aschegeld

Bereits der erste Aus­stel­lungs­raum im weit­läu­fi­gen Werk­statt­ge­bäude spricht Klar­text: Es bleibt keine Zeit für Phan­tas­te­reien, die Krise ist längst da. Maß­geb­lich für diese reso­lute Linie ist Niko­laus Eber­stal­ler, der hier mit drei Arbei­ten ver­tre­ten ist. So gibt etwa “Asche­geld” einen Aus­schnitt aus einem bereits län­ge­ren Pro­jekt wie­der, für das Eber­stal­ler in den Städ­ten Öster­reichs und Ost­eu­ro­pas eigens ange­fer­tig­tes Papier­geld unter die Leute bringt. Abge­bil­det sind sie­ben Kri­sen und Kata­stro­phen der Gegen­wart, ver­eint mit jeweils einer iko­nisch auf­ge­la­de­nen Welt­marke und der ent­spre­chen­den Tod­sünde. Die “Honey”-Banknoten wer­den wie Flug­zet­tel ver­brei­tet und hät­ten schon häu­fi­ger zu uner­war­te­ten Reak­tio­nen geführt. So wur­den sie bereits als eine mit finan­zi­el­lem Wert behaf­tete Wäh­rung ange­se­hen, für die Luxus­gü­ter erstan­den wer­den könn­ten. Dage­gen hiel­ten v.a. Kin­der die oran­ge­nen 20-Honey-Noten wegen des abge­bil­de­ten McDonald’s-Logos für wert­volle Burger-Coupons.

In “The end of the dream (comes too soon)” ist nicht nur eine Tafel mit allen Bank­no­ten, son­dern auch ein Asche­kreis des ver­brann­ten Gel­des zu sehen. Wie ein Bann­kreis umschlie­ßen ein­zelne und in Bün­deln her­um­lie­gende Scheine einen gro­ßen Asche­hau­fen, der von der Finanz­krise und der Abs­trak­tion des Wert­ver­lus­tes erzählt. Ein­zig wer im Kreis selbst steht, so urteilt Eber­stal­ler sar­kas­tisch, sei vor der Macht des Gel­des gefeit. Was hätte man dort auch noch zu verlieren?

Nikolaus Eberstaller: Roter CherubNiko­laus Eber­stal­ler: Roter Cherub

Dem gegen­über steht ein ide­el­ler Ver­lust, der dem “Rote Che­rub” wider­fuhr. Der gefal­lene Engel liegt nur wenige Meter wei­ter am Boden, den Blick fürch­tend zum Him­mel erho­ben, als sei sein Sturz noch immer nicht been­det. Der Auf­prall der feu­er­ro­ten und ihrer Flü­gel beraub­ten Putte ist nicht abzu­se­hen und so ist sie zum Fal­len ver­dammt. Als Wäch­ter des Para­die­ses kam dem Che­ru­ben eine denk­bar ein­fa­che Auf­gabe zu, die – wenn man Eber­stal­ler folgt – auf den Erhalt einer auto­kra­ti­schen Ein­klas­sen­ge­sell­schaft gerich­tet ist, die der Arbeits­lo­sig­keit und dem Hedo­nis­mus fröhnt. Doch auch ohne diese zynisch über­spitzte Dar­le­gung lässt sich die Ver­ban­nung aus dem Para­dies nicht von der Hand wei­sen und so steht der gefal­lene Engel für eine leicht beseelte Gesell­schaft, der die Flü­gel gestutzt wurden.

Niko­laus Eber­stal­ler fand die Vor­lage für sei­nen “Roten Che­rub” in einem Anti­qua­riat: Eine mut­maß­lich der Kriegs­zer­stö­run­gen zum Opfer gefal­lene Kan­zel­putte bil­dete die Grund­lage für sie­ben Bron­ze­ab­güsse, die spä­ter in einer pol­ni­schen Auto­la­ckie­re­rei ihre satte Farbe erhiel­ten. Eber­stal­ler spielt an die­ser Stelle mit der alt-testamentalischen Aus­le­gung der Erde als Ver­ban­nungs­ort des Teu­fels, aber auch mit einer Pas­sage aus Eze­chiel, in der ein Che­rub wegen sei­ner Hoch­mut gefällt wird. So ist der Engel, kaum auf Erden ange­kom­men, bereits der irdi­schen Rea­li­tät aus Kri­sen und Zer­würf­nis­sen aus­ge­setzt gewe­sen, noch ehe er den Weg in den Aus­stel­lungs­raum fand.

Peter Kees: Embassy of ArcadiaPeter Kees: Embassy of Arcadia

Auch Peter Kees geht offen auf kul­tur– und kunst­his­to­ri­sche Motive ein. Mit “Embassy of Arca­dia” ent­wirft er einen fik­ti­ven Staat, der sich an der in der Früh­neu­zeit als idyl­li­scher Ort der Unbe­schwert­heit ver­klär­ten Land­schaft ori­en­tiert. Kees nimmt das Et in Arca­dia ego nicht weni­ger Ernst als der euro­päi­sche Hoch­adel, wenn er u.a. Flagge, diplo­ma­ti­sche Ver­tre­tung und sogar Visa kon­stru­iert um eine heile Welt in eine greif­bare Form zu brin­gen. Als Zufluchts­stätte für “Flücht­linge, Schutz­su­chende, Träu­mer” gedacht, ist Kees’ Arka­dien ein poe­ti­sches Uto­pia, das an der Rea­li­tät schei­tert und zu einem iko­nisch erhöh­ten Ideal einer Alter­na­tiv­ge­sell­schaft wird.

Die­ses wird einige Räume wei­ter von Michael Zheng wie­der zer­stört: Für “Uto­pia” hat er eine Aus­gabe des gleich­na­mi­ges Klas­si­kers von Tho­mas Morus fast gänz­lich gemah­len, den fei­nen Staub auf einer lan­gen Tafel ver­teilt und ihn dem letz­ten ver­blie­be­nen Rest des Buches gegen­über­ge­stellt. Morus’ Uto­pia, das ein sozia­lis­ti­sches Staats­mo­dell ent­wirft, galt bei sei­ner Erschei­nung als kri­ti­scher Gegen­ent­wurf zu der von Des­po­tis­mus und Feme domi­nier­ten Poli­tik Eng­lands und sorgte dadurch euro­pa­weit für Auf­se­hen. In Zhengs Hand wird dar­aus jedoch ein ver­nich­ten­der Abge­sang an die Sozi­aluto­pie als Traum von einem gerech­te­ren, bes­se­ren Staat. Nir­gendwo sonst wird in der Aus­stel­lung der Titel “The end of the dream (comes too soon)” so klar; bei Zheng bleibt aller­dings selbst die Weh­mut auf der Strecke.

Michael Zheng: UtopiaMichael Zheng: Utopia

Das Gros der rest­li­chen Arbei­ten kommt, gemes­sen an die­sen Bei­spie­len, eher geheim­nis­voll und zurück­hal­tend daher. Hier tref­fen die wehen­den Kamp­fes­fah­nen der Kura­to­ren auf eine plötz­li­che Flaute, ein­zig die gesang­lich unter­malte Zer­le­gung eines Autos (Haj­nal Németh) ver­mag ein wenig fri­schen Wind zu ver­strö­men. Pro­gram­ma­ti­sche Bei­träge fin­den sich kaum, und wenn, dann wer­den oft­mals die Kon­zepte und Ideen nicht gänz­lich klar. So besitzt vie­les zwar hohen ästhe­ti­schen Cha­rak­ter – etwa eine mit Kübeln und Pro­jek­to­ren gefüllte Regal­land­schaft –, scheint aber ange­sichts der poli­ti­schen Dring­lich­keit zahn­los (wenn wie hier alt­be­kannte Pro­bleme unse­rer Gesell­schaft als leuch­tende Pik­to­gramme in dre­cki­ger Brühe erscheinen).

Posi­tiv auf­ge­fal­len ist dage­gen Jenny Michels “Grä­ber­feld der Ideen”, für das sie Poly­es­ter­wachs­blö­cke mit feins­ten, dicht gewo­be­nen Gra­vu­ren nach der Art der Hologramm-Gläser ver­sah. Tech­nisch fas­zi­nie­rend und ästhe­tisch eine Augen­weide blieb nur lei­der der inhalt­li­che Bezug zur Aus­stel­lung unklar. Als Kar­tie­rung einer Gesell­schaft oder der Ver­deut­li­chung der Kom­ple­xi­tät sozia­ler Pro­zesse der Gegen­wart betrach­tet, scheint es zu unge­lenk und unplau­si­bel, um die­sen Geist frei von kura­to­ri­schen Ein­zwän­gun­gen atmen zu kön­nen. So bleibt das “Grä­ber­feld der Ideen” lei­der nur ein ent­zü­cken­der Anblick in einem sonst pro­gram­ma­tisch auf­ge­la­de­nen Ausstellungskonzept.

Ausstellungsansicht "The end of a dream (comes too soon)"Aus­stel­lungs­an­sicht “The end of a dream (comes too soon)”

Auch Vero­nika Wit­tes “XY 1–5 Nr.3 Inflata­ble”, eine Video­in­stal­la­tion über gegen­wär­tige Schön­heits­ideale, und Robert Bar­tas “Depo­sit”, die täu­schend echte Insze­nie­rung eines hin­ter Schloß und Rie­gel gefan­ge­nen Man­nes, fie­len durch ori­gi­nelle Ansätze auf, die von den rau­hen Räum­lich­kei­ten des Mica Moca spie­lend leicht getra­gen und in ihrer Wir­kung ver­stärkt wurden.

So bleibt “The end of the dream (comes too soon)” eine kurz­wei­lige und mit viel Elan, aber nicht immer grad­li­nig kura­tierte Aus­stel­lung, die lei­der viel zu kurz gera­ten ist, um den Ber­li­nern eine Chance zum Ken­nen­ler­nen zu geben. Nach nur drei Aus­stel­lungs­ta­gen fin­det bereits heute von 16:00 bis 20:00 die Finis­sage statt – übri­gens auch eine der weni­gen letz­ten Gele­gen­hei­ten, die char­mant rus­ti­ka­len Werk­stattshal­len des Mica Moca zu ent­de­cken, ehe das Kul­tur­pro­jekt Ende des Monats Lofts wei­chen muss.

The end of the dream (comes too soon)
Mica Moca
Lin­do­wer Straße 22, 13347 Berlin

Moderne Märchen entzaubert

Joan Young brilliert mit Ausstellung über narrative Fantasmen in der Videokunst

Cao Fei: Whose Utopia, © 2011 Cao Fei, Vitamin Creative Space, Guangzhou, Deutsche GuggenheimCao Fei: Whose Uto­pia, © 2011 Cao Fei, Vit­amin Crea­tive Space, Guang­zhou, Deut­sche Guggenheim

Die Frage schien nahe­lie­gend: Wie wer­den in der zeit­ge­nös­si­schen Video­kunst Erzähl­tech­ni­ken aus Mythen und Sagen, Mär­chen und Fabeln für gegen­wär­tige The­men genutzt? Schließ­lich ver­ei­nen sich hier Nar­ra­tion und Fan­tas­men wie kaum ein zwei­tes Mal in den visu­el­len Küns­ten. Was hätte nur Green­berg dazu gesagt…? Doch im Ernst: Die Aus­stel­lung “Once upon a time” in der Deut­schen Gug­gen­heim will unvor­ein­ge­nom­men an diese Unter­su­chung her­an­ge­hen und dafür anhand einer klei­nen Aus­wahl aus den Bestän­den des Guggenheim-Museums auf­zei­gen, wie fan­tas­ti­sche Nar­ra­tion in der Video­kunst auf­ge­fasst wird.

Jetzt, wo die Aus­stel­lung Halb­zeit hat und der Besu­cher­strom ver­siegt, lohnt es sich, die Ruhe für einen genaue­ren Blick auf die sechs unter­schied­li­chen Posi­tio­nen zu nut­zen. Kura­to­rin Joan Young hat hier­für Arbei­ten u.a. von Fran­cis Alÿs, Mika Rot­ten­berg und Cao Fei zusam­men­ge­stellt und es geschafft, dar­aus eine the­ma­tisch sehr über­zeu­gende Aus­stel­lung zu formen.

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Eine klare Sache

Das Berghain feiert sich selbst. Mit einer groß angelegten Ausstellung.

Kubus, Foto: Roland OwsnitzkiKubus, Foto: Roland Owsnitzki

Wer ges­tern in den frü­hen Abend­stun­den das Berg­hain auf­suchte und sich für die län­gere der bei­den Schlan­gen ent­schied, war wie hun­derte andere Inter­es­sierte wegen der Eröff­nung des neuen Ver­an­stal­tungs­rau­mes “Kubus” im ehe­ma­li­gen Heiz­kraft­werk am Wrie­ze­ner Bahn­hof gekom­men. “Alle”, so der Titel der Eröff­nungs­aus­stel­lung, will die künst­le­ri­sche Seite des Clubs auf­spü­ren und ver­eint zu die­sem Zweck mehr als vier­zig Künst­ler und ihre Werke.

Wer jedoch Wolf­gang Till­mans, Marc Bran­den­burg oder Piotr Nathan erwar­tete, wurde ent­täuscht: “Alle” baut auf dem künst­le­ri­schen Schaf­fen der Tür­ste­her und Bar­kee­per, Tech­ni­ker, Musi­ker und Rei­ni­gungs­kräfte auf und will zei­gen, “wie sich die nächt­li­che Arbeit im Berg­hain auf bewusste und unbe­wusste künst­le­ri­sche Pro­zesse aus­wirkt und das kol­lek­tiv Erlebte sicht­bar macht.” Die Erwar­tun­gen waren im Vor­feld dem­ent­spre­chend betont nied­rig ange­setzt, den­noch konnte “Alle” mit so man­cher Über­ra­schung aufwarten.

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Typisch deutsch

Galerie Crone gibt Überblick über die Ikonographie deutscher Kunst

Anselm Kiefer: Sefer Hechaloth Merkaba die sieben Himmelspaläste steigend steigend sinke niederAnselm Kie­fer: “Sefer Hecha­loth Mer­kaba die sie­ben Him­mel­s­pa­läste stei­gend stei­gend sinke nieder”

Was dem Ame­ri­ka­ner Uncle Sam, dem Fran­zo­sen die Mari­anne, dem Bri­ten die Queen ist dem Deut­schen… – ja was eigent­lich? Was ist das Sinn­bild der deut­schen Kul­tur? Gibt es über­haupt eines? Diese Frage ist nicht unbe­rech­tigt, sind doch die deut­schen Nach­fol­ger­staa­ten ein­zeln und spä­ter ver­ei­nigt immer dar­auf bestrebt gewe­sen, natio­na­lis­ti­schen Ten­den­zen ent­ge­gen­zu­wir­ken, was frei­lich auch den Patrio­tis­mus schmä­lerte, der natio­nale Iko­nen wie die genann­ten Bei­spiele her­vor­brachte. So bleibt die nun­mehr fast sieb­zig Jahre wäh­rende Nach­kriegs­ge­schichte Deutsch­land auf­fal­lend blass, wenn man fragt: Wofür steht eigent­lich die deut­sche Kultur?

Dann wird man gezwun­ge­ner­ma­ßen auf Goe­the und Schil­ler, Kant und Hegel, Bach und Fal­lers­le­ben zurück­grei­fen und hat doch immer noch nichts dar­über erzählt, was eigent­lich Deutsch­sein in der zwei­ten Hälfte des zwan­zigs­ten Jahr­hun­derts bedeu­tet. Denn ebenso wie die Poli­tik war auch die Gesell­schaft scheu, sich natio­na­ler Sym­bole zu bedie­nen und so setzte eine Suche nach natio­na­ler Iden­ti­tät ein, die keine sein durfte. Die­ser Balan­ce­akt auf dem Grat zwi­schen His­to­ris­mus und Gegen­wart war natur­ge­mäß ein sehr holp­ri­ger, der sich natür­lich auch in den Küns­ten niederschlug.

Die nun bald drei­ßig­jäh­rige Gale­rie Crone nutzte den eige­nen Werks­be­stand, um die­ser einen zen­tra­len Fra­gen nach­zu­ge­hen: Gibt es in der Kunst so etwas wie eine deut­sche Iko­no­gra­phie? Dies auf­zu­de­cken ist das erklärte Ziel der Aus­stel­lung “Deutsch”, die noch bis zum 30. August knapp vier­zig Ein­zel­po­si­tio­nen von pro­mi­nen­ten Künst­lern wie Anselm Kie­fer, Albert Oeh­len, Joseph Beuys, Jörg Immen­dorf oder Sig­mar Polke ver­eint. Auch das rest­li­che Pro­gramm ist nam­haft besetzt und umspannt knapp ein gan­zes Jahrhundert.

Leni Riefenstahl: Olympia 1936Leni Rie­fen­stahl: “Olym­pia”, 1936

Die Aus­stel­lung setzt zunächst ganz vorn an und ruft Leni Rie­fen­stahls Dar­stel­lun­gen des ari­schen Ide­als ins Gedächt­nis. Die ras­sen­ideo­lo­gisch pro­pa­gierte Strenge und Stärke des deut­schen Über­men­schen fin­den etwa in einer Foto­gra­fie der Olym­pi­schen Spiele von 1936 Aus­druck, ein Rei­ter­bild aus dem sel­ben Jahr unter­streicht zudem den uner­bit­ter­li­chen Sie­ges­wil­len des Vor­zei­ge­deut­schen. Beide Dar­stel­lun­gen brin­gen einen immer noch leben­dig spür­ba­ren Mythos her­vor, der, wenn man sich wei­ter in der Aus­stel­lung umschaut, auch nach dem Unter­gang des drit­ten Rei­ches aktiv gesucht wird – wenn auch frei­lich nicht mit der­sel­ben Ideologie.

So erkennt man in Harald Herr­manns “Klingsors Gar­ten” (2011) eine vom Pathos befreite, doch aber mythisch erfüllte Dar­stel­lung aus Wag­ners Par­zi­fal. Hans Wei­gand dage­gen geht in “Jerry Cot­ton” (2001, 2010) einem moder­nen Mythos nach und per­si­fliert ihn in einer eige­nen Dar­stel­lung des idea­li­sier­ten Groschenroman-Detektivs, für die übri­gens auch Jona­than Meese als Dar­stel­ler im Foto­co­mic auf­taucht. Letz­te­rer ist auch mit zwei eige­nen Arbei­ten aus der Jahr­tau­send­wende in “Deutsch” ver­tre­ten, die in gewohn­ter Manier staats­theo­re­ti­sche Bre­cher pro­pa­gie­ren und in ihrer Radi­ka­li­tät wie­der ein­mal an flam­mende Wut­re­den der drei­ßi­ger Jahre erin­nern. Meese wie eh und je.

Daniel Megerle, Marie Rotkopf: Mausoleum zu Ehren von Karl-Theodor zu Guttenberg, 2010Daniel Megerle, Marie Rot­kopf: “Mau­so­leum zu Ehren von Karl-Theodor zu Gut­ten­berg”, 2010

Den unver­meid­li­chen Schwenk in poli­ti­sche Gefilde voll­zieht die Aus­stel­lung gut nach. In Reich­weite zu den genann­ten Arbei­ten wurde Daniel Meger­les und Marie Rot­kopfs “Mau­so­leum zu Ehren von Karl-Theodor zu Gut­ten­berg” errich­tet, wel­ches eben­falls nicht mit Pathos geizt. Megerle stellte bereits zum Gal­lery Wee­kend seine zyni­schen Arbei­ten aus, für die er gern auf aber­wit­zige Weise Poli­ti­ker­por­träts inte­griert. So auch im vor­lie­gen­den Werk gesche­hen, das dem ehe­ma­li­gen Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter ein Sol­da­ten­grab setzt.

Bereits auf die­sem engen Raum sind eine Reihe Figu­ren auf­ge­zählt, die einst zu deut­schen Iko­nen avan­cier­ten, sich dann aber schnell als Fehl­griffe erwie­sen. Ein­zig posi­ti­ves Gegen­bei­spiel aus dem poli­ti­schen Umfeld stellt da Willy Brandt dar, der gleich mehr­fach in den bei­den Aus­stel­lungs­räu­men der Gale­rie Crone auftaucht.

Wenn man etwa Andy War­hols bekann­tes Brandt-Porträt gegen­über­tritt, kommt man doch nicht um einen Ver­gleich mit sei­ner Mari­lyn umhin, die an Strahl­kraft und Aura dem Brandt-Bild weit vor­aus ist. Willy Brandt kommt zwar als heim­li­che Ikone zum Vor­schein, doch eine, die sich scheut, diese Rolle anzu­neh­men. Daran kann auch ein Manu­skript nicht viel ändern, das Strei­chun­gen und Kor­rek­tu­ren einer sei­ner Reden wiedergibt.

Michael Schirner: Bye Bye, WAR70, 2006-2009Michael Schirner: “Bye Bye, WAR70″, 2006–2009

Wer nun aber glaubt, Willy Brandt eigne sich nicht als iden­ti­tät­s­tif­ten­des Sym­bol für ein im Natio­nal­stolz erschüt­ter­tes Deutsch­land, der wird von Michael Schirner eines Bes­se­ren belehrt. Der Künst­ler ist mit einer Arbeit ver­tre­ten, die zunächst das Gefühl ver­mit­telt, bereits bekannt zu sein. Man rät­selt über die Hin­ter­gründe und erkennt bald, daß es sich um die berühmte Auf­nahme des Knie­falls im War­schauer Ghetto han­delt. Alle Dar­stel­ler sind ver­sam­melt, nur Willy Brandt fehlt. Wer Schirn­ers Arbeits­weise kennt, wird die Meta­pho­rik von “Bye Bye, WAR70″ schnell ver­ste­hen. Seine groß­for­ma­ti­gen Werke erlan­gen dadurch Wie­der­er­ken­nungs­wert, daß er aus his­to­risch bedeut­sa­men Foto­gra­fien sinn­ge­bende Bild­teile, häu­fig die Prot­ago­nis­ten ent­fernt. So ver­frem­dete er bereits die Foto­gra­fien vom chi­ne­si­schen Tank Man oder Cor­nell Capas bekann­tes Foto “Loya­lis­ti­scher Sol­dat im Moment sei­nes Todes”.

In dem der Aus­stel­lung zugrunde lie­gen­den Kon­text wird jedoch klar, daß jener kurze Moment im War­schauer Ghetto und somit auch das Foto bereits fest im kol­lek­ti­ven Gedächt­nis ver­an­kert sind. Anders ist die Ver­wir­rung nicht zu erklä­ren, die eine sim­ple Retu­sche stif­ten kann. Die Anwär­ter­rolle Willy Brandts auf den Sta­tus als unan­tast­bare Ikone deut­scher Iden­ti­tät wäre somit zumin­dest für’s Erste gesichert.

Marc Bronner: Ohne Titel (Serie aus fünf Bildern), 2011Marc Bron­ner: Ohne Titel (Serie aus fünf Bil­dern), 2011

Die Aus­stel­lung “Deutsch” wid­met sich jedoch nicht nur den poli­ti­schen Iko­nen, son­dern sucht auch in der All­tags­kul­tur nach Figu­ren und Ten­den­zen, die typisch deutsch sind. Bei­spiel­haft hier­für steht Marc Bron­ners unbe­ti­telte Serie aus fünf Bil­dern, in denen er sich deut­schen Fern­seh­se­rien aus dem Abend­pro­gramm wid­met. Sie zeigt arche­ty­pi­sche Sze­nen, die so rein und aufs Wesent­li­che destil­liert sind, daß es schwer fällt, den Typos vom deut­schen Wohn­zim­mer­le­ben von dem auf der Matt­scheibe zu tren­nen. Akku­rat fri­sierte Anzug­trä­ger und wohn­lich ein­ge­rich­tete Kabi­netts tref­fen auf baby­blaue Plas­tik­te­le­fone und geschmack­lose Horn­bril­len. Da fällt es schwer, die klo­bi­gen Design-Sünden der spä­ten sieb­zi­ger Jahre vom Charme der alten Tatort-Folgen zu unterscheiden.

Ver­mut­lich, weil alles einer­lei ist. Bron­ners rea­lis­ti­sche Gemälde zei­gen nicht zuletzt wegen sei­nes Inter­es­ses an den klei­nen Details die Ästhe­tik jener Zeit auf, die sich im Fern­se­hen auf­rei­nigt um neu­er­lich ein Vor­bild für die Rea­li­tät zu wer­den. Bei Bron­ner erreicht sie ihren größ­ten Rein­heits­grad und durch die flä­chige Mal­weise sei­ner Bil­der erscheint sie fast irreal und künstlich.

Albert Oehlen: Ohne Titel (Deutschland muß leben und wenn wir nicht sterben müssen. Deutschland muß leben und wenn wir sterben müssen.), 1985Albert Oeh­len: Ohne Titel (Deutsch­land muß leben und wenn wir nicht ster­ben müs­sen. Deutsch­land muß leben und wenn wir ster­ben müs­sen.), 1985

Die Suche nach einer natio­na­len Iko­no­gra­phie, die im bes­ten Sinne deutsch ist, ist auch mit “Deutsch” nicht abge­schlos­sen. Die zugrun­de­lie­gen­den Ein­flüsse und Ten­den­zen sind zwar stets prä­sent, doch lässt sich kaum ein typi­sches Sym­bol Deutsch­lands aus­ma­chen. Das wäre sicher­lich auch zu viel ver­langt und kann nicht im Sinne der Aus­stel­lung stehen.

Ihr Ver­dienst ist es jedoch, mit­hilfe der Arbei­ten die­ser durch­gän­gig nam­haf­ten Künst­ler auf wie­der­keh­rende Motive hin­zu­wei­sen und eine Idee davon zu ver­mit­teln, was die öffent­li­che Kul­tur der neue­ren deut­schen Geschichte geprägt hat. Diese Gemein­sam­kei­ten wur­den in “Deutsch” nicht nur ziel­si­cher iden­ti­fi­ziert, son­dern auch bei­spiel­haft ver­eint und gegen­über­ge­stellt. Der Zugang zu solch einem wei­ten Feld an Künst­lern und Wer­ken aus ver­schie­de­nen Zei­ten ist sicher­lich ein wich­ti­ger Fak­tor für den didak­ti­schen Erfolg der Aus­stel­lung, nicht zuletzt ist aber auch der kura­to­ri­schen Leis­tung zu ver­dan­ken, daß diese Ein­zel­po­si­tio­nen in ein gro­ßes Gan­zes auf­ge­hen. Bei “Deutsch” han­delt es sich um eine kura­tierte Aus­stel­lung im klas­si­schen Sinne: Wenn der Besu­cher sich mit einem Gedan­ken von einem Werk abwen­det, fin­det er es beim nächs­ten wie­der auf­ge­grif­fen. So ist es auch leicht ver­ständ­lich, daß die knapp vier­zig Aus­stel­lungs­stü­cke in einem har­mo­ni­schen Grund­ton wider­hal­len und am Ende des Besuchs eine fass­bare Erkennt­nis ste­hen bleibt: Eine typisch deut­sche Iko­no­gra­phie exis­tiert nicht, wohl aber meh­rere. In die­ser kura­to­ri­schen Leis­tung ist auch der Grund zu sehen, warum “Deutsch” als beste Aus­stel­lung des Ber­li­ner Kunst­som­mers gel­ten darf.

Die Bagatellisierung von Abu Ghraib

Ein gut gemeinter Appell von Marc Lüders

Marc Lüders: AG_40Marc Lüders: “AG_40″

Wer die anhal­tende, zuse­hends depri­mie­rende Wet­ter­lage zum Anlass nimmt, sein Gemüt durch Kunst auf­zu­hei­tern, kann dies die­ser Tage viel­leicht am bes­ten bei einem unge­stör­ten Gale­ri­en­ma­ra­thon durch die Aus­stel­lungs­räume rund um die Koch– und Lin­den­straße tun. Trotz des Som­mer­lochs, das auch vor dem Kunst­ka­len­der nicht Halt macht, fin­det man doch noch einige Aus­stel­lun­gen, die es zu besu­chen lohnt.

So kann man sich in der LEVY Gale­rie noch bis zum 27. August ein Bild von der Aus­stel­lung “Shif­ting the ever­y­day” machen, wel­che Künst­ler prä­sen­tie­ren will, die “die Rah­men­be­din­gun­gen unse­res All­tags­le­bens hin­ter­fra­gen und unter­wan­dern”. Wenig kon­kret for­mu­liert ver­steckt sich dahin­ter den­noch eine Schau, die sehens­werte Ein­zel­po­si­tio­nen ver­eint. Neben einer Instal­la­tion John von Ber­gens und Felix Kiess­lings Arbei­ten mit dem Medium Zeit sind dies v.a. drei Werke Marc Lüders’, die im Gedächt­nis bleiben.

Die ver­meint­li­chen Foto­gra­fien zei­gen in schnapp­schuss­ar­ti­ger Ama­teur­haf­tig­keit eine triste Umge­bung aus kal­tem Beton und dürf­ti­gem Putz, ver­dreck­ten Türen, einem stau­bi­gen Decken­ven­ti­la­tor – kurz: ein wenig ein­la­den­der Ort, der sonst keine Auf­merk­sam­keit auf sich zieht. Wenn man sich wie­der von die­sen Foto­gra­fien abwen­den will, erkennt man jedoch, daß einige Bild­teile über­malt wur­den; daß hier etwas ver­steckt liegt, was dem Betrach­ter zunächst ver­heim­licht wurde.

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