Christian Jankowski: "Casting Jesus", 2011 (still, © der Künstler)

Ein feiner Luther sollst du sein

04. Juli 2017 von Matthias Planitzer
Es ist Lutherjahr. Eine erstklassig besetzte Schau in Wittenberg will zu diesem Anlass die Kunst befragen, was die Reformation heute lehren könne. Allein, sie bleibt hinter ihren Möglichkeiten: Statt den selbst gestellten Anspruch auf Avantgarde als Teil einer kritischen Befragung Luthers, seines Gedankengutes und der 500jährigen Rezeptionsgeschichte als Leitfigur diverser Nationalmythen zu verstehen, begnügt sie sich damit, Luther als Posterboy eines in diesem Festjahr viel zu oft beschworenen, aber nie ergründeten Wertekanons aus freier Rede, individueller Mündigkeit und ein Recht auf Bildung zu gebrauchen.

Christian Jankowski: "Casting Jesus", 2011 (still, © der Künstler)

Der Wit­ten­ber­ger an sich ist eini­ges gewohnt, wenn es um sei­nen durch inni­ge Hass­lie­be ver­bun­de­nen Stadt­pa­tron Mar­tin Luther geht. Die pit­to­res­ke Alt­stadt des anhal­ti­ni­schen Klein­ods erscheint das gesam­te Jahr wie ein durch­ge­tak­te­ter Luther-The­men­park mit Luther-Attrak­tio­nen, Luther-Hotels und Luther-Bur­ger, sodass der hoch­nä­si­ge Besu­cher sich unwei­ger­lich fragt, ob auch die Pas­san­ten nur Sta­tis­ten im Luther-Spek­ta­kel sind. Die wie­der­um quit­tie­ren auch im Jubi­lä­ums­jahr das gewach­se­ne Inter­es­se am Lokal­ma­ta­do­ren mit der geüb­ten, bis­wei­len demons­tra­tiv zele­brier­ten Gleich­gül­tig­keit. So bemüht sich die Bür­ger­schaft zwar, auch ande­ren Per­sön­lich­kei­ten der Stadt­ge­schich­te ihre Reve­renz zu erwei­sen – mehr als ein­hun­dert Gedenk­ta­feln erin­nern an Söh­ne und Gäs­te der Stadt (»Johann Wolf­gang Goe­the weil­te hier am 23. Mai 1778«) –, gegen die Strahl­kraft Luthers in der ihm auch dem Namen nach gewid­me­ten Stadt bleibt sie jedoch macht­los.

Trotz­dem, fin­det man, sei es doch recht, wenn nun die Gäs­te aus der gesam­ten Repu­blik, Euro­pa und der Welt kom­men. Denn vom Tou­ris­mus lebt man hier. Ein­zig die vie­len Ver­kehrs­be­hin­de­run­gen, so die Beschwer­de, wür­den stö­ren, aber damit müs­se man sich wohl abfin­den. Unter die from­me Pil­ger­schaft mischt sich die­ser Tage auch das Kunst­pu­bli­kum, das aller­dings an den Kir­chen und Gedenk­stät­ten vor­bei­huscht, um zum alten Gefäng­nis zu eilen. Hier fin­det näm­lich die­ser Tage die umfas­sen­de Grup­pen­aus­stel­lung »Luther und die Avant­gar­de« statt, wel­che im Refor­ma­ti­ons­jahr den Kom­men­tar der bil­den­den Küns­te ein­ho­len möch­te.

Bis 1965 saßen in dem Zucht­haus Gefan­ge­ne ein, seit­dem stand es unter Zwi­schen­nut­zung; nun also zie­hen 66 Künst­ler ein, die Räu­me des zwi­schen­zeit­lich reno­vier­ten Gebäu­des zu bespie­len. Die Lis­te protzt mit einem Groß­auf­ge­bot der zeit­ge­nös­si­schen Kunst: Von Lüpertz bis Genz­ken, Bal­ken­hol bis Bol­t­an­ski und Eli­as­son bis Bon­vic­i­ni rich­te­te sich jeder von ihnen in einer der Zel­len ein. So schiebt man sich also von Tür zu Tür wie der Zoo­be­su­cher Gehe­ge um Gehe­ge abschrei­tet und gie­rig den Raum absucht, der sich da vor ihm aus­brei­tet.

Allein, so aus­sichts­los es sein kann, das Tier im Gebüsch zu erspä­hen, so wenig kon­kret Luther-bezo­ge­nes wird man in Wit­ten­berg fin­den. Sicher­lich, Jona­than Mee­se arbei­tet sich am Teu­fel ab, Chris­ti­an Jan­kow­ski zeigt erneut sei­ne stets erhei­tern­de Per­for­mance »Cas­ting Jesus«, wäh­rend das Kol­lek­tiv robot­lab einen Indus­trie­ro­bo­ter als mit­tel­al­ter­li­chen Kopis­ten rekru­tiert. Miao Xiao­chun lässt den ungläu­bi­gen Tho­mas am Com­pu­ter ent­ste­hen, Zhang Huan zeigt eines sei­ner Asche­ge­mäl­de, eine Vari­an­te von da Vin­cis Abend­mahl, und Olafur Eli­as­son taucht sei­ne Zel­le in ein sakral anmu­ten­des Licht­spiel. Das alles passt schon irgend­wie zum The­ma, aber eben auch nur irgend­wie.

Dreht sich hier alles viel­leicht doch eher um ein Best-of der christ­li­chen Iko­no­gra­fie? Die­ses bunt schil­lern­de Neben­ein­an­der, das mit vie­len, aber nicht so recht mit Luther zusam­men­ge­hen will, nen­nen die Kura­to­ren »ein Kalei­do­skop zeit­ge­nös­si­scher Kunst«. Und genau das ist es. Aller­dings, ver­mut­lich nicht das, was gemeint wur­de, son­dern was sich bereits nach den ers­ten paar Zel­len abzeich­net, näm­lich dass hier mehr Ver­klä­rung als Erklä­rung, mehr Bruch und Split­te­rung als Kitt und Guss herrscht.

Denn die Aus­stel­lung ver­säumt es, der Per­son Luthers wirk­lich nahe­zu­kom­men. All­zu wohl­ge­fäl­lig rei­hen sich die frei asso­zi­ier­ten Bei­trä­ge Gefäng­nis­zel­le um Gefäng­nis­zel­le anein­an­der. Luther taucht hier nur als Pos­ter­boy eines in die­sem Fest­jahr viel zu oft beschwo­re­nen, aber nie ergrün­de­ten Wer­te­ka­nons aus frei­er Rede, indi­vi­du­el­ler Mün­dig­keit und ein Recht auf Bil­dung auf. So muss er nun als will­fäh­ri­ger Stich­wort­ge­ber für nich näher bestimm­te Idea­le her­hal­ten, wo sonst das Poten­ti­al oder die Ansät­ze feh­len, das alles auch über­zeu­gend zu ver­ei­nen.

Sol­chen Zwän­gen sieht sich auch die Kunst aus­ge­setzt, denn ins­be­son­de­re den nicht eigens für die­se Schau ange­fer­tig­ten Arbei­ten kann man wohl unter­stel­len, dass sie sich nicht vor­ran­gig an Luther oder sei­nen Ide­en abar­bei­ten, son­dern erst im Nach­hin­ein her­an­ge­zo­gen wur­den, um eine vor­ge­fer­tig­te kura­to­ri­sche Linie zu illus­trie­ren. So wird offen­bar, wel­chen gra­vie­ren­den Unter­schied es macht, ob die aus­ge­stell­ten Arbei­ten aus sich her­aus ein über­grei­fen­des The­ma erzwin­gen und im Zusam­men­spiel dar­in reso­nie­ren, oder ob sie sich eine frem­de Inter­pre­ta­ti­on über­stül­pen las­sen und dann wie Dar­stel­ler in einem Mario­net­ten­thea­ter per­for­men müs­sen. Dar­an ändern auch die vie­len im Haus ange­brach­ten Zita­te der betei­lig­ten Künst­ler nichts, die oft­mals eher durch scha­le Pla­ti­tü­den als erhel­len­de Ein­sich­ten über den Refor­ma­tor auf­fal­len. Juer­gen Staack meint etwa:

»In einer Zeit, in der die digi­ta­le Flut an Bil­dern zu ›der Rea­li­tät‹ erklärt wird, ist Mar­tin Luthers Aus­spruch: ›Dann ist es bes­ser mit eige­nen Augen zu sehen als mit frem­den‹ abso­lut aktu­ell.«

und wird damit weder zeit­ge­nös­si­schen Bild­phä­no­me­nen, noch dem Bild­ge­brauch Luthers und der Gegen­re­for­ma­to­ren gerecht. Waren es nicht die­se from­men Eife­rer, die für ihre Bewe­gun­gen die (ana­lo­ge) Flut an Bil­dern zur Rea­li­tät erklär­te?

Die Schau fällt aber nicht nur mit einem unge­lenk wir­ken­den Ver­hält­nis zu Luther und sei­nen Wer­te­vor­stel­lun­gen auf, sie ver­säumt es auch, die zeit­ge­nös­si­sche Rezep­ti­on des Refor­ma­tors zu the­ma­ti­sie­ren. Denn Luther wird erst in jüngs­ter Zeit als eine his­to­ri­sche Figur mit viel­schich­ti­gen theo­lo­gi­schen, poli­ti­schen und phi­lo­so­phi­schen Vor­stel­lun­gen begrif­fen und aner­kannt: So rück­te die Evan­ge­li­sche Kir­che erst im letz­ten Vier­tel des 20. Jahr­hun­derts in einer Rei­he von Denk­schrif­ten bei­spiels­wei­se sein zwie­späl­ti­ges und durch­aus pro­ble­ma­ti­sches Ver­hält­nis zu den Juden in den Fokus und bemüh­te sich um eine ent­spre­chen­de Ein­ord­nung als »war­nen­des Bei­spiel [für den] christ­li­chen Umgang mit Juden«.1 Die­ser Fort­schritt in der Luther­for­schung scheint ver­ges­sen, wenn der Refor­ma­tor in die­sem Fest­jahr wie­der ein­mal vor­ran­gig als Iko­ne gefei­ert und nicht auf sein gesam­tes Schrift­gut und Wir­ken hin unter­sucht wird.

Das Ausstellungsplakat von Maurizio Cattelan ("Luther & The Avant Garde", 2017, © der Künstler), welches, wie es heißt, Bedenken hervorrufte, was die Kirche davon halten würde.

Das Aus­stel­lungs­pla­kat von Mau­ri­zio Cat­telan (»Luther & The Avant Gar­de«, 2017, © der Künst­ler), wel­ches, wie es heißt, Beden­ken her­vor­ruf­te, was die Kir­che davon hal­ten wür­de.

Gera­de des­we­gen darf man wohl doch erwar­ten, dass zumin­dest die in die­ser Aus­stel­lung beschwo­re­ne Avant­gar­de nicht davor zurück­scheut, den Fin­ger in die­se Wun­de zu legen. Das sechs­köp­fi­ge Kura­to­ren­en­sem­ble nennt den Refor­ma­tor einen »streit­ba­ren Vor­den­ker« und hüllt sich anschlie­ßend in Schwei­gen, wel­che sei­ner Gedan­ken es streit­bar fin­det (Die Rede­frei­heit? Oder doch eher sei­ne For­de­run­gen, Häre­ti­ker hin­zu­rich­ten?) oder wie denn die­ser Streit zu füh­ren sei. So bleibt eine kri­ti­sche Hal­tung bis auf weni­ge Aus­nah­men (Olaf Met­zel, Mau­ri­zio Cat­telan) aus. Statt­des­sen ver­gnüg­li­cher Ein­klang mit den ver­söhn­li­chen Tönen der Evan­ge­li­schen Kir­che, wel­che nicht nur das Luther­jahr aus­rich­tet, son­dern auch die Aus­stel­lung för­dert. Trotz ihres durch­aus nicht von der Hand zu wei­sen­den künst­le­ri­schen Werts greift die­se Aus­stel­lung daher spür­bar zu kurz.

Jedes Jahr­hun­dert schafft sich einen eige­nen Luther.2

Dar­über­hin­aus fällt es umso mehr ins Gewicht, wenn sie sich eben­so dar­über in Schwei­gen hüllt, was das son­der­ba­re Ver­hält­nis der Deut­schen zu ihrem Refor­ma­tor angeht. Noch befremd­li­cher als die Wer­te­kon­flik­te Luthers in Bezug auf Juden, Bau­ern oder Tür­ken ist doch sei­ne Nutz­bar­ma­chung durch wohl fast jede poli­ti­sche Bewe­gung, die nach ihm das Land im Sturm zu ergrei­fen ver­such­te. Luther ist seit mehr als zwei Jahr­hun­der­ten – zwei sehr dunk­len, teils auch glän­zen­den Jahr­hun­der­ten – zen­tra­les Ele­ment einer deut­schen, oft­mals all­zu ger­ma­nisch ange­tünch­ten Leit­kul­tur. Kein Hin­weis auf Fried­rich II., Her­der und Fich­te, die ihn als Geburts­hel­fer einer im Wer­den begrif­fe­nen Nati­on lob­preis­ten. Kein Wort über die Ver­ein­nah­mung durch evan­ge­li­sche Stu­den­ten auf dem Wart­burg­fest von 1817. Auch kein Fin­ger­zeig auf das Luther­jahr 1883, in dem der Refor­ma­tor auf kai­ser­li­che Anord­nung hin end­gül­tig zum unsterb­li­chen Natio­nal­hel­den sti­li­siert und dabei von dem »natio­nal­li­be­ra­len preu­ßi­sche Legi­ti­ma­ti­ons­his­to­ri­ker Hein­rich von Treit­sch­ke«, wie Hans­jörg Buss so tref­fend bemerkt3, als Gali­ons­fi­gur des neu­en, völ­ki­schen Anti­se­mi­tis­mus beschwo­ren wur­de. Schließ­lich waren es die­sel­ben Deut­schen, die spä­ter wesent­li­che Tei­le ihres natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Gedan­ken­guts auf Luther grün­de­ten, oder, im Fal­le der Evan­ge­li­schen Kir­chen, durch ihn das Weg­se­hen in der Nacht des neun­ten Novem­ber recht­fer­tig­ten. Nach dem Krieg dann, 1946, wur­de Luther erneut ins Feld geführt, um als Teil der Ent­na­zi­fi­zie­rung Deutsch­land wie­der hei­le zu machen. Bezeich­nen­der­wei­se war es erst die Auf­ar­bei­tung in der DDR, auf deren Staats­ge­biet sich schließ­lich auch die bedeu­tends­ten Refor­ma­ti­ons­stät­ten befan­den, wel­che Luther aus sei­ner Sym­bol­ge­walt für all die bis dahin vor­herr­schen­den Natio­nal­my­then eme­ri­tier­ten.

Trotz inten­si­vier­ter Luther­for­schung hat sich an die­ser son­der­ba­ren Ver­qui­ckung von Refor­ma­ti­on und natio­na­ler Iden­ti­tät bis heu­te nur wenig geän­dert. In Eisen­ach will eine ande­re Aus­stel­lung dar­über auf­klä­ren. Gut so. Zu ihrer Eröff­nung weih­te Kul­tur­staats­mi­nis­te­rin Moni­ka Grüt­ters die Schau mit den Wor­ten ein:

»Egal, wie man zu ihm ste­hen mag – wer die Ent­wick­lung unse­rer bür­ger­li­chen Idea­le und demo­kra­ti­schen Wer­te ver­ste­hen will, kommt an Mar­tin Luther nicht vor­bei.«

Und wählt doch die­sel­be unschar­fe, aber umso befremd­li­che­re Rhe­to­rik des Natio­nal­my­thos, wel­che in den 250 Jah­ren zuvor schon gebraucht wur­de. Wie pas­send, dass das Logo des Luther­jah­res in Schwarz-Rot-Gold gehal­ten ist.

All dazu hät­te sich eine Kunst­aus­stel­lung vom For­mat von »Luther und die Avant­gar­de« ver­hal­ten, hät­te den inhalt­li­chen Brü­cken­schlag nach Eisen­ach voll­zie­hen kön­nen, zumal sie nicht ein­mal Teil des offi­zi­el­len Ver­an­stal­tungs­ka­len­ders ist. Die­se Chan­ce aber wur­de ver­tan und so bleibt offen, wel­che Vor­den­ker hier eigent­lich zu Wort kom­men sol­len. Am Ende sind es viel­leicht die Wit­ten­ber­ger, die schon zum Auf­takt des Jubi­lä­ums­jah­res ächz­ten: Bald ist alles end­lich wie­der vor­bei.

Es ist Lutherjahr. Eine erstklassig besetzte Schau in Wittenberg will zu diesem Anlass die Kunst befragen, was die Reformation heute lehren könne. Allein, sie bleibt hinter ihren Möglichkeiten: Statt den selbst gestellten Anspruch auf Avantgarde als Teil einer kritischen Befragung Luthers, seines Gedankengutes und der 500jährigen Rezeptionsgeschichte als Leitfigur diverser Nationalmythen zu verstehen, begnügt sie sich damit, Luther als Posterboy eines in diesem Festjahr viel zu oft beschworenen, aber nie ergründeten Wertekanons aus freier Rede, individueller Mündigkeit und ein Recht auf Bildung zu gebrauchen.

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