Kommunikation mit dem Fremden

27. September 2014 von Maria Sitte
Im Zeichen von Wissenschaft und Fiktion: Marguerite Humeau spürt dem Unbekannten nach

Marguerite Humeau, "Prop 1", from "The Things?" series, 2014, Photo by Emi Maria Bohacek

Mar­gue­ri­te Hume­au prä­sen­tiert in ihrer Ein­zel­aus­stel­lung »Hori­zons« bei Import Pro­jects einen inhalt­lich viel­schich­ti­gen Werk­kor­pus, der mit­tels künst­le­ri­scher Stra­te­gi­en Wis­sen­schaft und Fik­ti­on eng zusam­men rücken lässt. Sound-Nach­bil­dun­gen längst aus­ge­stor­be­ner Tie­re erfül­len auf ein­dring­li­che Art und Wei­se den Aus­stel­lungs­raum. Es scheint, als gäbe die Künst­le­rin längst ver­ges­se­nen Lebe­we­sen eine Stim­me und ver­setzt die Ver­gan­gen­heit in die Gegen­wart. Die­se Geräu­sche stam­men von den bei­den hoch auf­ra­gen­den, klang­er­zeu­gen­den Skulp­tu­ren der Trio­lo­gie „The Ope­ra of Prehis­to­ric Crea­tures“, die durch ihre drei­di­men­sio­na­le Form bereits an rie­si­ge Schä­del­kno­chen erin­nern. Es han­delt sich um eine Nach­bil­dung der bereits aus­ge­stor­be­nen Spe­zi­es der Ent­e­lodon­ten sowie der Kai­ser­mam­muts. In Zusam­men­ar­beit mit Palä­on­to­lo­gen, Bio­lo­gen, Inge­nieu­ren, HNO-Spe­zia­lis­ten und Radio­lo­gen kon­stru­iert sie Reso­nanz­räu­me, syn­the­ti­sche Kehl­köp­fe, Stimm­bän­der und Luft­röh­ren. Die­se tech­ni­schen Repro­duk­tio­nen ver­lei­hen den Arbei­ten zwar ein fran­ken­stein­ar­ti­ges, kli­nisch wei­ßes Aus­se­hen, jedoch ertönt aus ihnen her­aus eine authen­ti­sche Geräusch­ku­lis­se.

Sogleich ver­schiebt sich die Wahr­neh­mung des Visu­el­len auf das Akus­ti­sche, denn die ste­ri­le Ästhe­tik steht dem wir­kungs­vol­le­ren Sound-Erleb­nis kon­trär gegen­über. Das effekt­vol­le Ergeb­nis ist ein unent­weg­tes tie­fes, archai­sches Stöh­nen, wel­ches in unter­schied­li­chen Facet­ten zeit­gleich aus bei­den Res­so­nanz­kör­pern dröhnt. Neben sich wie­der­ho­len­den Klän­gen tre­ten erup­ti­ve Geräusch­ak­tio­nen in das Hör­bild. Das Umlau­fen der Skulp­tur im Raum gehört eben­falls zum Teil der akus­ti­schen Rezep­ti­on. An die­ser Stel­le tref­fen Kunst und Bio­tech­no­lo­gie auf­ein­an­der und wer­fen Fra­gen nach den Stra­te­gi­en der Rea­li­täts­kon­struk­ti­on auf. Denn wenn man das Hören in die­sem Kon­text als kul­tu­rel­le Pra­xis ver­steht, knüpft dar­an auch ein tra­dier­tes Wis­sen einer Gesell­schaft an, die mit Hil­fe der Klang­skulp­tu­ren ins Gedächt­nis geru­fen wird. Bemer­kens­wert ist hier­bei vor allem die Inter­ak­ti­on der bei­den Model­le mit­tels ein­ge­bau­ter künst­li­cher Intel­li­genz­sys­te­me. Laut Hume­au wäre neben der skur­ril anmu­ten­den Sci­ence-Fik­ti­on-Oper auch eine real geführ­te Kon­ver­sa­ti­on zwi­schen den Model­len denk­bar.

Dar­in lässt sich bereits das zen­tra­le Ver­lan­gen der Künst­le­rin nach einer ein­zig­ar­ti­gen Kom­mu­ni­ka­ti­on erken­nen, die sich als grund­le­gen­der Bau­stein für ihre Arbei­ten erweist und die wei­te­ren aus­ge­stell­ten Wer­ke maß­geb­lich prä­gen. Hume­au beschäf­tigt sich ins­be­son­de­re mit dem Wunsch nach einer außer­ir­di­schen Kom­mu­ni­ka­ti­on. Die­ses Kon­zept ist zunächst schwer zu defi­nie­ren. Hume­au reagiert damit, neben der fik­ti­ven Ziel­set­zung – näm­lich mit Ali­ens in Kon­takt tre­ten zu wol­len, einer gleich­sam belus­ti­gen­den Kom­po­nen­te – auch auf die Erwar­tungs­hal­tung des Betrach­ters gegen­über ihren Arbei­ten. Denn von Kunst wird oft mehr erwar­tet, als dass sie ein­fach vor uns steht. Wir möch­ten, dass sie einen Dia­log ent­facht. An zwei­ter Stel­le schreibt Hume­au die­sem Kon­text ent­spre­chend ihren kom­mu­ni­zie­ren­den Arbei­ten eine erkennt­nis­brin­gen­de Funk­ti­on zu.

Marguerite Humeau, "Prop 2", from "The Things" series , 2014, Photo by Emi Maria Bohacek

Mar­gue­ri­te Hume­au, »Prop 2«, from »The Things« series , 2014, Pho­to by Emi Maria Bohacek

So dient „Prop 2“, eine Druck­luft­ka­no­ne, die schwar­zes Pul­ver aus­stößt, als Instru­ment für eine rea­le Expe­di­ti­on in die Ant­ark­tis zum East Sco­tia Ridge. Auf der Grund­la­ge der dort vor zwei Jah­ren tat­säch­lich ent­deck­ten, bis­her noch uniden­ti­fi­zier­ten Wesen, die angeb­lich mit Klang, Licht und schwar­zem Pul­ver kom­mu­ni­zie­ren, ent­wi­ckel­te Hume­au die Arbeit. Dabei tritt sie selbst als Expe­ri­men­ta­tor auf, sie beschreibt, führt durch und doku­men­tiert ihre Ergeb­nis­se. Auch „Prop 1“, ein maß­stabs­ge­rech­tes und funk­tio­na­les Modell eines Kampf­jets aus schwar­zem PVC, dient die­ser Expe­di­ti­on. Ziel ist es die­ses als „Design-Block­bus­ter“ in die Gewäs­ser der Ant­ark­tis zu stür­zen. Dort soll das Modell Licht­blit­ze aus­sen­den und zusam­men mit der Druck­luft­ka­no­ne und des­sen aus­ge­sto­ße­nem schwar­zen Pul­ver Kon­takt mit den unbe­kann­ten Krea­tu­ren auf­neh­men. Der Erfolg der ent­wi­ckel­ten Kom­mu­ni­ka­ti­ons­form bleibt bewusst spe­ku­la­tiv, wodurch die Gren­zen zwi­schen Fakt und Fik­ti­on als Resul­tat ver­schwim­men. Hume­au ent­wi­ckelt in ihrer auf­wän­di­gen Recher­che­ar­beit und in Zusam­men­ar­beit mit Wis­sen­schaft­lern dem­nach eine Kon­stel­la­ti­on des Mög­li­chen und beschreibt deren Aus­wir­kun­gen. Der zen­tra­le Tat­be­stand ist dem­entspre­chend die ent­de­cke­ri­sche Ziel­set­zung – im Kon­zep­tu­el­len liegt hier ein­deu­tig die Stär­ke ihrer Arbei­ten.

Selbst wenn die Arbei­ten womög­lich nicht ohne ihren kom­ple­xen nar­ra­ti­ven Hin­ter­grund aus­kom­men wür­den, erge­ben sich aus Hume­aus Arbei­ten inter­es­san­te Wei­ter­ent­wick­lun­gen der The­men­fel­der Bio­tech­no­lo­gie und Skulp­tur. Dabei gehen Kunst und Wis­sen­schaft bei Hume­au eine erstaun­lich unge­zwun­ge­ne Ver­bin­dung ein. Die­ser metho­di­sche Ansatz nach wis­sen­schaft­li­chen Maß­stä­ben beruht in der Kunst auf einer lan­gen Tra­di­ti­on. Bereits aus der Renais­sance ist bekannt, dass die künst­le­ri­sche Pro­duk­ti­on auf teils bekann­ten, aber auch teils unbe­kann­ten phy­si­ka­li­schen und bio­lo­gi­schen Gesetz­mä­ßig­kei­ten beruh­te. Auch umge­kehrt grif­fen Natur­wis­sen­schaft­ler auf künst­le­ri­sche Metho­den zur Dar­stel­lung und Ermitt­lung ihrer Ergeb­nis­se zurück. So ver­wun­dert es nicht, dass Hume­au unter­schied­li­che Arten von Kom­mu­ni­ka­ti­ons­si­gna­len, wie Spra­che oder Licht aus­wählt, die­se mit­tels wis­sen­schaft­li­cher und tech­ni­scher Mög­lich­kei­ten erforscht, umsetzt, sogar nach­bil­det und die­se mit phan­tas­ti­schen Visio­nen ver­knüpft.

Mar­gue­ri­te Hume­aus Ein­zel­aus­stel­lung »Hori­zons« bei Import Pro­jects trans­fe­riert Dage­we­se­nes und Unbe­kann­tes in unser Bewusst­sein. Dabei rei­chert Hume­au ihre Arbei­ten, die auf rea­len wis­sen­schaft­li­chen und tech­ni­schen Mög­lich­kei­ten beru­hen, mit abs­trak­ten Spe­ku­la­tio­nen an. Ihre Arbei­ten bewe­gen sich über­ein­stim­mend hin zum Unbe­kann­ten und wer­den von der Zukunft wie von der Ver­gan­gen­heit gelei­tet. Auf die­se Wei­se balan­cie­ren sie auf einem schma­len Grad zwi­schen Fik­ti­on, Kunst und Wis­sen­schaft.

Marguerite Humeau, "Terminator Pig" from the series "The Opera of Prehistoric Creatures", 2012, Photo by Joe Clark

Mar­gue­ri­te Hume­au, »Ter­mi­na­tor Pig« from the series »The Ope­ra of Prehis­to­ric Crea­tures«, 2012, Pho­to by Joe Clark

Andere Meinungen

  1. […] Mat­thi­as Pla­nit­zer ist nach lan­ger Pau­se zurück und somit es geht wei­ter auf sei­nem Blog. Der Wie­der­ein­stieg erfolgt mit einer Show von Mar­gue­ri­te Hume­au bei Import Pro­jects. […]