Malerei, pragmatisch gedacht

22. September 2013 von Matthias Planitzer
"One from none": den Todesnachrichten zum Trotz zeigen, was Malerei sein kann.

Ausstellungsansicht "One from none" im Autocenter (im Hintergrund: Sam Moyers unbetitelte Arbeiten); Foto: Matthias Planitzer

So oft, wie man seit Jah­ren, wenn nicht gar Jahr­zehn­ten hört, daß die Male­rei nun end­gül­tig tot sei, mel­det sich auch eine kri­ti­sche Gegen­sei­te zu Wort, die vehe­ment den Fin­ger erhebt und mit gro­ßen Ges­ten auf die jeweils aktu­el­le Künst­ler­ge­ne­ra­ti­on die­ses Medi­ums ver­weist. Was dann oft nur ein recht­fer­ti­gen­der Reflex bleibt, wird lei­der sel­ten gründ­lich oder gar über­zeu­gend argu­men­tiert: Hier geht noch was, das Kapi­tel ist noch lan­ge nicht abge­schlos­sen, das Gen­re ist nun wirk­lich nicht anti­quiert. Denn was eini­ge Unbe­irr­ba­re heu­te noch über den Punk sagen, gel­te auch in die­sem Fal­le: Pain­ting is not dead. Oder, weni­ger heils­ver­spre­chend: Pain­ting fore­ver! Der Titel könn­te pro­gram­ma­ti­scher nicht sein – aber Pro­vo­ka­tio­nen haben der Kunst noch nie gescha­det. Wenn sich also die vier Gro­ßen im Ber­li­ner Aus­stel­lungs­ge­schäft – Neue Natio­nal­ga­le­rie, Ber­li­ni­sche Gale­rie, Kunst­Wer­ke und Deut­sche Bank Kunst­Hal­le – den Ber­li­ner Malern wid­men, erhe­ben sie in einer inter­na­tio­nal, aber vor allem euro­pä­isch geführ­ten Dis­kus­si­on uni­so­no das Wort, das zunächst sehr ver­nünf­tig klingt. Denn wäh­rend zwar die Male­rei die ame­ri­ka­ni­schen Gale­rie­wän­de domi­niert und auch die Ber­li­ner Kol­le­gen laut der aktu­el­len IFSE-Stu­die zum hei­mi­schen Kunst­markt 56% ihrer Umsät­ze damit bestrei­ten, ist die Gat­tung in den Aus­stel­lun­gen der Haupt­stadt in die­ser Rela­ti­on unter­re­prä­sen­tiert. Offen­sicht­lich besteht ein Ungleich­ge­wicht zwi­schen Ver­kaufs- und Aus­stel­lungs­pra­xis, was die Male­rei mit­un­ter als einen Ver­kaufs­ga­ran­ten erschei­nen lässt, der die öko­no­misch schwie­ri­ge­ren Medi­en Instal­la­ti­on und Medi­en­kunst quer­fi­nan­zie­ren könn­te (wenn Künst­ler ihren Lebens­un­ter­halt mit Fest­ge­häl­tern statt Pro­vi­sio­nen bestrei­ten wür­den).

Die Male­rei ist dem­nach selbst in der Zeit der Inter­net- und Post-Inter­net-Art ein­fach nicht tot zu krie­gen. Die Kura­to­ren von »Pain­ting fore­ver!« beto­nen zwar, daß das Medi­um »in Ber­lin auf insti­tu­tio­nel­ler Ebe­ne spä­tes­tens seit dem Ende des 19. Jahr­hun­derts eine über­aus wich­ti­ge Rol­le« spie­le – also fern­ab eines öko­no­mi­schen Kal­küls. Ande­rer­seits ver­sucht aber auch eines der Häu­ser, die Kunst­Wer­ke, die Gat­tung mit sol­chen Mit­teln wie­der auf die Tages­ord­nung zu brin­gen, die einen ernüch­tern­den Ver­such erken­nen las­sen, an die Tra­di­tio­nen der Moder­ne anzu­knüp­fen. Ellen Blu­men­stein erkennt in den gezeig­ten Arbei­ten nicht weni­ger als »genu­in maler­ei­spe­zi­fi­sche The­men wie Licht und Kom­po­si­ti­on«, was natür­lich völ­li­ger Unfug ist, wie die Foto­gra­fie­ge­schich­te noch vor dem Anbruch der Moder­ne und seit­dem immer wie­der unter Beweis stell­te. Die Kura­to­rin sieht aber auch eine Aus­ein­an­der­set­zung »mit der Stoff­lich­keit der Male­rei«, was ver­mut­lich einen frucht­ba­re­ren Ansatz dar­stellt, aber eben auch nur den Green­berg­schen Habi­tus wie­der­käut, der einer zeit­ge­mä­ßen Reflek­ti­on des Medi­ums zwei Epo­chen nach der Moder­ne denk­bar hin­der­lich ent­ge­gen­steht.

Doch ver­mut­lich gehört es auch zur Natur sol­cher insti­tu­tio­nel­len Groß­ver­an­stal­tun­gen, daß sie Gat­tungs­be­grif­fe und die damit ver­bun­de­ne Medi­en­kri­tik stets bes­ten­falls nur aus einer his­to­ri­schen Sicht beleuch­ten kön­nen, selbst wenn das hoch­ge­schätz­te, weil im Lauf der Geschich­te bewähr­te Werk der grau­en Emi­nen­zen zusam­men mit den noch jun­gen, fri­schen und manch­mal auch unbe­darf­ten Posi­tio­nen der Gegen­wart ver­ei­nigt wird. Wenn also »Pain­ting fore­ver!« auf »insti­tu­tio­nel­ler Ebe­ne« argu­men­tiert, kann der Blick auf die Pro­du­zen­ten und Pro­jekt­räu­me loh­nens­wert sein. Mög­li­cher­wei­se hat­te die Jury, die von der Ber­lin Art Week ein­ge­setzt wur­de, um wei­te­re Part­ner ins gemein­sa­me Pro­gramm auf­zu­neh­men, genau die­sen Blick gewagt, als sie aus dem Kreis der über sech­zig Bewer­ber auch das Auto­cen­ter aus­er­wähl­te. Denn hier wird die zeit­ge­nös­si­sche Male­rei fern­ab der Dis­kus­si­on um Wesen und Leben­dig­keit der Gat­tung in einer erfri­schend prag­ma­ti­schen und auf­ge­schlos­se­nen Per­spek­ti­ve gese­hen.

Sam Moyer: ohne Titel; Foto: Matthias Planitzer

Sam Moy­er: ohne Titel; Foto: Mat­thi­as Pla­nit­zer

Doch dabei stellt die Grup­pen­aus­stel­lung »One from none« das Gen­re gar nicht expli­zit in den Mit­tel­punkt, erzählt nur dem, der danach fragt, was Male­rei heu­te sein kann. Denn eigent­lich geht es um die for­ma­l­äs­the­ti­schen Gemein­sam­kei­ten der hier ver­sam­mel­ten Arbei­ten, näm­lich die Spu­ren ihrer Ent­ste­hung, die in jedem ein­zel­nen Werk das zen­tra­le The­ma bil­den. Wäh­rend die Maler­fürs­ten über Gene­ra­tio­nen hin­weg ihren Schü­lern erklär­ten, daß das Malen selbst eben nur die eine Hälf­te, das Ver­wi­schen der Spu­ren aber den ande­ren Teil des Kunst­werks aus­ma­che, bewei­sen die­se jun­gen Künst­ler, daß das heu­te nicht mehr so gel­ten muss. Die Fas­zi­na­ti­on des Unbe­greif­li­chen: Wie hat er’s gemacht?, weicht einer Trans­pa­renz, die auf Nach­voll­zieh­bar­keit und Ehr­lich­keit setzt. Zwar sind die fünf hier ver­ein­ten Künst­ler nicht die ers­ten, die zu die­ser Auf­fas­sung gelang­ten, aller­dings muss hier auch kei­ner eine solch avant­gar­dis­ti­sche Kri­tik scheu­en. Schließ­lich küm­mert sich die von Nils Emme­richs kura­tier­te Aus­stel­lung gar nicht erst um die Erar­bei­tung eines Refe­renz­werks, das wahl­wei­se in oder neben den gezeig­ten Arbei­ten erkannt wird. Denn über Male­rei, was und was es nicht ist, spricht man hier nicht. Das führt so weit, daß der beglei­ten­de Aus­stel­lungs­text bekann­te Flos­keln der Kunst­welt so weit anhäuft, daß jeg­li­cher Sinn in fabu­lie­ren­der Meta­pho­rik ver­lo­ren geht. Das liest sich nicht nur äußerst amü­sant, son­dern kari­kiert auch gekonnt die inhalts­lee­re Ent­frem­dung, die gele­gent­lich die Kunst­spra­che heim­sucht. Denn in »One from none« heißt es schlicht: ein­fach machen. Auch das kann Prag­ma­tis­mus sein. Nun denn.

Das fas­zi­nie­rends­te Ergeb­nis die­ser Spu­ren­samm­lung bean­spru­chen viel­leicht die bei­den Arbei­ten der Ame­ri­ka­ne­rin Sam Moy­er für sich: Groß­for­ma­ti­ge Lein­wän­de, die über und über mit schwar­zen Spren­keln und Fle­cken, dich­ten Farb­flä­chen und fei­nen Knit­tern bedeckt sind, erzäh­len auf die­se Wei­se von den viel­fäl­ti­gen Bear­bei­tun­gen, die sie erfah­ren haben. Offen­sicht­lich ging Moy­er mit ihren Lein­wän­den nicht all­zu zim­per­lich um, setz­te sie allen erdenk­li­chen Wid­rig­kei­ten aus, die sich all­mäh­lich in jenen Spu­ren abzeich­ne­ten, die letzt­lich auch das Mate­ri­al als viel­sei­ti­gen Werk­stoff erschlie­ßen. Ähn­lich den japa­ni­schen Shi­bo­ri wer­den Far­be und Stoff als ein mit­ein­an­der agie­ren­des Gefü­ge ver­stan­den, das sich in Fal­tun­gen und Ver­wi­schun­gen aus­drü­cken kann. Die Lein­wand wird in Tin­te getränkt, anschlie­ßend gewrun­gen, geplät­tet, gefal­tet und aus­ge­presst, bis das Schwarz den Stoff ganz durch­drun­gen oder eben an eini­gen Stel­len ganz ver­las­sen hat. Auf eine höl­zer­ne Plat­te gespannt, wird sie wie­der geglät­tet und damit zum Tafel­bild, das sei­ne Mate­ria­li­tät in Male­rei über­setzt.

Samuel François: "sans titre (orange#1)" (Detail); Foto: Matthias Planitzer

Samu­el François: »sans tit­re (orange#1)« (Detail); Foto: Mat­thi­as Pla­nit­zer

Damit ist bereits das Stich­wort gege­ben, das der­zeit auch außer­halb von »One from none« die Male­rei zu beschäf­ti­gen scheint. Wenn es um Mate­ria­li­tät geht, wird man zwar anfangs einen Ser­gej Jen­sen ver­geb­lich suchen, der trotz sei­nes gerin­gen Alters in sol­chen Schau­en bereits unum­gäng­lich zu sein scheint. Man wird aber auch erken­nen, daß ande­re Künst­ler die­ses Feld eben­so erfolg­reich beackern. Samu­el François‹ auf­ge­bro­che­ne Bild­flä­chen, die die Lein­wand als Ver­satz­stück ver­ste­hen, kön­nen jeden­falls pro­blem­los mit­hal­ten und brin­gen sogar in »sans tit­re (orange#1)« die Far­be ins Spiel, die man bis­wei­len in Jen­sens Kar­tof­fel­sack-Ästhe­tik ver­miss­te. Die oran­ge-roten, fein gewo­be­nen Stoff­fet­zen spannt er auf der Lein­wand auf, lässt sie aber erst in ihren aus­ge­frans­ten Kan­ten so recht in Erschei­nung tre­ten, wo die wei­ßen Fasern und Fäden stop­pe­lig abste­hen oder sich in Schlau­fen über den Bild­grund legen.

Man könn­te dar­in zwar eben jene Stoff­lich­keit erken­nen, der man auch in den Kunst­Wer­ken nach­spü­ren möch­te, wür­de dann aber nicht die not­wen­di­ge Tren­nung zwi­schen hap­ti­schen, d.h. dem Mate­ri­al zu eige­nen Qua­li­tä­ten und der male­ri­schen Illu­si­on von Mate­ria­li­tät vor­neh­men. François macht die­sen Unter­schied in sei­ner eben­falls gezeig­ten Arbeit »Untit­led (€€€€…)« deut­lich, wenn er zunächst eine Lein­wand weiß grun­diert und mit pas­to­sen Spren­keln über­sät, dadurch an eine Rau­fa­ser­ta­pe­te erin­nert, dann aber die Ober­flä­che nach­träg­lich zer­stört, sodaß die dar­un­ter gele­ge­nen Schich­ten wie auch die Split­ter des höl­zer­nen Keil­rah­mens zum Vor­schein kom­men. Folg­lich steckt dar­in mehr als die blo­ße Fest­stel­lung, daß Male­rei das Spiel zwi­schen Erhalt und Auf­he­bung der Flä­che sei: Stoff­lich­keit und Mate­ria­li­tät kön­nen auch getrennt von­ein­an­der gedacht, aber im gemein­sa­men Wech­sel­spiel gebraucht wer­den.

Doch dar­auf muss »One from none« gar nicht erst hin­wei­sen. Denn was die Aus­stel­lung letzt­lich so sym­pa­thisch erschei­nen lässt, ist der Ver­zicht dar­auf, das The­ma der Male­rei nicht erst in Form eines Pro­gramms in den Mit­tel­punkt zu stel­len. Male­rei wird eben nicht als Beob­ach­tungs­ge­gen­stand auf­ge­fasst, den man mit kura­to­ri­schen Mit­teln erschlie­ßen müss­te. Eben­so wird auch nicht nach der his­to­ri­schen Rol­le, auch nicht nach dem aktu­el­len Stand oder der Zukunft die­ser Gat­tung gefragt, wie es »Pain­ting Fore­ver!« in einem insti­tu­tio­nel­len Rah­men ver­sucht. Male­rei wird ein­fach gezeigt, ganz so, wie sie von den Künst­lern gelebt wird. Hier wird auch kei­ne Bestands­auf­nah­me gewagt, die ja wie­der eine insti­tu­tio­nel­le Metho­de dar­stel­len wür­de. »One from none« gibt ledig­lich einen Ein­druck, daß die Male­rei eben nicht so tot ist, wie manch einer behaup­tet – ohne sich mit Argu­men­ten recht­fer­ti­gen zu müs­sen. Ganz ent­spannt und unauf­ge­regt. Auch so kann man über Male­rei spre­chen.