Eine Chronik der Paranoia

22. April 2013 von Matthias Planitzer
Horst Ademeit suchte in tausenden kommentierten Polaroids nach den Kältestrahlen
Horst Ademeit: Ohne Titel; courtesy Galerie Gebr. Lehmann

Horst Ade­meit: Ohne Titel; cour­te­sy Gale­rie Gebr. Leh­mann

An einem lau­en Som­mer­tag sieht man einen älte­ren Her­ren ver­stoh­len durch die Stra­ßen Düs­sel­dorf-Flin­gerns huschen. Ein dicker Man­tel fällt von sei­nen Schul­tern, die Hän­de umklam­mern eine ver­al­te­te Pola­ro­id-Kame­ra. Sei­ne Bli­cke suchen akri­bisch die Umge­bung ab, wäh­rend mit jeder has­ti­gen Bewe­gung ein lei­ses Rascheln aus den Klei­dern des Man­nes dringt. Bald schießt er ein Foto. Schaut auf die Uhr, notiert die Zeit, blickt sich noch ein­mal genau um und ver­schwin­det dann wie­der.

Über Horst Ade­meit ist nicht viel bekannt. Als Kunst­stu­dent von Beuys ver­schmäht, als Päd­ago­ge nicht gebraucht, rutsch­te der Köl­ner bald in die Arbeits­lo­sig­keit. Bald bezog er eine Sozi­al­woh­nung im zwei­ten Bezirk, wo er für mehr als zwei Jahr­zehn­te als einer jener kau­zi­ger Urge­stei­ne gegol­ten haben muss, ohne deren Bio­gra­phi­en und Geschich­ten ein jeder groß­städ­ti­ger Kiez­my­thos undenk­bar wäre.

Ob Ade­meit tat­säch­lich als der scheue Foto­graf Flin­gerns bekannt war, kann aller­dings nur spe­ku­liert wer­den. Es fällt jedoch leicht, anhand der tau­sen­den beschrif­te­ten Pola­ro­ids aus sei­nem Nach­lass die­se Vor­stel­lung jenes Man­nes zu gewin­nen, von dem immer­hin bekannt ist, daß er drei­tau­send selbst­ge­drech­sel­te Holz­kü­gel­chen am Kör­per trug, um sich gegen schäd­li­che Käl­te­strah­len zu schüt­zen. Die all­ge­gen­wär­ti­ge Gefahr: ein Hirn­ge­spinst. Die Fotos gal­ten der Doku­men­ta­ti­on und Beweis­füh­rung: alles um ihn her­um sand­te jene gefähr­li­che Strah­lung aus, die den Kör­per ver­zehrt. Autos, Bau­stel­len, Nach­bars Pri­vat­le­ben, sogar die eige­ne Toi­let­te. Der­weil lie­fer­ten Welt­ge­sche­hen und auch die Wer­bung Hin­wei­se auf die Aus­brei­tung der Käl­te­strah­len. Alles wur­de pein­lich genau mit der Kame­ra fest­ge­hal­ten.

Horst Ade­meits Ide­en und Gedan­ken waren zwei­fel­los wahn­haft. Sei­ne Foto­gra­fie­be­ses­sen­heit war jedoch die Quel­le für ein ein­zig­ar­ti­ges Zeug­nis, das nach sei­nem Tode als Out­si­der Art aner­kannt wird. Mit beacht­li­chem Erfolg: Ade­meits Œuvre bereis­te die Welt, wur­de 2011 im Ham­bur­ger Bahn­hof (»secret uni­ver­se«) gezeigt, im Fol­ge­jahr auf der 30. São Pau­lo Bien­na­le sowie in der Turi­ner Depen­dance der aus Ber­lin bekann­ten Gale­rie Nor­ma Man­gio­ne aus­ge­stellt, ehe es in die­sen Wochen sei­nen Weg in die Gale­rie Gebrü­der Leh­mann fand.

Horst Ademeit: Ohne Titel (26.03.1993) und (10.12.1993); courtesy Galerie Gebr. Lehmann

Horst Ade­meit: Ohne Titel (26.03.1993) und (10.12.1993); cour­te­sy Gale­rie Gebr. Leh­mann

Dabei wäre wäre das Lebens­werk des Düs­sel­dor­fers fast unent­deckt geblie­ben: Als der 1937 in Köln gebo­re­ne Ade­meit 2008 in ein Düs­sel­dor­fer Pfle­ge­heim ein­zog, über­gab er einer dort Ange­stell­ten sei­nen Nach­lass, der auch eine Samm­lung von 10.000 Foto­gra­fi­en ent­hielt, die seit 1987 ent­stan­den. Erst spä­ter gelang­ten sie durch einen auf­merk­sa­men Arzt zu Susan­ne Zan­der, deren Düs­sel­dor­fer Gale­rie sich auf Art Brut, also Kunst von Lai­en und geis­tig Kran­ken, eben: Out­si­der Art spe­zia­li­siert. Dort wur­de der Nach­lass gesich­tet und nahm von da aus sei­nen Weg durch die Aus­stel­lungs­häu­ser.

Doch was macht sie aus, die Pola­ro­ids eines Para­noi­den? Es ist die über­wäl­ti­gen­de Mas­se an Fotos samt mikro­sko­pi­scher Anno­ta­tio­nen, die den Rand der Pola­ro­ids säu­men, sich auf ihrer Rück­sei­te und bei­ge­leg­ten Blät­tern fort­set­zen, die den All­tag eines Man­nes doku­men­tie­ren, des­sen Sor­gen und Ängs­te ein­zig gefähr­li­chen Käl­te­strah­len gal­ten.

Horst Ademeit: Ohne Titel (16.02.1994); courtesy Galerie Gebr. Lehmann

Horst Ade­meit: Ohne Titel (16.02.1994); cour­te­sy Gale­rie Gebr. Leh­mann

Eine Auf­nah­me vom 16. Febru­ar 1994 ver­deut­li­chen das Aus­maß der para­noi­den Vor­stel­lun­gen Horst Ade­meits. Sie zeigt eini­ge Autos, im Hin­ter­grund Woh­nungs­bau­ten, eine Bus­hal­te­stel­le, eine Wer­be­an­zei­ge. Man möch­te mei­nen, eine gewöhn­li­che Flin­ger­ner Stra­ßen­sze­ne. Ade­meit jedoch notiert dazu fol­gen­des:

»Albertstr/Behrenstr.
seit Wochen­be­ginn oder schon wäh­rend des letz­ten Wochen­en­des:
links WALL-WERBUNG ›CHINA FERTIGKOST‹ für TIEFKÜHLKOST.
und rechts die LOT­TO-RUB­BEL­Wer­bung ›Mona Lisa‹ mit Son­nen­bril­le und Munch ›Schrei‹«

Tief­kühl­kost und Son­nen­bril­len. Wel­chen Ein­druck die­se unheil­vol­le Kon­stel­la­ti­on auf ihn gemacht haben muss, lässt sich nur erah­nen. Doch nicht alle Fotos ent­lar­ven die gefürch­te­ten Strah­len so leicht. Ade­meit erkennt in Bau­stel­len, par­ken­den Autos, selbst im Tur­nus des Pla­kat­wech­sels Hin­wei­se auf die Käl­te­strah­len. Das Ver­hal­ten ist für eine wahn­haf­te Stö­rung typisch: Ade­meits gesam­mel­te Doku­men­ta­ti­on offen­ba­ren eine Per­son, die einer prä­zi­sen, aber objek­tiv irrea­len Idee anhängt, und auch nicht von sei­nem Irr­glau­ben abkommt, wenn Argu­men­te und Bewei­se vor­ge­legt wer­den, die das Gegen­teil bezeu­gen. Auch Details aus dem All­tags wer­den schnell in das Ide­en­ge­bäu­de ein­ge­bracht. Ein sys­te­ma­ti­scher Wahn ent­steht, der für den Betrof­fe­nen eine solch gro­ße Bedeu­tung erlangt, daß jeder Kri­ti­ker in tie­fen Zwei­fel gezo­gen wird, jeder Wider­spruch ein Teil des auf­wän­dig auf­recht erhal­te­nen Sys­tems ist. Solch kom­ple­xe Wahn­in­hal­te kön­nen so stark aus­ge­baut und mit logi­schen Bele­gen unter­stützt wer­den, daß eine ech­te Para­noia ent­steht, die noch schwie­ri­ger zu durch­bre­chen ist.

Horst Ade­meits Wahn nahm offen­bar die­ses Aus­maß an, des­sen Beleg nun die vie­len Tau­send Foto­gra­fi­en sind. Mit die­sem Doku­men­ta­ti­ons- und Argu­men­ta­ti­ons­sys­tem konn­te er auch dar­le­gen, daß sogar sein Nach­bar Teil der Ange­le­gen­heit war. Am 23. August 1996 bemerk­te er: »Voß Podest Sicht­schutz ver­grö­ßert«. Febru­ar 1997 dann: »Voß Bett­zeug mal wie­der im offe­nen Fens­ter seit meh­re­ren Mona­ten«. Im fol­gen­den Jahr wird der Zusam­men­hang des Nach­barn zu den Käl­te­strah­len noch kla­rer:

»am 20. April 97 1330 Uhr 3 Lux 10° Außen­tem­pe­ra­tur […] Voß Ter­ras­se = ver­mut­lich ist das Tuch naß/feucht – seit 12 Uhr Voß Auf­ent­halt bei 10° auch mal 9° auf der Ter­ras­se in schwar­zem Pul­lö­ver­chen bzw. ganz in schwarz wie damals auch […] fast ganz nackt […]«

Auf die­se Wei­se ging Ade­meit mit höchs­ter Obses­si­on dem Sam­meln wei­te­rer Bele­ge nach. Für »ewi­ge Bau­stel­len« ent­wi­ckelt er ein beson­ders wach­sa­mes Auge (»ges­tern war der Tele­skop Kran schwarz­gelb noch damit beschäf­tigt die schwar­zen Roh­re auf den 13 blau­en Was­ser Silos anzu­brin­gen«, 21.3. 2003), aber auch klei­ne­re Bau­ar­bei­ten beob­ach­tet er mit Miß­trau­en:

»am 26. April 95 – 1055 – 2 Arbei­ter seit 930 auf Hof haupt­säch­lich mit Boh­ren beschäf­tigt auf Podest […] 1 Arbei­ter mit Schnäu­zer trägt Ohr­ring […] 1545 die 3 Stahl­roh­re = 10cm Ø mit Ham­mer auf Podest«

Horst Ademeit: Ohne Titel (13.06.1993); courtesy Galerie Gebr. Lehmann

Horst Ade­meit: Ohne Titel (13.06.1993); cour­te­sy Gale­rie Gebr. Leh­mann

Den­noch hielt sich Ade­meit mit vor­schnel­len Urtei­len zurück. Aus sei­nen Kom­men­ta­ren geht er als wach­sa­mer Beob­ach­ter sei­ner Umwelt her­vor, der mit der größt­mög­li­chen Genau­ig­keit und Vor­ur­teils­lo­sig­keit doku­men­tiert und archi­viert, was um ihn her­um geschieht. Nicht nur die­se Obser­va­ti­ons­fo­tos, wie Zan­der sie nann­te, auch die Serie der Tages­bil­der offen­bart einen wis­sen­schaft­li­chen Anspruch von Objek­ti­vi­tät. Ade­meit foto­gra­fier­te hier­zu in ähn­lich unüber­schau­ba­rem Umfang stets eine aktu­el­le Tages­zei­tung – meist die Bild –, sowie aller­lei Mess­ge­rä­te, um im Anschluss per­sön­li­ches Befin­den mit phy­si­ka­li­schen Daten und aktu­el­lem Welt­ge­sche­hen in Ver­bin­dung zu brin­gen. Ver­mut­lich zu Archi­vie­rungs­zwe­cken wur­den sie fort­lau­fend num­me­riert und auf­be­wahrt. Mit Kom­pass, Uhr, Ther­mo­me­ter Hel­lig­keits-, Strom- und Feuch­tig­keits­mess­ge­rät, sogar einem Gei­ger­zäh­ler stu­dier­te er sei­nen All­tag und notier­te knapp die Ergeb­nis­se. »Am 1. Mai 99 = Sams­tag 101148x15’18’00 Lux 94349x15’17’00 Lux 2280, Tag ohne Blitz«. Natur­er­eig­nis­se nahm er offen­bar als beson­ders wich­ti­ge Hin­wei­se auf; so wies er in sei­nen Noti­zen unter ande­rem auch auf ein Erd­be­ben in Grie­chen­land und den Aus­bruch des Kra­ka­tau hin. Auch der Sport war von Belang: »Schal­ke 1:0 Karls­ru­herSC 2:0 Frei­burg 4:1«. Selbst den Brand­an­schlag von Solin­gen kom­men­tier­te er: »- 15. Juni 93 über Solin­gen: »Tür­ken Woh­nungs­brän­de haben laut Poli­zei­be­richt kei­nen poli­ti­schen Hin­ter­grund!«

Horst Ade­meit kon­ti­nu­ier­li­che Arbeit, die er über mehr als zwei Jahr­zehn­te hin­weg betrieb, nahm schnell eine beson­de­re Bedeu­tung an. Nach­dem sei­ne Noti­zen in den frü­hen Neun­zi­gern immer aus­führ­li­cher wur­den, füll­ten sie weni­ge Jah­re spä­ter in immer klei­ne­rer Schrift nicht nur mehr die Vor­der­sei­te, auch die Rück­sei­te aus. Ade­meit wur­de in kür­zes­ter Zeit zu einem Chro­nis­ten Düs­sel­dorf-Flin­gerns, der ähn­lich wie Roman Opał­ka, Han­ne Dar­bo­ven und vor allem On Kawa­ra durch ein ite­ra­ti­ves Nie­der­schrei­ben und in Ade­meits Fal­le auch Foto­gra­fie­ren, die Zeit ein­fing und auf dem Papier fest­hielt. Deren Lebens­wer­ke began­nen nur weni­ge Jah­re, bevor Ade­meit 1970 den Weg an die Düs­sel­dor­fer Kunst­aka­de­mie fand, wo Beuys die Wer­ke sei­nes Schü­lers als »Kunst­ge­wer­be« abtat. Ade­meit war ent­täuscht und ver­ließ die Hoch­schu­le. Der Schluss, daß er sich in den Jahr­zehn­ten nach sei­ner kur­zen Künst­ler­lauf­bahn an die­sen Vor­bil­dern der Day Pain­tings und Zähl­sys­te­me ori­en­tiert habe, geschieht leicht, miss­ach­tet aber, daß die Pola­ro­ids in einem krank­haf­ten Kon­text ent­stan­den und spä­ter auch selbst von Ade­meit so ein­ge­ord­net wur­den. Als in den letz­ten Wochen und Mona­ten vor sei­nem Tode im Juli 2010 abseh­bar war, wel­ches spä­te Inter­es­se ihm die Düs­sel­dor­fer Kunst­welt ent­ge­gen­brach­te, war Ade­meit erstaunt, »denn im Ursprung war alles eigent­lich nur ein Regis­trie­ren, Foto­gra­fie­ren, Tat­sa­chen-Aner­ken­nen zum eige­nen Schutz«, wie er an Zan­der schrieb.

Wie wur­de die­ses Archiv dann aber zu Kunst? Dazu brauch­te es weder die Inten­ti­on des Künst­lers, noch die aus­ge­feil­te Kom­po­si­ti­on, die sei­nen Bil­dern von man­chen Kri­ti­kern unter­stellt wur­de. Auch der ver­lo­cken­de Blick in die Psy­che und den All­tag eines von einem Wahn ergrif­fe­nen Man­nes ist zunächst ein medi­zi­ni­scher, den sich die Kunst in der Fol­ge aneig­ne­te. Die Prä­sen­ta­ti­on hin­ter Glas und im kura­to­ri­schen Kon­text hat gewiss ihren Teil getan, wodurch erst­mals geord­net und sys­te­ma­tisch der Blick auf Werk und Künst­ler gerich­tet wer­den konn­te. Viel­leicht fin­det man letzt­lich in der qua­si­wis­sen­schaft­li­chen Metho­dik Ade­meits, die sei­ne Umwelt und die Käl­te­strah­len im Blick hat­te, doch aber mehr über den For­schen­den ver­rät, einen künst­le­ri­schen Wert in der Form, wie sich das Kunst­werk schon oft dem Künst­ler bemäch­tig­te.