Verstümmelt und entstellt

28. März 2013 von Matthias Planitzer
Asger Carlsen arbeitet mit dem Material Mensch, formt Fleisch, Fett und Knochen

Asger Carl­sen: »HESTER (07)«; © Asger Carl­sen, cour­tesy Dittrich & Schlechtriem

Eine bizarr ver­stüm­mel­te Gestalt räkelt sich auf einem Tisch. Ein schlan­kes Bein­paar stützt sich an der Kan­te ab, stemmt das schma­le Becken empor – soweit kann das Auge noch dem fah­len Leib fol­gen, – doch der rest­li­che, eigen­ar­tig ent­stell­te Kör­per win­det sich in einer gro­tes­ken Ver­kramp­fung um sich selbst: Ein zwei­ter Rücken, ein zwei­ter Hin­tern und noch ein wei­te­res Bein – oder zwei? Das weiß man nicht so genau. – schlie­ßen sich an, fest ver­schmol­zen mit jenem Frau­en­kör­per, der so recht kei­ner sein kann. Der Kopf fehlt. Auch vom Bauch, von der Brust ist nichts zu sehen. Kei­ne Hän­de, kei­ne Arme, auch kei­nen Hals hat die­se unheim­li­che Gestalt, nur zwei Rümp­fe, denen sich alles wei­te­re anschließt. Man sucht den lei­chen­blas­sen Kör­per nach Näh­ten ab, wie sonst könn­te man die­sen ent­setz­li­chen Anblick erklä­ren. Man wird kei­ne Spur eines per­fi­den Lei­chen­fled­de­rers fin­den, denn die­ser Kör­per ist mit ande­ren Mit­teln zu sei­nen Glie­dern gekom­men. Das unstim­mi­ge Spie­gel­bild der glän­zen­den Tisch­plat­te, aber auch ein Mut­ter­mal in dop­pel­ter Aus­füh­rung ver­ra­ten die Her­kunft die­ses Zwil­lings­lei­bes, der sich hier, in einem gewöhn­li­chen Ess­zim­mer, so genüss­lich aalt: Die Figur stammt aus der Hand Asger Carl­sens, der Kör­per und Kör­per­tei­le dupli­ziert und neu arran­giert.

Asger Carl­sen: »HESTER (06)«; © Asger Carl­sen, cour­tesy Dittrich & Schlechtriem

Asger Carl­sen: »HESTER (06)«; © Asger Carl­sen, cour­tesy Dittrich & Schlech­triem

Die Her­kunft ist schnell geklärt: Der Künst­ler fer­tig­te 2010 für das S Maga­zi­ne eine Akt­fo­to­gra­fie vor der­sel­ben Kulis­se an, die jedoch bis auf eine über­zäh­li­ge Brust kei­ne offen­sicht­li­chen Ein­grif­fe des Prä­pa­ra­tors Carl­sen auf­wies. Damals nahm er sei­ne Ein­grif­fe noch sehr vor­sich­tig vor. Ein über­zäh­li­ger Schat­ten, ein zwei­tes Augen­paar, manch­mal auch nur Haa­re, wo kei­ne hin­ge­hör­ten. Oder eben die Brüs­te: harm­lo­se Spie­le­rei, ein puber­tä­rer Scherz. Mehr nicht. Doch der ers­te Impuls war gesetzt. Die Tech­nik war erprobt, nun konn­ten neue, radi­ka­le­re For­men gesucht wer­den. Die eigen­ar­ti­gen, teils auch amü­san­ten Kör­per­ex­pe­ri­men­te, die die mensch­li­che Gestalt über­den­ken und unter viel Fan­ta­sie neu dekli­nie­ren, nah­men damals bereits ers­te Gestalt an, ehe sie in kom­men­den Seri­en extre­me­re For­men erschu­fen. Zuvor erreich­te der 23-Jäh­ri­ge Däne eine gewis­se Bekannt­heit mit höl­zer­ner Prost­he­tik, die er anstel­le eines gesun­den Bein­paa­res sicht­lich holp­rig lau­fen­den Män­nern, Frau­en und Kin­dern ange­dei­hen ließ.

Doch spä­tes­tens mit einer Arbeit aus der Serie »Bax­ter«, in der die Kör­per zwei­er Lie­ben­der buch­stäb­lich zu einem maden­haf­ten Leib ver­schmel­zen, zeich­ne­te sich ab, wel­chen Weg Asger Carl­sens Kunst fort­an neh­men wür­de: die gro­tes­ke Ver­zer­rung des mensch­li­chen Kör­pers. Den vor­läu­fi­gen Höhe­punkt mar­kiert die kürz­lich bei Dittrich & Schlech­triem aus­ge­stell­te, 23-tei­li­ge Werk­samm­lung »Hes­ter«, in der der Kör­per erst­mals völ­lig ent­mensch­licht und als fle­xi­bel form­ba­res Fleisch zum rohen Objekt degra­diert wird. Die Aus­stel­lung ist bereits abge­baut, doch »Hes­ter« ist einen Kom­men­tar alle­mal wert.

Asger Carlsen: "HESTER (17)" und "HESTER (18)"; © Asger Carlsen, courtesy Dittrich & Schlechtriem

Asger Carl­sen: »HESTER (17)« und »HESTER (18)«; © Asger Carl­sen, cour­te­sy Dittrich & Schlech­triem

Der Pro­ze­dur, in der Asger Carl­sen einen mensch­li­cher Kör­per ver­ar­bei­tet, zum Mate­ri­al zer­legt und schließ­lich als model­lier­ba­rer Werk­stoff nutz, ist lang. Dabei nimmt die Foto­gra­fie den gerings­ten Teil ein. Er fer­tig­te zumeist im Ate­lier, aber auch an ande­ren Orten Aktauf­nah­men weib­li­cher Model­le an und ergänz­te, wenn eine Form fehl­te, das Bild­re­per­toire um Foto­gra­fi­en von Model­lier­mas­se. Es folg­te eine auf­wen­di­ge Nach­be­ar­bei­tung mit Pho­to­shop, wäh­rend der Kör­per­tei­le – Arme, Bei­ne, Rümp­fe, Fett­schür­zen usw. – von ihren ursprüng­li­chen Lei­bern abge­trennt und frei arran­giert wur­den. Dann sticht ein Fuß­bal­len aus einer Schul­ter her­vor, ein Rücken krümmt sich zum Knie, ein von Krampf­adern durch­zo­ge­ner Hin­tern endet im Nir­gend­wo, oder, was noch viel häu­fi­ger vor­kommt, rohes Fett und Fleisch flie­ßen in For­men inein­an­der, die kein Ana­to­mie­at­las kennt. Gele­gent­lich tau­chen ein­zel­ne Struk­tu­ren – etwa eine auf­ge­scheu­er­te Fer­se (»HESTER (17)« und »HESTER (18)«) oder eine von zar­ten Deh­nungs­strei­fen über­zo­ge­ne Hüf­te (»HESTER (02)« und »HESTER (12)«) – mehr­fach in einem Objekt oder als gemein­sa­mes Merk­mal ver­schie­de­ner Gestal­ten auf. Dann erschei­nen die­se Objek­te, wie etwa das ein­gangs erwähn­te Bei­spiel »HESTER (07)«, in einer mul­ti­per­spek­ti­vi­schen, bis­wei­len kubis­tisch anmu­ten­de Ansicht, in der sie den gie­ri­gen Bli­cken scho­nungs­los von allen Sei­ten aus­ge­setzt sind.

Asger Carlsen: "HESTER (04)"; © Asger Carlsen, courtesy Dittrich & Schlechtriem

Asger Carl­sen: »HESTER (04)«; © Asger Carl­sen, cour­te­sy Dittrich & Schlech­triem

Die­se neo­mor­phen, stets kopf­lo­sen Lei­ber wer­den anschlie­ßend in diver­sen Posen als Mög­lich­kei­ten einer Aus­for­mung mensch­li­chen Mate­ri­als prä­sen­tiert, wobei unter Ver­zicht auf farb­li­che Qua­li­tä­ten die Ana­to­mie und Tex­tur wei­ter her­vor­ge­ho­ben wird. Man­che tän­zeln, ande­re sit­zen auf­recht, stre­cken ihre Glie­der und wie­der ande­re neh­men als plum­pe Fleisch­mas­se auf einer Kom­mo­de Platz, wo sie als Skulp­tur zum Ein­rich­tungs­ge­gen­stand wer­den.

Je stär­ker ver­stüm­melt und ent­stellt, des­to inter­es­san­ter und über­zeu­gen­der sind Carl­sens Objek­te, denn es sind die plum­pen, rohen For­men, die am bru­tals­ten aber auch am pro­f­ans­ten die Mate­ria­li­tät des Flei­sches offen­ba­ren. Von ihnen geht eine Melan­cho­lie, gele­gent­lich auch ein Pathos aus, den man im zeit­ge­nös­si­schen Umfeld am ehes­ten von Ber­lin­de de Bruy­cke­re kennt. Auch Asger Carl­sen schin­det und mar­tert sei­ne Kör­per, beraubt sie jeden Schut­zes und manch­mal auch ihrer Wür­de, um sie dem kal­ten Blick des Betrach­ters aus­zu­set­zen. Wo de Bruy­cke­re jedoch auf eine mor­bi­de Ästhe­tik setzt, um die Bana­li­tät des rohen Flei­sches her­aus­zu­stel­len, treibt Asger Carl­sen uner­bit­ter­lich die abso­lu­te Pro­fa­ni­sie­rung des mensch­li­chen Kör­pers durch die Ent­le­di­gung aller mensch­li­chen Eigen­schaf­ten vor­an. Carl­sen redu­ziert den Men­schen auf sei­ne Phy­sis, sei­nen Kör­per auf genüg­sa­mes Mate­ri­al.

Das Waren­la­ger Mensch bie­tet ihm ein reich­hal­ti­ges Reper­toire für ein mor­pho­lo­gi­sches Labo­ra­to­ri­um, das längst nichts mehr mit der Body Modi­fi­ca­ti­on etwa einer Gina Pane oder Orlan zu tun hat. Poli­tisch ist sie nicht, selbst­ver­stüm­meln­de oder -modif­zie­ren­de Per­for­mance auch nicht, denn Asgers Kunst zielt auf die tota­le Ent­mensch­li­chung ab. Der mensch­li­che Kör­per wird als Objekt sti­li­siert, das kei­ner Iden­ti­tät, kei­ner Phy­sio­lo­gie und gewiss kei­ner Bio­ethik bedarf. Ein plum­per Gegen­stand, der viel­leicht noch als Skulp­tur taugt – man fin­det sie als hüb­schen Tisch­schmuck, gele­gent­lich auch auf Kom­mo­den, oft­mals aber auch im Ate­lier des Künst­lers, der dem Fett und Fleisch noch die pas­sen­de Form geben muss.

Asger Carlsen: "HESTER (03)"; © Asger Carlsen, courtesy Dittrich & Schlechtriem

Asger Carl­sen: »HESTER (03)«; © Asger Carl­sen, cour­te­sy Dittrich & Schlech­triem

Unter Beto­nung der Werk­zeu­ge, mit denen Asger Carl­sen sei­ne nicht so recht skulp­tu­ra­len, aber auch nicht so recht foto­gra­fi­schen Arbei­ten erschafft, könn­te man leicht einen Kom­men­tar zur oft ver­schriee­nen Beau­ty- und Mode­fo­to­gra­fie ver­mu­ten, die am Com­pu­ter gla­mou­rö­se Kör­per- und Bild­wel­ten erschaf­fen. Carl­sens Dar­stel­lung ver­zich­tet jedoch auf jeg­li­chen Glanz und Glit­zer, ver­schließt sich dem Pomp zwar nicht, aber wählt einen unge­mein nüch­ter­nen und ratio­na­len, fast wis­sen­schaft­li­chen Blick eines for­schen­den Unter­su­chers, der die Kör­per­ex­pe­ri­men­te im Lich­te einer Test­rei­he erschei­nen lässt. Die Ent­wick­lung der Wer­ke inner­halb der Rei­he bestä­tigt dabei den Ein­druck, der sich auch bald dem Zeu­gen die­ser Ver­su­che auf­drängt. Carl­sen kon­zen­triert sich zuse­hends auf Kör­per und Merk­ma­le, die nach her­kömm­li­cher Ästhe­tik als unschön gel­ten: adi­pö­se Kör­per, deren Fett­schür­zen, Deh­nungs­strei­fen, cel­lu­li­ti­sche und von schlän­geln­den Venen zer­sto­che­ne Haut eine Tex­tur, oft­mals sogar ein regel­rech­tes Reli­ef ent­wer­fen, das gegen­über den makel­los glat­ten Bei­spie­len wesent­lich inter­es­san­ter erscheint. In den zer­klüf­te­ten Fal­ten eines der­ben Fett­klot­zes lie­gen Wel­ten begra­ben, die erst unter Carl­sens scho­nungs­los sezie­ren­dem Blick zuta­ge tre­ten. Eben­so wie Luci­en Freud und Jen­ny Savil­le auf male­ri­schem Wege die Viel­falt eines rau­hen, wel­ken Inkar­nats ent­deck­ten, zei­gen auch Asger Carl­sens lei­der bis­her nur weni­ge fett­lei­bi­gen Objek­te die Fül­le des der­ben Mate­ri­als.

Schließ­lich blei­ben jedoch nicht nur die kor­pu­len­ten Exem­pla­re aus Asger Carl­sens For­men­kreis im Gedächt­nis. Der tota­len Fokus­sie­rung auf das rohe Mate­ri­al setzt der Däne auch eine Hand­voll Arbei­ten ent­ge­gen, die durch einen erhal­te­nen Rest an Mensch­lich­keit bestechen. Dazu sind zwar auch die tän­zeln­den For­men zu zäh­len, ein­drück­li­cher sind jedoch Bei­spie­le, in denen etwa lackier­te Fuß­nä­gel auf­fal­len oder ande­re Posen ein­ge­nom­men wer­den. So scheint »HESTER (04)« eben erst kopf­los vorn­über gestürzt zu sein – die Füße set­zen noch ein wenig auf dem Boden auf –, ein trau­ri­ger, bemit­lei­dens­wer­ter Anblick, der die wohl bes­te Arbeit der Serie aus­macht. In »HESTER (03)« kommt ein schwar­zes Leder­so­fa ins Spiel, auf dem sich eine Figur in einer Wei­se räkelt, die auf eine unter­schwel­li­ge Ero­tik ver­weist, die von einem der­art ent­stell­ten Kör­per nicht aus­ge­hen kann. Die andern­orts immer mal wie­der auf­blit­zen­den Geschlechts­tei­le ver­mö­gen bei wei­tem kei­nen sol­chen Kon­flikt aus­lö­sen.

Wider­sprü­che wie die­se, in denen die so sorg­fäl­tig umge­setz­ten Ent­mensch­li­chung bricht, set­zen viel­leicht die nach­hal­tigs­ten Ein­drü­cke die­ser Serie. Denn obwohl stets die Her­kunft der ein­ge­setz­ten Mate­ria­li­en unstrit­tig ist, geschieht es doch all­zu leicht, daß der stren­ge, küh­le Blick die empa­thi­sche Kom­po­nen­te aus­blen­det. Ein Kör­per­ex­pe­ri­ment mag bru­tal und see­len­los sein, doch sobald das ent­stell­te Wesen erst­mals eine füh­len­de Natur offen­bart, kommt das gro­ße Unbe­ha­gen auf. Da erscheint es doch wie eine Erleich­te­rung, daß Asger Carl­sens ver­stüm­mel­te Figu­ren unter der Last ihres Schick­sals nicht auch noch lei­se fle­hen, äch­zen und stöh­nen.

Asger Carlsen: Hester, Foto: courtesy Dittrich & Schlechtriem

Asger Carl­sen: Hes­ter, Foto: cour­te­sy Dittrich & Schlech­triem